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IMPRESSIONEN VOM HOFFEST

Am 15. Juli feierten wir das Erscheinen unserer Ausgabe #50 mit einem Fest im Innenhof hinter unserem Büro. Entgegen aller meteorologischen Unkenrufe blieb es trocken, und sogar die Sonne meinte es phasenweise gut mit uns. Das Fest war trotz Sommerferien ordentlich besucht. Highlights: die Auszeichnung der erfolgreichsten Straßenverkäufer, tolle Live-Musik von der Bühne und Leckeres vom Grill.

Der Mann am Grill war übrigens kein Geringerer als Randy Ziegler, das Gesicht unserer Ausgabe #49! Dass er an diesem Tag Geburtstag feierte und trotzdem zusammen mit seinen zwei Kollegen ehrenamtlich für dasEssen sorgte, soll nicht unerwähnt bleiben.

Den vielen, die an der Organisation und Durchführung beteiligt waren, sei hier nochmals herzlich gedankt.

 

Beitragsfoto: Cory Patterson
Fotos: Cory Patterson und Michael Vogel

#50 DIE STRASSE

EDITORIAL: DIE FRAGE NACH DER WIRKUNG

In einer besseren Welt als dieser gäbe es Projekte wie die Zeitschrift der Straße ja gar nicht! Und Menschen würden nicht einfach aus der Gesellschaft, nun ja: aussortiert. Wenn jetzt also die 50. Ausgabe unseres Magazins erscheint, dann wollen wir uns nicht einfach schulterklopfend loben und loben lassen. Stattdessen haben wir uns mal zusammengesetzt und überlegt: Was genau bringt das eigentlich, was wir hier all die Jahre tun? Gar nicht so einfach zu sagen (Seite 26).

Aber irgendein kleines Zeichen zu unserem Jubiläum wollten wir dann ja doch setzen. Also haben wir vier von den Menschen, mit denen wir täglich zusammenarbeiten, eine Einwegkamera geschenkt: Stefan Gehring (Seite 8), Jörg Winter (Seite 12), Steffen Krüger (Seite 18) und Martin Schesnik (Seite 22). Wir haben sie gebeten, doch mal ihre Sicht auf die Straße zu fotografieren. Deswegen widmet sich diese Ausgabe auch nicht einfach nur einem einzigen Ort in dieser Stadt, so wie wir das sonst immer tun. Es geht ausnahmsweise mal um die Straße an sich – als Lebensraum. Herausgekommen ist eine Sicht auf Bremen, die weit ab ist von der, die wir haben, erleben, fotografieren und verbreiten. Und so sind diese Fotos auch nicht gefiltert, aufpoliert und schärfer als die Wirklichkeit. Aber auch gerade darum spannend. Dazu erzählen die vier uns ihre Geschichte – und rücken ganz nebenbei manche unser eigenen Maßstäbe mal eben zurecht.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    „Die Armut wird immer größer“ (online lesen)

Stefan Gehring ist seit über zwei Jahren unser Verkäufer. Nebenbei malt er

12    Der Praktiker

Jörg Winter war 30 Jahre drogenabhängig. Heute ist er Stadtführer

18    „Der Zusammenhalt ist echt gut“

Steffen Krüger ging für seinen Hund in den Knast

22    „Kaffee? Milch? Zucker?“

Martin Schesnik wurde vom Ein-Euro-Jobber zum Streetworker

26    Sind wir erfolgreich?

Die Zeitschrift der Straße soll gesellschaftliche Wirkung entfalten. Doch tut sie das?

 

„DIE ARMUT WIRD IMMER GRÖSSER“

#50 DIE STRASSE – Stefan Gehring arbeitet seit über zwei Jahren bei der Zeitschrift der Straße. Und er malt auch: Die Zeichnung unten ist von ihm. Täglich steht er am Nordausgang des Bahnhofs, an der Bürgerweide. Hinter dem Bahnhof arbeiten insgesamt fünf VerkäuferInnen der Zeitschrift der Straße – er und sein Freund Bommel, durch den er zu dieser Arbeit gekommen ist, sind jeden Tag da. Mit seinem Dreitagebart wirkt der 33-Jährige jung, seine Haut ist gebräunt.

