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SEMESTERSTART DER UNI DER STRASSE

Es geht wieder los! Das Sommersemester 2017 der Uni der Strasse bietet ein besonders aktives Programm. Cory Patterson, Koordinator unseres Bildungsprogramms, lädt alle Interessierten zum Mitmachen ein: „Lasst uns gemeinsam ‚auf den Hund kommen‘, mit den Wölfen heulen, zu Künstlern werden und menschliche Vielfalt entdecken.“

Am 12. April steht gleich Werder Bremen auf der Tagesordnung. Neugierig? Den Blick ins Semester-Programmheft gibt’s hier.

Für aktuelle Infos und zur Anmeldung besuchen Sie bitte die Programm-Website der Uni der Straße.

Und schließlich ist gerade ein Beitrag über die Uni der Straße in der taz erschienen.

#47 REIHERSIEDLUNG

EDITORIAL: VON VORURTEILEN UND HAUSBESUCHEN

Die Frau hat mich noch nie gesehen, bittet mich aber gleich zu sich herein. „Es ist doch kalt draußen“, sagt sie – und schon kocht sie einen Pott Kaffee für mich, während ich in ihrer warmen Stube sitze. Nein, mit der Presse will sie nicht so gern sprechen, obwohl sie mir viel zu erzählen hat – aber das Leben hat ihr viel Grund gegeben zu misstrauen. Drei Mal sei sie schon geflohen, erzählt sie. Dennoch empfängt sie mich offen und warmherzig.

Wenn in der Politik und bei Wohnungsbaukonzernen von der Reihersiedlung die Rede ist, dann wird oft über, aber selten mit den BewohnerInnen dieser Schlichtbauten geredet (Seite 8). Und: Ja, auch wir haben Berührungsängste. Aber wir haben uns aufgemacht und waren bei Michaela (Seite 12) und Mücke (Seite 14), bei Günter und Heiko (Seite 20), haben Dieter getroffen (Seite 22) und auch allerlei Haustiere gestreichelt (Seite 16). Und wir waren bei den NachbarInnen aus der Reiherstraße, um mit jenen zu reden, die allerlei Vorurteile pflegen und damit Politik machen – aber auch um weltoffene Menschen zu treffen (Seite 24). Apropos Politik: Bei Joachim „Barlo“ Barloschky waren wir natürlich auch, dem engagierten Sprecher des Bündnisses „Menschenrecht auf Wohnen“. Was er uns dazu zu sagen hat, lesen Sie ab Seite 26.

Viel Vergnügen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt

08    VOM ABRISS BEDROHT

Drei Siedlungen mit Schlichtwohnungen gibt es in Bremen. Mindestens zwei werden bald verschwinden

12    „ICH WOHNE IMMER NOCH GERN HIER“

Arm, aber unabhängig: das Leben von Michaela

14    „EINE HUNDEHÜTTE, IN DER ICH GEDULDET BIN“

Ein Gespräch mit „Mücke“ über Rottweiler, Alternativen und die AfD

16    MENSCH UND TIER

Fotostrecke

20    „EIN GARTEN SCHÖNER ALS DER ANDERE“

Ein Vormittag mit Heiko und Günter, die von besseren Zeiten der Reihersiedlung erzählen

22    „DIE REDEN ÜBERHAUPT NICHT MIT UNS“

Ein Treffen mit Dieter, der seit 1986 hier wohnt

24    „HOL SIE DOCH IN DEINEN GARTEN“

Viele Anwohner wollen, dass die Reihersiedlung abgerissen wird. Eine Familie hält dagegen

26    „ICH BIN AUCH FÜR RADIKALERE MASSNAHMEN OFFEN“ (online lesen)

Joachim Barloschky über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik

30    VERKÄUFERREGELN

 

Hintergrundfoto: Maret Hosemann/flickr.com

„ICH BIN AUCH FÜR RADIKALERE MASSNAHMEN OFFEN“

#47 REIHERSIEDLUNG – Ein Gespräch über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik – mit Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“

 

Zeitschrift der Straße: Brauchen wir mehr Schlichtwohnungen in Bremen?

Joachim Barloschky: Gegenwärtig sieht es so aus, also ob wir bald gar keine mehr haben.

Eben!

Unser Aktionsbündnis tritt dafür ein, dass es mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt gibt. Der muss natürlich einen ordentlichen Standard haben und gewisse ökologische Kriterien erfüllen. Dafür kämpfen wir.

Die Menschen in den Schlichtbausiedlungen sind oft mit wenig zufrieden.

Ich wurde neulich von einem Freund angegriffen: Barlo, bist du jetzt auch noch einer, der sich für die Scheiß-Wohnungen einsetzt? Nein. Aber im Gegensatz zur Vonovia haben wir mit den Bewohnern geredet, während die Politiker nur mit der Vonovia geredet haben. Die Bewohner wollen bleiben, eine einfache Sanierung und Mitbestimmung.

Was würde das konkret heißen?

Es müsste dort zumindest Warmwasser und eine Heizung geben. Das kann man machen. Das haben ja die Bewohner in der Holsteiner Straße in Walle alles selbst organisiert. Die haben richtige Investitionen getätigt! Das ist sehr beeindruckend.

Die rot-grüne Landesregierung verweist lieber auf neue Sozialwohnungen.

Das ist ja auch ein Erfolg, der auch auf unseren Druck zustande kam. Aber die ruhen sich darauf aus! Aber aus der Sicht der Wohnungsunternehmen ist das nur eine soziale Zwischennutzung. Jetzt müssen sie sich 20 Jahre zu einer bestimmten Miete verpflichten. Danach ist das gesamte Eigentum ohne Auflagen in der Hand von privaten Rendite-Interessen. Wenn man schaut, wo die neuen Wohnungen gebaut werden, dann sind das in der Regel gute Wohnlagen. Dort bauen sie in einer Qualität, die sie später am Markt auch wesentlich teurer loswerden.

Neue Sozialwohnungen reichen also nicht aus. Welche andere Lösungen siehst du?

