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KRISE

Andreas Kuhlmann, Verkäufer der Zeitschrift der Straße

Andreas Kuhlmann, Verkäufer der Zeitschrift der Straße

Zurzeit läuft so einiges schief bei mir: Ich wurde angegriffen, meine Wohnung macht mich fertig und es gibt immer häufiger Streit um Verkaufsstandorte. Am Edeka am Dobben kam neulich ein Mann, den ich nur flüchtig kannte, auf mich zugestürmt und prügelte auf mich ein. Einige Kunden haben mir geholfen, den Kerl abzudrängen und zu vertreiben. Mir ist zum Glück nicht viel passiert, aber was macht so ein Vorfall denn für einen Eindruck auf die Kunden und Mitarbeiter des Supermarkts? Ich bin jedenfalls heilfroh, dass ich weiter dort stehen und verkaufen darf.

Komm ich dann aber nach Hause, geht meine Stimmung in den Keller. Ich muss aus dieser Wohnung raus. Das habe ich schon häufig gesagt, aber jetzt ist wirklich Schluss. Es geht dabei gar nicht um die Wohnung an sich – die ist ganz Ordnung. Aber es ist der schlechte „Geist“, der mich fertig macht. Ich bin in der Wohnung schließlich rückfällig geworden. Und das zieht mich immer wieder runter.

Ich werde die Wohnung jetzt kündigen und zur Not auch wieder im Papageienhaus oder einer ähnlichen Einrichtung einziehen. Und dann von dort aus einen Neustart machen.

Und dann habe ich immer wieder mit Standortproblemen zu kämpfen. Verkaufsstellen, die ich mir über Wochen und Monate aufgebaut habe, werden mir von Kollegen streitig gemacht. Komme ich mal etwas später als gewöhnlich, steht schon jemand anderes da. Ich möchte ja gar nicht die besonders guten Standorte für mich allein haben – darum verkaufe ich ja an jedem Wochentag an einem anderen Ort. Aber ich erwarte von meinen Kollegen, dass wir uns untereinander absprechen, wer an welchem Tag wo verkauft, und dass das dann auch eingehalten wird. Sonst macht der Verkauf einfach keinen Spaß mehr.

Trotz allem bin ich immer noch am Ball, stehe verlässlich an meinen Standorten (wenn man mich lässt), und habe immer noch viele nette Begegnungen mit Lauf- und Stammkundschaft. Was mir sehr hilft, den Frust, der sich mitunter einstellt, zu vergessen.

Neulich konnte ich jemandem eine ganz besondere Freude machen. Ich stand mit meinen Zeitungen vor der Stadtbibliothek, als ein junger Kerl, offenbar aus einem anderen Land, auf mich zukam und wissen wollte, was ich da in der Hand hätte. Das sind Straßenzeitungen, sagte ich. Kosten die was?, fragte er mich. 2 Euro, meinte ich. Da sah er mich traurig an, denn er hatte kein Geld. Er drehte sich schon um und wollte gehen, da tipp ich ihm auf die Schulter und drücke ihm einen neuen Kalender in die Hand, den ich zufällig bei mir hatte. Aber ich habe doch kein Geld, sagte der andere. Ist für dich, ein Geschenk!, sagte ich. Da riss der Kerl die Arme hoch, lachte und tanzte fast schon vor Freude. Und damit hat er dann auch mir wiederum eine Riesenfreude gemacht!

Es gibt also auch schöne Momente, und jetzt sind auch wieder die richtigen Temperaturen, um wieder andere Sachen anzugehen: Schon bald werde ich im Schnoor als Heini Holtenbeen unterwegs sein. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

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