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EIN FEST ZUR 50. AUSGABE

Natürlich habt Ihr diese Einladung schon auf der Rückseite unserer aktuellen Ausgabe #49 REMBERTIRING gesehen und Euch den Termin im Kalender dick angestrichen. Aber falls Ihr noch kein Exemplar ergattert habt oder beim Lesen der Ausgabe erst auf S. 31 angekommen seid, möchten wir Euch auch auf diesem Wege einladen.

Am 15. Juli 2017 erscheint die 50. Ausgabe der Zeitschrift der Straße  (Thema: DIE STRASSE). Dieses Jubiläum feiern wir! Im Vertrauen darauf, dass das Wetter mitspielt, bereiten wir ein Fest im Innenhof hinter unserem Vertriebsbüro vor.

Falls Ihr den Hof nicht kennt, er war ein Thema in der grünen Ausgabe #43 AUF DER BRAKE vom November 2016. Schaut einfach in Eurer Heftsammlung nach. Oder in unserem digitalen Archiv.

Am Hoffest gibt es zu essen und zu trinken, Musik und vor allem Begegnungen mit den Aktiven des Bremer Straßenmagazins. Haltet Euch den Termin frei und feiert mit uns. Wir freuen uns auf Euch.

#49 REMBERTIRING

EDITORIAL: GANZ HARTES PFLASTER

Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie denken: Früher war vieles besser? Wem solche Gedanken, wie uns, nicht fremd, aber etwas peinlich sind, dem sei ein Spaziergang am Rembertiring empfohlen. Sofort wird man wieder klar im Kopf. Hätten sich die Stadt- und Verkehrsplaner von früher durchgesetzt, sähe es heute in halb Bremen aus wie hier: Schneisen automobiler Verwüstung, vom Viertel über die Werderinsel bis in die Neustadt. Ein unwirtlicher Ort, dieser Rembertiring, da helfen auch der Rasen und die paar Bäume nichts, die man in den Kreisel gepflanzt hat.

Einige Menschen aber, die vor dem Nichts stehen, finden gerade hier Unterschlupf: In der Notunterkunft der Inneren Mission beispielsweise, wo wohnungslose Männer ein Zimmer beziehen und so in Ruhe und Würde leben zu können. Für gewisse Zeit nur, aber immerhin (Seite 8). Oder im Haus Fedelhören, wo 20 aus der Haft entlassene Männer in Wohngemeinschaften leben und einen neuen Start ins Leben versuchen (Seite 24). Wer mit diesen Menschen spricht, erfährt viel über die dunklen Seiten des Lebens.

Wobei es am Rembertiring, wenn man ganz genau guckt, auch Schönes zu entdecken gibt: Unsere Fotostrecke eröffnet neue Perspektiven (Seite 16), und wem das noch nicht reicht, kann ja mal eben durch die schmucken Torbögen in den Garten des Rembertistifts spazieren. Die plötzliche Ruhe ist faszinierend! Hier, in Bremens ältester sozialer Siedlung, wohnt eine bunte Mischung älterer und jung gebliebener Frauen und Männer, in wunderschönen Wohnungen zu erstaunlich günstigen Mieten. Da möchte man später glatt mal einziehen (Seite 12).

Ach ja: Dass die Mozarttrasse bis auf den kleinen Teil Rembertiring damals doch nicht gebaut wurde, lag am Protest der Wutbürger. Zumindest diese waren früher besser als heute (Seite 7).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Die Mauern des Herrn Meyer

In der Notunterkunft können Bedürftige zeitweise wohnen. Günter Meyer wohnt nun bald ein Jahr hier

12    Lange Geschichte, kleines Glück

Im Rembertistift kann auch wohnen, wer nur wenig Rente bekommt

16    Die Schönheit des Rembertirings

Fotostrecke

22    Staub im Schlumpf

In der Michaelkirche pflegt man einen naiven Umgang mit Steiners rassistischem Erbe

24    Raus aus der Spirale

20 Exhäftlinge unter einem Dach. Der Versuch eines Neuanfangs

28    „Eine coole Challenge“ (online lesen)

Das Café Papagei hat einen neuen Chefkoch

 

Hintergrundfoto: koeb/flickr.com

„EINE COOLE CHALLENGE“

#49 REMBERTIRING – Das Café Papagei hat einen Chefkoch: Randy Ziegler. Dabei wäre er beinahe zu spät gekommen. Er ist angetreten, Gerichte für 2,50 Euro zu kochen – frisch, regional und lecker

 

Er wollte nur seine Post abholen, hier im Café Papagei, und Bewerbungsunterlagen hatte er auch keine dabei. Dafür war auch keine Zeit mehr. Randy Ziegler kam noch gerade rechtzeitig, um sich aus dem Stegreif auf die Stelle zu bewerben – ein Koch wurde gesucht, für das Café Papagei auf der Brake. Am 1. Mai sollte das neue Projekt starten, gefördert von ProJob, einer Tochtergesellschaft der Inneren Mission.

Auf die Frage, ob er hier der neue Küchenchef sei, streicht sich Randy Ziegler über den Bart, grinst breit und antwortet er in einem dezent pfälzischen Dialekt: „Ja, ich sehe zwar nicht so aus, aber der bin ich.“ Er ist in Pirmasens geboren und mit 32 Jahren „im besten Alter“ für den Job, wie er findet. Als gelernter Koch und Hotelfachmann tingelte er zuvor durch die ganze Welt, arbeitete unter anderem in Vietnam, Kroatien, in der Abgeschiedenheit einer Almhütte und auf Norderney. In Bremen will er vorerst bleiben.