Was die Schlichtwohnungen betrifft, hätte die Stadt auch sagen können: Das wird erst einmal gekauft oder für zehn Jahre gepachtet. Die Gewoba wird da nicht viel dran verdienen, aber sie könnte mit Mieter-Mitbestimmung und leichten Verbesserungen Einfachwohnen erhalten – für Menschen, die ganz wenig Geld haben. Das wären in der Holsteiner Straße vielleicht 40 und am Sacksdamm noch mal 30 bis 40 Wohnungen. Das Grundproblem ist: Es wird immer argumentiert, die Siedlungen stünden ja völlig leer, die Leute wollten da ja gar nicht hin. Das ist doch lächerlich!

Warum?

Das ganze Thema ist ein Beleg für die verfehlte Wohnungspolitik in Bremen. Die Bremische wurde von Bremen verscherbelt an Finanzinvestoren, dort wurden sie von einem zum nächsten
weitergereicht. Die haben alle eine aktive Entmietungspolitik betrieben. Die haben gesagt: Wir lassen niemanden mehr einziehen. Dabei haben die Leute Schlange gestanden!

Rund 500 Menschen in Bremen haben gar keine Wohnung.

Es geht nicht darum, zu sagen: Schlichtwohnungen sind per se für Obdachlose. Das ist Blödsinn. Auch Obdachlose wollen eine normale Wohnung. Für einige aber sind die Schlichtquartiere eine bessere Möglichkeit.

Warum?

Der Unterschied ist: Dort ist alles schön verteilt. Da hat jeder seine Wohnung und seinen eigenen Außenbereich, auch für all die Hunde. Das ist das Geile! Natürlich wird es auch da Stress geben – aber das kommt auch in Oberneuland vor. In den Schlichtbausiedlungen kann man das nachbarschaftlich regeln.

Das ist ein politisches Schlagwort: „Die sind nicht geschosswohnungsfähig“. Ist es erstrebenswert, dass alle in gestapelten Hamsterkäfigen wohnen?

Ich habe ja positive Erfahrungen mit Hochhaussiedlungen gemacht. Aber das ist schon speziell, denn was will der Deutsche? Ein eigenes Haus, einen Garten drumherum und einen Zaun. Das ist sehr unökologisch und würde ganz Deutschland zersiedeln. Verdichtetes Bauen muss schon sein. Was sie damals in Tenever gemacht hatten, ist eine städtebauliche Sünde. Aber es gibt auch bessere Formen des verdichteten Bauens. Das Schwärmen für die Natur kommt, wie Bertolt Brecht sagte, von der Unwirtlichkeit der Städte – deshalb sollte man die Städte wirtlicher machen.

Aber kann es das Ziel sein, dass die Leute aus den Schlichtbauten in der Grohner Düne untergebracht werden können?

Es geht nicht ums Unterbringen, es geht darum, dass Menschen eine bezahlbare Wohnung haben. Und damit ihr Recht auf Selbstentfaltung halbwegs verwirklichen können.

In den Schlichtbauten können arme Leute wohnen, ohne zum Amt zu müssen.

Richtig. Die sagen: Anderswo arbeiten wir für die Miete, und am Ende des Monats gehen wir zum Jobcenter, weil es nicht reicht, um die Kinder durchzubringen. Davor haben sie einen Horror – was ich nachvollziehen kann.

Wo sollen die Menschen hin, wenn die Schlichtbauten abgerissen werden?

Die meisten haben ja einen Mietvertrag mit der Vonovia. Und die wird ihnen Angebote machen müssen. Neulich hat Adem Hacikerimoglu aus der Holsteiner Straße gesagt: Seine Familie umfasst acht Personen, in Walle zahlen sie ungefähr 560 Euro warm. Der hat Angebote für andere Wohnungen bekommen, die alle über 1.000 Euro lagen, eines sogar bei 1.400 Euro. Wovon soll er das bezahlen? Er arbeitet 30 Stunden pro Woche als Erzieher in Huchting. Sie wissen, es ist nicht alles schön in der Holsteiner Straße, aber sie haben es sich schön gemacht. Und sie haben den Zusammenhalt dort. Das ist ganz wichtig.

Wo soll bezahlbarer Wohnraum herkommen, wenn neue Sozialwohnungen mindestens 6,10 Euro pro Quadratmeter kosten?

Die rot-grüne Politik gibt sich ohnmächtig gegenüber der Macht der Wohnungsunternehmen. Ich verstehe nicht, warum sie da nicht mehr Selbstbewusstsein haben! Unser Vorschlag: Sie bauen 5.000 Wohnungen, in kommunaler Aufsicht, mit Mieten, die bezahlbar für Arbeitnehmer sind und auch Hartz-IV-kompatibel. Damit würde man einen Beitrag zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt leisten und hätte Hunderttausenden geholfen – die Mietpreisexplosion betrifft ja alle MieterInnen. Aber Bremen folgt der neoliberalen Marktlogik: Der Markt wird es schon richten.

Er richtet es auch, nur anders, als man sich das wünscht.

Ja, er richtet! Aber sie haben es selbst herbeigeführt. Sie haben den sozialen Wohnungsbau auf null reduziert, das Gemeinnützigkeitsgesetz abgeschafft, das früher die Profitabilität gedrückt hatte: Vier Prozent Rendite durfte man machen, mehr nicht. Die ganze Baupolitik war nur am Markt orientiert. Dafür haben sie das gesamte Tafelsilber verscherbelt. Das ist die größte Katastrophe!

Wovon sollen die 5.000 Wohnungen bezahlt werden?

Eine Vermögensabgabe von einem Prozent für die 10.000 Bremer Vermögensmillionäre, und
wir hätten 300 Millionen Euro zur Hand. Pro Jahr.

Rot-Grün sagt: Ja, das mit der Privatisierung ist blöd gelaufen damals. Aber jetzt können wir da nichts mehr machen.

