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#64 UNTER DER STRASSE

EDITORIAL: Unten ist das neue Oben

Es ist nun schon das dritte Jahr in Folge, dass sich die Dezemberausgabe von ihren neun Vorgängerinnen des Jahres unterscheidet: 2016 und 2017 gab es vor Weihnachten je eine Fotoausgabe: die #44 BÜRGERWEIDE und die #54 LINIE 1. In diesem Heft finden Sie zwar wie gewohnt eine Mischung aus Texten und Bildern. Aber unsere Geschichten haben wir nicht auf der Straße gesucht, sondern darunter. So ein Perspektivwechsel soll ja ganz gut tun.

Was haben wir also gefunden? Zunächst ist da eine Stadt unter der Stadt: Auf 2.300 Kilometern – was einer Strecke von Bremen bis nach Palermo entspricht – durchziehen die Abwasserkanäle das gesamte Stadtgebiet und transportieren unsere Hinterlassenschaften in die Klärwerke. Eine Errungenschaft, der wir mehr Jahre an durchschnittlicher Lebenserwartung verdanken als dem medizinischen Fortschritt (Seite 8).

In der Bischofsnadel, der kleinen Einkaufspassage unter der Prachtstraße Am Wall, sitzt tagtäglich Kenny. Er lebt von dem, was ihm die Passanten in seine Schale werfen, und er lebt für seine Träume. Die meisten davon schreibt und zeichnet er in Notizbücher. Ein paar andere möchte er zur Realität machen (Seite 12).

Unter unserem Vertriebsbüro auf der Brake verläuft eine ziemlich geheime Straße, die Unterpflasterstraße. Sie ist sogar berüchtigt, seit die Täter der Diskoschießerei sie als Fluchtweg genutzt haben. Wir haben uns diesem Ort mit der Fotokamera genähert (Seite 14). Keine Bilder haben wir von den Wachsleichen gemacht, die immer mal wieder auf dem Riensberger Friedhof gefunden werden. Selbst nach 30 Jahren sind die Körper mancher Verstorbener kaum verwest. Warum das so ist, haben wir uns erklären lassen (Seite 20). Und schließlich geht es um Nutrias, die es sich unter unseren Deichen bequem machen und so zu einem Problem für den Hochwasserschutz geworden sind (Seite 24).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Die Stadt unter der Stadt

Ein Besuch an verborgenen Orten, an denen man sich vor Ratten und Gestank fürchtet: den Abwasserkanälen

12    Der Straßenkünstler

Kennys Platz ist seit 15 Jahren dort, wo Menschen auf ihn heruntergucken. Weil er nicht mehr so arm und klein wirken wollte, zeichnet er

14    Fürs Finanzamt und die Unterwelt

Bildstrecke

20    Wachsleichen und Sondermüll

Bremer Friedhöfe haben damit zu kämpfen, dass nicht alle bestatteten Körper vollständig verwesen.

24    Invasion der Riesennager

Deiche schützen Bremen vor Hochwasser. Jetzt brauchen sie selbst Schutz: Nutrias haben es sich unter ihrer Oberfläche gemütlich gemacht

26    Wir können weiter studieren

Die Uni der Straße, die Bildung für alle bietet, wird zwei weitere Jahre gefördert: das neue Semesterprogramm ist da

28    Ab heute nicht mehr unsichtbar (online lesen)

StudentInnen aus Bremerhaven haben einen Kurzfilm für die Zeitschrift der Straße gedreht, der die Nöte obdachloser Menschen zeigt

Beitragsfoto: killbox/flickr.com

AB HEUTE NICHT MEHR UNSICHTBAR

#64 UNTER DER STRASSE – StudentInnen der Hochschule Bremerhaven haben einen Kurzfilm für die Zeitschrift der Straße gedreht, der auf besondere Weise die Nöte obdachloser Menschen zeigt

 

Ein einsamer Held zieht durch eine zerstörte Stadt, ohne klares Ziel vor Augen, konfrontiert mit Brutalität und menschlicher Kälte, die diese Dystopie mit sich bringt. So beginnt der erste Kurzfilm der Zeitschrift der Straße. Im Mittelpunkt ein Mann, der alles, was er vor einiger Zeit noch als selbstverständlich ansah, verloren hat und nun um das bloße Überleben kämpft. Dabei steht er vor Fragen, die das Leben auf der Straße ihm Tag für Tag aus Neue stellt: Woher bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Wem kann ich überhaupt noch vertrauen?

In einer Welt, in der alles zerstört wurde, ist der Mann im Film auf sich allein gestellt. Er streift umher, besorgt sich Nahrung und beobachtet die Kämpfe der anderen. Doch wer dieser einsame Held, gespielt von Michael Meyer, denn eigentlich ist, bleibt zunächst ungeklärt. Ist er tatsächlich ein Held? „Wie weit würdest du gehen?“, fragt eine Stimme aus dem Off am Ende des ersten Filmabschnitts und lässt das Publikum aufhorchen, bevor die Perspektive wechselt und der Held sein wahres Ich offenbart.