Im Café Papagei sei vor allem Hausmannskost gefragt, sagt Ziegler. Dabei will er auf Nachhaltigkeit und regionale Produkte setzen. Neben dem jetzigen Lieferanten will er deshalb ein, zwei weitere engagieren. Ziegler, der auch mal Nachforschungen über seine Zutaten anstellt, war schon Küchenchef im Viertel und kennt daher den richtigen Gemüsehändler am Hulsberg, und einen Hof, von dem er frische Eier beziehen will, hat er ebenfalls an der Hand. Stimmt die Kalkulation, dann wird das Fleisch beim Schlachter eingekauft. Mit 2,50 Euro pro Gericht ließe sich schon viel machen, sagt Ziegler – „frisch, regional, saisonal und lecker“ soll es sein. Gewinn will er keinen machen, nur eben kostendeckend arbeiten. Zertifizierte Bioware ist da nicht drin, wohl aber solche in „vergleichbarer Qualität“, sagt Ziegler. Zur Not lasse sich da auch immer noch verhandeln, Spielraum gebe es immer. Und wenn Zeit ist, will er auch selbst beim Erzeuger vorbeischauen.

Als er Ende März – da hat er noch keine eigene Wohnung und also keine Anschrift – seine Briefe von der Poststelle holen will, überlegt er sich kurzerhand, eben noch im Büro von „ProJob“ vorbeizuschauen. Der Frau dort „ist beinahe die Kinnlade runtergefallen“. Zwei Stunden zuvor bekam sie die Nachricht, dass der zunächst ausgesuchte Küchenchef seine Stelle nicht antreten wolle. Randy Ziegler kann auch ohne Zeugnisse und Papiere von sich überzeugen und wird sofort eingestellt. Zwei Tage später beginnt das Projekt.

Im Café Papagei werden dem neuen Küchenchef acht weitere Köche und Beiköche zur Seite stehen. Sie alle waren zuvor langzeitarbeitslos und wurden über ein Programm zur sozialen Teilhabe gefördert, in Kooperation mit dem Jobcenter. „Das ist eine coole Challenge“, sagt Ziegler, das sei eben nicht wie mit normalen Auszubildenden oder Köchen. Hier müsse das Team verstärkt angeleitet, Hilfsköche erst einmal ausgebildet werden. Das als Integrationsmaßnahme geplante Projekt soll am Ende eine Perspektive für bisher erwerbslose Menschen schaffen. Damit das läuft, will der Küchenchef reichlich motivieren, die Angestellten sollen nicht an zu langer Leine, aber auch nicht an zu kurzer Leine gelassen werden.

Sein Speiseplan sei für jeden zu bewältigen, sagt der Küchenchef. „Spätestens im Juni wird das alles rundlaufen“. Bisher kommen etwa 20 Gäste zum Mittagessen ins Café Papagei, 50 sollen es werden. Wenn erst einmal draußen die Fassade renoviert ist und die neuen Gerichte an den Mann gehen, soll jeder hier einkehren wollen. Das ist Zieglers Ziel. Und er will jenen Menschen eine frische und gesunde Mahlzeit bieten, für die sie oftmals die einzige am Tag bleibt. Er will das Café Papagei für jeden öffnen und Menschen zusammenbringen, die sonst vielleicht nicht zusammenkommen würden. Jeder soll sich durch Matjes nach Hausfrauenart mit Salzkartoffeln, durch Schweinebraten mit Schwenkkartoffeln und gemischtem Gemüse, durch Bremer Knipp oder Putenschnitzel in Champignonrahmsauce mit hausgemachten Spätzle im Café Papagei verwöhnen lassen wollen. Und dies: nach wie vor für 2,50 Euro.

Text: Mareike Harms
Foto: Benjamin Eichler

Jonas und Cäsar auf der Perspektivwechsel-Tour

ERSTE PERSPEKTIVWECHSEL-TOUREN ABSOLVIERT

Premiere: Unsere ersten Perspektivwechsel-Stadtführungen haben am 11. Mai und am 15. Mai stattgefunden. Drei Schulklassen (8. Klasse) aus Oberneuland und Osterholz-Tenever nahmen mit insgesamt 75 Personen daran teil.

Die Touren durch das Bremer Bahnhofsviertel dauerten jeweils rund zwei Stunden und wurden gemeinsam geleitet von Jörg, der früher auf der Straße lebte und sich jetzt in der Sozialarbeit engagiert, und Cäsar, dem langjährigen Vertriebskoordinator der Zeitschrift der Straße und Initiator der Perspektivwechsel-Touren. Das Foto oben zeigt Cäsar (rechts) und den Streetworker Jonas Pot d’Or während einer der Touren.

Streetworker-Bus, beklebt mit Fotos jüngst verstorbener Wohnungsloser

Streetworker-Bus, beklebt mit Fotos jüngst verstorbener Wohnungsloser

Auf den Rundgängen passierten die Gruppen das Elefantendenkmal, die Bahnhofsmission, die Fachstelle Wohnen, die Comeback-Drogenberatungsstelle, den Verein Hoppenbank zur Strafentlassenenbetreuung, die Notunterkunft des Vereins für Innere Mission am Rembertiring, die Ausgabestelle Substitution für Drogenabhängige, das Café Papagei, die Büros der Zeitschrift der Straße und der Uni der Straße sowie die Medizinische Notversorgung.

