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VON LERNPROJEKT ZU LERNPROJEKT

Nachdem sie in der Zeitschrift der Straße von der Reihersiedlung gelesen hatten, entwickelten Studierende aus Oldenburg eigene Konzepte für die Schlichtbauten

Viele Menschen machen sich derzeit Gedanken über die Zukunft der Reihersiedlung, einem Ensemble von Schlichtbauten in Bremen-Oslebshausen. Nur die Vonovia nicht so richtig – der sie aber gehören. Nachdem die Zeitschrift der Straße der Reihersiedlung im vergangenen April eine eigene Ausgabe gewidmet hatte, haben nun zehn studentische Teams der Jade-Hochschule aus Oldenburg städtebauliche Entwürfe zur Zukunft der Siedlung entwickelt: ein Lernprojekt bringt ein Lernprojekt hervor. Die Ergebnisse sind bis Ende Februar in der Stadtteilbibliothek West in Gröpelingen zu sehen.

„Es geht nicht darum, Lösungen zu finden“, sagt Hartmut Stechow, Professor für Städtebau an der Jade-Hochschule, der für seine Studierenden einen professionellen Wettbewerb mit Fachjury und Geldpreisen organisiert hatte. Er will Ideen für soziale Stadtentwicklung ausarbeiten. In der Reihersiedlung gab es ursprünglich 52 Wohnungen, doch ein Großteil steht mittlerweile leer. Wer hier noch in einem der Häuschen lebt, hat noch einen Holzofen, dafür zahlt er für knapp 40 Quadratmeter aber auch nur 170 Euro Kaltmiete. Die BewohnerInnen haben allesamt nur wenig Geld zum Leben, sind aber auch mit wenig Komfort zufrieden. Der Politik gelten sie zumeist als „nicht geschosswohnungsfähig“ und eine Sanierung ihrer Häuschen der Vonovia als „wirtschaftlich nicht darstellbar“. Noch immer ist Zukunft der Reihersiedlung offen – obwohl auch im Bremer Westen mancher in den vergangenen Monaten Pläne für sie gemacht hat. Keiner von ihnen wurde bisher umgesetzt. Für die Studierenden bedeute das, sie könnten „offener und leidenschaftlicher“ planen, so Stechow, zugleich sei ihr Lernprojekt „nicht so abstrakt“. Es ist die Chance, sich eine realitätsnahe Utopie auszudenken – und das schon im 5. Semester, im allerersten städtebaulichen Entwurf des Studiums.

Den meisten Entwürfen ist gemein, dass sie jedenfalls einen Teil der bestehenden Häuser erhalten wollen und Wohnungen nicht nur für die aktuellen BewohnerInnen, sondern auch für SeniorInnen, Studierende, Familien und Wohngemeinschaften bauen wollen. In der Regel wird niedrig und flach gebaut, ein Entwurf plant eine „Wasserstadt“, denn: „Wer am Wasser lebt, ist glücklicher“. Dazu gibt es stets allerlei Gemeinschaftsanlagen, mal mehr, mal weniger Grün, dazu Raum für Gewerbe – und oft sehr viel Parkplätze, obwohl kaum einer der derzeitigen BewohnerInnen ein Auto hat.

Gewonnen hat den Wettbewerb ein Entwurf von Kim-Nadine Bahr, Leah Weimer und Fabian Fritsche, der als einziger eher hoch- als städtebaulich denkt. Er plant mit 44 Wohneinheiten in „ortstypischem Klinker“ – 28 Einzelappartments mit je 42 Quadratmetern, dazu acht Häusern für WGs, die doppelt so groß sind sowie für Familien, die vier Mal so groß sind. Es gibt verkehrsberuhigte Bereiche und hinten, an der Bahn, etwas Platz für Gewerbe – Werkstätten, einzelne Büros, Werkstätten. Auf Platz zwei rangiert das Konzept „Gemeinschaft durch Grün“, das neben 56 Wohnungen für unterschiedliches Klientel auch Gewächshäuser, Gemüsebeete und Obstgärten für die Selbstversorgung vorsieht, aber auch einen Grillplatz, Outdoor-Fitnessanlagen und selbst organisiertes Café. Auch hier bliebe ein Teil der derzeitigen Schlichtbauten bestehen. Im drittplazierten Entwurf gibt es neben den Wohn-Appartments einen Tante-Emma-Laden, eine Bäckerei, eine Kita und einen Arzt, dazu Raum für Gemeinschschaft und für Sport. Und wer mehr Lärm abbekommt, weil er näher an der Bahn wohnt, bekommt dafür besseren Lärmschutz, so die Idee. „Die Menschen dort haben keine hohen Ansprüche“, sagt eine der Studentinnen, „aber sie fühlen sich nicht als Teil der Gemeinschaft“. Mit Hilfe von besserer Infrastruktur wollen sie die BewohnerInnen integrieren, aber auch neue anlocken.

Leah Weimer vom Gewinnerteam mit Bau-Unternehmer Thomas Stefes

Mit zur Jury gehörte auch der Bau-Unternehmer und Projektentwickler Thomas Stefes, der die Reihersiedlung selbst „komplettsanieren“ wollte, wie er sagt. Es sollte „keine Luxussanierung“ werden, aber die Häuser energetisch und bauphysikalisch „auf die Höhe der Zeit“ bringen, wie er sagt. Er wollte „den Menschen eine Chance geben“, sagt er – und kalkulierte nach eigenen Angaben mit Mieten von fünf bis sechs Eure pro Quadratmeter. Das ist zumindest weniger als jene 6,50 Euro, die üblicherweise für Sozialwohnungen gelten. Seine Idee, sagt Stefes, sei aber am Widerstand der Vonovia gescheitert. Den Studierenden ruft er zu: „Lassen Sie sich in ihren Ideen nicht demotivieren“.

Auch die Nachbarn aus der Tucholskystrasse wollen Konzepte für die Be- und AnwohnerInnen entwickeln, wie sie in einem offenen Brief schreiben, und zwar schon „seit mehr als einem Jahr“  – ihr Ziel: die „unhaltbaren und zum Teil menschenunwürdigen Unterbringungszustände“ in der Reihersiedlung zu beenden. Wobei die BewohnerInnen ihre Häuser durchaus nicht  menschenunwürdig finden. Von der Zeitschrift der Straße danach gefragt, antwortete eine von ihnen: „Gar nicht! Die kennen das nicht, und die haben auch einen ganz anderen Lebensstandard als unsereiner“.