Den Film können Sie auf www.zeitschrift-der-strasse.de sehen. Um ihn zu teilen, verwenden Sie am besten die Adresse https://vimeo.com/303867602, wo der Film ebenfalls zu sehen ist. Zur Produktion dieses Kurzfilms hat sich die Zeitschrift der Straße mit dem Studiengang Digitale Medienproduktion (DMP) der Hochschule Bremerhaven zusammengetan. Fünf Studentinnen und Studenten (Darlien Schürmann, Sebastian Mannchen, Leroy Bentley, Felix Schulke und Lennard Schmidt) haben sich unter der Aufsicht von Professor Holger Rada über ein halbes Jahr mit dem Storytelling, der Produktion, dem Schnitt und der 3D-Animation beschäftigt. Gedreht wurde in Bremen, Bremerhaven und Cuxhaven. Mit einem Budget in vierstelliger Höhe konnte das Team nicht nur einen professionellen Schauspieler als Protagonisten engagieren, sondern auch hochwertiges Equipment und Requisiten leihen.

Das Thema Obdachlosigkeit auf überraschende Weise und ohne erhobenen Zeigefinger darzustellen, war der Knackpunkt im Produktionsprozess. „Sich in die Situation eines Obdachlosen hineinzuversetzen, das war schon eine Herausforderung bei der Entstehung des Films“, sagt Lennard Schmidt. „Wir wollen, dass Straßenverkäufer und Obdachlose als Menschen wahrgenommen werden – sie aus ihrer Unsichtbarkeit holen.“

Das studentische Marketingteam der Zeitschrift der Straße hat gemeinsam mit der Grafikdesignerin Ann-Kristin Hitzemann Flyer, Postkarten und Sticker entwickelt, die die Botschaft des Films auch außerhalb des Internets sichtbar machen sollen: „Ab heute nicht mehr unsichtbar.“ Sie werden nun bald in Bremen und Bremerhaven zu finden sein. Also, halten Sie die Augen offen!

Text: Corinne Kleber
Foto: Studiengang Digitale Medienproduktion (Hochschule Bremerhaven)

AUF EIN BIER MIT DEM KRAKENMANN

#63 WARTBURGPLATZ – Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Büchern mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist

 

Direkt am Wartburgplatz in einer WG wohnt er, der Krakenmann. Ein Autor aus Walle, „eher ein kleiner Fisch“, wie er selbst sagt, aber sein autobiografisches Buch „Schlaflos in Walle“ hat sich in der Gegend rumgesprochen.

Der Krakenmann ist 35 Jahre alt, Sozialarbeiter und behält seinen echten Namen gern für sich. Selbst in seinem Buch findet man keinen Hinweis darauf. Er trägt eine kleine Kette mit einer Krake um den Hals und seine langen Haare in einen Pferdeschwanz zurückgebunden, als wir uns im „Hart Backboard“ treffen. Eine der vielen kleinen und zwanglosen Kneipen, die er an Walle so schätzt.

Auch in seinem Buch streift er durch die Bremer Kneipenszene, schreibt über seine Freunde, eskalierende Nächte und die Liebe. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, ist anstößig und provokativ. Seine Ausdrucksweise und detaillierten Beschreibungen sind nichts für Leser, die literarischen Anspruch oder politische Korrektheit schätzen. „Ich komme aus der Punkecke. Wenn ich dezent schreiben würde, wäre ich nicht ich“, sagt der Krakenmann. Angefangen mit Schreiben hat er als Sänger von Punkbands mit Namen wie „Die Hämorrhoiden“ oder „Tolerante Tanten“. Dass sein Buch nicht für jeden etwas ist, stört ihn nicht: „Es gibt sicher viele Leute, die es nicht lesen würden. Aber Leute, die so ein bisschen Spinner sind, ein bisschen Außenseiter – die können damit was anfangen, weil sie sich drin wiederfinden.“

Es geht ihm aber nicht nur um Spaß an der Provokation. Er möchte zeigen, dass das Leben auch harte Phasen hat, die man überbrücken kann. „Wenn man die Extra-Meile geht“ – was in etwa bedeutet, dass man es drauf ankommen lassen muss. Ein Spruch, der auch im Buch immer wieder auftaucht und mit anderen Ausdrücken seinen speziellen Jargon ausmacht. Speziell ist auch die Musikauswahl, die dazu gedacht ist, sie beim Lesen zu hören: Von Elton John über Ton Steine Scherben bis Marteria haben der Krakenmann und Herr Frei, sein Vermieter und Freund, eine Doppel-CD erstellt – quasi als Soundtrack.

Herr Frei, ein etwas älterer Mann, der ebenfalls einen langen Zopf trägt und sich mit einem Glas Wein zu uns gesellt, hatte schon bei der Wohnungsbesichtigung Gemeinsamkeiten mit dem zukünftigen Mieter entdeckt: „Wir sahen uns an und dachten: ,Der sieht ja aus wie ich.‘ Seine Frau wollte, dass er sich zurechtmacht, einen Anzug anzieht. Zum Glück hat er das gelassen.“ Aus dem Mietverhältnis entwickelte sich bald eine Freundschaft: Herr Frei ist ein gern gesehener Gast in der „Casa“, wie der Krakenmann seine Wohnung nennt. „Das war übrigens vorher ein Getränkemarkt, das passt ja auch“, erzählt Herr Frei und lacht.