Die Selbstkritik ist schon mal gut, aber zu sagen: „Wir können nichts tun“, ist ganz schlecht – das ist eine Ohnmachtsäußerung. Man muss als Politiker das Volk ermutigen, zu kämpfen! Und nicht die Argumente der Vonovia auch noch nachplappern!

Die argumentiert: Das muss sich rechnen!

Die Politik könnte sagen: Das ist eine soziale Notwendigkeit! Andere Dinge rechnen sich betriebswirtschaftlich ja auch nicht, Schulbauten etwa.

Der grüne Bausenator würde jetzt sagen: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Lieber Herr Bausenator, es ist durchaus anzuerkennen, dass Bremen aus seinen Fehlern einen Millimeter gelernt hat. Allerdings muss ich Ihnen sagen: Wenn es städtischen Besitz an Wohnungen gäbe, hätte man einen viel größeren Einfluss – heute, aber auch noch in 20 Jahren. Nur noch 30 Prozent von Bremens Fläche gehören der Stadt. Das ist für die Demokratie nicht gut. Bis Ende 2017 werden nur 517 Sozialwohnungen fertig. Seit 2012 hätten aber 1.700 Sozialwohnungen gebaut werden müssen. Das ist total peinlich. Wir brauchen eine grundlegende Änderung der Wohnungspolitik! Und vielleicht müssen andere, neue Formen des Kampfes kommen.

Hausbesetzungen?

Ich habe nichts gegen Besetzungen. Weil sie deutlich machen, dass es ein Widersinn ist, dass es Leerstände gibt, weil Eigentümer warten, das Objekt besser vermarkten zu können. Die Vonovia fängt jetzt an – auch aufgrund des öffentlichen Drucks – den Bewohnern dort Mietangebote zu machen, die gut sind. Eine Familie hat eine Wohnung bekommen, die sonst 750 Euro kostet. Sie zahlen 500 Euro, für fünf Jahre festgeschrieben. Dieser Familie werde ich nicht sagen: Nein, die dürft ihr nicht nehmen, aus Solidarität!

Die Menschen in den Schlichtbauten haben keine Lobby.

Es ist ein Grundproblem der Grünen und auch der autonomen Szene, dass ihre wichtigen Themen sich am gesellschaftlichen Bewusstsein orientieren, an der sozialen Frage aber ganz selten. Das ist auch das Problem mit der AfD. Sie ist ein Ausdruck des Alltagsrassismus in Deutschland. Aber sie stellen sich ja, obwohl sie das nicht erfüllen, auch als sozial dar. Deswegen bin ich dafür, dass man mehr radikale Auseinandersetzungen zur sozialen Frage führt, aber mit fortschrittlichen Positionen besetzt.

Manche Leute finden: In Bremen wird auf hohem Niveau gejammert.

Es stimmt, dass es auf den Wohnungsmarkt in anderen Städten noch schwieriger ist. Es gibt hier 500 bis 700 Leute, die die unter erbärmlichsten Bedingungen leben müssen. Aber es sind Tausende, die keine eigene Wohnung haben und stattdessen bei Verwandten oder Freunden unterkommen, Tausende, die mit ihren Wohnverhältnissen nicht zufrieden sind. Wenn wir nicht für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen, werden wir jeden Tag mehr Tränen und Sorgen von Leuten erleben, die verzweifeln. Ich wünsche mir, dass mehr Leute Widerstandsgeist haben. Dann bin ich auch für radikalere Maßnahmen offen. Mein Lebensmotto ist: Es ist die Pflicht eines jeden Revolutionärs, die Revolution zu machen.

Aber was können die bürgerlichen Leser tun, die wir auch haben?

Widerstand heißt heute, dass man sich gegen die Rechten wehrt, gegen Mieterhöhungen, und sich für einen humaneren Umgang mit Flüchtlingen einsetzt. Das ist eine tägliche humanistische Aufgabe für jeden Bürger. Es ist systembedingt, dass der Profit vor allen anderen Dingen rangiert, die für jeden wichtig sind: Wohnen, Menschenrechte, Gesundheit, Bildung. Acht Leute besitzen heute so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Welche Lösung gibt es da? 500.000 Euro im Jahr, das reicht. Alles andere muss man wegbesteuern. Da bin ich Marxist geblieben, mein Leben lang.

 

Interview: Jan Zier & Philipp Jarke
Foto: Jan Zier

Joachim „Barlo“ Barloschky 1952 in Bremen geboren, ist Betriebswirt und Sprecher des Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“. Er wuchs in der Gartenstadt Vahr auf, wurde 1967 Aktivist der Bremer Schülerbewegung und trat 1970 in die DKP ein (später aber wieder aus). Von 1990 bis 2011 war er Quartiersmanager und Gemeinwesenarbeiter in Tenever. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen.

DIE MACHT DER GEWÖHNUNG

#46 WACHMANNSTRASSE – Nach anfänglichen Protesten akzeptieren die Schwachhauser heute die Unterkunft für Geflüchtete

 

Am Anfang war die Angst vor den Flüchtlingen groß.

Rückblende: Wir schreiben das 2013 und der Bremer Senat sucht händeringend nach Wohnraum. In Schwachhausen wird eine zweite Flüchtlingsunterkunft geplant, über 1.000 Menschen flüchten allein in diesem Jahr nach Bremen. 2016 werden es sogar 3.185 sein.

Doch so einfach ist das in Schwachhausen nicht. Die grüne Beiratssprecherin Barbara Schneider erinnert sich, dass einige AnwohnerInnen vorschlugen, neue Flüchtlingsunterkünfte doch lieber in Tenever einzurichten. Weil dort die Nachbarn doch auch Arabisch sprächen. Als im Dezember 2013 die erste Einwohnerversammlung einberufen wird, stellen sich die StadtteilpolitikerInnen schon auf die alten, vorurteilsdurchtränkten Argumente ein.