Jörg und Cäsar erklärten den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung dieser Orte und die Aufgaben der Einrichtungen und sprachen mit ihnen über die Problemlagen der Menschen, die sie aufsuchen.

Ambulante Drogenhilfe: hier findet die Substitutionsbehandlung von Drogenabhängigen statt

Ambulante Drogenhilfe: hier findet die Substitutionsbehandlung von Drogenabhängigen statt

Haben die Stadtführungen Perspektivwechsel ausgelöst? Das wird sich erst mit der Zeit und im Alltag erweisen. Die abschließende Feedback-Runde jedenfalls zeigte, dass die Schülerinnen und Schüler mit der Verarbeitung der Eindrücke beschäftigt waren.

Das macht mich nachdenklich. Danke dir. Mir war jahrelang egal wie es anderen geht. Ich hatte ja meine trockene Wohnung und mein warmes Bett. Ich bin froh, dass ich nun anders denke und anders handeln kann.“ (Maike)

Ich bin sonst immer an solchen Menschen vorbeigegangen. Nun wohl nicht mehr. Man kann nicht jedem helfen. Das ist traurig.“ (Verena)

Für mehr Informationen über unsere Perspektivwechsel-Stadtführungen klicken Sie bitte hier.

MITTENDRIN UND DOCH AM RAND

Perspektivwechsel: Eine Tour durch das soziale Paralleluniversum des Bahnhofsviertels

Rund um den Bremer Hauptbahnhof pulsiert das Leben. Alles ist in Bewegung. Züge und Straßenbahnen geben den Takt vor. Menschen eilen geschäftig umher, haben etwas vor, gehen zur Arbeit, zum Shoppen, zum Freimarkt, zum Essen, zur Schule zur Uni oder nach Hause.

Doch wer genauer hinschaut, sieht auch Menschen, die sich ganz anders verhalten, die offenbar nichts vorhaben und einfach nur da sind. Sie sammeln leere Flaschen oder Zigarettenkippen, verkaufen die Zeitschrift der Straße,  betteln um Kleingeld, sitzen oder liegen herum und sind erkennbar arm.

Was hat es mit ihnen auf sich? Sind sie obdachlos? Wie konnte das passieren?  Sind sie selber schuld daran? Wollen sie überhaupt eine Wohnung? Wie und wovon leben sie? Hilft ihnen jemand?

"Wohnung" unter freiem Himmel (Foto: Cory Patterson)

„Wohnung“ unter freiem Himmel (Foto: Cory Patterson)

Unsere Tour durch das Bremer Bahnhofsviertel bietet den idealen  Rahmen für solche und viele weitere Fragen. Unsere Tourbegleiter kennen die Anlaufstellen, Schlafplätze und Gefahren in der Innenstadt aus eigener Erfahrung.

Der zweistündige Rundgang führt vorbei an Orten, die kein Reiseführer erwähnt: Notübernachtung statt Hotel, Tagesaufenthaltsstätte statt Kaffeehaus, Drogenberatungsstelle statt Passagenbummel.

Die Tourbegleiter zeigen uns Straßen und Plätze aus ihrer Perspektive. Scheinbar Selbstverständliches bekommt für Menschen ohne Wohnung oft eine ganz andere Bedeutung.
Diese Stadtführung möchte über Obdachlosigkeit und soziale Hilfsangebote informieren, die Sinne für eine andere Wahrnehmung der Stadt und ihrer Menschen schärfen und zu einem Perspektivwechsel ermutigen.

Teilnahme

Unsere Stadtführung ist für Erwachsene und Jugendliche geeignet. Sie richtet sich in erster Linie an Schulklassen und Hochschulgruppen.

Für die Teilnahme ist eine Anmeldung erforderlich.

Beginn: um 10 Uhr oder nach Absprache
Treffpunkt: nach Absprache
Preis: 8 Euro pro Person; ermäßigt 3 Euro (Schülerinnen, Schüler, Studierende)
Anmeldung: Büro der Zeitschrift der Straße
Petra Kettler
Tel. 0421 175 405 80, zeitschrift@imhb.de
Auf der Brake 10–12, 28195 Bremen

 

EIN FAST VERGESSENES LAGER

#48 WARTURMER PLATZ – Die Siedlung am Wartumer Platz war einst ein „Familien-KZ“. Heute erinnert dort nichts mehr an die dunkle Vergangenheit

 

Wie ein dörfliches Idyll mutet sie heute an, die Siedlung am Warturmer Platz. Lauter kleine Reihenhäuser mit schmucken Vorgärten, dazwischen eine Wiese, und alles ist umringt von Bäumen und Sträuchern. Auf einem kleinen Platz spielen die Kinder einer Kindertagesstätte. Gebaut wurde diese Siedlung in der Zeit des Nationalsozialismus. Als „Wohnungsfürsorgeanstalt“.