Die Nachbarn fürchten, dass die Vonovia neue Leute in die leer stehenden Schlichtbauten ziehen lässt, etwa durch Zuzüge aus den beiden anderen Schlichtbau-Siedlungen der Vonovia, deren Abriss schon fest steht. „Die Strategie, sozial schwierig zu integrierende Menschen über Stadteilgrenzen hinweg zu gettoisieren um andere Bremer Immobilien der Vonovia aufzuwerten, verschärft das soziale und materielle Problem für den Stadtteil Oslebshauen“, schreiben die NachbarInnen, die beklagen, dass der Wohnungsbau-Konzern sie „abblockt“. Zugleich betonen sie, dass sie die derzeitigen BewohnerInnen der Reihersiedlung „nicht wegsiedeln“ wollten. Eine Sanierung der Schlichtbauten macht aus ihrer Sicht indes „keinen Sinn“.

Die Vonovia wolle sich zwar „langfristig“ von der Reihersiedlung trennen, erklärte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage – das wollte der Wohnungsbaukonzern aber auch schon vor einem Jahr. Man sei „im Gespräch“ und führe Verhandlungen, habe aber „noch keinen passenden Partner“ gefunden, heißt es. In Eile ist die Vonovia nicht, vielmehr will sie sich zunächst um ihre beiden anderen Schlichtbau-Siedlungen in Bremen kümmern, die Neubauten weichen müssen. Ein Abriss der Reihersiedlung sei nicht geplant, so die Vonovia, weitere Zuzüge aber auch nicht. Es bleibt also alles offen.

Die Ausstellung ist bis 28. Februar in der Stadteilbibliothek West (Lindenhofstraße 53) zu sehen.

Text & Fotos: Jan Zier

WEHE, WENN ICH WIRKLICH MAL GEWINNE

#55 PAPPELSTRASSE: Die Pappelstraße ist ein Hotspot des Glücksspiels. Und die Branche lebt gut von der Sucht. Eine Annäherung im Selbstversuch

 

Samstagnacht, Tequila-Bar, Werder hat gewonnen. Durch Schwaden von Nikotin, an vielen Menschen vorbei, fällt mein Blick auf diese lachende Sonne. Sie zwinkert mich an. Die Animation wechselt, „Eye of Horus“ leuchtet in goldener Schrift. Ich habe einige Bier intus, dazu einen Jägermeister; meine Freunde sind schon gegangen. Ich denke an mein Portemonnaie, versuche, mich an das Kleingeld zu erinnern. Zwei Euro waren es, vielleicht drei. In Gedanken habe ich die Münzen schon in meinen Fingern, sehe meine Hand zum Einwurf wandern. Woher kommt dieses Verlangen, diese unheimliche Anziehungskraft der Glücksspielautomaten?

Münze um Münze, Schein um Schein frisst der Automat das Geld – um einige, wenige Glücksmomente zu erschaffen. Dutzende dieser Maschinen finden sich an der Pappelstraße, verborgen in Räumen, die weder Nacht noch Tag kennen. Spielotheken haben weder Fenster noch Uhren und Getränke gibt es frei Haus. Es läuft keine Musik, nicht einmal Radio. Das Klimpern der Automaten kreiert eine ganz eigene Melodie. Auch das ist die Pappelstraße: ein Hotspot des Glücksspiels. Zwei Spielotheken finden sich hier, zwei weitere nur einen Katzensprung entfernt.

Will man verstehen, welche Dimensionen dieses Glücksspiel hierzulande hat, lohnt ein Blick in das „Jahrbuch Sucht“, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen jährlich herausgibt: 2015 wurden deutsche Geldspielautomaten mit 25 Milliarden Euro gefüttert. Zieht man die Auszahlungen der Gewinne ab, bleibt am Ende immer noch ein Bruttospielertrag von 5,8 Milliarden. Zum Vergleich: Die 18 Clubs der ersten Fußball-Bundesliga erwirtschafteten in der Saison 2015/2016 gemeinsam einen Umsatz von gerade einmal 3,2 Milliarden Euro.

„Die Sucht ist nur eine Armlänge entfernt“, sagt Karl Schmidt. Er kennt die Sogkraft der leuchtenden Automaten, muss ihr jeden Tag aufs Neue widerstehen. Ich treffe ihn in einer Selbsthilfegruppe, den „Gamblers Anonymus“, im Gemeindezentrum St. Pauli. Karl Schmidt heißt in Wirklichkeit anders, seine Geschichte aber ist real. „Am Hafen hab ich aus Langeweile zum ersten Mal einen Automaten mit zwei Mark gefüttert“, erinnert sich der Rentner. Gut 50 Jahre ist das nun her. „Plötzlich blinkte das Ding und machte viel Lärm, Hafenarbeiter kamen und sagten: ‚Jetzt musst du mehr reinstecken!‘“ Nach einigen Minuten verlässt Karl Schmidt den Automaten mit 160 Mark. „Ich war Auszubildender und hatte meine Ehe gleich mit einem Kind begonnen. Das war viel Geld.“ Das junge Paar feiert ausgelassen.

Was dann folgte, sei die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen. Er verschränkt seine Finger und drückt die Daumen so fest gegeneinander, immer wieder, dass die Kuppen ganz blass werden. „18 Jahre hab ich meine Frau und Kinder belogen. Wie oft saß ich im Auto, nur um mich an die letzte Ausrede zu erinnern, damit die Geschichten zusammenpassen“, sagt Schmidt. Er spielt bis zum Bankrott und darüber hinaus, nimmt Kredite bei mehreren Banken auf, wird kriminell. Seine Situation wird immer verzweifelter. „Einen Samstag schickt mich meine Frau zum Brötchenholen, aber ich wusste überhaupt nicht, woher ich das Geld nehmen sollte.“

Durch eine Radiosendung wird er auf eine Selbsthilfegruppe aufmerksam. „Ich hab mir gesagt, entweder ich geh da jetzt hin, oder ich fahr gegen ne Brücke.“ Er schafft den Schritt in die Gruppe, sie wird zu seiner Rettung. Nun ist er gut 30 Jahre „trocken“. Wie Alkoholiker beschreiben auch Spieler mit diesem Wort ihre Zeit ohne Suchtmittel.

Mediziner bezeichnen Karl Schmidt als „pathologische Spieler“, als Menschen mit krankhaftem Suchtverhalten. In Studien wird oft auch die Kategorie „problematisches Spielverhalten“ angeführt. Diese Spieler gelten noch nicht als süchtig, aber als stark gefährdet. Eine repräsentative Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2016 ergab, dass 0,8 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen zumindest ein problematisches Spielverhalten haben. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl der Stadt Bremen bedeutet das: Hier leben etwa 4.400 Menschen, die durch Glücksspiel akut suchtgefährdet sind.

Ein bundesweit gefragter Experte zu diesem Thema ist Professor Gerhard Meyer, der Leiter der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht an der Universität Bremen. Er kann die Suchtgefahr, die von Geldspielautomaten ausgeht, noch mit einer weiteren Zahl untermauern. „Wir wissen aus einer Studie der BZgA aus dem Jahr 2015, dass 13 Prozent der Automatenspieler zumindest ein problematisches Spielverhalten zeigen. Beim Lotto waren es hingegen nur 1,9 Prozent.“ Ursache sei die schnelle Abfolge der Spielvorgänge. Während der Lottospieler ein oder zwei Mal pro Woche spiele, werde der Automatenspieler im Sekundentakt mit Gewinn und Verlust konfrontiert. So entstehe ein höheres Suchtpotenzial.

