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	<title>Andere Magazine &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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	<description>Das Bremer Straßenmagazin</description>
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	<title>Andere Magazine &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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	<item>
		<title>Verkäufer:innen im Rampenlicht: René Mocellin</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/verkaeufer-im-rampenlicht-rene-mocellin-von-surprise-schweiz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Feb 2016 18:20:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Straßenverkäufer]]></category>
		<category><![CDATA[Surprise]]></category>
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					<description><![CDATA[SURPRISE / Schweiz: Als René Mocellin, 64, nach jahrelanger Schreibarbeit seine Autobiografie beendet hatte, wurde ihm langweilig. Seit bald einem Jahr verkauft er deshalb Surprise am Bahnhof Basel SBB. &#8222;Ich muss zugeben, dass ich anfangs Hemmungen hatte, das Strassenmagazin zu verkaufen. Ich befürchtete, dass man mich als randständig wahrnehmen würde, und dieses Image will ich auf keinen Fall. Dann sagte ich mir: Ich mach das einfach auf meine Art. Ich sehe nicht verwahrlost aus, und meine Ausrüstung mit dem Bildschirm und den anderen Extras erweckt auch nicht den Anschein. Jetzt bin ich fast ein Jahr bei Surprise dabei, seit März 2015. Ich verkaufe fast jeden Tag von zehn Uhr morgens bis in den Abend hinein am Haupteingang des Basler SBB-Bahnhofs. Und ich muss sagen: Mir gefällt die Aufgabe. Ich bekomme nette Rückmeldungen von den Leuten, meine Elektronik gefällt ihnen. Ich habe immer Leuchttafeln dabei, die ich selber installiere. In der Adventszeit nahm ich einen kleinen leuchtenden Tannenbaum mit, das kam besonders gut an. Einmal ging eine jüdisch-orthodoxe Familie an mir vorbei, und die Kinder machten &#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">SURPRISE / Schweiz: Als René Mocellin, 64, nach jahrelanger Schreibarbeit seine Autobiografie beendet hatte, wurde ihm langweilig. Seit bald einem Jahr verkauft er deshalb Surprise am Bahnhof Basel SBB.</h2>



<p>&#8222;Ich muss zugeben, dass ich anfangs Hemmungen hatte, das Strassenmagazin zu verkaufen. Ich befürchtete, dass man mich als randständig wahrnehmen würde, und dieses Image will ich auf keinen Fall. Dann sagte ich mir: Ich mach das einfach auf meine Art. Ich sehe nicht verwahrlost aus, und meine Ausrüstung mit dem Bildschirm und den anderen Extras erweckt auch nicht den Anschein.</p>



<p>Jetzt bin ich fast ein Jahr bei Surprise dabei, seit März 2015. Ich verkaufe fast jeden Tag von zehn Uhr morgens bis in den Abend hinein am Haupteingang des Basler SBB-Bahnhofs. Und ich muss sagen: Mir gefällt die Aufgabe. Ich bekomme nette Rückmeldungen von den Leuten, meine Elektronik gefällt ihnen. Ich habe immer Leuchttafeln dabei, die ich selber installiere. In der Adventszeit nahm ich einen kleinen leuchtenden Tannenbaum mit, das kam besonders gut an. Einmal ging eine jüdisch-orthodoxe Familie an mir vorbei, und die Kinder machten ganz grosse Augen, als sie den Baum sahen. Da sagte ich laut: &#8218;Chanukka!&#8216;, und alle mussten lachen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Meine Autobiografie – Ein Einblick in den Schreibprozess</h3>



<p>Mit Details zu meiner Lebensgeschichte möchte ich mich derzeit eher zurückhalten. Nicht, weil ich etwas zu verstecken hätte, im Gegenteil: Ich stehe kurz vor dem Abschluss der Arbeit an meiner Autobiografie. Ich hoffe, dass ich in den kommenden Monaten einen Verlag dafür finde und das Ganze als Buch veröffentlichen kann. Bis dahin möchte ich natürlich nicht schon alles verraten. Geschrieben habe ich das Buch über die letzten Jahre hinweg. Derzeit bin ich vor allem damit beschäftigt, den Text zu überarbeiten. Dazu habe ich meine eigene Methode: Ich spreche die Geschichte auf Band, alles an einem Stück. Für die 360 Seiten brauche ich rund zwölf Stunden. Früher habe ich dazu noch ein Revox G36-Tonbandgerät verwendet, mittlerweile mache ich es mit Aufnahmegerät mit Chipspeicherkarte.</p>



<p>Nach der Aufnahme höre ich sie mir an und mache stilistische Verbesserungen. Dieses Prozedere habe ich jetzt schon zehn bis 15 Mal gemacht, mittlerweile kann ich ganze Passagen auswendig. Es ist eine sehr intensive Konfrontation mit meinem eigenen Leben. Manchmal macht es mich auch traurig. In einer Szene beschreibe ich, wie ich mit meiner mittlerweile verstorbenen Mutter im Quartierrestaurant etwas Kleines essen gehe. Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum Wurlitzer ging und ein paar alte Schlager wählte. Und auf Wunsch meiner Mutter &#8218;Lara&#8217;s Lied&#8216;, die Titelmelodie von Dr. Schiwago. Ich sehe, wie sie mir gegenüber am Tisch sitzt und höre innerlich das Lied. Die Situation wird wieder lebendig, und das macht mich sentimental.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hoffnung auf eine bessere Zukunft</h3>