 

[Wir haben Stefan Gehring gebeten, mit einer Einwegkamera seine eigene Sicht auf Bremen einzufangen. Das folgende Protokoll entstand während eines Gesprächs mit ihm über seine Fotos, von denen einige in der Ausgabe #50 abgebildet sind.]

„Ich hab viele Baustellen fotografiert. Mit den Bildern sollen wir ja unseren Blick auf die Straße zeigen – oder unsere Perspektive. Mir kommt es so vor, als wären überall nur Baustellen. Ich bin ja Bremer und egal, an welche Zeit ich mich zurück erinnere: Überall wird gebaut. Dazu kann man ein kleines Experiment machen. Man kann mehrere Leute fragen: „Nenn’ mir mal drei Straßennamen in Bremen?“ Und ich wette, in einer von diesen drei Straßen wird gerade gebaut! Also ich hab zumindest das Gefühl. Ich hab schon ein paar Leute gefragt und da waren immer Straßen dabei, in denen derzeit gebaut wird.

Und ich hab das Walle-Center fotografiert, weil das ist immer gleich der erste Konsumtempel, dem ich morgens so begegne. Wenn ich morgens so losgehe, dann komm ich dort immer vorbei und bringe meinen Pfand dahin. Da steht auch schon einer von den anderen Verkäufern, er hat sich aber leider weggedreht, als ich das Bild gemacht habe. Das finde ich eigentlich schade. Auf dem Weg zum Bahnhof, wo ich täglich die Zeitschrift der Straße verkaufe, sind mir einige Bilder begegnet, Graffitis. Da ich ja selber male, fällt mir das besonders auf, dass unsere Stadt immer bunter wird. Deshalb hab ich diese Bilder fotografiert. Diese Graffitis sind in Findorff, bei der Plantage.

Zeichnung von Stefan Gehring

Und ich habe Bilder von der Armut in Bremen gemacht. Das ist ein Bett, vor dem CinemaxX am Bahnhof hier. So mitten im öffentlichen Raum! Ich frage mich, ob das niemanden stört – oder ob es niemand sehen will. Ich weiß es nicht.

Mir ist aufgefallen, dass in Bremen die Armut immer größer wird. Deshalb hab ich Bilder von der Facebook-Gruppe „Facebook hilft der Straße“ gemacht, die treffen sich immer dienstags und verteilen Essen. Und Bilder von den Suppenengeln: Die Schlangen, an denen sich Menschen Lebensmittel abholen können, werden immer länger. Dann hab ich aber auch andere Bilder von Anlaufstellen gemacht, an denen man sich Hilfe holen kann. Zum Beispiel die Bahnhofsmission. Da gehe ich auch manchmal hin, zum Kaffeetrinken zum Beispiel. Auch um Informationen zu bekommen kann man da gut hin. Die haben aber leider zurzeit geschlossen, weil sie einen Trauerfall hatten, da ist auch jemand gestorben. Und natürlich habe ich den Bahnhof von innen fotografiert. Weil ich da ich weiß nicht wie oft am Tag durchrenne.

Hier am Bahnhof ist mein Stammplatz, den hab ich natürlich auch fotografiert. Und den Sicherheitsmann, Michi, mit dem verstehe ich mich ganz gut. Mit einigen von den Verkäuferinnen aus der Bäckerei auch. Schade, dass die hier dicht machen.“

Protokoll: Frauke Kuffel
Portraitfoto: Norbert Schmacke

KOMM IN UNSER VERTRIEBSTEAM!

Du kennst und liebst die Zeitschrift der Straße? Du weißt, dass Bremens Straßenmagazin von Studierenden als Lernprojekt erstellt wird? Du hast vielleicht sogar deine Stammverkäuferin bzw. deinen Stammverkäufer in der Stadt? Dann fragst du dich vielleicht, wie die StraßenverkäuferInnen eigentlich an die Hefte kommen, die sie verkaufen, und wer die VerkäuferInnen betreut.

Die Antwort auf fast alles ist (und hat) unser Vertriebsteam! Es besteht aus rund 20 Ehrenamtlichen im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. In zwei Schichten pro Tag betreiben sie das Vertriebsbüro in der Innenstadt. Was bedeutet das?