Und die kommen auch: „Es ist oft nur eine Frage von Minuten, bis die ersten Ängste wegen Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Flüchtlinge ausgesprochen werden“, sagt Schneider. Die entkräftet sie mit Fakten: Die Bremer Polizei verzeichnet rund um Flüchtlingsunterkünfte keinen Anstieg von Kriminalität. Ebenso wenig käme es vermehrt zu Ruhestörungen. Die Mehrheit der gut 60 AnwohnerInnen scheint diese Sorgen nicht zu teilen: Viele wollen sich ehrenamtlich engagieren und helfen. Andere stören sich an der Größe der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Gabriel-Seidl-Straße. Einst lebten in dem nunmehr leerstehenden Heim rund 20 SeniorInnen. Nun sollten bis zu 90 Geflüchtete dort einziehen, in abgetrennten Wohnungen mit eigenen Küchen und Bädern. Ein Luxus für die Geflüchteten: „Normalerweise gibt es in solchen Wohnheimen nur Gemeinschaftsduschen und geteilte Küchen“, sagt Schneider. Doch die schiere Zahl der Neu-BürgerInnen ist für einige SchwachhauserInnen unvorstellbar.

Einige AnwohnerInnen der Gabriel-Seidl-Straße gehen nach der Versammlung wütend nach Hause. Eine Woche später äußern sie im Stadtteilparlament erneut ihre Bedenken. Es geht ihnen um Feuerschutz, Fahrradständer und Fluchtwege. Das ehemalige Seniorenheim könnte für 70 Geflüchtete zu klein sein, befürchten sie. Der damalige Sozial-Staatsrat Horst Frehe von den Grünen versichert, dass die Landesbauverordnung natürlich eingehalten werde. Am Ende beschließt der Beirat einstimmig, dass das Heim kommen wird. Gerade das bringt die skeptischen AnwohnerInnen in Rage. Dem Weser-Kurier sagen sie später, man habe ihre Bedenken nicht ernst genommen.

In einem offenen Brief verlangen sie, dass maximal 30 bis 40 Flüchtlinge in dem Heim untergebracht werden. Dabei berufen sie sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention, die eine menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten vorschreibt. Die AnwohnerInnen unterschreiben den Brief, jedoch nur handschriftlich. Für Barbara Schneider ist das „anonym“. Und mit anonymen Menschen „rede ich nicht“, sagt sie. Schneider antwortet mit einem offenen Schreiben, weist darauf hin, dass über Flüchtlingsheime keine AnwohnerInnen entscheiden, sondern gewählte VertreterInnen wie sie. „Würden wir basisdemokratisch vorgehen, könnten wir alle Unterkünfte zumachen“, sagt sie. „Die Bedenken waren nur ein Feigenblatt für die Haltung: Wir wollen keine Flüchtlinge haben!“, kritisiert die Grünen-Politikerin.

Im Weser-Kurier erscheint dazu ein Kommentar, der eine ähnliche Meinung vertritt wie zuvor Barbara Schneider. Als der Beirat ihn in seinem Schaukasten aushängt, wird er über Wochen hinweg mit dem offenen Brief der AnwohnerInnen überklebt. Auch wir haben mit einem der AnwohnerInnen gesprochen, der an den Protesten beteiligt war. Leider mussten wir seine Aussagen aus diesem Text entfernen: Er entsprach nicht seinen Erwartungen; der Mann drohte uns mit rechtlichen Schritten, wenn wir seine Aussagen veröffentlichen würden.

Irgendwann wurde es ruhiger um die Flüchtlingsunterkunft, die nach über zwei Jahren endlich von Geflüchteten bezogen werden konnte. Erst im April 2016 zogen 70 Geflüchtete ein, Alleinstehende und Familien aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran. Die Arbeiterwohlfahrt betreut das Übergangswohnheim, dessen Leiterin Franziska Görlich ist. Sie ist auch Ansprechpartnerin, wenn Probleme auftreten. Es wird sogar eigens eine Hotline eingerichtet. Doch das Telefon klingelt sehr selten. Sie erlebe bisher nur positiv eingestellte und aufgeschlossene NachbarInnen, sagt Görlich. Auch an den weiteren runden Tischen bleibt es ruhig, berichtet die grüne Ortsamtsleiterin Karen Mathes. Zwei der von uns befragten BewohnerInnen des Heims halten die Daumen nach oben, als sie nach den NachbarInnen gefragt werden. Eine Bewohnerin sagt, sie seien nett.

Und die SkeptikerInnen? Bei den runden Tischen blieben sie stumm, sagt Schneider. Es ist ganz so, wie sie es auch von anderen Heimen kennt: „Die praktische Erfahrung und Begegnung mit Flüchtlingen beseitigt alle Ängste.“ Auch Franziska Görlich ist zufrieden: „Für Flüchtlinge bieten Ausstattung und Lage der Unterkunft mit die besten Bedingungen in ganz Bremen.“

Text: Eva Przybyla
Foto: Lena Möhler

#46 WACHMANNSTRASSE

EDITORIAL: EIN BISSCHEN ANGST UND IDEALISMUS

Wenn du aus südwestlicher Richtung kommst und in die Wachmannstraße willst, puh! – also bevor es da so richtig bürgerlich-lauschig wird, muss ja erst einmal der Stern bezwungen werden. „Ein Angstraum“ ist das, sagt der Landes­behinderten­beauftragte, mit dem wir dort einen kleinen Rundgang gemacht haben (Seite 26). Doch schon ein paar Meter weiter kann es erstaunlich ruhig sein! In der alten Villa nämlich, in der statt Kaufleuten und Richtern heute lauter Buddhisten residieren. Wir haben sie mal zu Hause besucht, wo es übrigens sehr schlicht, aber gar nicht so religiös zugeht (Seite 20).