<p>Als das Buch zum grössten Teil fertig geschrieben war, hatte ich als IV-Rentner plötzlich viel freie Zeit. Und mir wurde, ehrlich gesagt, etwas langweilig. Ich dachte mir: Du musst etwas tun, damit du unter die Leute kommst. Am Claraplatz hatte ich schon ab und zu Surprise-Verkäufer gesehen. Und so bin ich dann zum Strassenmagazin gekommen. Es setzt mir zu, wenn ich von frühmorgens bis am Abend draussen stehe, das fällt mir schwer. Zudem muss ich, wenn ich einigermassen gut verkaufe, zwei Drittel meines Verdienstes abgeben, so sind die Regeln der IV.</p>



<p>Aber es ist die Mühe allemal wert. Ich habe sozialen Kontakt und kann am Ende trotz allem ein klein wenig Geld auf die Seite legen. Wenn ich mir Mühe gebe und zum Beispiel konsequent in Deutschland einkaufe, dann komme ich alles in allem gut durch. Für grosse Sprünge reicht es natürlich nicht, Ausflüge liegen nicht drin. Ich würde gerne mal verreisen, nach Köln, Amsterdam oder Berlin. Ich hoffe, dass das mit den Einnahmen aus meiner Biografie dann geht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Meine Erfahrungen mit Straßenverkäufen in den Siebzigern</h3>



<p>Ich habe übrigens Anfang der Siebzigerjahre schon einmal etwas Ähnliches gemacht wie Surprise: Nach der Scheidung meiner Eltern steckte mich die Vormundschaftsbehörde 1962 für sechs Jahre ins Erziehungsheim. Als ich da endlich rauskam, ging ich ins Elsass. Dort schlug ich mich erst als Küchenhilfe durch, schrubbte Pfannen und Geschirr. Ein grosser Teil des Lohns ging für das schäbige Zimmer drauf, das mir der Besitzer vermietete. Also suchte ich etwas anderes und landete bei einem Magazin, das zugunsten behinderter Kinder verkauft wurde. Wir fuhren zu viert mit dem Auto durch die Dörfer und verkauften die Hefte. Die Hälfte des Verkaufspreises durften wir behalten, wie bei Surprise. Das war sehr unterhaltsam. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie sich im Leben Kreise schliessen.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text und Bild: </td><td><em>mit freundlicher Genehmigung von <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">INSP.ngo</a> / Surprise</em></td></tr></tbody></table></figure>



<p></p>
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			</item>
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		<title>Straßenverkäufer trifft Papst</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/strassenverkaeufer-trifft-papst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Dec 2015 08:00:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Straßenverkäufer]]></category>
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					<description><![CDATA[STRAATNIEUWS / Utrecht: Papst Franziskus gibt ehemals obdachlosem Straßenverkäufer Marc in Rom ein exklusives Interview Es ist noch früh, als wir vor dem Dienstboteneingang des Vatikans links vom Petersdom eintreffen. Die Schweizergarde war über unsere Ankunft in Kenntnis gesetzt worden und lässt uns durch. Wir steuern auf das Domus Sanctae Marthae zu, in dem Papst Franziskus wohnt. Das Domus Sanctae Marthae ist aller Wahrscheinlichkeit nach das außergewöhnlichste Drei-Sterne-Hotel der Welt. Das große, weiße Gebäude, in dem Kardinäle und Bischöfe residieren, während sie im Vatikan ihren Dienst leisten oder ihn besuchen, ist auch die offizielle Residenz der Kardinäle während des Konklaves. Hier werden wir ebenfalls erwartet. Wie in jedem anderen Hotel stehen hinter der Rezeption zwei Damen, die uns auf eine Nebentür verweisen. Der Versammlungsraum ist schon vorbereitet. Dieser Raum, der dem Papst unter der Woche als Konferenzraum dient, ist ziemlich groß und mit Schreibtisch, Sofa, Tischen und Stühlen ausgestattet. Dann beginnt das Warten. Marc, der Straatnieuws-Verkäufer, hat von uns allen die meiste Geduld, und wartet in seinem Stuhl sitzend darauf, was als Nächstes kommt. Plötzlich &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">STRAATNIEUWS / Utrecht: Papst Franziskus gibt ehemals obdachlosem Straßenverkäufer Marc in Rom ein exklusives Interview</h2>



<p>Es ist noch früh, als wir vor dem Dienstboteneingang des Vatikans links vom Petersdom eintreffen. Die Schweizergarde war über unsere Ankunft in Kenntnis gesetzt worden und lässt uns durch. Wir steuern auf das Domus Sanctae Marthae zu, in dem Papst Franziskus wohnt. Das Domus Sanctae Marthae ist aller Wahrscheinlichkeit nach das außergewöhnlichste Drei-Sterne-Hotel der Welt. Das große, weiße Gebäude, in dem Kardinäle und Bischöfe residieren, während sie im Vatikan ihren Dienst leisten oder ihn besuchen, ist auch die offizielle Residenz der Kardinäle während des Konklaves.</p>