Im Mittelpunkt steht immer der Kontakt mit den StraßenverkäuferInnen, die das Büro aufsuchen, um Hefte für 1,20 Euro zu kaufen, die sie anschließend auf der Straße für 2,50 Euro anbieten. Das Vertriebsteam prüft Verkäuferausweise, gibt Hefte aus, kassiert das Geld, trägt den Umsatz in eine Datenbank ein und macht am Ende der Schicht eine Abrechnung. Neuen VerkäuferInnen werden die Verkaufsregeln erklärt und Ausweise ausgestellt.

Ebenso wichtig wie der Heftverkauf sind die Gespräche mit den VerkäuferInnen, die mit ihren Sorgen und Nöten ins Vertriebsbüro kommen. Ein Becher Kaffee und etwas Aufmerksamkeit wirken da oft schon Wunder. Manche VerkäuferInnen haben aber auch konkrete Anliegen, brauchen einen Arzt, Kleidung, einen Schlafsack oder Schuldnerberatung. Oder sie wollen sich zur Uni der Straße anmelden.

Darauf ist unser Vertriebsbüro vorbereitet. Im Keller hat es Schlafsäcke. Auf dem gleichen Flur bietet die ärztliche Notversorgung kostenlose Sprechstunden an. Nebenan, im Café Papagei, können wohnungslose Menschen duschen, sich einkleiden und essen. Über den Verein für Innere Mission stehen außerdem Sozialarbeiter, Streetworker, Suchtberater und Notschlafplätze sogar im gleichen Gebäude zur Verfügung. Die Uni der Straße ist nur eine Tür weiter.

Engagiert für die Zeitschrift der Straße

Engagiert für die Zeitschrift der Straße

Unsere Ehrenamtlichen im Vertriebsteam werden intensiv eingearbeitet, erhalten Schulungen (z.B. in Suchterkennung und Deeskalation) und sind nie allein im Büro. Es gibt gemeinsame Grillnachmittage, Weihnachtsfeiern und immer wieder verblüffende zwischenmenschliche Begegnungen.

Wenn du Interesse hast, dich für ein paar Stunden pro Woche im Vertriebsteam der Zeitschrift der Straße zu engagieren, schau doch während der Öffnungszeiten im Büro vorbei oder melde dich bei Rüdiger Mantei unter Tel: 0421/ 17504692 oder mantei@inneremission-bremen.de. Wir freuen uns auf dich!

EIN FEST ZUR 50. AUSGABE

Natürlich habt Ihr diese Einladung schon auf der Rückseite unserer aktuellen Ausgabe #49 REMBERTIRING gesehen und Euch den Termin im Kalender dick angestrichen. Aber falls Ihr noch kein Exemplar ergattert habt oder beim Lesen der Ausgabe erst auf S. 31 angekommen seid, möchten wir Euch auch auf diesem Wege einladen.

Am 15. Juli 2017 erscheint die 50. Ausgabe der Zeitschrift der Straße  (Thema: DIE STRASSE). Dieses Jubiläum feiern wir! Im Vertrauen darauf, dass das Wetter mitspielt, bereiten wir ein Fest im Innenhof hinter unserem Vertriebsbüro vor.

Falls Ihr den Hof nicht kennt, er war ein Thema in der grünen Ausgabe #43 AUF DER BRAKE vom November 2016. Schaut einfach in Eurer Heftsammlung nach. Oder in unserem digitalen Archiv.

Am Hoffest gibt es zu essen und zu trinken, Musik und vor allem Begegnungen mit den Aktiven des Bremer Straßenmagazins. Haltet Euch den Termin frei und feiert mit uns. Wir freuen uns auf Euch.

#49 REMBERTIRING

EDITORIAL: GANZ HARTES PFLASTER

Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie denken: Früher war vieles besser? Wem solche Gedanken, wie uns, nicht fremd, aber etwas peinlich sind, dem sei ein Spaziergang am Rembertiring empfohlen. Sofort wird man wieder klar im Kopf. Hätten sich die Stadt- und Verkehrsplaner von früher durchgesetzt, sähe es heute in halb Bremen aus wie hier: Schneisen automobiler Verwüstung, vom Viertel über die Werderinsel bis in die Neustadt. Ein unwirtlicher Ort, dieser Rembertiring, da helfen auch der Rasen und die paar Bäume nichts, die man in den Kreisel gepflanzt hat.