Der Vermieter war nicht der einzige, der ihn bei seinem Buchprojekt unterstützt hat, sagt der Krakenmann: „Einer war in Grammatik fit, und ’ne Freundin von mir kann gut illustrieren.“ Geschrieben hat er gern mit Bier und Zigaretten, während er nicht schlafen konnte, den Großteil in drei Wochen: „Ich hab das runtergerotzt und dann ein halbes Jahr liegen lassen“, erzählt er, „das war wie eine Therapie oder eine Katharsis.“ Das Ganze folgte nach der Trennung von seiner Frau, wodurch für ihn eine harte Zeit anbrach – eine schlaflose Zeit. Im Buch, wie im realen Leben auch, lernte er dann eine neue Frau kennen, die ihn inspiriert habe und der er das Buch gewidmet hat.

Das Schreiben ist bestenfalls ein lohnendes Hobby: Von „Schlaflos in Walle“ hat der Krakenmann bislang einige Hundert Exemplare verkauft. Hauptberuflich möchte er das sowieso nicht machen: „Dann muss man alle drei Monate was Neues schreiben und dann passiert plötzlich nichts, worüber man schreiben kann.“ Er ist lieber mit Leidenschaft Sozialarbeiter und betreut einige jugendliche Härtefälle. Auch mit Flüchtlingen hat er zusammengearbeitet, insbesondere in der Zeit, in der er das Buch geschrieben hat. „Ich hatte ja richtig Schlafmangel und solche Salzwasserauge – die gleichen Augen hab ich auch bei den Jugendlichen in den Sammelunterkünften gesehen. Die konnten auch nicht schlafen, weil sie ein Trauma hatten und sich mit fünf anderen ein Zimmer teilen mussten.“ Die Schlaflosigkeit habe ihn und die Jugendlichen zusammengebracht und sie inspirierte ihn auch für den Buchtitel, der auch eine Anspielung auf den Film „Schlaflos in Seattle“ ist.

Von seiner Arbeit stammt auch sein Spitzname: Krakenmann. Als er in einer Behinderteneinrichtung arbeitete, freundete er sich mit einem Bewohner mit Downsyndrom an: „Wir hatten einen Running Gag“, erzählt der Krakenmann: „Er sagte, wenn er mal groß ist, will er auf ’nem Rummel an einer Krake arbeiten und ich soll dann als sein Krakenmann dabei sein.“ Zu dem Bewohner hat er keinen Kontakt mehr, aber der Spitzname blieb.

Nach Walle zog er mit seiner Frau, blieb nach der Trennung in der Wohnung am Wartburgplatz und machte eine WG daraus. „Es ist maritim hier, altes Arbeiterviertel. Hier gibt’s noch so richtige Kneipen. Alles ein bisschen oldschool, nicht so gentrifiziert wie anderswo. Man kann sich hier verlaufen und entdeckt immer was Neues.“ Sein Buch „Schlaflos in Walle“ ist so gesehen eine Hommage an den Stadtteil. Ähnliches verspricht auch der Nachfolgeband, den er gerade fertiggestellt hat: „Es geht wieder um Walle und darum, wie es mit dem Krakenmann weitergeht.“ Heißen wird das Buch „Walle Fidelity“ – wieder eine Anspielung, dieses Mal auf einen verfilmten Bestseller des Briten Nick Hornby.

Text: Laura Lippert
Foto: Ann-Kathrin Just

#63 WARTBURGPLATZ

EDITORIAL: Der Platz am Turm

Sollten Sie nicht wissen, wo der Wartburgplatz liegt, dann stellen Sie sich vor, der 235 Meter hohe Waller Funkturm legte sich für ein Nickerchen ziemlich genau in südwestliche Richtung auf den Boden. Wäre der „Waller Spargel“ 23 Meter länger, kletterte er dadurch nicht nur in die Top Ten der höchsten deutschen Fernsehtürme, seine Spitze reichte auch genau bis zum Wartburgplatz. Dort, im Zentrum des Waller Westends, haben sich die AutorInnen dieser Ausgabe (allesamt TeilnehmerInnen an einem Schreibseminar der Zeitschrift der Straße an der Uni Bremen) auf die Suche nach Geschichten gemacht.