Auch anderswo an der Wachmannstraße ist es weniger bourgeois, als man gemeinhin denkt. Nicht nur in dem ehemaligen Seniorenheim, in dem heute geflüchtete Menschen leben – was nicht jedem im Schwachhausen gleich gefallen hat (Seite 28). Sondern auch bei dem Cembalobauer Christian Kuhlmann, in dessen Werkstatt früher mal ein reicher Kaffeeröster sein Büro hatte. Dort haben wir einen idealistischen Autodidakten kennengelernt, der andere gern zu sich nach Hause einlädt (Seite 8). Ein paar Meter weiter liegt eine kleine Metzgerei (übrigens ein reiner Frauenbetrieb), in der maßvoller Konsum gepredigt und bei Weitem nicht alles verkauft wird, was der Kunde gern haben wollen würde (Seite 12). Apropos Frauen: Unsere neue Kollegin Petra Kettler wollen wir natürlich auch vorstellen. Sie professionalisiert gerade unseren Vertrieb und bekämpft den „Wildwuchs“, wie sie uns auf Seite 30 erklärt.

Viel Vergnügen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt

08    „EINE ART PERSÖNLICHKEIT“

Sein Großvater war Kaffeeröster, doch Christian Kuhlmann baut lieber Cembali

12    „ES MUSS MASSVOLL SEIN“

Heike Michels betreibt eine Metzgerei. Ein Gespräch über Konsum, Gänsestopfleber und Vegetarier

14    FOTOSTRECKE

Wenn Straßen faszinieren

20    BUDDHISMUS FÜR DEN ALLTAG

Ruhe und Meditation, wo sich Autos, Fahrräder und Straßenbahnen ineinander­knäulen

24    NEUE FARBE SOLL ES RICHTEN

Der Stern muss sicherer werden, daher wird er mal wieder umgebaut

26    UNTERWEGS IM AKUSTIKBREI

Kann man als Blinder den Stern umrunden?

27    „WAR DOCH BABYEINFACH“

Mit drei kleinen Kindern um den Stern – geht viel leichter als mit dem Rad oder dem Auto

28    DIE MACHT DER GEWÖHNUNG (online lesen)

Der Protest in Schwachhausen war groß. Heute akzeptieren sie die Unterkunft für Geflüchtete

30    „DAS IST OFT BERÜHREND“ (online lesen)

Ein Gespräch mit Petra Kettler, der neuen Vertriebskoordinatorin der Zeitschrift der Straße

 

Hintergrundfoto: Michael Vogel

„DAS IST OFT BERÜHREND“

Ein Gespräch mit Petra Kettler, der neuen Vertriebskoordinatorin der Zeitschrift der Straße

 

Wie sahen deine ersten Tage als Vertriebskoordinatorin aus?

Ich habe vor allem viel mit den ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen gesprochen. Wir haben Verbesserungsvorschläge gesammelt und Dinge angesprochen, die bei der Arbeit stören. Da konnte ich einiges herauslocken, das sie von sich aus vielleicht nicht gesagt hätten.

Zum Beispiel?

Das Büro war manchmal etwas schmuddelig. Das Reinigungsunternehmen ist nur für die Fußböden und Toiletten zuständig. Alles andere müssen wir aber selbst sauber halten. Wenn man das weiß, wischt man den Kaffeefleck eben schnell mal weg. Das ist ja nicht weiter schlimm.

Wie erlebst du die Stimmung im Vertriebsteam?

Alle stehen voll hinter dem Projekt! Es ist ja kein gewöhnliches Ehrenamt: Man hat Kontakt mit Menschen, mit denen man sonst eher wenig zu tun hat. Wir schnacken viel mit unseren Verkäufern, sofern die Sprache das zulässt, und erfahren viel aus ihrem Leben. Das ist oft berührend.

Was gehst du als nächstes an?

Im Büro bin ich dabei, die Dinge ein wenig zu ordnen – Strukturen zu schaffen ist nämlich mein Steckenpferd. Bislang hat jeder im Team die Sachen woanders abgelegt. Dadurch war es manchmal schwer, Listen oder Informationsblätter schnell wiederzufinden. Das wird jetzt etwas systematischer. Dann werde ich schon bald auf die Straße gehen zu unseren Verkäufern und Probleme ansprechen und versuchen, Konflikte zu entschärfen, wenn es welche gibt.

Gibt es derzeit konkrete Probleme?

Wir hören von ein bisschen Wildwuchs, einige sollen die Zeitschrift der Straße ohne Ausweis verkaufen. Diejenigen werde ich ansprechen und ihnen etwas strenger sagen: So geht es nicht! Ob wir es dadurch in den Griff kriegen, muss man sehen.

Wie bist du zur Zeitschrift der Straße gekommen?

Als ich 2016 erfuhr, dass ehrenamtliche Helfer für das Vertriebsteam gesucht wurden, habe ich hier angefangen und ein, zwei Tage pro Woche die Zeitschriften an die Verkäufer ausgegeben, mit ihnen geklönt und so weiter. Das macht mir viel Spaß, und als dann die bezahlte Stelle ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben.

Und die Jahre davor?

Tja, wo soll ich anfangen? Die letzten drei Jahre habe ich nicht gearbeitet, davor war ich fünf Jahre lang Koordinatorin in der Behindertenhilfe des Martinsclubs. Davor wiederum habe ich etwas ganz anderes gemacht: Ich war 17 Jahre lang bei einer Bank beschäftigt. Und gelernt habe ich nach der Schule Zahnarzthelferin – so kommt man zur Zeitschrift der Straße! Zwischen meinen beruflichen Stationen habe ich mich viele Jahre ganz der Familie gewidmet. Länger als ursprünglich geplant, denn unser Sohn ist im Alter von vier Jahren schwer erkrankt. Ich habe ihn dann 17 Jahre lang gepflegt, vor drei Jahren ist er gestorben. Nach einer Auszeit habe ich mir gesagt: Jetzt orientiere ich mich noch einmal neu – und habe die Zeitschrift der Straße gefunden. Das ist genau das, was ich machen möchte!

Fragen: Philipp Jarke
Foto: privat

#45 HUMBOLDTSTRASSE

EDITORIAL: ETWAS TEURER, NOCH ERLESENER

Schön, dass Sie sich eine Zeitschrift der Straße gekauft haben! Vielleicht haben Sie dabei gestutzt: Unser Magazin ist etwas teurer geworden. Und nicht dicker. Aber wir können Ihnen das erklären! Tun wir natürlich auch, in aller gebotenen Ausführlichkeit: auf den Seiten 28 und 29.