Einige Menschen aber, die vor dem Nichts stehen, finden gerade hier Unterschlupf: In der Notunterkunft der Inneren Mission beispielsweise, wo wohnungslose Männer ein Zimmer beziehen und so in Ruhe und Würde leben zu können. Für gewisse Zeit nur, aber immerhin (Seite 8). Oder im Haus Fedelhören, wo 20 aus der Haft entlassene Männer in Wohngemeinschaften leben und einen neuen Start ins Leben versuchen (Seite 24). Wer mit diesen Menschen spricht, erfährt viel über die dunklen Seiten des Lebens.

Wobei es am Rembertiring, wenn man ganz genau guckt, auch Schönes zu entdecken gibt: Unsere Fotostrecke eröffnet neue Perspektiven (Seite 16), und wem das noch nicht reicht, kann ja mal eben durch die schmucken Torbögen in den Garten des Rembertistifts spazieren. Die plötzliche Ruhe ist faszinierend! Hier, in Bremens ältester sozialer Siedlung, wohnt eine bunte Mischung älterer und jung gebliebener Frauen und Männer, in wunderschönen Wohnungen zu erstaunlich günstigen Mieten. Da möchte man später glatt mal einziehen (Seite 12).

Ach ja: Dass die Mozarttrasse bis auf den kleinen Teil Rembertiring damals doch nicht gebaut wurde, lag am Protest der Wutbürger. Zumindest diese waren früher besser als heute (Seite 7).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Die Mauern des Herrn Meyer

In der Notunterkunft können Bedürftige zeitweise wohnen. Günter Meyer wohnt nun bald ein Jahr hier

12    Lange Geschichte, kleines Glück

Im Rembertistift kann auch wohnen, wer nur wenig Rente bekommt

16    Die Schönheit des Rembertirings

Fotostrecke

22    Staub im Schlumpf

In der Michaelkirche pflegt man einen naiven Umgang mit Steiners rassistischem Erbe

24    Raus aus der Spirale

20 Exhäftlinge unter einem Dach. Der Versuch eines Neuanfangs

28    „Eine coole Challenge“ (online lesen)

Das Café Papagei hat einen neuen Chefkoch

 

Hintergrundfoto: koeb/flickr.com

„EINE COOLE CHALLENGE“

#49 REMBERTIRING – Das Café Papagei hat einen Chefkoch: Randy Ziegler. Dabei wäre er beinahe zu spät gekommen. Er ist angetreten, Gerichte für 2,50 Euro zu kochen – frisch, regional und lecker

 

Er wollte nur seine Post abholen, hier im Café Papagei, und Bewerbungsunterlagen hatte er auch keine dabei. Dafür war auch keine Zeit mehr. Randy Ziegler kam noch gerade rechtzeitig, um sich aus dem Stegreif auf die Stelle zu bewerben – ein Koch wurde gesucht, für das Café Papagei auf der Brake. Am 1. Mai sollte das neue Projekt starten, gefördert von ProJob, einer Tochtergesellschaft der Inneren Mission.

Auf die Frage, ob er hier der neue Küchenchef sei, streicht sich Randy Ziegler über den Bart, grinst breit und antwortet er in einem dezent pfälzischen Dialekt: „Ja, ich sehe zwar nicht so aus, aber der bin ich.“ Er ist in Pirmasens geboren und mit 32 Jahren „im besten Alter“ für den Job, wie er findet. Als gelernter Koch und Hotelfachmann tingelte er zuvor durch die ganze Welt, arbeitete unter anderem in Vietnam, Kroatien, in der Abgeschiedenheit einer Almhütte und auf Norderney. In Bremen will er vorerst bleiben.