Die Suche war nicht allzu schwer, der Wartburgplatz hätte auch für ein zweites Heft genügend Stoff geboten. In diesem Heft stellen wir Ihnen einen Autor namens Krakenmann vor, der quasi von Berufs wegen die Waller Kneipenszene erkundet (Seite 24). Bei Som, die in ihrer Eckkneipe die Traditionen des Bremer Arbeiterviertels mit der ihrer thailändischen Heimat verbindet (Seite 8), war er vermutlich auch schon zu Gast. An den meisten Tagen ist in der Kirche der Wilhadi-Gemeinde weniger los als an Soms Tresen. Wir haben den Pastor Hartmut Strudthoff besucht, der um jeden Kirchgänger kämpft (Seite 16). 37 Jahre, nachdem er die Bronzestatuen der „Waller Gespräche“ auf den Wartburgplatz gestellt hat, trafen wir den Bildhauer Bernd Altenstein und sprachen über politische Kunst (Seite 20). Nur einen Steinwurf entfernt führt Sabine Stiehler mit wachsendem Erfolg einen Buchladen. Wie das in Zeiten von Amazon, Smartphone und Netflix funktioniert, lesen Sie ab Seite 26.

Zu guter Letzt möchten wir einen alten Journalistentrick anwenden und am Ende des Textes den Bogen zurück zum Anfang schlagen: Ab Seite 12 können Sie lesen, wie sich die Wanderfalken um den Brutplatz hoch oben auf dem Funkturm prügeln. Ein Mann beobachtet sie dabei aus nächster Nähe mit der Kamera.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Hafen für Heimatlose

Zwischen Haake-Beck, Buddha und dem König an der Wand fühlen sich alle zu Hause

12    Dem stärksten Paar den Funkturm

Das Wahrzeichen Walles ist unter Wanderfalken hart umkämpft. Sven Eppler beobachtet die Tiere seit Jahren aus nächster Nähe

16    Diese Kirche ist noch nicht tot

Ein Besuch bei Pastor Hartmut Strudthoff, der um jeden Kirchgänger
kämpft

20    „Es geht doch um den Widerstand“

Ein Gespräch mit dem Bildhauer Bernd Altenstein über unrealisierte Pläne, beschmierte Kunst und Bildhauerei als politischen Akt

24    Auf ein Bier mit dem Krakenmann (online lesen)

Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Romanen mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist

26    Lebendig in der Nische

Wer führt in Zeiten von Amazon, Smartphone und Netflix eigentlich den Logbuchladen in Walle?

 

Hintergrundbild: Geerd-Olaf Freyer/flick.com

TREIBGUT

#62 WESER – Auf Fahrradtouren entlang der Weser entdeckte der Fotograf Jakob Weber Objekte, die hier abgebildet sind. Wo sonst niemand hinschaut, sammelte Weber Dinge auf, die angeschwemmt oder liegengelassen wurden. Ob Krimi, Romanze oder Erotik-Thriller – die Geschichten hinter den Bildern müssen von jedem selbst erfunden werden.

Erste Fundstücke hatte er sich nach Berlin geschickt, wo er als Bildredakteur und Künstler lebt und arbeitet. Leider erreichte ihn das Paket nie und lagert seither in der Zentralen Paketermittlung der Post in Wuppertal. Sollte es eines Tages ankommen, hofft er, dass es Anlass für einen spannenden Roman ist.

 

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Jakob Weber hat an der Hochschule für Künste Bremen studiert und lebt als Bildredakteur und Künstler in Berlin. Mehr unter: jakobweber.de

#62 WESER

EDITORIAL: Bremens längste Straße

Die Straßen, über die unser Magazin berichtet, suchen wir nach einem gewissen Schema aus: Es sollten sich dort genügend interessante Geschichten finden lassen; die Stadtviertel sollten dabei wechseln; es sollten jedes Jahr einige „prominente“ Straßen darunter sein; und ganz wichtig: der Name muss auf die Titelseite passen. Superlative spielen bei der Auswahl selten eine Rolle. Über Bremens längste Straße wollten wir aber immer schon mal ein Heft machen. Welche das ist? Die Stromer Landstraße? Die Senator-Apelt-Straße? Sie sind je 6,78 Kilometer lang und wären mögliche Kandidaten gewesen. Die A 27 aber ist länger (22,5 Kilometer auf Bremer Stadtgebiet). Leider, denn wer möchte ein ganzes Heft über eine Autobahn lesen?

Zum Glück gibt es die Weser. Sie fließt auf 42 Kilometern durch Bremen und ist so unangefochten Bremens längste (Bundeswasser-)Straße. Auch sonst passt sie in unser Raster – sie ist den meisten ein Begriff, hat einen knackig-kurzen Namen, ist fotogen und vor allem: An und auf ihr fanden wir jede Menge interessante Menschen und Dinge. Unser Illustrator Söntke Campen etwa begleitete die Weserlotsen und verarbeitete seine Erlebnisse zu einem Comic (Seite 12). Wir stellen einen Mann vor, der Dinge sammelt und verkauft, die andere nicht mehr brauchen (Seite 10). Wir sprachen mit einer Schriftstellerin, die einen Teil des Jahres auf einem Boot lebt (Seite 28), und portraitieren einen Binnenschiffer (Seite 18). In unserer Bildstrecke zeigen wir, was so alles am Weserufer angespült wird (Seite 22). Da unser Fotograf (leider) sehr viel mehr fand, als wir hier abdrucken können, gibt es eine ausführliche Version seiner Bilderserie auf unserer Website zeitschrift-der-strasse.de.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Im Wiener Walzer mit der Weser