<p>Hier werden wir ebenfalls erwartet. Wie in jedem anderen Hotel stehen hinter der Rezeption zwei Damen, die uns auf eine Nebentür verweisen. Der Versammlungsraum ist schon vorbereitet. Dieser Raum, der dem Papst unter der Woche als Konferenzraum dient, ist ziemlich groß und mit Schreibtisch, Sofa, Tischen und Stühlen ausgestattet. Dann beginnt das Warten. Marc, der Straatnieuws-Verkäufer, hat von uns allen die meiste Geduld, und wartet in seinem Stuhl sitzend darauf, was als Nächstes kommt.</p>



<p>Plötzlich erscheint der offizielle Fotograf des Papstes und flüstert: &#8222;Der Papst kommt.&#8220;</p>



<p>Und ehe wir uns versehen, betritt er den Raum: Papst Franziskus, das geistliche Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken. Er trägt einen großen, weißen Briefumschlag. &#8222;Bitte setzen Sie sich, Freunde&#8220;, sagt er mit einem leichten Handwink. &#8222;Wie schön, dass Sie hier sind.&#8220; Aus der Nähe vermittelt er den Eindruck eines ruhigen, freundlichen Mannes, der sowohl energetisch als auch präzise ist. Nachdem er sich niedergelassen hat, entschuldigt er sich dafür, dass er Italienisch statt Niederländisch spricht. Wir nehmen seine Entschuldigung umgehend an.</p>



<h3 class="wp-block-heading">INSP: Straatnieuws-Interviews beginnen immer mit einer Frage zu der Straße, in der der Interviewte aufgewachsen ist. Heiliger Vater, welche Erinnerungen weckt Ihre Straße? Welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie sich an die Straßen Ihrer Kindheit erinnern?</h3>



<p>Papst Franziskus: Von meinem ersten Lebensjahr bis zu meinem Eintritt ins Seminar habe ich immer in derselben Straße gelebt. Es war eine einfache Gegend in Buenos Aires, mit ein- und zweistöckigen Häusern. Es gab einen kleinen Platz, auf dem wir Fußball spielten. Ich erinnere mich daran, wie ich mich früher aus dem Haus schlich, um nach der Schule mit den Jungs Fußball zu spielen.</p>



<p>Mein Vater arbeitete in einer Fabrik, die nur ein paar hundert Meter weit weg war. Er war Buchhalter. Und meine Großeltern lebten nur 50 Meter entfernt. Wir lebten alle nur ein paar Schritte voneinander weg. Ich erinnere mich auch an die Namen der Menschen, denen ich als Priester das Sakrament, das für so viele, die nach mir verlangten und die ich besuchte, den letzten Trost darstellte erteilte, weil ich sie liebte. Diese Erinnerungen fallen mir zuerst ein.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1200" height="800" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg" alt="Papst Franziskus im Interview mit Straßenzeitungen" class="wp-image-6298" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-1024x683.jpg 1024w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis7_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-840x560.jpg 840w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Papst Franziskus im Interview</figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Haben Sie auch Fußball gespielt?</h3>



<p>Ja.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Waren Sie gut?</h3>



<p>Nein. Wenn man in Buenos Aires so Fußball spielt wie ich wird man als <em>pata dura</em> bezeichnet. Das bedeutet, man hat zwei linke Füße! Ich hab trotzdem gespielt, oft als Torwart.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wie haben Sie angefangen, sich persönlich für die Armen zu engagieren?</h3>



<p>Es gibt so vieles, woran ich mich erinnere, bespielsweise eine Frau, die dreimal die Woche bei uns zu Hause gearbeitet hat, um meiner Mutter z. B. mit der Wäsche zu helfen. Sie hatte zwei Kinder. Sie waren Italiener und hatten den Krieg überlebt. Sie waren sehr arm, aber sie waren sehr gute Menschen. Ich habe diese Frau nie vergessen. Ihre Armut hat mich bewegt.</p>



<p>Wir waren nicht reich, normalerweise reichte es bis zum Monatsende, aber nicht viel weiter. &nbsp;Wir hatten kein Auto, fuhren nicht in den Urlaub oder dergleichen. Aber diese Frau benötigte oft ganz grundlegende Dinge. Sie hatten nicht genug, daher gab meine Mutter ihr etwas. Irgendwann ging sie zurück nach Italien und kehrte später wieder nach Argentinien zurück. Ich traf sie wieder, als ich Erzbischof von Buenos Aires und sie bereits 90 Jahre alt war. Ich stand ihr bis zu ihrem Tod im Alter von 93 Jahren bei.</p>



<p>Eines Tages gab sie mir eine Medaille des Heiligsten Herz Jesu, die ich immer noch jeden Tag bei mir trage. Diese Medaille – die auch ein Andenken ist – ist mir sehr wichtig. Möchten Sie sie sehen?</p>



<p>[Etwas mühsam zieht Papst Franziskus die Medaille hervor, die nach jahrelangem Tragen inzwischen komplett entfärbt ist.]</p>