Initiiert vom damaligen Wohlfahrtssenator Hans Haltermann entstand 1936 eine Unterbringung für die von den Nazis als „asozial“ und „minderwertig“ klassifizierten Familien Bremens. Sie wurde zwangsweise einquartiert und sollten im Sinne des Regimes umerzogen werden. Bis 1940 wurden etwa 160 Erwachsene und rund 400 Kinder eingewiesen. Heute deutet hier kaum mehr etwas auf die Schicksale hin, die Menschen an diesem Ort erlitten haben. Wieder leben Familien in den Häusern. Ob sie die Geschichte der Siedlung noch kennen?

Die Anfänge dieses „Familien-KZ“, wie es die Bewohner nannten, reichen bis ins Jahr 1935 zurück. Damals veröffentlichte der Heidelberger Bürgermeister Otto Wetzel zwei Aufsätze in einem Blatt der NSDAP für Kommunalpolitik. Seine Frage: „Wohin mit den Asozialen?“ Seine Antwort: Sie sollen in ein eigene „Kolonie“. Detailliert schildert Wetzel seine rassistische Einstellung: „Asoziale“ Familien stellten für ihn „menschlichen Ausschuss“ dar und waren aus seiner Sicht eine Gefahr für die Gesellschaft. Also wollte er mithilfe einer restriktiven Einrichtung gegen sie vorgehen. Um der Stadtverwaltung zudem Kosten zu ersparen, sollten die Familien gemeinsam untergebracht werden. Der Bremer „Senator für das Bauwesen“, Hans Haltermann, ein überzeugter Nationalsozialist, orientierte sich an den Plänen Wetzels und begann mit den Planungen einer solchen Institution im Osten Woltmershausens, umgeben von Industrie und einem Schuttplatz.

„Asozial ist ein Begriff, der so verwendet und ausgelegt wurde, wie man es brauchte, um Menschen zu stigmatisieren – bis hin zur tödlichen Vernichtung“, sagt Elke Steinhöfel, die eine Dissertation und ein Buch über die Wohnungsfürsorgeanstalt und damit verbundene „Asozialenpolitik“ der Nationalsozialisten geschrieben hat. Zudem verhinderten die Nazis durch Sterilisation, dass als „asozial“ eingestufte Menschen Nachwuchs bekamen. Wie viele BremerInnen bei den Sterilisierungen ums Leben kamen, ist nicht dokumentiert.

Am damaligen Heimweg entstanden zunächst 30 größere Gebäude, die zusammen mit den 54 kleineren Häusern ein „L“ bildeten. Dieser Aufbau sollte eine permanente Überwachung der Bewohner gewährleisten: Die Häuser waren so angeordnet, dass die Bewacher aus einem Glasvorbau alle Hauseingänge und sämtliche Bewegungen auf dem Gelände kontrollieren konnten. Um die Siedlung herum verlief ein hoher Zaun, zwei Mauern umschlossen sie, Lampen leuchteten das Gelände aus, ein eisernes Haupttor wurde nach 22 Uhr geschlossen.

Zugleich war die „Wohnungsfürsorgeanstalt“ keine Barackensiedlung, der Bremer Senat investierte immerhin rund 600.000 Reichsmark, um „sozialschädliche Elemente“ unter ständiger Aufsicht hier einzuweisen. Innerhalb eines Jahres sollte eine Familie die Einrichtung aber durchlaufen und „Besserungsstufen“ absolviert haben. Dazu unterteilten die Verantwortlichen die internierten Menschen in „Erziehbare“ und „Nicht Erziehbare“. Erstere sollten sich aus eigener Kraft hocharbeiten und einen Willen zum sozialen Aufstieg beweisen. Wenn sie sich zudem positiv auf den Nationalsozialismus bezogen, winkte als Privileg der schnellstmögliche Auszug und eine eigene Wohnung. Die „Nicht Erziehbaren“ hingegen, die als „grundsätzlich arbeitsscheu“, „gesellschaftsfeindlich“ oder „moralisch minderwertig“ eingeordnet wurden, sah das Regime für die „Volksgemeinschaft“ als „verloren“ an. Diese Familien wurden aufgelöst: Die Kinder wurden in Fürsorgeeinrichtungen eingewiesen, die Eltern asyliert. Laut Haltermanns perfider Argumentation hätten die Protagonisten so selbst die Chance, über ihren weiteren Lebensweg zu bestimmen.

Der Aufenthalt in Hashude war von permanenter Überwachung und Unterdrückung bestimmt. Die Männer, die weiterhin arbeiten gehen sollten, galten als Hauptverantwortliche für die „Asozialität“. Sie mussten täglich eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn im Hof antreten, um von dort in Marschformation zu ihren Arbeitsplätzen geführt zu werden. Kamen sie abends zu spät nach Hause, wurden sie verprügelt oder in einem Keller eingesperrt. Der Lagerleiter konnte eigenmächtig Strafen verhängen und die Bewohner schikanieren. Jeder nachbarschaftliche Kontakt zwischen den Familien war untersagt, die Grünflächen vor den Häusern durften nicht betreten werden, Frauen durften nicht zu einer Unterhaltung stehen bleiben, die Kinder wurden morgens in Kolonnen zur Grundschule gebracht. Nicht einmal Haustiere waren den Familien erlaubt. Um sie unter Kontrolle zu halten, war der Lagerleiter auch befugt, die Post zu öffnen, Insassen in Jobs seines Ermessens einzusetzen und über die Lohnhöhe zu entscheiden. Im Falle von „Arbeitsverweigerung“ oder „Arbeitsvernachlässigung“ gab es die Möglichkeit, die Insassen in das Zwangsarbeitslager im Teufelsmoor zu deportieren. Wer illegal „Feindradio“ hörte oder Alkohol konsumierte, dessen Familie drohte körperliche Gewalt.