Im Café Papagei sei vor allem Hausmannskost gefragt, sagt Ziegler. Dabei will er auf Nachhaltigkeit und regionale Produkte setzen. Neben dem jetzigen Lieferanten will er deshalb ein, zwei weitere engagieren. Ziegler, der auch mal Nachforschungen über seine Zutaten anstellt, war schon Küchenchef im Viertel und kennt daher den richtigen Gemüsehändler am Hulsberg, und einen Hof, von dem er frische Eier beziehen will, hat er ebenfalls an der Hand. Stimmt die Kalkulation, dann wird das Fleisch beim Schlachter eingekauft. Mit 2,50 Euro pro Gericht ließe sich schon viel machen, sagt Ziegler – „frisch, regional, saisonal und lecker“ soll es sein. Gewinn will er keinen machen, nur eben kostendeckend arbeiten. Zertifizierte Bioware ist da nicht drin, wohl aber solche in „vergleichbarer Qualität“, sagt Ziegler. Zur Not lasse sich da auch immer noch verhandeln, Spielraum gebe es immer. Und wenn Zeit ist, will er auch selbst beim Erzeuger vorbeischauen.

Als er Ende März – da hat er noch keine eigene Wohnung und also keine Anschrift – seine Briefe von der Poststelle holen will, überlegt er sich kurzerhand, eben noch im Büro von „ProJob“ vorbeizuschauen. Der Frau dort „ist beinahe die Kinnlade runtergefallen“. Zwei Stunden zuvor bekam sie die Nachricht, dass der zunächst ausgesuchte Küchenchef seine Stelle nicht antreten wolle. Randy Ziegler kann auch ohne Zeugnisse und Papiere von sich überzeugen und wird sofort eingestellt. Zwei Tage später beginnt das Projekt.

Im Café Papagei werden dem neuen Küchenchef acht weitere Köche und Beiköche zur Seite stehen. Sie alle waren zuvor langzeitarbeitslos und wurden über ein Programm zur sozialen Teilhabe gefördert, in Kooperation mit dem Jobcenter. „Das ist eine coole Challenge“, sagt Ziegler, das sei eben nicht wie mit normalen Auszubildenden oder Köchen. Hier müsse das Team verstärkt angeleitet, Hilfsköche erst einmal ausgebildet werden. Das als Integrationsmaßnahme geplante Projekt soll am Ende eine Perspektive für bisher erwerbslose Menschen schaffen. Damit das läuft, will der Küchenchef reichlich motivieren, die Angestellten sollen nicht an zu langer Leine, aber auch nicht an zu kurzer Leine gelassen werden.

Sein Speiseplan sei für jeden zu bewältigen, sagt der Küchenchef. „Spätestens im Juni wird das alles rundlaufen“. Bisher kommen etwa 20 Gäste zum Mittagessen ins Café Papagei, 50 sollen es werden. Wenn erst einmal draußen die Fassade renoviert ist und die neuen Gerichte an den Mann gehen, soll jeder hier einkehren wollen. Das ist Zieglers Ziel. Und er will jenen Menschen eine frische und gesunde Mahlzeit bieten, für die sie oftmals die einzige am Tag bleibt. Er will das Café Papagei für jeden öffnen und Menschen zusammenbringen, die sonst vielleicht nicht zusammenkommen würden. Jeder soll sich durch Matjes nach Hausfrauenart mit Salzkartoffeln, durch Schweinebraten mit Schwenkkartoffeln und gemischtem Gemüse, durch Bremer Knipp oder Putenschnitzel in Champignonrahmsauce mit hausgemachten Spätzle im Café Papagei verwöhnen lassen wollen. Und dies: nach wie vor für 2,50 Euro.

Text: Mareike Harms
Foto: Benjamin Eichler

Jonas und Cäsar auf der Perspektivwechsel-Tour

ERSTE PERSPEKTIVWECHSEL-TOUREN ABSOLVIERT

Premiere: Unsere ersten Perspektivwechsel-Stadtführungen haben am 11. Mai und am 15. Mai stattgefunden. Drei Schulklassen (8. Klasse) aus Oberneuland und Osterholz-Tenever nahmen mit insgesamt 75 Personen daran teil.

Die Touren durch das Bremer Bahnhofsviertel dauerten jeweils rund zwei Stunden und wurden gemeinsam geleitet von Jörg, der früher auf der Straße lebte und sich jetzt in der Sozialarbeit engagiert, und Cäsar, dem langjährigen Vertriebskoordinator der Zeitschrift der Straße und Initiator der Perspektivwechsel-Touren. Das Foto oben zeigt Cäsar (rechts) und den Streetworker Jonas Pot d’Or während einer der Touren.