<p>Auf diese Weise denke ich jeden Tag an sie, und daran, wie sehr sie unter ihrer Armut gelitten hat. Und ich denke an all die anderen, die leiden. Ich trage die Medaille, und verwende sie, wenn ich bete &#8230;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Welche Botschaft hat die Kirche für Obdachlose? Was bedeutet christlicher Zusammenhalt konkret für sie?</h3>



<p>Ich denke da an zwei Dinge. Jesus kam ohne ein Zuhause auf die Welt und wählte die Armut. &nbsp;Die Kirche versucht, uns alle zu vereinen, und sagt, jeder habe das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Populäre Bewegungen arbeiten auf die drei spanischen Ts hin: <em>trabajo</em> [Arbeit], <em>techo</em> [Dach] und <em>tierra</em> [Land]. Die Kirche lehrt, dass jeder Mensch ein Recht auf diese drei Ts hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sie haben oft erhöhte Aufmerksamkeit für Arme und Flüchtlinge gefordert. Befürchten Sie nicht, dass dies zu einer Art Informationsüberflutung in den Medien und generell in unserer Gesellschaft führen könnte?</h3>



<p>Wenn wir uns mit einem Thema befassen müssen, das nicht angenehm ist und worüber es nicht leicht fällt zu sprechen, unterliegen wir alle der Versuchung zu sagen: &#8222;Ach, lass uns nicht mehr darüber sprechen, es ist einfach zu schwierig.&#8220; Ich verstehe, dass die Möglichkeit der Informationsüberflutung besteht, aber davor habe ich keine Angst. Ich muss weiterhin über die Wahrheit sprechen und darüber, wie die Realität aussieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ist das Ihre Pflicht?</h3>



<p>Ja, das ist meine Pflicht. Ich spüre sie in mir. Es ist kein Gebot, aber als Menschen sollten wir alle so handeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Befürchten Sie nicht, dass Ihre Unterstützung für Obdachlose und andere Gruppen, die von Armut befallen sind, politisch ausgenutzt werden könnte? Wie kann die Kirche sich äußern, um Einfluss auszuüben und gleichzeitig dem politischen Schaukampf fernbleiben?</h3>



<p>An dieser Stelle gibt es Wege, die zu Fehlverhalten führen. Ich möchte auf zwei Versuchungen hinweisen. Die Kirche muss die Wahrheit sagen und zugleich Zeugnis ablegen: Das Zeugnis der Armut. Wenn man als Gläubiger über Armut oder Obdachlose redet, selbst aber ein Leben im Luxus führt, ist das nicht genug. Das ist die erste Versuchung.</p>



<p>Die zweite Versuchung besteht darin, Vereinbarungen mit Regierungen zu treffen. Sicherlich können Vereinbarungen getroffen werden, aber diese müssen klar und durchschaubar sein. Wir verwalten z. B. dieses Gebäude, aber alle Konten werden genau überprüft, um Korruption zu verhindern. Denn die Versuchung der Korruption ist im öffentlichen Leben allgegenwärtig. Sowohl in der Politik als auch in der Religion. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal mit großem Bedauern sah, dass die Menschen, als Argentinien unter der Militärherrschaft in den Falklandkrieg mit Großbritannien eintrat, an wohltätige Organisationen spendeten, und dass viele, darunter auch Katholiken, die für die Verteilung dieser Spenden an Bedürftige zuständig waren, diese stattdessen selbst mit nach Hause nahmen. Die Gefahr der Korruption besteht immer.</p>



<p>Einmal stellte ich einem argentinischen Minister, einem ehrlichen Mann, der von seinem Amt zurücktrat, weil er einigen Punkten, die nicht transparent genug waren, nicht zustimmte, eine Frage. Ich fragte ihn: &#8222;Wenn Sie Hilfe in Form von Mahlzeiten, Kleidung oder Spenden an die Armen und Bedürftigen schicken, wie viel von dem Geld und den Gütern kommt bei denen an, die sie benötigen?&#8220; Er sagte: &#8222;35 Prozent&#8220;. Was bedeutet, dass 65 Prozent verloren gehen. Das ist Korruption: ein bisschen für mich, und noch ein bisschen für mich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Glauben Sie, dass Sie bisher unter Ihrem Pontifikat eine Veränderung der Mentalität erreichen konnten, z. B. in der Politik?</h3>



<p>Ich bin mir nicht sicher, wie ich antworten soll. Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass einige gesagt haben, ich sei ein Kommunist. Aber diese Kategorie ist ein bisschen veraltet. [Er lacht]. Vielleicht drücken wir das heutzutage mit anderen Worten aus &#8230;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Marxist, Sozialist &#8230;</h3>



<p>Diese Worte hat man auch verwendet &#8230;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Obdachlose haben finanzielle Probleme, aber sie entwickeln ihre eigene Form von Freiheit. Der Papst hat keine materiellen Bedürfnisse, aber manche halten ihn für einen Gefangenen des Vatikans. Haben Sie sich schon einmal gewünscht, Sie könnten mit den Obdachlosen tauschen?</h3>



<p>Ich erinnere mich an Mark Twains Buch &#8222;Der Prinz und der Bettelknabe&#8220;. Jeden Tag Essen, Kleidung, ein Bett zum Schlafen, ein Schreibtisch, an dem man arbeiten kann, Freunde sind auch da – nichts fehlt. Aber Mark Twains Prinz lebt in einem goldenen Käfig.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fühlen Sie sich hier im Vatikan frei?</h3>