Sobald alle „asozialen“ Bremer Familien die Hashude durchlaufen haben würden, wollte der Bremer Senat in den Häusern, „normale“ Volksdeutsche unterbringen, um der zunehmenden Wohnungsnot Herr zu werden. Allerdings wurde die Wohnungsfürsorgeanstalt 1940 auf Anordnung des Reichsfinanzministeriums wieder geschlossen, weil der gewünschte „erbbiologischen Erfolg“ ausgeblieben war, so die Begründung. Nach dem Krieg zog etwa die Hälfte der Familien fort. Die Täter mussten sich zwar den Entnazifizierungsverfahren stellen. 1953 wurden aber alle als „Mitläufer“ eingestuft – oder ganz begnadigt.

[Lesen Sie die Fortsetzung des Artikels in der gedruckten Ausgabe.]

 

Text: Frauke Kuffel & Manuel Kretschmar
Foto: Staatsarchiv Bremen

#48 WARTURMER PLATZ

EDITORIAL: DORF INMITTEN DER STADT

Der Warturmer Platz liegt versteckt zwischen einer Güterbahntrasse, der Bundesstraße 6, der A 281 und einem Gewerbegebiet. Eine laute, triste Gegend. Findet man aber den Weg in die Senator-Paulmann-Straße, landet man in einer anderen Welt. Die schmale Straße führt zu einem Platz, der auch ein Park sein könnte, mit Bäumen und Büschen auf einer großen Wiese und vor allem: Stille. Dieses Idyll ist umgeben von einem lückenlosen Ring kleiner Reihenhäuser,
wie eine Wagenburg.

Was heute einem Dorf gleicht, war vor rund 80 Jahren ein Ort des Schreckens. Die Nationalsozialisten hatten die Siedlung als Lager errichtet, in dem sie Sinti und andere einsperrten, die ihnen und ihrer Ideologie nicht passten. Die Familien mussten Zwangsarbeit verrichten, wurden geprügelt und zum Teil auch zwangssterilisiert (Seite 8). Viele Bewohner des Lagers blieben nach dem Krieg in den Häusern, zunächst als Mieter, später konnten sie die Häuser erwerben. Auch wenn die Siedlung lange unter einem schlechten Ruf litt, wurde sie über die Jahrzehnte zu einem kleinen Paradies mit einer dörflichen Gemeinschaft (Seite 12).

Doch auch in jüngerer Vergangenheit erlebte der Warturmer Platz einen dunklen Moment, als ein Brandanschlag auf eine Einwandererfamilie verübt wurde. Obwohl die Tatverdächtigen bekannt sind, hat der Prozess nach etlichen Jahren noch immer nicht begonnen (Seite 14).

Wir haben auch das nahe Umfeld des Warturmer Platzes erkundet und dabei einen jungen Afghanen getroffen, der vor dem Krieg geflohen ist und nun zum Segelmacher ausgebildet wird (Seite 16); eine Wirtin, die es schafft, Arbeiter, Hausfrauen und Biker unter einen Hut zu bringen (Seite 20); und zwei Musiker, die dem jahrhundertealten „Storchennest“ neues Leben einhauchen (Seite 24).

Viel Vergnügen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Ein fast vergessenes Lager (online lesen)

Die Siedlung am Wartumer Platz war einst ein „Familien-KZ“. Heute erinnert dort nichts mehr daran

12    Lager, Ghetto, Paradies

Mutter und Tochter erinnern sich, wie aus der Nazianstalt geliebte Heimat wurde

14    Spurensuche eines Brandes

Fünf Jahre nach dem Anschlag auf eine Einwandererfamilie hat der Prozess noch nicht begonnen

16    Mit Arbeitseifer zum Ausbildungsplatz

Aus Afghanistan floh er zu Fuß. Nun schneidert er Segel

20    Café, Kantine, Kulturfabrik

Ein Bistro, in dem sich ganz Pusdorf trifft: Arbeiter, Hausfrauen, Biker

22    Bisschen nachdenken

Wie aus einem Pusdorfer Lümmel der erfolgreichste Recyclingunternehmer der Stadt wurde

24    Eine Unterhaltung in d-Moll

Wie zwei Musiker das „Storchennest“ von 1577 wiederbelebten

28    Mit anderen Augen sehen

Wir zeigen Bremen mit einem Stadtrundgang aus der Perspektive wohnungsloser Menschen

 

Hintergrundfoto: Lomunet Arratiko/flickr.com

SEMESTERSTART DER UNI DER STRASSE

Es geht wieder los! Das Sommersemester 2017 der Uni der Strasse bietet ein besonders aktives Programm. Cory Patterson, Koordinator unseres Bildungsprogramms, lädt alle Interessierten zum Mitmachen ein: „Lasst uns gemeinsam ‚auf den Hund kommen‘, mit den Wölfen heulen, zu Künstlern werden und menschliche Vielfalt entdecken.“

Am 12. April steht gleich Werder Bremen auf der Tagesordnung. Neugierig? Den Blick ins Semester-Programmheft gibt’s hier.

Für aktuelle Infos und zur Anmeldung besuchen Sie bitte die Programm-Website der Uni der Straße.