Dietrich Schoon-Marques war als Binnenschiffer in ganz Europa unterwegs und ist als Fährmann glücklich geworden

10    Der Trödler

Er radelt durch Bremen und sammelt, was für manche Sperrmüll und für andere ein Schnäppchen ist

12    Full Steam Ahead

Unser Illustrator Söntke Campen im Alltag der Weserlotsen

18    Schwieriges Manöver

Manfred Deymann lebt für die Binnenschifffahrt, doch als Familienvater ist das nicht leicht

22    Treibgut

Fotostrecke

24    Der Bescheidene

Warum es besser ist, hier auf der Straße zu leben als in Rumänien. Ein Treffen mit Lica, der an der Weser wohnt

28    „Der Tiedenquatsch hat mich genervt“ (online lesen)

Ein Gespräch über Delfine, Wohnen an Bord und die Frage, warum es für Frauen schwer ist, Binnenschifferin zu werden

 

Beitragsbild: Dave Pattern/flickr.com

„DER GANZE TIEDEN-QUATSCH HAT MICH GENERVT“

#62 WESER – Ein Gespräch über Delfine, das Wohnen an Bord und die Frage, warum es so schwer ist, als Frau Binnenschifferin zu werden

 

Der Museumshaven Vegesack sieht an diesem Tag leer aus: sieben größere Schiffe liegen an den Stegen. Im Schatten des verlassenen Einkaufszentrums Haven Höövt ziehen ein paar Jugendliche gelangweilt ihre Runden. Die „Noortje“ sieht man erst, wenn man direkt an der Hafenmauer steht. Ihre Besitzerin Rega Kerner richtet sich gerade für ein Wochenende auf dem Boot ein. Kerner, die sich selbst auch als „Berufesammlerin“ bezeichnet, verbindet ihre Leidenschaft für die Binnenschifffahrt mit der Schriftstellerei. In ihren beiden Romanen „Schiffschwein Spekje“ und „Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße“ erzählt sie von ihrem Schiff. Und davon, wie es ist, sein Leben an Bord mit einem Minischwein zu teilen.

Frau Kerner, heißt es Schiff oder Boot? Gute Frage! Da scheiden sich die Geister. Für einen Berufsschiffer sind das hier Boote, genauso wie alles, was privat so rumtöppelt: Ein Schiff ist ein großes Fracht-, See- oder Binnenschiff. Das ist aber immer eine Frage des Blickwinkels. Es gibt Leute, die beleidigt sind, wenn man „Boot“ sagt, genauso wie manche Schiffer beleidigt sind, wenn man „Kahn“ sagt, weil das etwas Abwertendes hätte.

Wie alt ist die „Noortje“? Sie hat zwei Baujahre. Eines weiß ich sicher: 1946 – da habe ich die Brandmarke gefunden und damit steht sie auch noch im Register in Rotterdam eingeschrieben. Die mündliche Überlieferung ist aber, dass sie 1928 als eine Art Krabbenkutter oder Fischerboot in Danzig gebaut wurde. Die Theorie dazu halte ich mittlerweile für sehr wahrscheinlich.

Und die wäre? Nach dem Krieg wurden viele alte deutsche Rümpfe als Wiedergutmachung in die holländischen Seewerften gebracht und dort zu Arbeitsbooten umgebaut. Von denen waren im Krieg viele zerstört worden, und um den Seeschiffbau wieder aufnehmen zu können, brauchte man die alten Rümpfe. Ihre Vergangenheit als Arbeitsboot würde auch die ganzen Beulen erklären. Ende der Sechzigerjahre ist sie aber schon ein Wohnboot in Amsterdam geworden, 2002 habe ich sie dann gekauft. Ich sage immer, dass das Boot schon vor meiner Geburt in Rente gegangen ist und darauf gewartet hat, dass ich sie wieder in die Fahrt zurückhole.

Gibt einen Teil am Schiff, den Sie am liebsten mögen? Erstmal liebe ich diese spezielle Bugform. Dann sitze ich natürlich gerne im Steuerhaus, mit offenen Fenstern ist das meine Raucherkammer, damit meine Tochter unten verschont bleibt. Vorne in der Koje kuscheln ist aber auch total schön. Früher, als ich noch allein war auf dem Boot, hatte ich einen Schaukelstuhl in der Küche. Dann habe ich im Herbst, wenn es stürmte und pfiff, unheimlich gerne den Dieselofen angemacht, die Füße auf den Tisch gelegt und im Schaukelstuhl gesessen. Durch die Luke konnte man dann auch oben in den Himmel gucken. Und ich liebe meine Badewanne hier!

Ihre Karriere als Binnenschifferin scheiterte zuerst an der Toilette. Wie kam es dazu? Als ich mit der Schule fertig war, bin ich bei vielen Reedereien persönlich aufmarschiert. Immer wieder wurde ich abgelehnt. Das häufigste Argument, das ich hörte, war: Man würde zwar sehr gerne Frauen ausbilden, man dürfe es aber nicht, weil es im Vorschiff nur ein Klo gebe. Und das müssten der Schiffsjunge und der Matrose sich teilen. Ich habe gebettelt! Ich wollte unterschreiben, dass ich damit kein Problem hätte – aber ich bekam keine Chance, weil ein eigenes Klo für mich vom Gesetz vorgeschrieben war. Oft wurde ich auch gefragt, auf welches Schiff ich denn dann heiraten wolle. Ich wollte einfach nur Matrose werden und den Beruf lernen.