Streetworker-Bus, beklebt mit Fotos jüngst verstorbener Wohnungsloser

Streetworker-Bus, beklebt mit Fotos jüngst verstorbener Wohnungsloser

Auf den Rundgängen passierten die Gruppen das Elefantendenkmal, die Bahnhofsmission, die Fachstelle Wohnen, die Comeback-Drogenberatungsstelle, den Verein Hoppenbank zur Strafentlassenenbetreuung, die Notunterkunft des Vereins für Innere Mission am Rembertiring, die Ausgabestelle Substitution für Drogenabhängige, das Café Papagei, die Büros der Zeitschrift der Straße und der Uni der Straße sowie die Medizinische Notversorgung.

Jörg und Cäsar erklärten den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung dieser Orte und die Aufgaben der Einrichtungen und sprachen mit ihnen über die Problemlagen der Menschen, die sie aufsuchen.

Ambulante Drogenhilfe: hier findet die Substitutionsbehandlung von Drogenabhängigen statt

Ambulante Drogenhilfe: hier findet die Substitutionsbehandlung von Drogenabhängigen statt

Haben die Stadtführungen Perspektivwechsel ausgelöst? Das wird sich erst mit der Zeit und im Alltag erweisen. Die abschließende Feedback-Runde jedenfalls zeigte, dass die Schülerinnen und Schüler mit der Verarbeitung der Eindrücke beschäftigt waren.

Das macht mich nachdenklich. Danke dir. Mir war jahrelang egal wie es anderen geht. Ich hatte ja meine trockene Wohnung und mein warmes Bett. Ich bin froh, dass ich nun anders denke und anders handeln kann.“ (Maike)

Ich bin sonst immer an solchen Menschen vorbeigegangen. Nun wohl nicht mehr. Man kann nicht jedem helfen. Das ist traurig.“ (Verena)

Für mehr Informationen über unsere Perspektivwechsel-Stadtführungen klicken Sie bitte hier.

MITTENDRIN UND DOCH AM RAND

Perspektivwechsel: Eine Tour durch das soziale Paralleluniversum des Bahnhofsviertels

Rund um den Bremer Hauptbahnhof pulsiert das Leben. Alles ist in Bewegung. Züge und Straßenbahnen geben den Takt vor. Menschen eilen geschäftig umher, haben etwas vor, gehen zur Arbeit, zum Shoppen, zum Freimarkt, zum Essen, zur Schule zur Uni oder nach Hause.

Doch wer genauer hinschaut, sieht auch Menschen, die sich ganz anders verhalten, die offenbar nichts vorhaben und einfach nur da sind. Sie sammeln leere Flaschen oder Zigarettenkippen, verkaufen die Zeitschrift der Straße,  betteln um Kleingeld, sitzen oder liegen herum und sind erkennbar arm.

Was hat es mit ihnen auf sich? Sind sie obdachlos? Wie konnte das passieren?  Sind sie selber schuld daran? Wollen sie überhaupt eine Wohnung? Wie und wovon leben sie? Hilft ihnen jemand?

"Wohnung" unter freiem Himmel (Foto: Cory Patterson)

„Wohnung“ unter freiem Himmel (Foto: Cory Patterson)

Unsere Tour durch das Bremer Bahnhofsviertel bietet den idealen  Rahmen für solche und viele weitere Fragen. Unsere Tourbegleiter kennen die Anlaufstellen, Schlafplätze und Gefahren in der Innenstadt aus eigener Erfahrung.

Der zweistündige Rundgang führt vorbei an Orten, die kein Reiseführer erwähnt: Notübernachtung statt Hotel, Tagesaufenthaltsstätte statt Kaffeehaus, Drogenberatungsstelle statt Passagenbummel.

Die Tourbegleiter zeigen uns Straßen und Plätze aus ihrer Perspektive. Scheinbar Selbstverständliches bekommt für Menschen ohne Wohnung oft eine ganz andere Bedeutung.
Diese Stadtführung möchte über Obdachlosigkeit und soziale Hilfsangebote informieren, die Sinne für eine andere Wahrnehmung der Stadt und ihrer Menschen schärfen und zu einem Perspektivwechsel ermutigen.