Und schließlich ist gerade ein Beitrag über die Uni der Straße in der taz erschienen.

#47 REIHERSIEDLUNG

EDITORIAL: VON VORURTEILEN UND HAUSBESUCHEN

Die Frau hat mich noch nie gesehen, bittet mich aber gleich zu sich herein. „Es ist doch kalt draußen“, sagt sie – und schon kocht sie einen Pott Kaffee für mich, während ich in ihrer warmen Stube sitze. Nein, mit der Presse will sie nicht so gern sprechen, obwohl sie mir viel zu erzählen hat – aber das Leben hat ihr viel Grund gegeben zu misstrauen. Drei Mal sei sie schon geflohen, erzählt sie. Dennoch empfängt sie mich offen und warmherzig.

Wenn in der Politik und bei Wohnungsbaukonzernen von der Reihersiedlung die Rede ist, dann wird oft über, aber selten mit den BewohnerInnen dieser Schlichtbauten geredet (Seite 8). Und: Ja, auch wir haben Berührungsängste. Aber wir haben uns aufgemacht und waren bei Michaela (Seite 12) und Mücke (Seite 14), bei Günter und Heiko (Seite 20), haben Dieter getroffen (Seite 22) und auch allerlei Haustiere gestreichelt (Seite 16). Und wir waren bei den NachbarInnen aus der Reiherstraße, um mit jenen zu reden, die allerlei Vorurteile pflegen und damit Politik machen – aber auch um weltoffene Menschen zu treffen (Seite 24). Apropos Politik: Bei Joachim „Barlo“ Barloschky waren wir natürlich auch, dem engagierten Sprecher des Bündnisses „Menschenrecht auf Wohnen“. Was er uns dazu zu sagen hat, lesen Sie ab Seite 26.

Viel Vergnügen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt

08    VOM ABRISS BEDROHT

Drei Siedlungen mit Schlichtwohnungen gibt es in Bremen. Mindestens zwei werden bald verschwinden

12    „ICH WOHNE IMMER NOCH GERN HIER“

Arm, aber unabhängig: das Leben von Michaela

14    „EINE HUNDEHÜTTE, IN DER ICH GEDULDET BIN“

Ein Gespräch mit „Mücke“ über Rottweiler, Alternativen und die AfD

16    MENSCH UND TIER

Fotostrecke

20    „EIN GARTEN SCHÖNER ALS DER ANDERE“

Ein Vormittag mit Heiko und Günter, die von besseren Zeiten der Reihersiedlung erzählen

22    „DIE REDEN ÜBERHAUPT NICHT MIT UNS“

Ein Treffen mit Dieter, der seit 1986 hier wohnt

24    „HOL SIE DOCH IN DEINEN GARTEN“

Viele Anwohner wollen, dass die Reihersiedlung abgerissen wird. Eine Familie hält dagegen

26    „ICH BIN AUCH FÜR RADIKALERE MASSNAHMEN OFFEN“ (online lesen)

Joachim Barloschky über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik

30    VERKÄUFERREGELN

 

Hintergrundfoto: Maret Hosemann/flickr.com

„ICH BIN AUCH FÜR RADIKALERE MASSNAHMEN OFFEN“

#47 REIHERSIEDLUNG – Ein Gespräch über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik – mit Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“

 

Zeitschrift der Straße: Brauchen wir mehr Schlichtwohnungen in Bremen?

Joachim Barloschky: Gegenwärtig sieht es so aus, also ob wir bald gar keine mehr haben.

Eben!

Unser Aktionsbündnis tritt dafür ein, dass es mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt gibt. Der muss natürlich einen ordentlichen Standard haben und gewisse ökologische Kriterien erfüllen. Dafür kämpfen wir.

Die Menschen in den Schlichtbausiedlungen sind oft mit wenig zufrieden.

Ich wurde neulich von einem Freund angegriffen: Barlo, bist du jetzt auch noch einer, der sich für die Scheiß-Wohnungen einsetzt? Nein. Aber im Gegensatz zur Vonovia haben wir mit den Bewohnern geredet, während die Politiker nur mit der Vonovia geredet haben. Die Bewohner wollen bleiben, eine einfache Sanierung und Mitbestimmung.

Was würde das konkret heißen?

Es müsste dort zumindest Warmwasser und eine Heizung geben. Das kann man machen. Das haben ja die Bewohner in der Holsteiner Straße in Walle alles selbst organisiert. Die haben richtige Investitionen getätigt! Das ist sehr beeindruckend.

Die rot-grüne Landesregierung verweist lieber auf neue Sozialwohnungen.

Das ist ja auch ein Erfolg, der auch auf unseren Druck zustande kam. Aber die ruhen sich darauf aus! Aber aus der Sicht der Wohnungsunternehmen ist das nur eine soziale Zwischennutzung. Jetzt müssen sie sich 20 Jahre zu einer bestimmten Miete verpflichten. Danach ist das gesamte Eigentum ohne Auflagen in der Hand von privaten Rendite-Interessen. Wenn man schaut, wo die neuen Wohnungen gebaut werden, dann sind das in der Regel gute Wohnlagen. Dort bauen sie in einer Qualität, die sie später am Markt auch wesentlich teurer loswerden.

Neue Sozialwohnungen reichen also nicht aus. Welche andere Lösungen siehst du?

