Jahr: 2014

ÜBERFALL AM DOBBEN

Weihnachten, Zeit der Barmherzigkeit – von wegen. Am Dienstagnachmittag, es ist schon dunkel, stehe ich vorm Edeka am Dobben und verkaufe. Ein älterer Herr möchte eine Zeitschrift und öffnet sein Portemonnaie. Ich gehe etwas auf Abstand – gehört sich einfach so –, da kommen zwei Jugendliche und greifen nach der Geldbörse! Der ältere Herr hält sie fest, im Gerangel fallen 20 Euro raus. Ich stelle meinen Fuß drauf, dann geben die Angreifer auf und rennen weg. Ich hinterher, aber ich kann sie nicht mehr einholen. Als sich der ältere Herr wieder gesammelt hat, kauft er mir noch die Zeitschrift ab. Die Polizei will er nicht rufen. Diesen ärgerlichen Fall möchte ich zum Anlass nehmen und alle Kunden bitten: Passen Sie auf, wenn Sie auf der Straße ihre Geldbörse herausnehmen! Gerade in der Weihnachtszeit. Und ich werde in Zukunft noch mehr auf das Umfeld achten, wenn ein Kunde bezahlt. So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.

DER VERHINDERTE STRAFZETTEL

Neulich stehe ich vor der Stadtbibliothek und verkaufe. Nicht weit entfernt parkt eine Frau im Halteverbot und geht in die Bibliothek. Und wie es halt so ist, kommen bald zwei Polizisten und schreiben ihr einen Strafzettel. Ich bin sofort in die Bibliothek, um die Fahrerin zu warnen. Hab sie zum Glück schnell gefunden. Sie eilt zu ihrem Wagen und diskutiert mit den Polizisten. Und sie erlassen ihr doch tatsächlich den Strafzettel! Die Frau hat sich bei mir bedankt und mir auch gleich eine Zeitschrift abgekauft. Leider gibt es auch ganz andere Tage. Das nasskalte Wetter macht mir zu schaffen, ich bin noch immer krank, ständig erkältet. Das nervt mich gewaltig. Auch bei der Wohnungssuche geht es nicht so richtig weiter. Ich bin oft kurz davor aufzugeben. Ich setz mich für den Rest meines Lebens auf eine Parkbank, hab ich neulich gedacht. Eine halbe Stunde hab ich das ausgehalten, das ist mir zu langweilig. Ich muss unter Leute und was machen. Und gerade jetzt in der Weihnachtzeit läuft der Verkauf auch gut, es macht richtig Spaß. …

#1 SIELWALL lebt

Kaum zu glauben, aber in einem Büro in Bremerhaven ist tatsächlich noch ein halbes Kistchen #1 SIELWALL aufgetaucht. Habe mich gleich eingedeckt und konnte auch ganz gut verkaufen. Ein paar hab ich noch zurückbehalten, man weiß ja nie, was noch kommt … Und meinen Standort vorm „Edeka“ am Dobben habe ich auch wieder zurückgewonnen. Einige gute Nachrichten also. Jetzt hoffe ich bloß noch, dass ich bald ’ne richtige Wohnung finde, in der ich mir auch wieder was kochen kann – dann brauch ich nicht mehr so viel Geld fürs Essen.

BITTE DRAUSSEN BLEIBEN

#24 FUCHSBERG – Sie kommen rein, damit sie nicht rein kommen: Ein Projekt führt straffällig gewordene Jugendliche mit Gefangenen zusammen, die erzählen, wie es ist im Knast. Eine Lehrstunde der Abschreckung   Alle paar Meter trennen Sicherheitstüren die schmalen, mit blauem PVC-Boden ausgelegten Gänge der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen. Alle paar Meter schiebt sich die Handvoll Jungen zu einem kleinen Menschenhaufen zusammen, bevor der Mechanismus der stählernen Pforten den nächsten Gang freigibt. Und noch einer. Und noch einer. Dann der Hof. An dessen anderen Ende geht es, begleitet von zahllosen, neugierigen Blicken der Gefängnisinsassen, geradewegs in das backsteinerne Schulgebäude der JVA. In der sommerlich heißen Luft liegt nicht nur die penetrant-explosive Mischung diverser Aftershaves und pubertärer Ausdünstungen, sondern vor allem eins: Anspannung. Wer hier landet, steht mit einem Bein im Knast. Buchstäblich. Was beruhigt, ist allein die Gewissheit, die JVA am Ende des Tages wieder unversehrt und als freier Mensch verlassen zu können. Diesmal jedenfalls noch. In einem altmodischen Klassenraum warten Ben* und Riadh* in einem Stuhlkreis bereits auf die Gruppe, jede einzelnen begrüßen sie mit Handschlag. …