<p>Zwei Tage, nachdem ich zum Papst gewählt wurde, wollte ich das päpstliche Appartement im Apostolischen Palast beziehen. Es ist kein luxuriöses Appartement. Aber es ist geräumig und groß &#8230; Nachdem ich mir das Appartement angeschaut hatte, erschien es mir ein bisschen wie ein umgekehrter Trichter; obwohl es so groß war, gab es nur eine kleine Tür. Das bedeutet Isolation. Ich dachte: Hier kann ich, einfach aus Gründen der psychischen Gesundheit, nicht wohnen. Das täte mir nicht gut. Anfangs erschien es ein bisschen komisch, aber ich bat darum, hier zu bleiben, im Domus Sanctae Marthae. Und das tut mir gut, denn hier fühle ich mich frei. Ich esse im Speisesaal, wo alle Gäste essen. Und wenn ich früh dran bin, speise ich mit dem Personal. Ich treffe Menschen und begrüße sie; dadurch fühlt sich der goldene Käfig ein bisschen weniger wie ein Käfig an. Aber ich vermisse die Straße.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Heiliger Vater, [Straatnieuws-Verkäufer] Marc würde Sie gerne auf eine Pizza mit uns einladen. Was meinen Sie?</h3>



<p>Das würde ich gerne tun, aber es würde nicht funktionieren. Denn sobald ich hier weggehe, würden die Menschen zu mir kommen. Als ich in die Stadt ging, um meine Brillengläser austauschen zu lassen, war es sieben Uhr abends. Kaum jemand war auf der Straße. Man fuhr mich zum Optiker, und kaum stieg ich aus dem Auto rief eine Frau, die mich sah: &#8222;Da ist der Papst!&#8220; Und dann war ich drinnen, und all diese Menschen standen draußen &#8230;</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg"><img decoding="async" width="1200" height="800" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg" alt="Gut gelaunter Papst Franziskus im Interview" class="wp-image-6299" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-1024x683.jpg 1024w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis5_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-840x560.jpg 840w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Gut gelaunter Papst Franziskus</figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Vermissen Sie den Kontakt mit Menschen?</h3>



<p>Ich vermisse ihn nicht, weil die Menschen hierher kommen. Jeden Mittwoch bin ich für die Generalaudienz auf dem Petersplatz, und manchmal gehe ich zu einer der Ortsgemeinden – ich halte Kontakt zu den Menschen. Gestern [am 26. Oktober] kamen z. B. mehr als 5.000 Sinti und Roma zur Vatikanischen Audienzhalle.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Offensichtlich genießen Sie Ihre Termine auf dem Petersplatz während der Generalaudienz ..</h3>



<p>Ja, das stimmt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ihr Namenspatron der Heilige Franziskus begab sich in radikale Armut und verkaufte sogar sein Evangeliar. Fühlen Sie sich als Papst und Bischof von Rom unter Druck gesetzt, die Schätze der Kirche zu verkaufen?</h3>



<p>Das ist eine einfache Frage. Das sind nicht die Schätze der Kirche, sondern vielmehr die Schätze der Menschheit. Wenn ich beispielsweise morgen Michelangelos Pietà versteigern wollte, könnte ich das nicht, weil sie nicht das Eigentum der Kirche ist. Sie befindet sich in einer Kirche, gehört aber der gesamten Menschheit. Das trifft auf alle Schätze der Kirche zu. Aber wir haben damit angefangen, die Geschenke und anderen Dinge, die mir gegeben werden, zu verkaufen. Und die Verkaufserlöse gehen an Monsignor Krajewski, meinen Almosner [Erzbischof Konrad Krajewski, der für die Verteilung von Geldern an die Armen zuständig ist]. Und dann gibt es noch die Lotterie. Wir haben Autos über eine Lotterie verkauft bzw. weggegeben und der Erlös ging an die Armen. Was verkauft werden kann, wird verkauft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ihnen ist bewusst, dass der Reichtum der Kirche diese Erwartungshaltung hervorrufen könnte?</h3>



<p>Ja. Wenn wir einen Katalog aller Besitztümer der Kirche erstellen würden, könnte man denken, dass die Kirche sehr reich ist. Aber mit dem Konkordat mit Italien 1929 zur Römischen Frage bot die italienische Regierung der Kirche damals einen großen römischen Park an. Der damalige Papst, Pius XI., sagte: &#8222;Nein, ich will nur einen halben Quadratkilometer, um die Unabhängigkeit der Kirche zu wahren.&#8220; Dieses Prinzip ist immer noch zutreffend.</p>



<p>Ja, die Kirche besitzt ein großes Grundvermögen, aber das wird dazu verwendet, um die Strukturen der Kirche aufrechtzuerhalten und die vielen Arbeiten zu finanzieren, die in hilfsbedürftigen Ländern ausgeführt werden: Krankenhäuser, Schulen.</p>



<p>Gestern habe ich z. B. veranlasst, dass 50.000 <em>€ in den Kongo gehen, um drei Schulen in armen Dörfern zu errichten. Bildung ist so wichtig für Kinder.</em> Ich ging zur Verwaltung, stellte den Antrag, und das Geld wurde geschickt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprechen wir über Holland. Waren Sie schon einmal in unserem Land?</h3>