Dafür bekommen Sie jetzt ein paar Geschichten aus der Humboldtstraße, die Sie sonst noch nirgendwo gelesen haben! Zum Beispiel haben wir einen wunderbaren Künstler entdeckt, der dort sein Atelier hat, aber völlig zu Unrecht noch nie irgendwo ausgestellt wurde: Fabian Schulze (Seite 14). Außerdem haben wir uns in der Friedensgemeinde mit einem Iraner getroffen, der in seiner alten Heimat vom Tod bedroht ist – weil er Bibelkurse besucht. Jetzt hat er erstmals mit einer Journalistin gesprochen (Seite 24). Schon früher wurden AnwohnerInnen der Humboldtstraße verfolgt. Die Stolpersteine erinnern deshalb an sie. Aber wer waren diese Menschen eigentlich? (Seite 20).

Weil diese Ausgabe im Viertel spielt, ist auch seine Gentrifizierung ein Thema für uns – also die schleichende Verdrängung einkommensschwächerer BewohnerInnen durch die Aufwertung der östlichen Vorstadt (Seite 8). Und dann klären wir noch die Frage, was die Menschen dort bewegt, wenn vor ihrer Haustüre plötzlich die Straße aufgerissen wird (Seite 12).

Viel Vergnügen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt

08    Auf Dauer wie eine Vertreibung

Hohe Mieten drängen Normalverdiener aus dem Viertel

12    Meine Straße, mein Stolz

Zwei AnwohnerInnen kämpfen gegen den Asphalt vor ihrer Haustür

14    Fotostrecke

Filigrane Kunst

20    Steine, die an Leben erinnern

In der Humboldtstraße liegen neun Stolpersteine. Jeder von ihnen steht für eine einzigartige Biografie

24    Der Traum des Pastors (online lesen)

Wer in den Bibelkreis der Friedensgemeinde kommt, dem droht zu Hause im Iran der Tod

26 Hauptsache Werder

Auch für Fußball ist in der Friedensgemeinde Platz. Der Glaube an Gott ist dabei nicht so wichtig

28 Warum wir teurer werden (online lesen)

Die Zeitschrift der Straße kostet nun 2,50 Euro. Das hilft den VerkäuferInnen – und schafft einen Job

 

Hintergrundfoto: Alain Rouiller/flickr.com

WARUM WIR TEURER WERDEN

Die Zeitschrift der Straße kostet jetzt 50 Cent mehr. Das hilft den VerkäuferInnen auf der Straße – und schafft einen neuen Arbeitsplatz

 

Sie haben es gemerkt: Die Zeitschrift der Straße ist 50 Cent teurer geworden. Seit Bremens Straßenmagazin vor genau sechs Jahren erstmals erschien, ist dies die erste Preiserhöhung. In der Zwischenzeit ist vieles teurer geworden: Heute kriegen Sie für 2,50 Euro einen großen Kaffee bei McDonald’s oder ein Beck’s in der Kneipe an der Ecke. Das Einzelticket für Bus oder Straßenbahn kostet mit 2,75 Euro mittlerweile schon mehr als die Zeitschrift der Straße. Für ein Micky-Maus-Heft zahlen Sie 3,50 Euro und für ein Päckchen Zigaretten im Schnitt 5,80 Euro.

Der Grund für den höheren Preis der Zeitschrift der Straße sind aber nicht etwa höhere Redaktions-, Papier-, Druck- oder Lagerkosten, denn die sind, pro Heft gerechnet, sogar leicht gefallen – weil die verkaufte Auflage gestiegen ist. Und Verwaltungskosten haben wir ohnehin fast keine.

Vielmehr haben wir den Preis erhöht, um der sozialen Mission der Zeitschrift der Straße besser gerecht zu werden. Vom neuen Verkaufspreis von 2,50 Euro bekommen die VerkäuferInnen künftig 1,30 Euro, also 20 Cent mehr als bisher. Damit möchten wir den Straßenverkauf ein bisschen lohnender machen, der eine mühsame, körperlich anstrengende und oft frustrierende Arbeit ist. Die Betonung liegt auf Arbeit. Das ist uns wichtig. Um auf den neuen gesetzlichen Mindest­stunden­lohn von 8,84 Euro zu kommen, müssen die Straßen­verkäuferInnen durch die Preiserhöhung künftig nicht mehr acht, sondern weniger als sieben Hefte pro Stunde verkaufen. Realistisch ist das für die meisten noch immer nicht, denn das entspricht einem verkauften Heft alle neun Minuten. Doch mit dem Trinkgeld, das viele Menschen den VerkäuferInnen zusätzlich in die Hand drücken, können sie sich dem gesetzlichen Mindestlohn zumindest nähern.

Die übrigen 30 Cent aus der Preiserhöhung verwenden wir zur Finanzierung einer halben Stelle, mit der wir die Betreuung unserer rund 80 VerkäuferInnen auf der Straße verbessern wollen. Wenn auch weiterhin mindestens 75.000 Hefte im Jahr verkauft werden, dann reichen die zusätzlichen Einnahmen von 22.500 Euro knapp aus, um daraus die halbe Stelle zu bezahlen.

Im Vertrauen darauf, dass Ihnen die Zeitschrift der Straße auch 2,50 Euro wert ist, worin uns eine Umfrage unter den LeserInnen im letzten Sommer bestärkt hat, haben wir die halbe Stelle bereits zum 1. Januar besetzt. Petra Kettler ist nun die erste Angestellte der Zeitschrift der Straße – nach sechs Jahren! Ihre Aufgabe ist es unter anderem, VerkäuferInnen an ihren Standorten aufzusuchen, dort auch mit Laden­inhaberInnen zu sprechen, Konflikte zu lösen und für ein gutes Miteinander zu sorgen. Petra Kettler verstärkt außerdem das 16-köpfige, bisher rein ehren­amt­liche Vertriebsteam, das Tag für Tag das Büro am Laufen hält, Hefte ausgibt, Geld einsammelt, Abrechnungen erstellt und für die VerkäuferInnen immer warmen Kaffee und ein offenes Ohr bereithält.