Im „Jahrbuch Sucht“ zieht Meyer eine Verbindung zwischen den hohen Umsätzen der Branche und dem hohen Suchtpotenzial. 80 Prozent des Umsatzes an Geldspielgeräten käme aus den Taschen von Süchtigen, die „den Kern des Geschäftsmodells“ darstellten. Er verweist auf die hohen Schulden der pathologischen Spieler. Unter jenen, die sich 2015 in ambulante Behandlung begaben, waren 16,1 Prozent mit 25.000 Euro oder mehr verschuldet. „Es stellt sich die Frage, ob das Geschäftsmodell der Spielhallen ohne süchtige Spieler überhaupt tragfähig wäre“, sagt Meyer.

Während Meyer das große Ganze im Blick hat, ist Sabine Winter dort, wo die Schulden gemacht werden. Sie arbeitet in einer der vier Spielotheken an der Pappelstraße – Vollzeit, 40 Stunden in der Woche. Dass sie hier nur anonym zitiert wird, ist eine Auflage ihres Chefs. Die Inhaber der Spielotheken, sie sind wie Geister. Nach über einem Dutzend Besuchen in insgesamt sechs Spielhallen ist dies der einzige Funken Offenheit: Sabine Winter darf mit uns sprechen, alles andere soll verschleiert bleiben.

In Zeitnot ist die 56-Jährige nicht, als sie es sich auf einem der schwarzen Barhocker bequem macht. In ihrem Rücken spielt eine Stammkundin, ansonsten ist niemand im Laden. Gähnende Leere ist die Regel in dieser Spielhalle – wenn nicht gerade Monatsanfang ist. Auf zahllosen Bildschirmen flimmern die unterschiedlichen Spielvarianten in immer gleichen Animationen. Spieltasten, Münz- und Scheineinwurf schillern in bunten Farben. Ansonsten ist es schummrig bis dunkel, auf einer Skala irgendwo zwischen Kneipe und Disco. „Richtige Spieler meinen, die Automaten zu verstehen“, sagt Winter. „Gleich spuckt er was aus, sagen sie, aber das ist eine Maschine!“

Winter klatscht mit der Hand energisch auf ihr Bein. Dann klimpert der Automat hinter ihr, er will gar nicht mehr aufhören. Ein Schwall an Münzen füllt ein Auffangbecken vor den Füßen der Kundin. Sie hat gewonnen. Doch da ist keine Gefühlsregung, kein Jubeln, kein Aufschrei, gar nichts. Kommentarlos schaufelt die Spielerin die Zwei-Euro-Stücke in eine Art Eisbecher und bringt ihren Gewinn zu Sabine Winter. „Einmal eintauschen?“ Ein kurzes Nicken ersetzt die Antwort. Winter öffnet eine eiserne Klappe neben ihr, die Münzen verschwinden und verwandeln sich in Scheine. 180 Euro. „Bitteschön!“

„Geld, Gewinne – das ist wie eine gute Flasche Wein für einen Alkoholiker“, sagt Thomas Bulmahn. Auch Spieler hätten ein Suchtgedächtnis. Bulmahn ist trockener Spieler. Seit ihn eine Selbsthilfegruppe aus dem letzten Rückfall führte, beteiligt er sich an der Leitung ihrer Treffen, hilft anderen Süchtigen. Der 48-Jährige möchte seine Geschichte unter seinem richtigen Namen erzählen.

Eine Seltenheit, denn viele Süchtige haben große Angst, wiedererkannt zu werden. Auch Bulmahn belog seine Frau, als er vor acht Jahren seinen letzten Rückfall erlebte. „In der Spielhalle bin ich für mich allein und muss niemanden etwas erzählen“, sagt der Vater von drei Kindern. Abtauchen in eine andere Welt, für ein paar Stunden nicht an die vielen Probleme denken, das zog ihn wieder und wieder zu den Automaten. „Egal ob im Beruf oder in der Familie, überall werden Ansprüche an dich gestellt, es entsteht permanenter Leistungsdruck. Die Halle war für mich Erholung.“ Doch der Aufwand, das Spielen geheim zu halten, macht das Leben in der realen Welt noch anstrengender. So steigt der Druck, abgebaut durch die nächste Flucht in die Spielhalle. Ein Teufelskreis entsteht.

Aufgewachsen ist Bulmahn in einer Pflegefamilie. „Es war eine gute Familie, aber ich habe mich nie ganz zugehörig gefühlt. Ich war spürbar anders als meine Pflegegeschwister“, erzählt er. So zieht es ihn schon mit 17 Jahren in die erste eigene Wohnung. „Es war ein Lebensstil, den ich mir als Azubi eigentlich gar nicht leisten konnte“, sagt er. Mit Gewinnen aus den Automaten habe er versucht, das auszugleichen. Eine fatale Idee. Vor dem absoluten Kollaps bewahren ihn seine Pflegeeltern. Sie zahlen zur Not die Miete, übernehmen die Verwaltung seiner Finanzen, zahlen Bulmahn ein Taschengeld. Die Schulden habe er mittlerweile zurückgezahlt, betont Bulmahn.

Über 20 Jahre spielt er, mal mehr, mal weniger. Vor acht Jahren zwingt ihn ein dramatischer Rückfall zum Handeln. „Es stand alles auf dem Spiel: Frau, Kinder, Haus, Job. Ich hatte eine Scheißangst, alles zu verlieren“, sagt Bulmahn. Zunächst geht er in eine Suchttherapie, dann in eine mehrwöchige psychosomatische Therapie. „Da wurde ein Riesenfass aufgemacht, das war traumatisch für mich“, erinnert er sich. Doch er nimmt eine Erkenntnis mit: „Es sind tiefer liegende Probleme, die ich mit dem Spielen kompensiere.“

Auch ich habe inzwischen Geld an Automaten verspielt. Acht Euro. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie es sich anfühlt, 25.000 Euro Schulden zu haben. Wie es sich anfühlt, derartige Summen zu verspielen. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, zu gewinnen. Ich gehe an den zweiten Automaten. Zwei Euro sind innerhalb weniger Minuten verspielt. Ich werfe noch mal zwei Euro in den Automaten, und, was soll’s, noch einen weiteren Euro hinterher. Ich wähle ein Spiel mit einem Fischer. Egal, ob ägyptischer Gott Horus, eine Hexe aus dem Mittelalter, oder eben ein Fischer, das Prinzip ist immer das Gleiche: Triff möglichst viele gleiche Symbole und du gewinnst etwas. Je „besser“ das Symbol, desto höher der Gewinn. Mäßig unterhalten tippe ich immer wieder die Taste, verspiele in Zehn-Cent-Schritten mein Guthaben.