<p>Ja, einmal, als ich Provinzial der Jesuiten in Argentinien war. Ich war auf der Durchreise. Ich habe Wijchen [im Osten des Landes] besucht, weil dort das Noviziat war, und ich war auch anderthalb Tage in Amsterdam, wo ich in einem Jesuitenhaus verweilte. Vom kulturellen Leben des Landes sah ich nichts, weil ich keine Zeit hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Daher könnte es eine gute Idee sein, wenn Hollands Obdachlose Sie auf einen Besuch in unser Land einladen würden. Was denken Sie, Heiliger Vater?</h3>



<p>Die Türen stehen dieser Möglichkeit offen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Also, wenn die Einladung kommt, werden Sie sie in Betracht ziehen?</h3>



<p>Das werde ich. Und jetzt, da Holland eine argentinische Königin hat [er lacht], wer weiß?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Haben Sie vielleicht eine besondere Botschaft für die Obdachlosen unseres Landes?</h3>



<p>Ich kenne mich nicht gut mit der Situation der Obdachlosen in Holland aus. Ich möchte sagen, dass Holland ein Industriestaat ist, der eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet. Ich bitte die Obdachlosen Hollands darum, weiter für die drei Ts zu kämpfen.</p>



<p>Abschließend hat Marc auch noch ein paar Fragen. Mithilfe eines Dolmetschers möchte er wissen, ob Papst Franziskus sogar schon als kleiner Junge davon träumte, Papst zu sein. Der Heilige Vater antwortet mit einem entschiedenen &#8222;Nein.&#8220;</p>



<p>&#8222;Aber ich werde Ihnen ein Geheimnis erzählen&#8220;, sagt er. &#8222;Als ich klein war, gab es nicht viele Läden, die Waren verkauft haben. Wir hatten einen Markt, wo es einen Metzger, einen Gemüsehändler, etc. gab. Ich ging mit meiner Mutter und meiner Großmutter einkaufen. Einmal, als ich noch recht klein war, vielleicht vier, fragte mich jemand: &#8222;Was möchtest du werden, wenn du einmal groß bist?&#8220;, und ich antwortete: &#8222;Metzger!&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Marc: Vor dem 13. März 2013 waren Sie vielen völlig unbekannt. Dann wurden Sie von einem Tag auf den anderen weltberühmt. Wie war diese Erfahrung für Sie?</h3>



<p>Es geschah unerwartet. Aber ich habe meinen inneren Frieden nicht verloren. Und das ist eine Gnade Gottes. Ich denke nicht wirklich darüber nach, dass ich berühmt bin. Ich sage mir: Jetzt hast du eine wichtige Stellung, aber in 10 Jahren wird dich keiner mehr kennen [er lacht]. Wissen Sie, es gibt zwei Arten von Ruhm: den Ruhm der &#8222;ganz Großen&#8220;, derjenigen, die wirklich große Taten vollbracht haben, wie z. B. Madame Curie, und den Ruhm der Eitlen. Aber diese zweite Art von Ruhm ist wie eine Seifenblase.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sie sagen sich also: &#8222;Ich bin jetzt hier und muss mein Bestes geben.&#8220;, und &#8222;ich werde weitermachen, solange ich kann&#8220;?</h3>



<p>Ja.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Heiliger Vater, können Sie sich eine Welt ohne Armut vorstellen?</h3>



<p>Ich möchte eine Welt ohne Armut. Dafür müssen wir kämpfen. Aber ich bin gläubig, und ich weiß, dass die Sünde immer in uns steckt. Und es gibt immer menschliche Habgier, fehlenden Zusammenhalt und Egoismus, die Armut verursachen. Daher fällt es mir schwer, mir eine Welt ohne Armut vorzustellen.</p>



<p>Man denke nur an die Kinder, die als Sklaven oder für sexuellen Missbrauch ausgebeutet werden, oder an eine weitere Form der Ausbeutung, den Organhandel. Das Töten von Kindern, um deren Organe zu entfernen. Kinder zu töten, um deren Organe zu erhalten, ist Habgier.</p>



<p>Daher weiß ich nicht, ob wir jemals in einer Welt ohne Armut leben werden, denn es gibt immer Sünde, und das führt zu Egoismus. Aber wir müssen immer kämpfen &#8230; immer.</p>



<p>Wir sind fertig. Wir danken dem Papst für das Interview. Er dankt uns auch und teilt uns mit, dass er unser Gespräch sehr genossen hat. Dann greift er nach dem weißen Umschlag, der schon die ganze Zeit auf dem Sofa neben ihm gelegen hat, und holt für jeden von uns einen Rosenkranz heraus. Fotos werden gemacht, und dann verabschiedet sich Papst Franziskus von uns. So ruhig und entspannt, wie er bei seiner Ankunft war, verlässt er nun den&nbsp; Raum.</p>