RELEASE DER #24 FUCHSBERG

Einladung zur Präsentation der neuen Ausgabe #24 FUCHSBERG am Mo, 10. November 2014 um 18 Uhr in den Räumen der Zeitschrift der Straße VOR ORT im Lloydhof Verkäufer Andreas Kuhlmann alias „Heini Holtenbeen“ präsentiert die druckfrische Ausgabe #24 FUCHSBERG. Jan, Uwe und Heini machen Musik der Straße. Autorin Laura Beck liest ihre  Kurzgeschichte „Wie Karussellfiguren“. Verkäufer Alexander Kowalski liest seinen Text „Mein Freund ist tot“. TREFFEN SIE UNS. UNTERSTÜTZEN SIE UNS. EMPFEHLEN SIE UNS. Wir freuen uns auf Sie! Ihr Team der Zeitschrift der Straße

VERKAUF MIT FLAPPE

Sommer, Sonne, Malle: schön war’s. Aber der Alltag hat mich brutal schnell wieder eingeholt. Also bitte nicht wundern, wenn ich beim Verkaufen gerade ’ne ziemliche Flappe ziehe: Mir gehts einfach nicht gut. Ich bin gesundheitlich angeschlagen, meinen Stammplatz vorm Edeka am Dobben schnappt mir dauernd jemand weg und die Bude, in der ich wohne, macht mich auch fertig. Ich muss so schnell wie möglich raus da – nur wohin? Sachdienliche Hinweise gerne ans Büro der Zeitschrift der Straße.

INKOGNITO AUF MALLE

Die #23 UNISEE gibt’s jetzt auch auf Malle, ein Exemplar jedenfalls. Hab ich dort bei Freunden in der Kneipe liegen lassen. Ansonsten hab ich einfach mal eine Woche Urlaub gemacht (war ein Geschenk zu meinem 50. Geburtstag): Jeden Tag Meeresrauschen! Jetzt macht’s auch wieder voll Spaß, hier bei der Zeitschrift der Straße zu sein. Werde nun wieder richtig in den Verkauf einsteigen. Also wer noch ein Heft braucht: Ich stehe vorm Edeka Am Dobben, vor der Stadtbibliothek, gelegentlich auch vorm Rewe am memarkt und vermutlich bald auch wieder im Schnoor beim Heini-Holtenbeen-Denkmal.

AUFREGENDE ZEITEN

Ich bin wieder draußen! Habe meinen Klinikaufenthalt gut überstanden; mir geht’s nun deutlich besser als zuvor. Und das Beste: Ende der Woche fahre ich für ein paar Tage in Urlaub – ein Geschenk zu meinem 50. Geburtstag. Dreimal habe ich in der Zwischenzeit versucht, die Zeitschrift der Straße zu verkaufen. Das läuft aber leider gerade nicht so gut. Ich vermute, dass viele die neue Ausgabe #23 UNISEE, in der auch ein Artikel von mir drin ist, schon haben. Oder es war einfach Ferienflaute. Bis ich meine Tagestherapie beginnen kann, wird es noch ein paar Wochen dauern. Drei Dinge helfen mir, die gut zu überstehen. Erstens meine Freunde aus der WG, bei denen ich mich sehr gut aufgehoben fühle – ohne sie würde ich das gar nicht schaffen. Zweitens eine gute Freundin, die ich neulich per Zufall wieder getroffen habe und die mich nun immer wieder auf die richtige Spur setzt. Und drittens die Zeitschrift der Straße, die ich ab Oktober wieder regelmäßig verkaufen werde und für die ich bereits an meinem nächsten Artikel schreibe.

In der Klinik

Bin noch immer in der Klinik auf Entzug. Es läuft sehr gut, wenn auch die wirklich harten Tage noch bevorstehen. Ich erzähle natürlich allen hier von der Zeitschrift der Straße und alle sagen, ich soll da auf jeden Fall dranbleiben, weiter verkaufen und Artikel schreiben. An meinem nächsten sitze ich bereits und ab Anfang Oktober werde ich auch wieder Hefte verkaufen – das ist so ziemlich das einzige, was mir gerade fehlt.

SIE NENNEN IHN HODDEL

#22 SODENMATT – Er will mehr Miteinander und weniger Gegeneinander im Quartier. Und selbst immer was zu tun haben. Ein Besuch bei Horst Dressel   „Würde man mir sagen, die nächsten Tage hätte ich nichts zu tun, dann würde ich durchdrehen.“ Er reißt die Hände in die Luft, das soll dem Gesagten noch mehr Ausdruck verleihen. „Ich würde mir das Telefon schnappen und mir eine Beschäftigung suchen. Egal welche. Ich brauche doch den Ausgleich.“ Horst Dressel, 64, hat nicht vor, sich so schnell zur Ruhe zu setzen. Er sprut vor Energie, sein Tonfall ist energisch, sein kurzes weißes Haar der einzige Indikator seines fortgeschrittenen Alters. Horst Dressel macht. Eben noch wild in der Luft herumfuchtelnd, umfassen seine Hände nun den prall gefüllten, schwarzen Aktenordner vor ihm. Zeitungsausschnitte, Danksagungen, Fotos, alles fein säuberlich in Klarsichtfolien verpackt und abgeheftet. Sein Finger tippt auf die Artikel und Fotos: Überall geht es um Huchting, um den Sodenmatt, um Aktionen und Beschwerden, um Sitzungen und Initiativen, um Projekte und das Leben hier, und überall wird er erwähnt. Der Ordner ist …