Abschließend haben wir noch eine kleine Bitte an Sie: Die Preiserhöhung hat manche unserer VerkäuferInnen sehr verunsichert. Sie befürchten nämlich, nun weniger Hefte zu verkaufen als bisher – und auch den Verlust von Trinkgeld. Das Leben hat vielen von ihnen allen Grund gegeben, misstrauisch und verunsichert zu sein. Zeigen Sie ihnen deshalb jetzt umso deutlicher Ihre Solidarität, indem Sie die Zeitschrift der Straße regelmäßig kaufen.

Text und Abbildung: Michael Vogel

DER TRAUM DES PASTORS

#45 HUMBOLDTSTRASSE – Wer in den Bibelkreis in der Friedensgemeinde kommt, dem droht zu Hause im Iran der Tod. Reza Yazdi zum Beispiel

 

Reza Yazdi (Name von der Redaktion geändert) kommt aus dem Iran und ist überzeugter Christ. Zurückkehren kann er nicht. Denn er hat sich taufen lassen. Wer Muslim war und zum Christentum konvertiert ist, dem droht im Iran die Todesstrafe. Seit über einem Jahr lebt Yazdi nun in Deutschland. Er hofft, dass er seine Familie nachholen kann. Und darauf, dass ihn im Iran niemand mit christlichen Aktivitäten in Zusammenhang bringt. Ansonsten würden seine Verwandten und Freunde verfolgt, sagt Yazdi. Deshalb redet er auch nicht über sein Engagement im Iran. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er erwähnt nur kurz, dass er an einer iranischen Universität mit anderen christlichen Studierenden entdeckt wurde. Mehr könne er nicht sagen.

Es ist das erste Mal überhaupt mit der Presse spricht. „Es gab schon viele Anfragen von Journalisten“, sagt Pastor Bernd Klingbeil-Jahr von der Friedensgemeinde, aber Reza Yazdi wollte nie mit ihnen reden, bis heute. Die Gemeinde bietet einen Bibelkreis für iranische ChristInnen an. Auch Reza Yazdi geht dorthin. Wir dürfen nicht mit rein. Ungefähr 30 Personen sitzen an den Tischen im Café Pax verteilt und lauschen aufmerksam der Pastorin Ulrike Hardow. Alle wollen anonym bleiben: Die Angst vor Verfolgung ist groß.

Reza Yazdi ist Ende 20, sein Händedruck warm, Schädel und Gesicht sind frisch rasiert. Er lächelt, sucht bestimmt und freundlich den Blickkontakt. Nichts ist davon zu spüren, dass er seine Familie im Iran zurücklassen musste. „Du kannst als Christ deinen Glauben heimlich im Iran praktizieren“, sagt Yazdi, „aber du hast immer Angst. Du kannst auf keinen Fall konvertieren.“ Ein weicher, rollender Akzent mischt sich in sein nahezu makelloses Deutsch. In nur einem Jahr hat er das nötige Sprachniveau für eine Ausbildung absolviert. Er arbeitet heute in einem IT-Unternehmen.

Schon früh kam er mit dem Christentum in Berührung. Die Staatsreligion des Islam war dabei kein schwerwiegendes Hindernis, auch wenn seine Eltern Muslime sind. Denn sie sind – wie die Mehrheit der Muslime im Iran – sehr liberal: Sie trinken Alkohol und gehen fast nie in die Moschee. Dazu ist ihnen der Koran eher ein Rätsel: „Viele Iraner verstehen den Koran überhaupt nicht, weil er auf Arabisch ist“, sagt Yazdi – und im Iran spricht man Farsi. Seine Mutter verstehe nicht einmal die Suren, die sie betet. „Es gibt den Islam im Iran, aber es nicht klar, was das ist.“ Für seine Eltern sei es wohl eher eine gängige Ethik, mit der sie aufgewachsen sind, als ein überzeugter Glaube. Vielleicht gerade deshalb verunsicherte sie das Interesse ihres Sohns für das Christentum. „Am Anfang hatten wir viele Diskussionen“, sagt er.

Am Christentum faszinierte Yazdi besonders Jesus: „Ich habe in Jesus den gefunden, dem ich nachfolgen möchte. Das ist mein Herzgefühl. Jesus war sehr liberal, er hat die Gesellschaft nicht getrennt. Er hat immer über Vergebung gesprochen. Das brauchen wir eigentlich in meinem Land. Wenn du jemanden im Iran tötest, wirst du auch getötet. Dort geht es um Rache. Vergeben und ein gutes Herz haben, das sind die Themen, die kannst du im Islam nicht so deutlich finden“, sagt er. Schon im Iran hat er viel zum Christentum gelesen – soweit es ging. Damit war er nicht allein. „Viele im Iran wussten einiges über das Christentum“, sagt Yazdi. In Bremen seien viele jedoch Anfänger und hätten keine Nachweise über ihre christliche Glaubenspraxis in ihrem Herkunftsland.

Genau aus diesem Grund stehen iranische ChristInnen in Deutschland häufig unter einem Generalverdacht: Sie könnten ja einfach zum Christentum konvertieren, um ein solides Abschiebehindernis zu schaffen. Denn ChristInnen darf Deutschland nicht in den Iran abschieben. Und zur Taufe gehört nicht viel: Man muss sich nur in einer christlichen Gemeinde anmelden, an der Taufzeremonie teilnehmen. Schon ist man Christ.

Doch das reicht den deutschen Gerichten nicht mehr. Mittlerweile müssen IranerInnen hieb- und stichfeste Beweise für ihren Glauben erbringen, sagt Pastor Klingbeil-Jahr. Unter anderem dafür gibt es den Bibelkreis der Friedensgemeinde im Viertel. Am Ende des Kurses stellt Klingbeil-Jahr bei Bedarf eine Art Teilnahmebestätigung aus. Bei neuen ChristInnen wie Reza Yazdi verfasst er auch mal einen Brief für die Behörden und bestätigt sein ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde.