Teilnahme

Unsere Stadtführung ist für Erwachsene und Jugendliche geeignet. Sie richtet sich in erster Linie an Schulklassen und Hochschulgruppen.

Für die Teilnahme ist eine Anmeldung erforderlich.

Beginn: um 10 Uhr oder nach Absprache
Treffpunkt: nach Absprache
Preis: 8 Euro pro Person; ermäßigt 3 Euro (Schülerinnen, Schüler, Studierende)
Anmeldung: Büro der Zeitschrift der Straße
Petra Kettler
Tel. 0421 175 405 80, zeitschrift@imhb.de
Auf der Brake 10–12, 28195 Bremen

 

EIN FAST VERGESSENES LAGER

#48 WARTURMER PLATZ – Die Siedlung am Wartumer Platz war einst ein „Familien-KZ“. Heute erinnert dort nichts mehr an die dunkle Vergangenheit

 

Wie ein dörfliches Idyll mutet sie heute an, die Siedlung am Warturmer Platz. Lauter kleine Reihenhäuser mit schmucken Vorgärten, dazwischen eine Wiese, und alles ist umringt von Bäumen und Sträuchern. Auf einem kleinen Platz spielen die Kinder einer Kindertagesstätte. Gebaut wurde diese Siedlung in der Zeit des Nationalsozialismus. Als „Wohnungsfürsorgeanstalt“.

Initiiert vom damaligen Wohlfahrtssenator Hans Haltermann entstand 1936 eine Unterbringung für die von den Nazis als „asozial“ und „minderwertig“ klassifizierten Familien Bremens. Sie wurde zwangsweise einquartiert und sollten im Sinne des Regimes umerzogen werden. Bis 1940 wurden etwa 160 Erwachsene und rund 400 Kinder eingewiesen. Heute deutet hier kaum mehr etwas auf die Schicksale hin, die Menschen an diesem Ort erlitten haben. Wieder leben Familien in den Häusern. Ob sie die Geschichte der Siedlung noch kennen?

Die Anfänge dieses „Familien-KZ“, wie es die Bewohner nannten, reichen bis ins Jahr 1935 zurück. Damals veröffentlichte der Heidelberger Bürgermeister Otto Wetzel zwei Aufsätze in einem Blatt der NSDAP für Kommunalpolitik. Seine Frage: „Wohin mit den Asozialen?“ Seine Antwort: Sie sollen in ein eigene „Kolonie“. Detailliert schildert Wetzel seine rassistische Einstellung: „Asoziale“ Familien stellten für ihn „menschlichen Ausschuss“ dar und waren aus seiner Sicht eine Gefahr für die Gesellschaft. Also wollte er mithilfe einer restriktiven Einrichtung gegen sie vorgehen. Um der Stadtverwaltung zudem Kosten zu ersparen, sollten die Familien gemeinsam untergebracht werden. Der Bremer „Senator für das Bauwesen“, Hans Haltermann, ein überzeugter Nationalsozialist, orientierte sich an den Plänen Wetzels und begann mit den Planungen einer solchen Institution im Osten Woltmershausens, umgeben von Industrie und einem Schuttplatz.

„Asozial ist ein Begriff, der so verwendet und ausgelegt wurde, wie man es brauchte, um Menschen zu stigmatisieren – bis hin zur tödlichen Vernichtung“, sagt Elke Steinhöfel, die eine Dissertation und ein Buch über die Wohnungsfürsorgeanstalt und damit verbundene „Asozialenpolitik“ der Nationalsozialisten geschrieben hat. Zudem verhinderten die Nazis durch Sterilisation, dass als „asozial“ eingestufte Menschen Nachwuchs bekamen. Wie viele BremerInnen bei den Sterilisierungen ums Leben kamen, ist nicht dokumentiert.