Dann blinken mich drei goldene Symbole an. „Sonderspiel“ erscheint auf dem Bildschirm. Eine Melodie schallt mir entgegen. Was ist das? Jackpot? Impulsiv wippen Hände und Kopf im Takt der Musik. Tatsächlich, bei den Sonderspielen sind die Gewinnchancen viel besser. Nach den Extrarunden zeigt mein Zähler einen Gewinn von 2,90 Euro an – bei zehn Cent Einsatz pro Spiel. Wow! In meinem Kopf beginnt es zu rattern. Hätte ich mit zwei Euro den Maximaleinsatz gewählt, stünden dort nun 58 Euro, der Gegenwert eines sehr guten Abends. Und da geht noch so viel mehr. Sogleich erhöhe ich den Einsatz auf 50 Cent. More risk, more fun!

Es ist dieser kleine Glücksmoment, der sich mit aller Macht in mein Bewusstsein gebohrt hat. All die Tristesse, die diese Automaten umgibt, diese Hürde, die einmal zwischen mir und den Spielotheken war, sie ist verschwunden. Wenige Tage später, in der Tequila-Bar, betrunken und allein, kann ich dieser Erinnerung widerstehen. Diese Teufelswerkzeuge, sie werden mich wohl in Zukunft noch öfter anzwinkern. Und wehe, wenn ich einmal wirklich gewinnen sollte.

Text: Björn Struß
Foto: Lena Möhler

#55 PAPPELSTRASSE

EDITORIAL: VON SPIELERN UND BUNKERN

Wir stellen uns ja sonst nicht so gerne in den Mittelpunkt, aber jetzt müssen wir es doch ganz schnell loswerden: Wir haben Geburtstag! Im Februar 2011 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift der Straße. In der Zwischenzeit wären wir gleich zweimal fast am Ende gewesen, sind nun mit sieben Jahren aber aus dem Gröbsten raus. Und so haben wir auch schon ein Geschenk bekommen: einen Preis, der uns ganz offiziell zu „Alltagshelden“ ernannte. Was es damit genau auf sich hat, lesen Sie ab Seite 28.

Nun wollen wir aber wieder über andere reden! Von den ChinesInnen etwa, die sich in Sichtweite der Pappelstraße treffen, in der Po Shin Tao Teh Association. Sie haben uns zum Essen eingeladen und in das Innere ihres Tempels vorgelassen, wovon wir ab Seite 24 berichten. Ebenfalls lieber fernab der Öffentlichkeit agieren die SpielerInnen, die in den diversen, hier beheimateten Spielotheken ihr Glück suchen. Bei der mühsamen Recherche gerieten wir am Ende auch selbst in Versuchung: Seite 8. Natürlich ist uns auch nicht entgangen, was sich alles in der Pappelstraße so stadtentwickelt. Von einem beispielhaften Projekt rund um den ehemaligen Atombunker erzählen wir ab Seite 20, während sich die – an unsere Wurzeln in der Kunsthochschule anknüpfende – Bildstrecke ab Seite 14 dem Thema aus anderer Warte nähert.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Wehe, wenn ich wirklich mal gewinne! (online lesen)

Die Pappelstraße ist ein Hotspot des Glücksspiels. Ein Selbstversuch

12    Ein vorbildlicher Charakter

Ein Liebesbrief an die Pappelstraße

14    Zwischen innen und außen

Bildstrecke

20    Hohe Pläne

Wie in einem Hochbunkeraus der Nazizeit Wohnungen entstehen sollen

24    Fleischlos glücklich

Ein Besuch im Tempel einer in China verbotenen Religionsgemeinschaft

28    Kaum zu toppen

2017 war ein großartiges Jahr für die Zeitschrift der Straße

30    Sein Herz, kurz angebunden

Marco Lüder lebt auf der Straße und glaubt weiter an sich

 

Foto: Wikimedia/Ludwig Sebastian Micheler

FROHE FESTTAGE

In den turbulenten letzten Wochen seit dem Gewinn des Deutschen Bürgerpreises haben wir uns Mühe gegeben, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren: Weihnachten, Fest der Liebe und Mitmenschlichkeit. Im Mittelpunkt standen auch dieses Jahr wieder unsere rund 80 Verkäuferinnen und Verkäufer, die bei Nässe und Kälte viele Stunden draußen stehen, um die Zeitschrift der Straße anzubieten.

Aus den Händen unseres fürsorglichen Vertriebsteams erhielten sie in den letzten Tagen ihre Weihnachtsgeschenke: warme Mützen, Schals und Handschuhe, wärmende Einlagen für die Schuhe, dazu Süßigkeiten, Tabak und dit un dat. Geld für Weihnachtsgeschenke hatten wir in den Wochen zuvor von großzügigen Spenderinnen und Spendern erhalten (Spenden können wir übrigens auch weiterhin gut gebrauchen; hier geht’s zum Spendenformular).

Die Weihnachtsgeschenke wurden von unserem studentischen Marketing-Team der Hochschule Bremerhaven in einer konzertierten Aktion beschafft und in knallige Rucksäcke verpackt. Und zwar personalisiert, soweit wir besondere Wünsche Einzelner kennen. Damit nichts durcheinander gerät, trug jeder Rucksack eine Verkäufernummer. Nett, gell?

Die Weihnachtsgeschenke für unsere StraßenverkäuferInnen haben nun alle ihre neuen BesitzerInnen gefunden

Schon am 5. Dezember fand die alljährliche gemeinsame Weihnachtsfeier von Redaktion, Vertrieb, Marketing und Leitungsteam statt. Ach, Sie hätten gern mitgefeiert? Kein Thema, Sie müssen sich nur tatkräftig für die Zeitschrift engagieren. Lassen Sie uns darüber reden. Zum Beispiel an der Freiwilligenmesse AKTIVOLI im Bremer Rathaus am 18. Februar.

Bis ins neue Jahr also.  Mit den besten Wünschen vom Team der Zeitschrift der Straße.

 

 

#54 LINIE 1

EDITORIAL: IN BETTEN UND KIRCHEN

Manchmal geben wir unser Heft aus der Hand – und dann passiert so was: Die Zeitschrift der Straße fährt mit der Straßenbahn durch die Stadt. Aus Huchting über die Neustadt rein ins Zentrum, von dort durch Schwachhausen in die Vahr, raus nach Tenever und von dort weiter bis zum Mahndorfer Bahnhof, wo Bremen schließlich wieder zu Ende ist. Die Idee dazu kommt von Benjamin Eichler, der sich schon länger für die Zeitschrift der Straße engagiert als die beiden Redaktionsleiter. Und weil der Immer-noch-Student vor allem ein Fotograf ist, hat diese – seine – Ausgabe auch viel mehr Fotos, als Sie das sonst von unserem Magazin gewohnt sind.