Bereits 200 IranerInnen wurden in den vergangenen zwei Jahren in der Friedensgemeinde getauft. Die Entscheidung dazu würde jedoch im Bibelkreis sorgfältig vorbereitet, sagt der Pastor. Er versucht in dem Kurs, sensibel auf die TeilnehmerInnen und ihre Hintergründe einzugehen. Dafür behandelt er auch Bibelpassagen, in denen es um Flucht und Vertreibung geht. Und davon gibt es viele. Auch in der Weihnachtsgeschichte: „Gott zeigt sich in Jesus, einem schutzlosen Kind, dessen Eltern geflüchtet sind“, sagt der Pastor. „Es ist eure Geschichte!“, sagt er den IranerInnen. „Aber das verwundert viele“, erzählt er. Denn häufig wäre Gott für die iranischen Geflüchteten eher ein zorniger alter Mann mit Rauschebart. Ob dieses Bild aus dem Islam komme? „Nein, das ist Hollywood“, sagt Klingbeil-Jahr.

Generell seien die IranerInnen im wöchentlichen Bibelkurs recht diskussionsfreudig, sagt der Pastor. Reza Yazdi übersetzt dort und manchmal auch im Gottesdienst. Während unseres Gesprächs schaut er immer wieder unruhig durch die Glastür, hinüber zu seinem Bibelkreis: „Die Leute warten auf mich“, sagt er, lächelt – und verabschiedet sich. Gearbeitet wird zweisprachig, mit schwarzen, gebundenen Bibelausgaben in Farsi. Für den Pastor geht es in der christlichen Exegese der Texte stets auch um Freiheit und tolerantes Zusammenleben. Sein Gesicht nimmt einen träumerischen Ausdruck an: „Schon in der Bibel heißt es, dass einst im neuen Jerusalem Menschen aller Sprachen und Herkünfte friedlich zusammenleben werden.“

Das funktioniert auch im Viertel nicht immer. Neben Bernd Klingbeil-Jahr hängt das Plakat der Theatervorstellung der „10 Gebote“, die 2003 in der Friedensgemeinde stattfand. Damals demonstrierten Menschen vor der Kirche gegen das Stück über einen dunkelhäutigen Flüchtling, der in Deutschland Schutz sucht. Die Aufführung fand unter Polizeischutz statt, wie auch die im vergangenen November aufgeführte „Messe für den Frieden“ mit einem Muezzin.

Vorher bekam der Pastor rund hundert Droh-Mails.

Text: Eva Przybyla
Foto: Hartmuth Bendig

 

DIESES VERDAMMTE WOCHENENDGEFÜHL

Freitagnachmittag. Das Wochenende steht bevor. Für Unzählige das rettende Ufer nach einer strapaziösen Arbeitswoche. Sie alle arbeiten auf das Wochenende hin. Unternehmungslust oder Ruhezeit stehen auf dem Plan.

Obdachlose sind in der Woche auch eher rastlos, versuchen durchzukommen, eine ebenso stressige Woche, aber nicht unbedingt mit der Hoffnung verbunden, ein tolles Wochenende zu haben. Wochenende bedeutet für sie oft Leere: eine trostlose, fast menschenleere Bremer Innenstadt, unterbrochen nur vom Lärm der Discothekenbesucher am Wochenende. Man muss die Zeit rumbringen, irgendwie diesen Wochenendtrip wieder überstehen. Und für einige der Betroffenen endet das Wochenende im Vollrausch, um zu vergessen.

Das Wochenende auf der Straße zeigt sich oft monoton, doch nicht nur das.

„Du ahnst, es war nicht das letzte Wochenende auf der Straße. Unzählige werden folgen. Wieder alles auf Null. Am liebsten das Wochenende überspringen, beiseiteschieben, um direkt zum Montagmorgen zu kommen, denkst du.“

Diese Gefühle kennen viele Obdachlose. Irgendwann am Wochenende erfasst es jeden. Das melancholische Loch ist vor allem auf der Straße tief. Menschen, die dort leben, haben keine räumliche Ausweichmöglichkeit, keinen emotionalen Fluchttunnel. Überempfindlichkeit wechselt mit Unempfindlichkeit.

„Du brauchst Härte auf der Straße. Vor allem zu dir selbst. Manchmal auch zur Gemeinschaft, die dich umgibt.  Immer stark sein ist die einzige Devise, die dich durchbringt. Das ist keine Floskel. Du musst lernen, Stimmungslagen überspielen und wegdrücken zu können. Gute Miene zum bösen Spiel unter den Bedingungen draußen.“

Gegen Einsamkeit und Leere entwickeln Obdachlose unterschiedliche Strategien. Ronny († 2016) beispielsweise, langjähriger Verkäufer der Zeitschrift der Straße, zeichnete Unterhaltungen auf.

„Die letzten Gespräche mit Freunden oder netten Leuten auf der Straße festhalten. Die Dialoge immer wieder vorspielen, wieder anhören. Auch wenn es nur kurze Sequenzen sind. Das hilft, hält die Verbindung mit der Außenwelt aufrecht. Überbrückt das eine oder andere Stimmungstief.“

Dieses Rezept geht aber nicht immer auf. Es gibt auch viele, die haben für sich gedanklich schon den Strick geknüpft. Haben schon Abschied genommen. Bei vielen blieb und bleibt es glücklicherweise nur beim Gedankenspiel. Dennoch, Wochenenden und Feiertage stellen für Menschen auf der Straße eine besondere Selbstgefährdung dar.

„Die Straße verändert dich. Wochenende um Wochenende. Nicht zum Guten.“

 

Text: Reinhard „Cäsar“ Spöring nach einem Gespräch mit unserem Straßenverkäufer Ronny († 2016; siehe Ausgabe #42)
Bild: blxentro/flickr.com (nachbearbeitet)