Am damaligen Heimweg entstanden zunächst 30 größere Gebäude, die zusammen mit den 54 kleineren Häusern ein „L“ bildeten. Dieser Aufbau sollte eine permanente Überwachung der Bewohner gewährleisten: Die Häuser waren so angeordnet, dass die Bewacher aus einem Glasvorbau alle Hauseingänge und sämtliche Bewegungen auf dem Gelände kontrollieren konnten. Um die Siedlung herum verlief ein hoher Zaun, zwei Mauern umschlossen sie, Lampen leuchteten das Gelände aus, ein eisernes Haupttor wurde nach 22 Uhr geschlossen.

Zugleich war die „Wohnungsfürsorgeanstalt“ keine Barackensiedlung, der Bremer Senat investierte immerhin rund 600.000 Reichsmark, um „sozialschädliche Elemente“ unter ständiger Aufsicht hier einzuweisen. Innerhalb eines Jahres sollte eine Familie die Einrichtung aber durchlaufen und „Besserungsstufen“ absolviert haben. Dazu unterteilten die Verantwortlichen die internierten Menschen in „Erziehbare“ und „Nicht Erziehbare“. Erstere sollten sich aus eigener Kraft hocharbeiten und einen Willen zum sozialen Aufstieg beweisen. Wenn sie sich zudem positiv auf den Nationalsozialismus bezogen, winkte als Privileg der schnellstmögliche Auszug und eine eigene Wohnung. Die „Nicht Erziehbaren“ hingegen, die als „grundsätzlich arbeitsscheu“, „gesellschaftsfeindlich“ oder „moralisch minderwertig“ eingeordnet wurden, sah das Regime für die „Volksgemeinschaft“ als „verloren“ an. Diese Familien wurden aufgelöst: Die Kinder wurden in Fürsorgeeinrichtungen eingewiesen, die Eltern asyliert. Laut Haltermanns perfider Argumentation hätten die Protagonisten so selbst die Chance, über ihren weiteren Lebensweg zu bestimmen.

Der Aufenthalt in Hashude war von permanenter Überwachung und Unterdrückung bestimmt. Die Männer, die weiterhin arbeiten gehen sollten, galten als Hauptverantwortliche für die „Asozialität“. Sie mussten täglich eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn im Hof antreten, um von dort in Marschformation zu ihren Arbeitsplätzen geführt zu werden. Kamen sie abends zu spät nach Hause, wurden sie verprügelt oder in einem Keller eingesperrt. Der Lagerleiter konnte eigenmächtig Strafen verhängen und die Bewohner schikanieren. Jeder nachbarschaftliche Kontakt zwischen den Familien war untersagt, die Grünflächen vor den Häusern durften nicht betreten werden, Frauen durften nicht zu einer Unterhaltung stehen bleiben, die Kinder wurden morgens in Kolonnen zur Grundschule gebracht. Nicht einmal Haustiere waren den Familien erlaubt. Um sie unter Kontrolle zu halten, war der Lagerleiter auch befugt, die Post zu öffnen, Insassen in Jobs seines Ermessens einzusetzen und über die Lohnhöhe zu entscheiden. Im Falle von „Arbeitsverweigerung“ oder „Arbeitsvernachlässigung“ gab es die Möglichkeit, die Insassen in das Zwangsarbeitslager im Teufelsmoor zu deportieren. Wer illegal „Feindradio“ hörte oder Alkohol konsumierte, dessen Familie drohte körperliche Gewalt.

Sobald alle „asozialen“ Bremer Familien die Hashude durchlaufen haben würden, wollte der Bremer Senat in den Häusern, „normale“ Volksdeutsche unterbringen, um der zunehmenden Wohnungsnot Herr zu werden. Allerdings wurde die Wohnungsfürsorgeanstalt 1940 auf Anordnung des Reichsfinanzministeriums wieder geschlossen, weil der gewünschte „erbbiologischen Erfolg“ ausgeblieben war, so die Begründung. Nach dem Krieg zog etwa die Hälfte der Familien fort. Die Täter mussten sich zwar den Entnazifizierungsverfahren stellen. 1953 wurden aber alle als „Mitläufer“ eingestuft – oder ganz begnadigt.

[Lesen Sie die Fortsetzung des Artikels in der gedruckten Ausgabe.]

 

Text: Frauke Kuffel & Manuel Kretschmar
Foto: Staatsarchiv Bremen