<p>Bereit für seinen nächsten Termin.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis11_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg"><img decoding="async" width="533" height="800" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis11_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg" alt="Papst Franziskus mit Straatnieuws-Verkäufer Marc (r) and Straatnieuws-Redakteur Frank Dries (l)" class="wp-image-6300" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis11_credit_frank_dries_straatnieuws_insp.jpg 533w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/pope_francis11_credit_frank_dries_straatnieuws_insp-200x300.jpg 200w" sizes="(max-width: 533px) 100vw, 533px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Papst Franziskus mit Straatnieuws-Verkäufer Marc (r) and Redakteur Frank Dries</figcaption></figure>
</div>


<p></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td><em>Mit freundlicher Genehmigung von INSP News Service <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a>/ Straatnieuws.</em><br /><em>Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Julie Mildschlag</em><br /><em>Aus dem Italienischen ins Englische übersetzt von Translators without Borders.</em></td><td>Fotos: <br /><em>Frank Dries, Straatnieuws </em><br /><em>/ INSP</em></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kopf kaputt</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/kopf-kaputt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Oct 2015 13:46:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Unterricht]]></category>
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					<description><![CDATA[BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben. Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht</h2>



<p>Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben.</p>



<p>Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in meine Freiberuflichkeit zu integrieren. Beim Helfertreffen erfuhr ich jedoch, dass man schon genug Lehrer gefunden hatte. Nur Ehrenamtliche wurden noch gesucht, für Ausflüge und Unternehmungen mit den Flüchtlingen sowie Nachhilfeunterricht. Mein Freund schimpfte über meine Unvernunft, als ich erklärte, dass ich trotzdem hingehen würde, schon allein aus Neugier. Und so kam ich Anfang Oktober zum ersten Mal in die Einrichtung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der, die, das“ in der Notunterkunft</h3>



<p>In einer Tüte hatte ich Alltagsgegenstände und bunte Bilder dabei, mit denen ich den Flüchtlingen ein paar Vokabeln und die Artikel beibringen wollte. Meine Schüler waren 14 bis 18 Jahre alt, kamen aus Afghanistan und mehreren afrikanischen Ländern. Zwei Monate später würden sie beginnen, mich damit aufzuziehen, mich schelmisch zu fragen: &#8222;Wo sind heute der Apfel und die Zeitung?&#8220; Die sechs Jungs, um die ich mich an diesem Tag kümmern sollte, konnten mir alle schon erzählen, wie sie heißen, woher sie kommen und dass sie in München wohnen. Die Grammatik – &#8222;der, die, das&#8220; – saugten sie förmlich auf.</p>



<p>&#8222;Ehrenamtliche Nachhilfe&#8220; hätte der Kalendereintrag der Leiterin der Unterkunft wohl gelautet, wenn es einen für meine Stunde gegeben hätte. Tatsächlich erinnerte sich aber an diesem Morgen niemand, mich bestellt zu haben. Hinterher kam die Chefin der Unterkunft auf mich zu, erstaunt über die Ruhe in meiner Klasse. Wenn ich so ernsthaft Unterricht halte, müsse ich auch wie die anderen Lehrerinnen bezahlt werden, sagte sie. Und so kam es.</p>



<p>Ein Raum für 30 Personen, keine Küche, notdürftige Sanitäranlagen im Keller, und das letztlich für sechs statt, wie geplant, für zwei Monate – vieles war nicht optimal in der Notunterkunft, doch den Deutschunterricht ließ sich der Wohlfahrtsverband der Einrichtung etwas kosten. Zusätzlich zu dem für die minderjährigen Flüchtlinge obligatorischen vierstündigen Nachmittagskurs in einer Sprachschule engagierten sie insgesamt drei Lehrkräfte. Jeden Vormittag unterrichteten zwei von uns parallel von zehn bis 13 Uhr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hygiene statt Deutsch</h3>



<p>Bei Antritt meiner neuen Tätigkeit klärte mich eine Kollegin darüber auf, dass viele der Jugendlichen noch keiner medizinischen Erstuntersuchung unterzogen worden waren. Und das auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie! &#8222;Pass auf, dass du ihnen nicht zu nahe kommst!&#8220;, lautete die Empfehlung meiner Kollegin. Manchmal, wenn ich mich über ein Aufgabenheft beugte oder einem Schüler half, der beim Schreiben an der Tafel ins Stocken geriet, erschrak ich – den Mundgeruch des Schülers wahrnehmend – im Gedanken an die Warnung. Doch meine Angst legte sich nach drei Wochen – und ebenso der allgemeine Mundgeruch. Man stellte nämlich fest, dass viele Jungs die Zahnpasta als Creme verwendeten, und so stand einen Vormittag lang statt Deutsch Hygiene auf dem Stundenplan.</p>



<p>Die Schüler, die ich an meinem ersten Tag kennengelernt hatte, gehörten, wie ich nun merkte, zur Gruppe A1, der Gruppe, die besonders schnell lernte. Einer von ihnen – ein hübscher, hochgewachsener Afghane namens Massoud*, der Medizin studieren wollte – brachte es innerhalb von drei Monaten so weit, dass er in die achte Klasse einer normalen Realschule aufgenommen wurde. Ein anderer, Mukhtar, hätte es aufgrund seiner Leistungen auch geschafft, hatte aber keinen engagierten Vormund, der sich kümmerte und ein solches Vorrecht für ihn erstritt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Sprachbilder auf Weltbilder treffen</h3>



