Monate: November 2016

GEHT DURCH BREMEN MIT OFFENEN AUGEN!

Auf der Straße zu leben ist hart. Aber zu Beginn des Winters wird es für viele Obdachlose noch härter – im schlimmsten Fall lebensgefährlich.   Im Idealfall werden Menschen gar nicht erst obdachlos. Aber es passiert, und zwar Tausenden, in Deutschland. Als Vertriebskoordinator der Zeitschrift der Straße werde ich häufig von Freunden und Bekannten gefragt: Was kann ich tun in der kalten, nassen Jahreszeit? Wie kann ich helfen, wenn ich Obdachlosen auf der Straße begegne? Ganz klar, eine Tasse heißen Kaffee oder etwas Geld können nicht schaden. Wenn es sich um einen Verkäufer der Zeitschrift der Straße hant, kauft ihm ein oder zwei Hefte ab. Ihr könnt die Person auch fragen, ob sie Hilfe benötigt; menschenfreundliche Ansprache ist immer gut. Aber ich möchte davor warnen, zu meinen, das wäre genug. Man sollte immer gucken, ob man mehr tun kann. Wer einen Obdachlosen im Winter auf der Straße schlafen sieht, kann den Rettungsdienst (112) alarmieren. Lieber einmal zu viel angerufen haben, als einen möglicherweise erfrierenden Menschen auf der Straße allein zu lassen. Auch der Verein für …

ABSCHIED NEHMEN AM 20. NOVEMBER

Wenn obdachlose Menschen sterben, werden sie meist anonym bestattet, den genauen Ort kennen nur die Behörden. So war es lange Zeit auch in Bremen, bis der Verein für Innere Mission vor vier Jahren eine Urnengrabstätte auf dem Waller Friedhof eingerichtet hat (Foto). Hier werden Menschen, die weder ein Obdach noch Angehörige hatten, würdevoll bestattet. Ihre Namen sind auf steinernen Büchern verewigt, die zu beiden Seiten des Grabsteins stehen. „Solch ein Begräbnis verleiht dem Tod der Wohnungslosen eine Würde, die sie im Leben oft genug nicht erfahren durften“, sagt Bertold Reetz, Leiter der Wohnungslosenhilfe des Vereins. Finanziert werden konnte die Grabstätte durch private Spenden und mithilfe der Stadt. Am Sonntag, 20. November 2016, wird wieder in einem Gottesdienst an die Verstorbenen erinnert. Zu der jährlich stattfindenden Veranstaltung werden rund 130 Gäste erwartet, darunter Freunde und Bekannte der Verstorbenen. Aber auch interessierte Bürger, die die Verstorbenen würdigen möchten, sind zu der Feier herzlich eingeladen. Gottesdienst zum Gedenken an die verstorbenen wohnungslosen Menschen in Bremen: Sonntag, 20. November 2016, 11 Uhr Kapelle des Friedhofs Walle Waller Friedhofstraße, 28219 …

UNI DER STRASSE: AUF EIN NEUES

Die Uni der Straße (UdS) startet ins Wintersemester. Vorab sprachen wir mit Cory Patterson, dem Koordinator dieses besonderen Bildungsangebots.   Neugierig auf die Uni der Straße? Hier geht’s zu den Veranstaltungen des Wintersemesters und zur Anmeldung. Alle Veranstaltungen sind kostenlos und offen für jede und jeden.   Im Sommer ging die UdS mit einem Probesemester an den Start. Was lief besonders gut? Sehr gut angenommen wurden die Workshops, allen voran „Trommeln für den Widerstand“ mit einer Action-Samba-Gruppe, die auf Demonstrationen spielt. Die haben die Instrumente und Kommandozeichen erklärt, und dann haben die Teilnehmer einen einfachen Rhythmus einstudiert, den sie mit der Sambagruppe am Ende des Workshops auch draußen auf der Straße gespielt haben. Das hat echt Spaß gemacht! Toll angenommen wurde auch die „Einführung ins Darstellende Spiel“ mit einer Lehrerin, mit der wir praktische Übungen gemacht und Dialoge einstudiert haben. Das kam so gut an, dass wir in diesem Semester erneut „Darstellendes Spiel“ anbieten. Wo gab es Probleme? Einige Veranstaltungen waren schwach besucht, weil die Themen für die Hauptzielgruppe offenbar nicht interessant waren. Deshalb haben …

#43 AUF DER BRAKE

EDITORIAL: VOR UNSERER HAUSTÜRE Es ist ja eine Adresse in bester Lage! Aber sie gilt als schmudig. Und sie ist noch dazu einer der zugigsten Orte der ganzen Stadt – die kleine Straße zwischen dem Breitenweg und dem Haus des Reichs, wo heute die grüne Finanzsenatorin regiert. Aber sie ist eben auch unser Zuhause: Unsere Redaktion tagt hier, unser Vertriebsbüro ist hier, die Uni der Straße hat hier ihren Sitz, und gleich nebenan ist auch das Café Papagei (Seite 24), der Tagestreff für alle wohnungslosen und von Armut betroffenen Menschen. Das alles ist Grund genug, uns mal „Auf der Brake“ näher umzusehen. Aber natürlich soll es in diesem Heft nicht nur um uns gehen! Sondern auch um die Straffälligenhilfe, deren Zentralstelle sich gleich nebenan findet. Wir haben dort mit einer Frau gesprochen, deren Mann gerade im Knast sitzt (Seite 20). Danach haben wir uns zusammen mit den Streetworkern von Vaja mal eine Nacht auf der Discomeile um die Ohren geschlagen (Seite 8). Außerdem sind wir durch den Verwaltungspalast geschlendert, in dem heute Bremens Geld verwaltet …

SELBST WENN DIR BLAUE TENTAKEL WACHSEN

#43 AUF DER BRAKE – Im Café Papagei treffen sich Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier sind alle willkommen. Nur bei einem Thema kennt das Team keine Toleranz   „Junger Mann, Sie wollten duschen“, sagt Karin zu dem schlaksigen Mittzwanziger. „Stimmt, Sie haben recht. Wollte ich nicht, aber ich sollte“, antwortet er. Und trägt sich in die Liste für die Duschen ein. „Kann ich einen Rasierer haben? Ist ja Montag“, fragt der junge Mann. „Es ist Dienstag“, entgegnet Cory und überreicht ihm Handtuch und Rasierer. Karin und Cory, Angestellte der Inneren Mission, arbeiten im Café Papagei, einem Treffpunkt für Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier gibt es günstigen Kaffee, belegte Brötchen, Bockwurst und auch ein warmes Mittagsessen. Die Gäste können hier duschen, ihre Wäsche waschen oder sich eine Postadresse einrichten. Etwa ein Drittel der Besucher ist ohne Wohnung, ansonsten mischen sich die Szenen. Das liegt vor allem an der Lage – früher, als die Wohnungslosenhilfe noch im Jakobushaus am Breitenweg war, kamen überwiegend Obdachlose, erzählt Karin, während ihre Augen den Raum absuchen.Ihr Gesicht …