Ihr Vater war Hochseeschiffer. Hat er Sie mal mitgenommen? Als ich sechs und war kurz vor der Einschulung stand, sind wir einmal als Familie auf einem Tanker nach Amerika gefahren. Das war schön, aber ich habe gemerkt, dass auch fliegende Fische und Delfine nach zwei, drei Wochen stinklangweilig werden. Das hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass die Binnenschifffahrt, wo man jeden Abend woanders anlegt, mich so fasziniert hat.

„Noortje“ von innen (Foto: Jan Zier)

Werden Sie seekrank? Einmal, als ich klein war, hatte mein Vater mal eine Segelyacht verholt. Wir waren im Sturm auf der Biskaya. Ich musste drinnen bleiben, die Tür hatte aber ein Fenster. Mein Vater stand hinten an der Pinne, die Wellenbrecher gingen über ihn rüber und er verschwand hinter den Wellen. Immer wenn das Wasser weg war, schaute ich nach, ob er noch da war. Bei dem ganzen Rumgeschleudere musste ich mich irgendwann übergeben.

Was ist das Besondere an der Weser? Ich bin eine Rheinfanatikerin gewesen, obwohl ich an der Weser aufgewachsen bin. Dieser ganze Tieden-Quatsch hier hat mich am Anfang genervt. Es ist hier sehr viel ruhiger und gemütlicher als auf dem Rhein. Worüber ich mich allerdings kaputtlache, das  sind die Bremer mit ihrer Seeschifffahrtsstraße: Jenseits der Stephaniebrücke ist die Weser kein Binnengwässer mehr. Meinen Fährführerschein, den ich auf dem vielbefahrenen Rhein gemacht habe, kann ich zwar auf jede Fährstelle einer Bundeswasserstraßen umschreiben lassen. Aber nicht auf der Seeschifffahrtsstraße in Bremen – da muss man ein Patent machen.

Wo genau wollten Sie mit dem Schiff wohnen? Meinen früheren Liegeplatz in Köln an der Rodenkirchener Brücke habe ich geliebt! Ich weiß noch gut, wie ich dort ankam, auf meinem rostigen Schiff an Deck saß und freie Aussicht auf den Rhein hatte. Da habe ich mir die  Balkone der teuren Villen am Ufer angeschaut und dachte: Ihr habt jetzt ein Vermögen für eure Aussicht ausgegeben und das erste worauf ihr guckt, ist mein altes Boot. Und meine Aussicht ist unverbaubar! Da hätte ich ewig bleiben können. Damals dachte ich, ich hätte meinen Platz in der Welt gefunden. Na ja, es kam dann aber anders.

Möchten Sie nun hier in Vegesack bleiben? Das weiß ich noch nicht. Ich mag den Hafen und würde meine Heimat hier gerne behalten, aber das habe ich früher auch schon öfter gedacht. Es kommt auch darauf an, was meine Tochter später macht. Wenn die irgendwo in Übersee ist, kann ich ja auch sonstwohin töffeln. Eigentlich war Köln ja auch meine Wahlheimat, aber das ist als Alleinerziehende nicht zu bezahlen.

Warum leben Sie nicht dauerhaft auf der Noortje? Bis vor kurzem war das nicht möglich, da man mit einem Kleinkind an Bord immer unter Strom ist. Und es gibt hier nur einen Raum, mir fehlt ein Kinderzimmer. Ich überlege immer mal wieder, ob ich jetzt, wo meine Tochter schwimmen kann, ein kleines altes Boot für sie neben Noortje lege.

Heute schreiben sie Kinderbücher und Romane. Wie sind Sie dazu gekommen? Das war schon immer mein Jugendtraum: Binnenschifffahrt und Bücher schreiben!

Wie sind Sie zu dem Schiffsschwein gekommen? Spekje ist auf einem Schleusengelände geboren, der Schleusenmeister dort hatte ein Art kleinen Zoo. Aus moralischen Gründen hat er dann eine schwangere Sau vor der Schlachtung bewahrt und die Ferkel wurden als Spanferkel an die Schiffer verkauft. Ich bin aber, seit ich 16 bin, Vegetarierin und obwohl wir zu dem Schluss gekommen waren, dass das an Bord nicht geht, ist Spekje dann eben doch drei Jahre auf dem Tanker meines Ex-Mannes aufgewachsen, bis er auch für ein Minischwein zu groß geworden war. Das Ende der Geschichte steht in meinem Buch!

 

Teresa Wolny ist ebenfalls ein großer Schweinefan und immer noch hochgradig beeindruckt von Rega Kerners Geschichtenvorrat.