Dafür können Sie mit ihm zusammen in anderer Leute Betten gucken, gleich morgens um acht (Seite 8). Und warten! Nein, vielmehr: diesen ja eher ungeliebten Zustand erkunden und ein paar Menschen treffen, die an den Haltestellen der Linie 1 stehen, bis die Tram kommt (Seite 10). Die wenigsten von ihnen wollen in die Kirche, dabei bietet sich genau das eigentlich an: Entlang der Linie 1 gibt es sehr viele Häuser unterschiedlicher Götter und Religionen, die Benjamin Eichler besucht hat (Seite 14). Selbstverständlich hat er sich auch die eine und andere Nacht für das Projekt um die Ohren gehauen, mit der werktätigen Bevölkerung entlang der Linie 1 (Seite 22), aber auch in all den Kneipen da, zusammen mit seinen FreundInnen (Seite 26).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Zeit zum Aufstehen!

Vier BremerInnen zeigen uns ihre zerwühlten Betten

10    Sitting, waiting, wishing

Was tun die Menschen, wenn sie auf die Bahn warten?

14    Glaubensfragen

Die Linie 1 ist das Verkehrsmittel, das zur Erlösung führt

20    „Das unterscheidet sich ganz krass“.

Benjamin Eichler über Perfektionismus, Religion und andere Fragen des Journalismus

22    Nachtmenschen

Ein Besuch bei Menschen, die arbeiten, während andere schlafen

26    Kulturschock nach dem Regenbogen (online lesen)

Zu fünft durch die Kneipen entlang der Linie 1

30    Die Kälte lässt uns nicht kalt

Die Zeitschrift der Straße und die Innere Mission helfen Obdachlosen durch den Winter

 

Hintergrundfoto: Sølve N.T. Lauvås

KULTURSCHOCK NACH DEM REGENBOGEN

#54 LINIE 1: Zu fünft durch die Kneipen entlang der Linie 1. Eine nächtliche Erkundung, dokumentiert mit Einwegkameras

 

Ich habe meinen guten Freund Piotr eingeladen und dazu noch Lisa, Kim und Sara aus Oldenburg. Unser Ziel: In möglichst vielen Kneipen und Bars an der Linie 1 mindestens ein Bier zu trinken. Dabei immer griffbereit: ein paar analoge Einwegkameras.

Angelockt wie Motten vom Licht, werden wir durch bunte Neonleuchten auf die erste Kneipe aufmerksam. Es geht los! Grell blinkende Spielautomaten, eine dunkel getäfelte Bar und Euro-Dance-Hits aus der Musikbox, hier im „Vahrer Eck“ scheint die Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben zu sein. Unsere erste Amtshandlung hier: ein 10-Euro-Schein, der in die Musikbox wandert. „Wir brauchen was tanzbares“, ruft Lisa und reißt die Arme nach oben. Mit dem Musikwechsel verändert sich auch die Stimmung im Laden. Wurden wir anfangs vom Wirt und seinen beiden, separat sitzenden Gästen, noch misstrauisch beäugt, wirkt er beim Anblick von drei in seiner Kneipe tanzenden Mädels nun wie ausgewechselt. „Was wollt ihr denn trinken?“

      

Die ersten beiden Runden gehen auf uns, die dritte Runde aufs Haus. Wir trinken uns durch die bunte Auswahl von Kurzen. Gelb, blau, rot – ein Regenbogen aus Schnaps, der hilft, mit einem der Gäste ins Gespräch zu kommen. Er sitzt schon den ganzen Abend direkt an der Bar, nippt im Wechsel an Zigarette und Tee. Woher er komme, mag er uns nicht verraten, nur dass er extra aus einem anderen Stadtteil hierhergekommen sei, weil er den Besitzer kenne.

Vielleicht liegt es am Schnaps, aber nach einer Stunde haben wir das Gefühl, hier eine Heimat und neue, beste Freunde gefunden zu haben, trotzdem beschließen wir weiter zu ziehen. „Dann kommt doch bald mal wieder“, ruft uns der Wirt nach, während wir durch die Tür gehen zu. „Klar“, rufen wir im Chor zurück. Dass dies wohl nicht passieren wird, wissen beide Seiten.

Piotr und ich möchten unbedingt nach Tenever weiter, den Mädels aus dem eher bürgerlichen Oldenburg einen kleinen Kulturschock verpassen. An der Haltestelle Schweizer Ecksteigen wir aus, irren einige Zeit umher und finden keine geöffnete Kneipe. Scheinbar trinkt man hier unter der Woche nicht. Schließlich finden wir doch noch etwas. Eine alte Arbeiterkneipe mitten im Herzen des Multikulti-Stadtteils. Wir setzen uns direkt an die Bar. Kim schlägt vor, dass wir unbedingt diesen Spanischen Schnaps probieren müssen. Ich bestelle eine Runde. Der erste Schluck zieht mir fast den Boden unter den Füßen weg, das Zeug schmeckt furchtbar! Auch ein großer Schluck Bier zum Nachspülen ändert nichts. Währenddessen haben sich zwei Männer neben uns niedergelassen. Ich sehe meine Chance, den ekligen Schnaps loszuwerden und biete ihnen großzugig etwas an. So kommen wir ins Gespräch. Einer von ihnen sei russischer Soldat gewesen, daher auch seine Tattoos am Arm. Ich frage ihn, ob ich diese fotografieren dürfe. Er willigt ein.

Dann kommt der Moment, den wir alle gefürchtet haben. Drei Tage vor der Bundestagswahl wird das Gespräch politisch. Polternd beginnt der zweite Mann neben uns einen endlosen Monolog von A wie Antifa bis Z wie Zionisten. Sich selbst bezeichnet sich selbst als protestierender AfD-Anhänger. Lösungen hat er nicht zu bieten, dafür viel Hetze gegen „die Ausländer“ und „die ganze Lügenpresse“. Dass ich in seiner Logik einer von diesen „Links-versifften-von-Merkel-manipulierten-Medienaffen“ bin, verschweige ich lieber.

Diesen Mann können wir uns nicht mal sympathischtrinken. Während Kim noch versucht, mit ihm zu diskutieren, tickt mich Lisa von der Seite an. Sie erträgt es hier nicht mehr und hat Angst, dass der Typ noch aggressiver als ohnehin schon wird. Wir verlassen das Lokal und nehmen die Entschuldigung der Dame hinter dem Tresen gerne an.

Auf den Schreck erst mal ein Bier und dann ab an die nächste Haltestelle. Es ist mittlerweile halb vier, die Straßenbahnen fahren schon lange nicht mehr. Wir nehmen also ein Taxi und fahren in die Neustadt, wo die Welt für uns noch in Ordnung ist. Schließlich landen wir in der „Auszeit“, einer kleinen, muckeligen Rock-Kneipe, in der ich schon die ein‘ oder andere Nacht verbracht habe. Danke Linie1, diese Nacht bleibt unvergessen.