Was die Schlichtwohnungen betrifft, hätte die Stadt auch sagen können: Das wird erst einmal gekauft oder für zehn Jahre gepachtet. Die Gewoba wird da nicht viel dran verdienen, aber sie könnte mit Mieter-Mitbestimmung und leichten Verbesserungen Einfachwohnen erhalten – für Menschen, die ganz wenig Geld haben. Das wären in der Holsteiner Straße vielleicht 40 und am Sacksdamm noch mal 30 bis 40 Wohnungen. Das Grundproblem ist: Es wird immer argumentiert, die Siedlungen stünden ja völlig leer, die Leute wollten da ja gar nicht hin. Das ist doch lächerlich!

Warum?

Das ganze Thema ist ein Beleg für die verfehlte Wohnungspolitik in Bremen. Die Bremische wurde von Bremen verscherbelt an Finanzinvestoren, dort wurden sie von einem zum nächsten
weitergereicht. Die haben alle eine aktive Entmietungspolitik betrieben. Die haben gesagt: Wir lassen niemanden mehr einziehen. Dabei haben die Leute Schlange gestanden!

Rund 500 Menschen in Bremen haben gar keine Wohnung.

Es geht nicht darum, zu sagen: Schlichtwohnungen sind per se für Obdachlose. Das ist Blödsinn. Auch Obdachlose wollen eine normale Wohnung. Für einige aber sind die Schlichtquartiere eine bessere Möglichkeit.

Warum?

Der Unterschied ist: Dort ist alles schön verteilt. Da hat jeder seine Wohnung und seinen eigenen Außenbereich, auch für all die Hunde. Das ist das Geile! Natürlich wird es auch da Stress geben – aber das kommt auch in Oberneuland vor. In den Schlichtbausiedlungen kann man das nachbarschaftlich regeln.

Das ist ein politisches Schlagwort: „Die sind nicht geschosswohnungsfähig“. Ist es erstrebenswert, dass alle in gestapelten Hamsterkäfigen wohnen?

Ich habe ja positive Erfahrungen mit Hochhaussiedlungen gemacht. Aber das ist schon speziell, denn was will der Deutsche? Ein eigenes Haus, einen Garten drumherum und einen Zaun. Das ist sehr unökologisch und würde ganz Deutschland zersiedeln. Verdichtetes Bauen muss schon sein. Was sie damals in Tenever gemacht hatten, ist eine städtebauliche Sünde. Aber es gibt auch bessere Formen des verdichteten Bauens. Das Schwärmen für die Natur kommt, wie Bertolt Brecht sagte, von der Unwirtlichkeit der Städte – deshalb sollte man die Städte wirtlicher machen.

Aber kann es das Ziel sein, dass die Leute aus den Schlichtbauten in der Grohner Düne untergebracht werden können?

Es geht nicht ums Unterbringen, es geht darum, dass Menschen eine bezahlbare Wohnung haben. Und damit ihr Recht auf Selbstentfaltung halbwegs verwirklichen können.

In den Schlichtbauten können arme Leute wohnen, ohne zum Amt zu müssen.

Richtig. Die sagen: Anderswo arbeiten wir für die Miete, und am Ende des Monats gehen wir zum Jobcenter, weil es nicht reicht, um die Kinder durchzubringen. Davor haben sie einen Horror – was ich nachvollziehen kann.

Wo sollen die Menschen hin, wenn die Schlichtbauten abgerissen werden?

Die meisten haben ja einen Mietvertrag mit der Vonovia. Und die wird ihnen Angebote machen müssen. Neulich hat Adem Hacikerimoglu aus der Holsteiner Straße gesagt: Seine Familie umfasst acht Personen, in Walle zahlen sie ungefähr 560 Euro warm. Der hat Angebote für andere Wohnungen bekommen, die alle über 1.000 Euro lagen, eines sogar bei 1.400 Euro. Wovon soll er das bezahlen? Er arbeitet 30 Stunden pro Woche als Erzieher in Huchting. Sie wissen, es ist nicht alles schön in der Holsteiner Straße, aber sie haben es sich schön gemacht. Und sie haben den Zusammenhalt dort. Das ist ganz wichtig.

Wo soll bezahlbarer Wohnraum herkommen, wenn neue Sozialwohnungen mindestens 6,10 Euro pro Quadratmeter kosten?

Die rot-grüne Politik gibt sich ohnmächtig gegenüber der Macht der Wohnungsunternehmen. Ich verstehe nicht, warum sie da nicht mehr Selbstbewusstsein haben! Unser Vorschlag: Sie bauen 5.000 Wohnungen, in kommunaler Aufsicht, mit Mieten, die bezahlbar für Arbeitnehmer sind und auch Hartz-IV-kompatibel. Damit würde man einen Beitrag zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt leisten und hätte Hunderttausenden geholfen – die Mietpreisexplosion betrifft ja alle MieterInnen. Aber Bremen folgt der neoliberalen Marktlogik: Der Markt wird es schon richten.

Er richtet es auch, nur anders, als man sich das wünscht.

Ja, er richtet! Aber sie haben es selbst herbeigeführt. Sie haben den sozialen Wohnungsbau auf null reduziert, das Gemeinnützigkeitsgesetz abgeschafft, das früher die Profitabilität gedrückt hatte: Vier Prozent Rendite durfte man machen, mehr nicht. Die ganze Baupolitik war nur am Markt orientiert. Dafür haben sie das gesamte Tafelsilber verscherbelt. Das ist die größte Katastrophe!