Beate C. Köhler ist freie Fotografin. Sie erlebte Rega Kerner als eine vor Energie und Ideen sprühende Frau, die viele Geschichten zu erzählen hat.

#61 BAUMWOLLBÖRSE

EDITORIAL: Von Ballen und Brunnen

Irgendwas mit Baumwolle sollten wir machen, haben sie uns an der Uni gesagt, genauer: ein Heft, das zu ihrem Schwerpunkt „Global Cotton“ passt. Da ist die Auswahl an Orten, die in Bremen infrage kommen, nicht so groß. Zuerst denkt man vielleicht noch an die Wollkämmerei in Blumenthal – aber die ist ja schon mal mit einer Ausgabe gewürdigt worden; und außerdem ging es da ja vor allem um Schafwolle. Also waren wir mit den StudentInnen unseres Sommersemester-Seminars, meist angehende KulturwissenschaftlerInnen, an der Baumwollbörse.

Dort wollten die einen erst mal Paternoster fahren und mit dem netten Portier quatschen (Seite 8), während andere schon an dem Brunnen vor dem Hause stehen blieben (Seite 10), bei dem es zwar Kunst, aber wieder mal kein Trinkwasser für Obdachlose gibt. Und während sich die Männer für einen echten Detektiv (Seite 22) oder einen durch Burnout geläuterten Manager interessierten (Seite 18), beschäftigten sich die Frauen lieber mit anderen Frauen, beispielsweise mit denen der feministischen Rechten, die sich im Sommer vor der Baumwollbörse regelmäßig zusammenfand (Seite 14). Oder sie machten sich auf die Suche nach der seltenen Spezies der Baumwollhändlerin. Wir haben schließlich doch noch eine gefunden (Seite 26) und ihr auch gleich das Titelbild gewidmet. Soll ja keiner sagen, es ginge nicht auch um „Global Cotton“, in unserem Heft.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    „Das ist nicht ganz ungefährlich“

Ein Interview mit Adolf Schlösser, dem Portier der Baumwollbörse

10    Die Wasserwölfe vom Börsenhof

Vor der Baumwollbörse steht ein Brunnen. Trinkwasser gibt es hier nicht. Dabei fehlt es in Bremen genau daran

14    Feminismus von rechts

Wie der Versuch einer Frau scheiterte, mithilfe der AfD einen Aufmarsch für Frauenrechte zu etablieren

18    „Das ändert den Blick auf das Leben“

Ein Gespräch mit Kai Freter, der früher Manager war und heute Burnout-Coach ist

22    Wenn die Paranoia zur Realität wird

Peter Hennemann ist Privatdetektiv. Porträt eines Lebens zwischen Untreue, Verfolungsjagden und Warten

26    Die Frau an seiner Seite

Der Baumwollhandel ist noch immer eine Männerdomäne. Wir haben mal nach Frauen gesucht

29    Ein Happy End, dank Laika (online lesen)

Ein Treffen mit Pauli, einem unserer ersten Verkäufer

 

Hintergrundfoto: quimby/flickr.com

EIN HAPPY END DANK LAIKA

#61 BAUMWOLLBÖRSE – Ein Treffen mit Pauli, einem unseren ersten Verkäufer

 

Nicht alle bei uns kennen Pauli, wohl aber seinen Hund: Laika. Die 14-jährige Mischlingshündin mit leicht angegrautem Fell um das Maul liegt friedlich auf einer Decke im Vertriebsbüro, als ich sie treffe, neben ihr Paulis Wanderrucksack. Auf ihr ruht während unseres Gesprächs sein Blick.

Er trägt ein Käppi des FC St. Pauli, sein Erkennungsmerkmal. Seine linke Hand sieht wie aufgeblasen aus. Eine Folge des Heroinkonsums, sagt er, „das ist der Dreck aus dem Stoff“. Die Streckmittel in dem Stoff haben sich in seinen Adern abgelagert und könnten sie verstopfen. Trotzdem ist Pauli optimistisch: Alles war schon viel schlimmer.

Es fing schon mit der Familie an: Sein Vater war ein gewalttätiger Zuhälter, der seine Mutter zur Sexarbeit zwang, bis sie sich mit ihrem eigenen Bremer Bordell selbstständig machte. Als Erstes von acht Kindern gebar sie Pauli, der viel Zeit im Bordell verbrachte. Trotzdem verurteilt er Prostitution: „Für mich ist das Menschenhandel.“

Sein Vater schlug auch ihn. Vielleicht hatte Pauli deshalb schon mit 13 ein Alkoholproblem. Die Schule verließ er frühzeitig. Doch dann gab es einen Hoffnungsschimmer: Seine Mutter zog mit ihm in die USA, um dort ihr Glück zu versuchen. Obwohl sie nach kurzer Zeit New Mexiko wieder verließ, blieb ihr 17-jähriger Sohn in Santa Fe, in einer Gastfamilie. Pauli trank keinen Alkohol mehr und absolvierte die Highschool. All das schaffte er mit Hilfe von Meditation, sagt Pauli rückblickend. „Über Meditation kann ich auch quasi high werden. Ich konzentriere mich dafür auf weiße, positive Energie und versuche alles Negative aus meinem Körper zu blasen.“ In diesem Zustand konnte er sogar über heiße Kohlen laufen.

Als Pauli dies am Werdersee seinen Freunden zeigen wollte, verbrannte er sich beide Füße schwer: „Lag vielleicht daran, dass ich besoffen war.“ Er war 19, Punk, Trinker und lebte in einem Bauwagen. Erst mit seiner Freundin sollte er vier Jahre später wieder trocken sein. Für immer.

Mit ihr und einem Kredit von seiner Mutter eröffnete Pauli das „Radieschen“, ein vegetarisches Restaurant am Hauptbahnhof. Der Laden lief gut, die Beziehung auch: Sie erwarteten 2000 ein Kind. Doch es verstarb plötzlich im Krankenhaus, die Beziehung zerbrach. Pauli gab das Restaurant auf, wurde obdachlos. Statt Alkohol nahm er Heroin. Dann tauchte er viele Jahre ab. Als einer der ersten Verkäufer verkaufte er ab und zu mal Hefte, am Ende jede Ausgabe. „Zeitschriften über die Parks kaufen die Leute besonders gern“, sagt er.

Bis zu Laika sollte Pauli noch vier Hunde haben. Doch erst Laika bewegte ihn 2014 endgültig zum Aufhören. Wenn er es nicht für sich bleiben lassen könne, dann wenigstens für seinen Hund, dachte er damals. Heute ist Pauli im Substitutionsprogramm, schläft manchmal am Güterbahnhof und manchmal in einem Zimmer. Unabhängigkeit ist ihm wichtig, besonders von seiner Mutter, die ihn meistens mit ihrer Hilfe unter Druck setzt.

Pauli möchte lieber selbst helfen. Obdachlosen rät er, in ihrem eigenen Tempo die nächsten Schritte zu machen, im Alltag Schnorr- und Verkaufsplätze zu teilen. Sein Platz ist in Findorff, wo besonders einsame, alte Leute mit ihm sprechen. „Die haben weniger als ich.“ Sein Rat: Wohngeld beantragen und zur Tafel gehen.

Laika wird nun unruhig, sie will raus. Ohne zu zögern, packt Pauli ihre Decke, schultert den Rucksack und folgt ihr.

 

Text & Foto: Eva Przybyla

 

#60 SCHLOSSPARK

EDITORIAL: Frau Oetgen und Herr Jaß

Wir sind stolz. Und etwas traurig! Denn wir erinnern uns an viele wunderbare Texte von Jördis Früchtenicht, Eva Przybyla und Björn Struß. Aber irgendwann ist so ein Studium eben zu Ende. Und die Zeitschrift der Straße ist ein Lernprojekt, da muss man seine Leute eben ziehen lassen. Also freuen wir uns sehr, dass sie nun Karriere machen und sich in der großen Konkurrenz um ein Volontariat beim Weser-Kurier beziehungsweise den Kieler Nachrichten durchgesetzt haben. Wir hätten sie auch eingestellt!

Wir gewöhnen uns bereits an die Zeit danach: In diesem Heft sind sie nicht dabei, alle drei nicht. Dafür waren wir mit anderen hoffnungsvollen AutorInnen in Sebaldsbrück unterwegs, rund um den Schlosspark. Wir haben gleich zwei leer stehende Schulen besucht (Seite 24) und eine der ältesten Bewohnerinnen des Stadtteils: Die heute 93-jährige Frau Oetgen kam einst als junge Braut hierher, in eine Genossenschaftssiedlung (Seite 8). Wir waren in einer Villa für besondere Menschen (Seite 12), in einem Hundesalon (Seite 16) und bei Leuten, die Angst haben, dass bei ihnen eingebrochen wird (Seite 26). Zwischendrin haben wir uns mit Marco Jaß getroffen, den Sie schon vom Titelbild kennen – um mit ihm darüber zu reden, wie es so ist, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten.

Und dann gibt es noch einen gravierenden Grund zur Trauer: Michael Schweppe alias Zippo ist tot! Er war 2011 unser erster offizieller Verkäufer, nun mussten wir ihm einen Nachruf widmen (Seite 30).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Leben in der Schreberstraße

Am Schlosspark bauten GenossInnen einst gemeinsam ihre Häuser. Noch heute herrscht hier großer Zusammenhalt

12    Seelisch erschüttert (online lesen)

Wie die Villa Wisch Menschen mit psychischen Erkrankungen Struktur, neue Chancen und viel Selbstbewusstsein gibt

16    Waschen, scheren, legen, bitte!

Bildstrecke

20    „Offenheit kann entwaffnen“

Wie es ist, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten

24    Im Dornröschenschlaf

In der Nähe des Schlossparks stehen seit vielen Jahren zwei Schulen leer

26    Hinter Schloss und Riegel

Am Schlosspark wurde häufig eingebrochen. Doch die AnwohnerInnen haben aufgerüstet

30    Michael Schweppe

Ein Nachruf

 

Hintergrundbild: PamelaB/flickr.com