Beim Blick in den Spiegel auf dem Herrenklo bin ich erschrocken über die Wirkung des Alkohols in meinem müden Gesicht. Noch eine weitere Kneipe übersteh ich heute Nacht nicht mehr, nach drei ist schon Schluss. Wir machen uns auf den Rückweg mit der bösen Vorahnung auf die Kopfschmerzen von morgen. Danke, Linie 1, diese Nacht werden wir so schnell nicht vergessen!

 

Text: Benjamin Eichler
Fotos: Benjamin Eichler, Lisa Meyne, Piotr Rambowski, Kim Scholten, Sara Spiewack

Deutscher Bürgerpreis 2017 – ZdS gewinnt Bundeswettbewerb!

Die Zeitschrift der Straße hat am 15. November in Berlin den Deutschen Bürgerpreis 2017 verliehen bekommen, die höchste Auszeichnung in Deutschland für ehrenamtlich engagierte Organisationen! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth gratulierten.

 

Hatten wir etwas Ähnliches nicht schon im Oktober gepostet? Nicht ganz, denn da hatten wir den Bremer Regionalwettbewerb gewonnen und uns damit für den Bundeswettbewerb qualifiziert. Dessen Jury hat uns nun nach ganz oben aufs Siegertreppchen geschickt und der Zeitschrift der Straße ein Preisgeld von 5000 Euro mit auf den Weg gegeben.

Rund 900 Gäste und Pressevertreter waren in den prachtvoll dekorierten und ausgeleuchteten Innenhof des ZDF- (nicht ZdS) Hauptstadtstudios gekommen, um der Preisverleihung beizuwohnen. Mitorganisatoren des Deutschen Bürgerpreises sind neben den Sparkassen auch der Deutsche Städtetag und engagierte Bundestagsabgeordnete. Unter den Gästen waren auch viele VertreterInnen der Zivilgesellschaft. Entsprechend vielfältig war das Publikum.

Der Innenhof des ZDF-Hauptstadtstudios

Der Bundespräsident mit Sister Mary Clarence, Erzäbtissin des House of Queer Sisters (Quelle: Projektbüro Deutscher Bürgerpreis )

Gruppenfoto, noch ohne Trophäe. Von links: Michael Vogel, Petra Kettler, Philipp Jarke (Quelle: Projektbüro Deutscher Bürgerpreis)

Unsere Bremer Delegation bestand aus Petra Kettler (Vertriebskoordinatorin), Philipp Jarke (Chefredakteur) und Michael Vogel (Initiator und Leiter). Zusammen mit den anderen Nominierten saßen wir direkt vor der Bühne und konnten das Geschehen aus nächster Nähe beobachten. Für jede nominierte Organisation wurde ein kurzer Einspieler gezeigt, der uns deutlich machte, wie sehr auch unsere Mitbewerber den Preis verdienten. Und nein, wir wussten nicht, wer am Ende das Rennen machen würde.

Groß war unsere Erleichterung und Freude, und hoch der Adrenalinspiegel, als wir als Gewinner auf die Bühne gebeten wurden. Die Präsidentin des Deutschen Städtetags, Eva Lohse, hielt die Laudatio, die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth fand wunderbare Worte für uns und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gehörte zu den ersten Gratulanten. Der Medienrummel ging bald in einen sehr schönen und entspannten „Feier-Abend“ über.

Frisch gekürte Gewinner (Quelle: Projektbüro Deutscher Bürgerpreis)

Von rechts: Petra Kettler, Philipp Jarke, Michael Vogel und ZDF-Moderator Mitri Sirin

Gespräch über die Zeitschrift der Straße vor 900 Gästen

Lobende Worte von ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth

Alle Nominierten des Deutschen Bürgerpreises 2017 mit dem Bundespräsidenten

Medienarbeit für die Zeitschrift der Straße

 

 

Text: Michael Vogel
Fotos: Cristina Oschmann

„AUFKLÄRUNG IST FAST SCHON EIN SCHIMPFWORT“

#53 DOM: Früher war Horst Isola Landesvorsitzender der SPD, heute kämpft er für die Trennung von Staat und Kirche. Ein Gespräch über Lobbyismus, Auschwitz, die Sozialdemokratie und 20 Schläge

 

Haben Sie eine Mission, Herr Isola? Mission wäre zu hoch gegriffen, aber ich habe politische Auffassungen und Grundsätze. Eine davon ist die Trennung von Kirche und Staat.

Geht es Ihnen nur ums Prinzip, oder was ist das Problem? Religion ist Privatsache! Jeder kann glauben, was er will. Das ist geschützt durch das Grundgesetz. Für mich ist es aber ein Prinzip der Demokratie, dass sich die Kirchen aus der Politik heraushalten. Wer sich auf ein nicht kontrollierbares höheres Wesen beruft, unterläuft die Demokratie. Was mich weiter stört, ist die Privilegierung der Kirchen mit Steuergeldern in Milliardenhöhe.

Was Sie also stört, ist die Bevorzugung der Kirche und nicht ihre Inhalte. Ich bin Atheist. Was soll ich da zu den Inhalten der Kirche und deren Religion sagen, die gehen mich nichts an. Das Problem ist die fehlende Trennung zwischen Religion und Politik. Es gibt eine Reihe von Staaten, die den Laizismus verfassungsrechtlich festgeschrieben haben, etwa Frankreich. Nehmen wir das Thema Schule: mit Ausnahme von Bremen, Hamburg und Berlin ist in den Bundesländern der Religionsunterricht verpflichtend. Wer seine Kinder religiös erziehen will, kann das ja tun. Aber an öffentlichen Schulen hat Religion nichts zu suchen.

Aber kann man diesen Unterricht nicht so begreifen, dass man etwas über Religionen lernt? Das ist auch unsere Forderung. Junge Menschen sollten wissen, was für Inhalte die Religionen haben, was sie tun und vor allem, was sie seit ihrem Bestehen angerichtet haben. Aber bitte keinen Verkündungsunterricht mit dem Ziel der Missionierung.

Aber in Deutschland hat man es doch geschafft, die politische Macht der Kirche zurückzudrängen. Leider nicht. Trotz dramatisch rückläufiger Mitgliederzahlen ist der Einfluss der Kirchen in den letzten Jahren sogar gewachsen, sodass Kritiker von einer Kirchenrepublik Deutschland sprechen. Warum? Die Kirchen tun so, als seien sie unverzichtbar im gesellschaftlichen und politischen Leben. Und sie haben überall ihre Lobbybüros, im Bund und in den Ländern, gefördert und unterstützt vom Staat und von fast allen Parteien.

Andere etwa nicht? Natürlich machen auch die Gewerkschaften Interessenpolitik, aber sie sind keine Körperschaften des öffentlichen Rechts wie die Kirchen und erhalten auch keine finanziellen Zuwendungen in Milliardenhöhe vom Staat. Dagegen werden die Kirchen sogar beim Arbeitsrecht privilegiert: für ihre Mitarbeiter gibt es beispielsweise kein Streikrecht und häufig nicht einmal Tarifverträge. Was ich noch viel schlimmer finde, ist das individuelle Arbeitsrecht. Die Kirchen dürfen ihre Mitarbeiter diskriminieren, und das ist ihnen nach dem allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz sogar noch erlaubt! Wenn etwa ein Arzt einer katholischen Klinik sich scheiden lässt und wieder heiratet, kann ihm gekündigt werden. Aber auch wenn er eine homosexuelle Partnerschaft öffentlich macht oder sich positiv über Homosexualität, künstlicher Befruchtung oder Abtreibung äußert. Eine Diskriminierung, gebilligt und gewollt von unseren demokratischen Parteien!

Die vom Grundgesetz gedeckt ist. Richtig, und die Rechtsprechung deckt diesen unglaublichen Zustand.. Bis jetzt hat sich das Bundesverfassungsgericht immer auf die Seite der Kirchen geschlagen. Man muss sich das einmal vorstellen: da fliegen Putzfrauen bei kirchlichen Einrichtungen raus, wenn sie aus der Kirche austreten. Als ob es katholisches Operieren oder evangelisches Putzen gäbe! Allerdings zeichnet sich in den letzten Jahren bei einigen Gerichten ein Umdenken ab. In der Weimarer Verfassung steht, die Kirchen haben ein Selbstverwaltungsrecht. Die Kirchen sagen dagegen: Wir haben ein Selbstbestimmungsrecht und werden in dieser Auffassung vom Bundesverfassungsgericht unterstützt – gegen den Wortlaut des Grundgesetzes.

Was ist der Unterschied? Nehmen wir den ADAC: Dieser Verein hat natürlich ein Selbstverwaltungsrecht, er kann also entscheiden, wie seine interne Verwaltungsabläufe zu regeln sind.  Aber er hat kein Selbstbestimmungsrecht: Der ADAC kann also nicht sagen, dass für seine Mitglieder die Straßenverkehrsordnung nicht gilt. Für die Kirchen aber wurde das für alle anderen geltende Arbeitsrecht außer Kraft gesetzt. Das halten wir Laizisten für einen Skandal. Aber ich sehe gegenwärtig kaum eine Chance, das zu ändern.

„Ich kann nicht religiös sein, dagegen spricht mein gesunder Menschenverstand“, sagt Isola.

Was wird aus den kirchlichen Kindergärten in Bremen, wenn die Kirchen ihre Privilegien verlieren? Dann müssen sie zu den gleichen Bedingungen arbeiten wie beispielsweise die Arbeiterwohlfahrt.

Die gerade in Bremen besonders SPD-nah ist. Es gibt ja auch noch die staatlichen Kindertagesstätten.

In letzter Zeit war die staatliche Kita-Organisation in Bremen eher überfordert. Na ja, jammern nach mehr Geld tun die Kirchen auch. Ich sage ja nicht, dass die Kirchen völlig raus sollen aus dem Geschäft. Aber es ärgert mich, dass sie sich öffentlich hinstellen und sagen, wir tun nur Gutes, während  der Sozialstaat zu mehr als 90 Prozent für die Unkosten aufkommt. Im übrigen sind Kindergärten ein schönes Missionierungsfeld für die Kirchen.

Die Bremer Verfassung ist bei der Trennung von Staat und Kirche ja sehr fortschrittlich. Woran scheitert es in der Praxis? „Die Kirchen und Religionsgesellschaften sind vom Staate getrennt“, steht in Artikel 59 der Landesverfassung. Entgegen diesem eindeutigen Wortlaut haben wir in Bremen kurioserweise einen Kirchensenator.

Der gleichzeitig Bürgermeister ist. Ja, das gibt es in keinem anderen Bundesland, nicht mal in Bayern. Wir haben doch auch keinen Werdersenator.

Was liegt ihrer Partei, der seit 1945 regierenden SPD, an so viel Kirchennähe? Die Bremer SPD ist in der Tat besonders kirchenfreundlich. Kirchenmitglieder sind Wähler, ein großer Teil der SPD-Mitglieder ist in der Kirche aktiv. Dagegen ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, obwohl es den Absturz der SPD in der Wählergunst auch nicht verhindert hat.  Aber muss es sein, dass mittlerweile fünf Religionsvertreter im Rundfunkrat sitzen? Immerhin hat neuerdings auch ein Vertreter des humanistischen Verbandes einen Sitz dort.

Der wiederum ist die einzig nennenswerte Lobby der Nicht-Gläubigen. Aber haben diese Menschen überhaupt ein gemeinsames Interesse? Das Problem ist, dass Nichtkonfessionelle überwiegend desinteressiert sind, sich einzubringen und zu organisieren. Es gibt keine Bereitschaft, sich zu binden.

Woran liegt das? Für die Bürger ist die Frage von Politik und Kirche allenfalls sporadisch ein Thema. Andere Themen gehen vor: Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, Bildung und so weiter.

Man hat das Gefühl, dass die Laizisten in der SPD nur geduldet sind, weil Sie eine prominente Figur in der Partei sind. Nach dem Motto: Lass ihm doch die Spielwiese? Vielleicht. Leider begegnen wir in der Partei, vor allem im Landesvorstand, erheblichen Vorbehalten bis zur schroffen Ablehnung.

Ist die wachsende Religiosität nicht Folge einer Verzweiflung an der Komplexität der globalisierten Welt? Das würde sie erklären. Aber damit wird es ja nicht richtiger. Die Stärke der Leute, die immer mehr darauf drängen, dass Religion in die Politik kommt , um damit von den eigentlichen Problemen und deren Ursachen abzulenken,  ist gleichzeitig die Schwäche von Leuten, die für mehr Aufklärung stehen. Aufklärung ist ja heute schon fast ein Schimpfwort.

Die Menschen verbinden vielleicht damit nicht Werte wie Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit, die die Kirche für sich reklamiert. Dieser Trick läuft seit 2000 Jahren. Ich finde es anmaßend zu behaupten, dass nicht-religiöse Menschen keine Empathie haben.

Die Kirchen würden das auch nicht bezweifeln. Das mag in Ausnahmefällen so sein. In der Regel aber reklamieren die Kirchen für sich die Monopolstellung  in Sachen Nächsten- und Friedensliebe. Die Realität sieht oftmals anders aus, wenn man beispielsweise die empörende Rolle der katholischen Kirche im früheren faschistischen Franco-Spanien oder – aktuell – in Kolumbien betrachtet, wo sich hohe Kirchenvertreter nicht genieren, öffentlich zum Mord an Liberalen und Linken aufzurufen.

Angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen: Erledigt sich der Einfluss der Kirche nicht auf die Dauer von allein? Da können wir noch lange warten! Wir erleben gegenwärtig das Paradoxon, dass trotz dramatisch abnehmender Mitgliederzahlen die Religionsgemeinschaften noch mehr an politischen Einfluss gewinnen.

Wenn die Kirchen sich zurückzögen, wäre das Feld frei für Wirtschaftsverbände, zu denen die Kirchen ein Gegengewicht bilden. Wenn die Kirche keinen Lobbyismus mehr macht, haben andere noch mehr Raum, sich auszubreiten. Das sehe ich nicht so. Es sind die Gewerkschaften, die ein politisches Gegengewicht zu den Wirtschaftsverbänden bilden und nicht die Kirchen.

Woher kommt Ihr laizistisches Engagement überhaupt? Ich fand Religionsgeschichte schon immer spannend. Ich habe mich schon als Schüler viel mit der Bibel beschäftigt, vor allem mit dem Alten Testament. Ich war verblüfft, wie ein sogenanntes Heiliges Buch nur so von Geschichten über Mord und Totschlag wimmeln kann. In der vierten Klasse habe ich mal gesagt: Es gibt keinen lieben Gott. Dafür bekam ich 20 Schläge mit dem Lineal. Zu Hause sagte mein Vater dann: Das hast du richtig gemacht. Ich stamme aus einem katholischen Haushalt, aber meine Eltern waren schon aus der Kirche ausgetreten. 2010 habe ich dann den Gesprächskreis Laizisten in der SPD mitbegründet.

In einem Interview haben Sie mal gesagt: Wie kann man nach Auschwitz noch an einen gerechten und gütigen Gott glauben. Sind Sie deshalb Atheist? Ich kann nicht religiös sein, dagegen spricht mein gesunder Menschenverstand. Kant hat gesagt „Sapere aude“ – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Diesen Wahlspruch der Aufklärung habe ich mir zeitlebens zur Lebensmaxime gemacht. Hinzu kommt, dass die Geschichte des Christentums eine einzige Kriminalgeschichte ist, in der die Religionen und deren Vertreter sich immer wieder als Brandstifter und Brandbeschleuniger betätigt haben. Und wenn ich an die tausendfachen Sexualverbrechen von Priestern in der jüngsten Zeit, begangen an Kindern, denke, das Sterben von Millionen von Kindern in Afrika und Asien, das Elend der Flüchtlinge, da frage ich mich, wie man da noch an einen allwissenden, allmächtigen und vor allem barmherzigen Gott glauben kann.

Horst Isola, 78, war in den siebziger Jahren Leiter einer Jugendstrafanstalt, später Senatsrat in Bremen und für die SPD von 1987 bis 2003 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. 1991/92 war er zudem Landesvorsitzender der Partei. Seit 2010 ist als Sprecher für die Gruppe der Laizisten in der SPD aktiv.

 

Interview: Philipp Jarke, Jan Zier
Fotos: Jan Zier

#53 DOM

EDITORIAL: VON AUFKLÄRUNG UND WIDERSTAND

So recht kann er sich nicht mehr erinnern, wann er zuletzt im Dom war – zum Beten jedenfalls ist Horst Isola nicht gekommen, er hat es nicht so mit dem lieben Gott. Für uns war der SPD-Politiker dann aber doch mal wieder drin, nach einem langen Gespräch über die Trennung von Staat und Kirche (Seite 20). Er hat dazu eine klare Haltung, aber eine, die auch in den eigenen Reihen eher unpopulär ist.

Überhaupt haben wir mit vielen Menschen in der ganzen Stadt über den Dom gesprochen, und ihn aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, wie schon auf dem Titel zu sehen ist; weiter geht es auf Seite 14. Gleich neben dem Dom, im Bibelgarten, sind im Sommer neuerdings Bienenvölker zu Gast. Ob das geht, so mitten in der Stadt, und ob das mehr ist als nur ein Trend, den man heutzutage „urban beekeeping“ nennt, haben wir zum Ende der Saison den Imker Heiner Lenz gefragt (Seite 12).

Und wenn Sie schon mal an einem Montag vor dem Dom standen, am frühen Abend, ist Ihnen sicher auch diese kleine Schar demonstrierender Menschen aufgefallen, die seit über zehn Jahren jede Woche gegen Hartz IV und andere soziale Missstände in unserer Gesellschaft protestiert. Warum Sie immer noch weitermachen? Wo sich doch die meisten schon lange damit abgefunden haben? Seite 8!

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Immer weiter

Seit 13 Jahren demonstrieren sie auf dem Marktplatz gegen soziale Ungerechtigkeit

12    Summende UntermieterInnen

Am Dom verbringen mehrere Bienenvölker ihren Sommer. Die Bedingungen dort sind gut

14    Ansichten einer Kirche

Bildstrecke

20    „Aufklärung ist fast schon ein Schimpfwort“ (online lesen)

SPD-Politiker Horst Isola kämpft für die Trennung von Staat und Kirche

24    Markt gegen Markt

Fünf Perspektiven auf Konkurrenz und Miteinander der Märkte auf dem Domshof

30    Treffen im Wahlkampf

Wohnungslose Menschen errichten eine Klagemauer vor der Bürgerschaft

 

Hintergrundfoto: Micha/flickr.com

Deutscher Bürgerpreis 2017 für die ZdS!

Die Zeitschrift der Straße hat am 23. Oktober im Bremer Regionalwettbewerb den Deutschen Bürgerpreis 2017 gewonnen! Den Preis nahm Michael Vogel als Initiator der Zeitschrift stellvertretend für ihre vielen Engagierten entgegen. Die Auszeichnung ist mit einer Spende der Sparkasse Bremen über 3500 Euro verbunden.

Der Deutsche Bürgerpreis ist der wichtigste deutsche Preis für ehrenamtliches Engagement mit über 2300 Bewerbungen allein in diesem Jahr. Auf den Wettbewerb auf regionaler Ebene, den wir nun gewonnen haben, folgt der Bundeswettbewerb. Er endet am 15. November mit der Preisverleihung in Berlin.

Bürgerpreisträger der verschiedenen Kategorien. Ganz links: Michael Vogel, Initiator der Zeitschrift der Straße (Quelle: M. Bahlo/nordbuzz)

Haben wir auch national eine Chance? Sieht ganz danach aus. Denn auf der Website des Deutschen Bürgerpreises wird die Zeitschrift der Straße in der Kategorie „Alltagshelden“ bereits als eine von nur drei nominierten Kandidaten geführt!

Drückt uns fest die Daumen, dann wird’s was.

Die Urkunde, das gute Stück, erhält einen Ehrenplatz in unserem Büro