Wovon sollen die 5.000 Wohnungen bezahlt werden?

Eine Vermögensabgabe von einem Prozent für die 10.000 Bremer Vermögensmillionäre, und
wir hätten 300 Millionen Euro zur Hand. Pro Jahr.

Rot-Grün sagt: Ja, das mit der Privatisierung ist blöd gelaufen damals. Aber jetzt können wir da nichts mehr machen.

Die Selbstkritik ist schon mal gut, aber zu sagen: „Wir können nichts tun“, ist ganz schlecht – das ist eine Ohnmachtsäußerung. Man muss als Politiker das Volk ermutigen, zu kämpfen! Und nicht die Argumente der Vonovia auch noch nachplappern!

Die argumentiert: Das muss sich rechnen!

Die Politik könnte sagen: Das ist eine soziale Notwendigkeit! Andere Dinge rechnen sich betriebswirtschaftlich ja auch nicht, Schulbauten etwa.

Der grüne Bausenator würde jetzt sagen: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Lieber Herr Bausenator, es ist durchaus anzuerkennen, dass Bremen aus seinen Fehlern einen Millimeter gelernt hat. Allerdings muss ich Ihnen sagen: Wenn es städtischen Besitz an Wohnungen gäbe, hätte man einen viel größeren Einfluss – heute, aber auch noch in 20 Jahren. Nur noch 30 Prozent von Bremens Fläche gehören der Stadt. Das ist für die Demokratie nicht gut. Bis Ende 2017 werden nur 517 Sozialwohnungen fertig. Seit 2012 hätten aber 1.700 Sozialwohnungen gebaut werden müssen. Das ist total peinlich. Wir brauchen eine grundlegende Änderung der Wohnungspolitik! Und vielleicht müssen andere, neue Formen des Kampfes kommen.

Hausbesetzungen?

Ich habe nichts gegen Besetzungen. Weil sie deutlich machen, dass es ein Widersinn ist, dass es Leerstände gibt, weil Eigentümer warten, das Objekt besser vermarkten zu können. Die Vonovia fängt jetzt an – auch aufgrund des öffentlichen Drucks – den Bewohnern dort Mietangebote zu machen, die gut sind. Eine Familie hat eine Wohnung bekommen, die sonst 750 Euro kostet. Sie zahlen 500 Euro, für fünf Jahre festgeschrieben. Dieser Familie werde ich nicht sagen: Nein, die dürft ihr nicht nehmen, aus Solidarität!

Die Menschen in den Schlichtbauten haben keine Lobby.

Es ist ein Grundproblem der Grünen und auch der autonomen Szene, dass ihre wichtigen Themen sich am gesellschaftlichen Bewusstsein orientieren, an der sozialen Frage aber ganz selten. Das ist auch das Problem mit der AfD. Sie ist ein Ausdruck des Alltagsrassismus in Deutschland. Aber sie stellen sich ja, obwohl sie das nicht erfüllen, auch als sozial dar. Deswegen bin ich dafür, dass man mehr radikale Auseinandersetzungen zur sozialen Frage führt, aber mit fortschrittlichen Positionen besetzt.

Manche Leute finden: In Bremen wird auf hohem Niveau gejammert.

Es stimmt, dass es auf den Wohnungsmarkt in anderen Städten noch schwieriger ist. Es gibt hier 500 bis 700 Leute, die die unter erbärmlichsten Bedingungen leben müssen. Aber es sind Tausende, die keine eigene Wohnung haben und stattdessen bei Verwandten oder Freunden unterkommen, Tausende, die mit ihren Wohnverhältnissen nicht zufrieden sind. Wenn wir nicht für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen, werden wir jeden Tag mehr Tränen und Sorgen von Leuten erleben, die verzweifeln. Ich wünsche mir, dass mehr Leute Widerstandsgeist haben. Dann bin ich auch für radikalere Maßnahmen offen. Mein Lebensmotto ist: Es ist die Pflicht eines jeden Revolutionärs, die Revolution zu machen.

Aber was können die bürgerlichen Leser tun, die wir auch haben?

Widerstand heißt heute, dass man sich gegen die Rechten wehrt, gegen Mieterhöhungen, und sich für einen humaneren Umgang mit Flüchtlingen einsetzt. Das ist eine tägliche humanistische Aufgabe für jeden Bürger. Es ist systembedingt, dass der Profit vor allen anderen Dingen rangiert, die für jeden wichtig sind: Wohnen, Menschenrechte, Gesundheit, Bildung. Acht Leute besitzen heute so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Welche Lösung gibt es da? 500.000 Euro im Jahr, das reicht. Alles andere muss man wegbesteuern. Da bin ich Marxist geblieben, mein Leben lang.

 

Interview: Jan Zier & Philipp Jarke
Foto: Jan Zier

Joachim „Barlo“ Barloschky 1952 in Bremen geboren, ist Betriebswirt und Sprecher des Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“. Er wuchs in der Gartenstadt Vahr auf, wurde 1967 Aktivist der Bremer Schülerbewegung und trat 1970 in die DKP ein (später aber wieder aus). Von 1990 bis 2011 war er Quartiersmanager und Gemeinwesenarbeiter in Tenever. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen.