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#103 BÖTTCHERSTRASSE

EDITORIAL: Aus der Zeit gefallen

Liebe Leserinnen und Leser,

wissen Sie noch, wann Sie zuletzt in der Böttcherstraße waren – und warum? In der Redaktion waren sich die meisten jedenfalls nicht sicher, als wir uns die berühmte Straße vorgenommen hatten. Wahrscheinlich war’s irgendein auswärtiger Besuch, dem man die Stadt zeigen wollte. Oder ein vermutlich vergeblicher Versuch, zwischen Innenstadt und Weser ganz kurz mal eben abzukürzen. Für viele von uns war es jedenfalls wie so oft mit Wahrzeichen: Man guckt sich doch eher die der anderen Städte an als jene vor der eigenen Haustür.

Eine kleine Ausnahme sind freilich die kunstinteressierten BremerInnen, auf die neben der spannenden Architektur auch der Doppelpack aus Paula Modersohn-Becker Museum und dem Ludwig Roselius Museum in der Straße wartet. Für diese Ausgabe haben wir allerdings einen etwas weniger bekannten Kunstort besucht: das Haus der syrischen Kunst nämlich (Seite 20), das erst vor Kurzem eröffnet hat
und seltene Einblick in die junge Kultur eines von Krieg und Despotie zerrütteten Landes bietet. Gesprochen haben wir außerdem mit Sönke Schöttler, der als Gästeführer regelmäßig dienstlich mit der Straße zu tun hat (Seite 12). Von ihm wollten wir unter anderem wissen, wie er mit der NS-Geschichte der Straße umgeht, wenn jemand danach fragt. Bei „Büchlers Beste Bohne“ haben wir viel über Kaffee gelernt (Seite 8) und außerdem die ganz normalen PassantInnen gefragt, was sie eigentlich in die Straße verschlagen hat (Seite 14). Ein Experiment ist der Text „53.075294, 8.806208“ (Seite 25), in dem sich Véra Marie Deubner auf lyrische Weise mit der Straße auseinandersetzt.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Volle Dröhnung
Ein Besuch in der Rösterei „Büchlers Beste Bohne“

12 Backstein, Backstein, Backstein
Gästeführer Sönke Schöttler kennt die Böttcherstraße in- und auswendig

14 Bremens Winkelgasse
Bildstrecke

20 Kunst und Krieg
Das Haus der syrischen Kunst stellt KünstlerInnen eines zerrissenen Landes aus

24 53.075294, 8.806208
Eine lyrische Betrachtung der Böttcherstraße

28 „Das macht mich schon auch sauer“
Unser Verkäufer Tom im Gespräch

WARNUNG VOR FALSCHER STRASSENZEITSCHRIFT AUF BREMENS STRASSEN

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#102 HINDENBURGSTRASSE

EDITORIAL: Das andere Bremen

Liebe Leserinnen und Leser,

aus stadtbremischer Sicht fühlt es sich immer ein bisschen wie ein Ausflug
aufs Land an, wenn es einen mal nach Bremen-Nord verschlägt.
Den Menschen dort geht es umgekehrt genauso: „Ich fahr in die Stadt“,
heißt es, wenn es doch mal nötig ist, sich in Richtung Innenstadt aufzumachen.
Es ist schon ein kleiner Kosmos für sich, dieses Bremen-Nord,
und sehr viele Anlässe, ihn zu verlassen, fallen einem gar nicht ein,
wenn man so in der Lesumer Hindenburgstraße steht.

Hier gibt es eigentlich alles: eine Schlachterei, ein Geschäft für
gebrauchte Brettspiele (Seite 8), eine Apotheke, Restaurants und – noch –
ein stattliches Polizeirevier, dessen Umzug nach Vegesack allerdings beschlossene
Sache ist. Das alte Gerichtsgebäude, in dem das Revier seit
1940 untergebracht ist, und die Möglichkeiten seiner Nachnutzung hat
sich unser Autor Justus Köhler angesehen (Seite 25). Er stammt übrigens
selbst aus Bremen-Nord, weshalb er sich nicht nur aus journalistischem
Interesse, sondern auch aus alter Verbundenheit für alles begeistert,
was die paar Kilometer weserabwärts an der Lesum so passiert.

Und hier passiert viel, vor allem sozial: Etwas versteckt und doch
zentral hat der älteste Bremer Schützenverein seine Heimat. Unsere
Autorin Ulrike Plappert hat sich – noch ganz unter dem Eindruck des
Todes von Queen Elizabeth II. – mit den (Schützen-)Royals von der Lesum
befasst (Seite 21) und ist bei ihrem Besuch nicht nur folkloristisch,
sondern auch sportlich in diese für viele Großstädter ferne Welt eingetaucht.

Das und noch viel mehr lesen Sie in diesem Heft. Wir wünschen
Ihnen eine unterhaltsame gedankliche Landpartie!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Welten in Pappkartons
Ramsch und Schätze: Der Lesumer Spieleladen führt beides

12 Code der Geschichte
Ein Heimatverein erinnert digital an vergessene Orte und Geschichten

16 Letzte Ruhe im Grünen
Bildstrecke

21 Heute ein König
Die Schützen an der Hindenburgstraße suchen Nachwuchs

25 Kleinstadtrevier
Die Polizeiwache im alten Gerichtshaus ist eine Sehenswürdigkeit. Und bald nicht mehr da

28 „Ich muss immer was um die Ohren haben“
Unser Verkäufer Willi im Porträt

WIR SUCHEN DICH

Komm in Kontakt mit unseren Verkäufer:innen und unterstütze unser freiwillig sozial engagiertes Team im Vertriebsbüro!
Wir suchen Vertretungen und feste Besetzungen für die Schichten wochentags von 10-13 Uhr.

Büro Auf der Brake 10 – 12, 28195 Bremen
Kontakt 0421 / 175 216 27, zeitschrift@imhb.de

#101 FLEETSTRASSE

EDITORIAL: Ein Tag im Grünen

Liebe Leserinnen und Leser,

von Katzenjammer kann bei uns in der Redaktion auch am Morgen
nach der 100. Ausgabe keine Rede sein. Weil wir aber trotzdem drin-
gend mal an die frische Luft wollten, haben wir uns für dieses 101. Heft
in Richtung Stadtrand aufgemacht: ins Waller Fleet nämlich, zu den
Kleingärten im Grünen.

Mit tatkräftiger Unterstützung unseres Begleitseminars an der Uni
Bremen haben wir hier für eine unserer am wenigsten urbanen Ausga-
ben recherchiert – und dabei eine Menge gelernt. Im Fleetgarten zum
Beispiel haben wir Menschen besucht, die hier unter fachkundiger Anlei-
tung nachhaltiges Gärtnern ausprobieren (Seite 18). Gleich um die Ecke
steht eine Kirche, die heute als Wohnhaus dient (Seite 22) – wenngleich
als extravagantes. Außerdem haben wir ein waschechtes Kaisenhaus be-
sucht (Seite 8), das heute als Museum dient und von der Wohnungsnot
nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet. Und zu guter Letzt waren wir
auch noch etwas weiter draußen: beim „Metalhenge“ (Seite 12), das als
Aussichtspunkt und Kunstwerk neue Perspektiven auf die Stadt eröffnet.

Wir hoffen, Sie haben beim Lesen mindestens so viel Spaß wie wir
beim Schreiben. Und vielleicht lockt Sie das Heft ja auch selbst ein biss-
chen raus aus der Stadt – und rein in die herbstliche Natur. Aber auch,
wenn Sie zu Hause auf dem Sofa bleiben, wünschen wir Ihnen wie im-
mer eine spannende Lektüre!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Begehbare Bremensie
Kaisenhäuser waren eine Notlösung gegen die Wohnungsnot nach dem Krieg. Heute sind sie Geschichte

12 Kunst auf einem Haufen Müll
Bildstrecke

18 Schaufel für die Zukunft
Im Fleetgarten lässt sich nachhaltiges Gärtnern in der Praxis erlernen

22 Da sucht man einen Garten – und bekommt eine Kirche dazu
Bremen hat eine bundesweit einmalige Parzellenkirche

28 „Ich lass mir nicht mehr alles gefallen“
Unsere Verkäuferin Gabi im Porträt

31 Impressum und Vorschau

#99 ARSTER HEERSTRASSE

EDITORIAL: 100 METER VOR NIEDERSACHSEN

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist schon irgendwie komisch, wie wenig man von Arsten so zu sehen bekommt. Vor allem, weil das gar nicht mal nur für (Innen-)Stadtmenschen gilt, deren Bremen sich auf Zentrum, Viertel, Neustadt und Schwachhausen beschränkt. Nein, auch die zigtausend PendlerInnen aus dem südlichen Umland bekommen von Arsten nicht viel mit, ob- wohl der Ortsteil an der südlichen Landesgrenze ja so was wie der Ein- gang zur Stadt sein sollte. Die Arster Heerstraße, mit der wir uns in dieser Ausgabe der Zeitschrift der Straße beschäftigen, sieht auch genau so aus: Immer ländlicher wirkt die lange Erschließungsstraße, bis erste Bauernhöfe am Wegesrand auftauchen – und man schließlich mitten zwischen Korn und Raps im Feld steht.

Dort, von Niedersachsen aus betrachtet, wird dann auch schlag- artig klar, warum der alte Hauptzugangsweg heute so abgeschieden wirkt, fast wie eine Sackgasse. Denn wo hier einst die Ochtum die Gren- ze markierte, tut das heute faktisch die Autobahn. Und die alte Heerstra- ße ist kaum mehr als eine unscheinbare Abzweigung vor der Abfahrt Bremen-Arsten und dem Zubringer, der einen in die Neustadt bringt, zum Flughafen, zu den Brücken über die Weser … aber eben nicht nach Arsten.

Umso spannender war es für uns, diese fast schon ländliche Gegend kennenzulernen, und die Menschen, die hier einen Freizeitverein gegründet haben (Seite 8), ein eigenes Museum über ihren Ortsteil betreiben (Seite 22) – oder Autos verkaufen, die auch als Zeitmaschinen funktionieren (Seite 14). Also: Herzlich willkommen in Arsten. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Boule ist nur der Anfang

Ein Verein bringt Menschen in Arsten zusammen

12 In der Mitte des Dorfes

Nach 130 Jahren schließt das Gasthaus „Zur Börse“

14 Monte Carlo an der Ochtum

Bildstrecke

20 Was von Bello übrig bleibt

Wohin mit den sterblichen Überresten von Haustieren?

22 Im Rhythmus der Steine

Ein kleines Museum erzählt in Arsten von den Steinsetzern

28 „Wenn man die Sprache nicht spricht, ist es sehr schwer“

Petre und seine Familie verkaufen die Zeitschrift in Bremerhaven

29 Impressum und Vorschau

INFLATIONSAUSGLEICH FÜR STRASSENVERKÄUFER:INNEN

Diese Woche ist unsere 100. Ausgabe erschienen! Es macht uns sehr stolz, dass wir soweit gekommen sind trotz aller Widrigkeiten entlang des Weges, wie zwei Beinahe-Pleiten 2012 und 2014, einem Neustart 2015 und diversen Corona-Lockdowns unseres Vertriebsbüros 2020 und 2021.

Doch zum Feiern ist uns derzeit nicht zumute. Denn unsere Straßenverkäufer:innen sind den stark gestiegenen Preisen vor allem von Lebensmitteln hilflos ausgeliefert. Maßnahmen der Bundesregierung zur Entlastung der Haushalte durch 9-Euro-Ticket, Trankrabatt oder Home-Office-Pauschale kommen bei ihnen nicht an.

Gleichzeitig merken wir an unseren Absatzzahlen, dass die Menschen angesichts der Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ihr Geld zusammenhalten. Die Folge ist, dass die Straßenverkäufer:innen nicht nur mit steigenden Lebenshaltungskosten, sondern auch mit sinkenden Verkaufserlösen zu kämpfen haben.

Da wir eine Preiserhöhung der Zeitschrift der Straße vorläufig vermeiden möchten, um den Absatz nicht zusätzlich zu bremsen, haben wir uns entschieden, kurzfristig den Verkäuferanteil am Verkaufspreis von 2,80 Euro von 1,40 Euro auf 1,80 Euro anzuheben. Dies ist auf dem Cover der 100. Ausgabe erkennbar.

Für die Verkäufer:innen ist dieser „Inflationsausgleich“ eine gute Nachricht und hoffentlich ein Anreiz, engagiert zu verkaufen. Allerdings haben wir das Problem damit von der Verkaufsseite auf die Produktionsseite verlagert. Ein Euro pro Heft reicht nicht aus, um die Herstellkosten zu decken, zumal die Papierpreise in den letzten zwei Jahren infolge der Holzknappheit stark gestiegen sind.

Ohne ein Maßnahmenbündel aus Preiserhöhung, Kostensenkung, Anpassung des Geschäftsmodells der Zeitschrift der Straße und/oder ganz neuer Einnahmequellen werden wir nicht ewig durchhalten. Mit Ihrer Spende können Sie uns aber Zeit verschaffen, die wir für eine langfristige Problemlösung brauchen

Zum Spenden können Sie:

Verein für Innere Mission in Bremen
Bank: Sparkasse Bremen
IBAN: DE22 2905 0101 0001 0777 00
BIC: SBREDE22XXX
Verwendungszweck: Zeitschrift der Straße

Vielen Dank, dass Sie uns helfen zu helfen!

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Text: Michael Vogel

bischofsnadel

ZWISCHEN DEN WELTEN

#98 BISCHOFSNADEL – Die Bischofsnadel ist Tunnel, Durchgangsweg sowie Park- und Stadteingang. Und manchmal vergisst man bei all diesen Übergängen fast, dass sie auch selbst ein Ort ist. Nur eben einer dazwischen

Ein leichter Wind weht durch die Bäume in den Wallanlagen: ein angenehmer Wind an einem der ersten milden Frühlingstage in diesem Jahr. Die Sonne wirft ihre Strahlen auf die Wasserflächen und sorgt für ein stimmungsvolles Glitzern. An den Bäumen sind erste Knospen zu erkennen, die zusehends das winterliche Grau verdrängen. Dazu sorgen die singenden Vögel für eine liebliche Idylle mitten im Herzen der Stadt. Auf dem Weg entlang der Bischofsnadel begegnen mir viele Menschen, die genau diese Entspannung von der Hektik des Alltags zu suchen scheinen: SpaziergängerInnen, die Hand in Hand am Wasser schlendern, spielende Kinder, oder die vielen Fahrräder – sie alle scheinen in Ruhe das Wetter zu genießen. Auch unter den großen roten Sonnenschirmen an der Unterführung am Wall haben viele Menschen Platz genommen und genießen, in Gespräche vertieft, Kaffee, Pizza oder andere Kleinigkeiten, die dort angeboten werden. Es dauert nicht lange an diesem Ort und auch ich verfalle in eine entspann- te Grundstimmung. Bis auf wenige vorbeifahrende Autos und gelegentliche Polizeisirenen könnte man fast vergessen, sich mitten in Bremen nahe Hauptbahnhof und Altstadt zu befinden.

Zwischen Café und Pizzeria offenbart sich eine kurze Unterführung, die eine schnelle Verbindung in die Innenstadt schafft, ohne die Straße am Wall überqueren zu müssen. Nach dem hellen Tageslicht in den Wallanlagen wirkt der Tunnel dunkel. Gelbes, spärliches Licht beleuchtet die kleinen Geschäfte, die sich dicht an dicht reihen. Viele Menschen sind hier unterwegs. Einige besuchen Kiosk, Schneiderei oder Schuster, die meisten aber nutzen die Unterführung nur als schnellen Durchgang. Die Verweilstimmung in dem engen, hallenden Tunnel ist verflogen. Kaum jemand hält sich hier länger auf. Am Ende führen 15 Stufen wieder aus der Unterführung heraus.

Tunnel, Park und Häuserschlucht: Die Bischofsnadel ist alles zugleich.

Zurück im Tageslicht stehe ich in einer kurzen Gasse, die zur Innenstadt führt. Durch die fünfstöckigen Gebäude auf beiden Seiten ist der Weg größtenteils in Schatten gehüllt. Rechts von mir wartet eine kurze Schlange darauf, eine kleine Bäckerei betreten zu können. Davor stehen einige Menschen an Stehtischen und trinken Kaffee. Gegenüber tritt eine Person aus einem Laden für Fischspezialitäten und verlässt die Gasse in Richtung Altstadt. Es herrscht reges Treiben. Der Blick fällt geradeaus direkt auf den Dom, der jedoch teilweise von Büro- und Geschäftsgebäuden verdeckt wird. Manche Gebäude wirken wie verblichen, verlassen und wenig einladend. Mit ihren sandsteinfarbenen und grauen Fassaden verschmelzen sie fast nahtlos mit den Straßen und Wegen ringsherum. Kaum jemand schenkt diesen Gebäuden echte Aufmerksamkeit. Sie wirken belanglos und das Flair der Altstadt weit entfernt.

Anders sieht es gleich daneben aus. Hier erstrecken sich viele bunte Wagen des Wochenmarktes mit ihren verschiedenen Angeboten. Das Ensemble wirkt mit den Menschen dazwischen auf eine sympathische Weise unaufgeräumt. Davor befindet sich ein kleiner Platz mit eckigem Glasquader, in dem sich Café und Bar befinden. Überspannt wird das Ganze von einem riesigen

Glasdach. Mit dem historischen Rathausgebäude und Dom im Hintergrund könnte der Kontrast kaum größer sein. Während ich auf die Menschen auf dem Wochenmarkt oder im Café blicke, fahren im Minutentakt Busse und Bahnen an mir vorbei. Schnell eilen einige noch zur Haltestelle, um ihre Bahn zu bekommen, bevor sich die Türen mit lautem Piepen schließen. Der Alltag scheint die Menschen hier zu bestimmen: Erledigungen machen oder von einem Ort zum anderen gelangen. Obwohl sich auch hier Menschen treffen und miteinander reden, strahlt dieser Ort für mich Anonymität aus. Genauso schnell, wie viele gekommen sind, sind sie auch wieder verschwunden – einige in die Unterführung in Richtung Wall, andere weiter in Richtung Innenstadt.

Text: Joshua Köhler
Foto: Beate C. Köhler

#98 BISCHOFSNADEL

EDITORIAL: DIE MIT DEM TUNNEL

Liebe Leserinnen und Leser,

ein bisschen Angst hatten wir vor dieser Ausgabe ja ehrlich gesagt schon. Schon als die Straße in der Redaktionskonferenz zum ersten Mal auf dem Tisch lag, war die Stimmung nicht gerade euphorisch. „Ist das nicht dieser Tunnel unterm Wall?“, meinte die eine Kollegin. „Wie viele Häuser gibt’s da?“, der andere, „vier?“ Und auch wenn es natürlich doch ein paar mehr sind, ist diese Straße anders als viele andere, mit denen wir es bisher zu tun hatten. Die Bischofsnadel ist halb Park, halb Innenstadt. Sie hat diesen sonderbaren Tunnel, der auf seine Art eher Hindernis als Abkürzung zu sein scheint. Und für die allermeisten BremerInnen ist sie vor allem Durchgangsstation. Tausende Menschen kommen hier durch, kaum einer bleibt da. Und wahrscheinlich ahnen Sie es schon: Gerade weil die Bischofsnadel so sonderbar ist, haben wir ihr diese Ausgabe gewidmet.

Hier im Tunnel haben wir die Kunstgalerie „Tunnelblick“ besucht, die von KünstlerInnen gegründet wurde, um ihre Arbeiten selbst und ohne profitorientierte HändlerInnen verkaufen zu können (Seite 20). Und wo wir schon bei der Kunst waren, haben wir draußen an der frischen Luft Bernd Altensteins Skulptur, „Das Ende“ in den Blick genommen (Seite 12). Wir haben gelernt, dass man auch mit Modekollektionen die Welt besser machen kann (Seite 8), und wir haben uns die Zeit genommen, auch die Straße selbst – diesen Ort des Übergangs – auf uns wirken zu lassen (Seite 24).

Wir waren gerne in der kleinen Straße mit dem Tunnel und hoffen, Sie haben nun auch viel Spaß daran und eine spannende Lektüre!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Mode der Straße

Mit Klamotten soll Geld für Obdachlose gesammelt werden

12 Das Ende am Anfang

Bernd Altensteins Skulptur am Rande der Bischofsnadel irritiert. Und das soll sie auch

14 Nur auf der Durchreise

Bildstrecke

20 „Einfach mal Kunst kaufen“

In der Galerie „Tunnelblick“ verkaufen KünstlerInnen ihre Arbeiten einfach selbst

24 Zwischen den Welten (online lesen)

Ob die Bischofsnadel nun Tunnel, Ein- oder Ausgang ist: Sie ist auf jeden Fall ein Ort der Kontraste

28 „Kommt drauf an, was man daraus macht“

Helmut hat als Zeitungsverkäufer angefangen, um für seinen Hund zu sorgen

29 Impressum und Vorschau