<p>Neben der Gruppe A1 mit rund fünf Schülern gab es zwei Anfängergruppen, aus denen sich auf Dauer drei Gruppen entwickelten: eine gute Mittelstufengruppe A2, die zwischenzeitlich bis zu sechs Schüler umfasste, eine Gruppe B2, deren vier bis sieben Teilnehmer keinerlei Fortschritte machten, und eine Gruppe B1, deren Schüler – zehn bis zwölf an der Zahl – nicht im Unterricht erschienen. Der 14-jährige Eritreer Tzegay war so ein Kandidat. Er lernte statt Deutsch lieber Dari, die afghanische Variante des Persischen, und das mit beachtlichem Erfolg, wie die Afghanen versicherten.</p>



<p>Dass der etwa gleichaltrige Rezene dem Unterricht nach einer Weile fernblieb, war zunächst eine Erlösung für mich. Er redete ununterbrochen laut auf seine Mitschüler ein und hatte etwas Abschätziges im Blick. Alle waren in den ersten paar Wochen unruhig, aber niemand machte es mir so schwer wie Rezene. Um Formulierungen wie &#8222;Woher kommt er? Welche Sprache spricht sie?&#8220; zu üben, hatte ich bei meinen Kursen an der Sprachschule Inlingua Bilder von Prominenten gezeigt. Bei den Flüchtlingen erwies sich das als schwierig. Die meisten kannten weder Queen Elizabeth noch Angela Merkel, Lionel Messi oder Nelson Mandela. Also zog ich ziemlich oft die Karten &#8222;Papst&#8220; und &#8222;Obama&#8220;. </p>



<p>Das war für Rezene ein rotes Tuch: &#8222;Amerika! Amerika!&#8220;, rief er hasserfüllt. &#8222;And this!&#8220;, er verdrehte wild die Augen und sein Zeigefinger schnellte auf das Papstbild zu. Die Mehrzahl der Eritreer in der Einrichtung waren Christen, Rezene war einer der wenigen Muslime. Nachdem er derart rebelliert hatte, sah ich ihn monatelang nicht mehr. Erst Anfang Februar, kurz bevor die Notunterkunft aufgelöst wurde, tauchte er zweimal unvermittelt in meinem Kurs auf. Ich schaffte nicht, ihn in den Unterricht von Gruppe A2 zu integrieren. Ich konnte ihm nur irgendein einfaches Arbeitsblatt geben und ihm zwischendurch immer wieder eine Minute Aufmerksamkeit schenken. Er war geduldig, wie verwandelt, und ich freute mich darüber.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unterdrücker-Schauspiel</h3>



<p>Es hat in der Einrichtung am Münchner Hauptbahnhof immer auch Konflikte gegeben. Einige Afghanen blickten auf die Schwarzen herab. Afrooz aus der Fortgeschrittenengruppe machte einmal eine Andeutung mit Bananen und Affengeräuschen und wurde dafür von meiner Kollegin für drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Angeblich musste auch ein paar Mal nachts die Polizei kommen, um eine Prügelei zu schlichten oder einen Handy-Dieb zu stellen. Einmal kamen Rezene und Girmay nach der Stunde zu mir nach vorn. Rezene ergriff Girmays Hand und zwang ihn zu Boden, indem er seine Finger schmerzhaft nach oben drückte. Er sagte etwas zu ihm auf Tigrinya, in der Sprache, die man in Eritrea spricht, und im Befehlston. Daraufhin begann Girmay Liegestütze zu machen, während Rezene mitzählte. Ich war schockiert von diesem Unterdrücker-Schauspiel. Zugleich war mir klar, dass ein gewisses Gewaltpotenzial in einer Gruppe von Halbwüchsigen normal ist.</p>



<p>Allen mehr oder weniger ernsten Problemen zum Trotz verstanden sich die Jungs untereinander und mit dem Team der Einrichtung aber immer besser. Der Security-Mann begann, Mathematik-Nachhilfe zu geben und mit den Flüchtlingen Schach oder &#8222;Mensch ärgere Dich nicht&#8220; zu spielen. Die Jugendlichen interessierten sich für mich und meine Kolleginnen, fragten, wie wir lebten, ob wir Kinder hätten, und auch mal, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ins Schwimmbad zu gehen. Als ob eine Lehrerin noch Autorität über eine Gruppe männlicher Teenager haben könnte, nachdem sie im Bikini vor ihnen gestanden hat!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Fußballtoren und Fernsehdeutsch</h3>



<p>Beim Weihnachtsfrühstück wurden Fotos von fröhlichen Fußballturnieren und gemeinsamen Zoobesuchen gezeigt, die dank der Ehrenamtlichen realisiert werden konnten. Meistens wurde irgendwo in der Unterkunft gelacht, Musik gehört, Kicker gespielt – wobei es bei den Jungs zum guten Ton gehörte, dass sie jubelten, wenn ich einmal ein Tor schoss.</p>



<p>Unser Klassenraum wurde zugleich auch als Fitness- und Fernsehzimmer genutzt. Einmal saß bei meiner Ankunft bereits ein kleines Grüppchen vor dem Fernseher. &#8222;Guten Morgen! Was guckt ihr denn da?&#8220;, begrüßte ich sie. &#8222;Das ist gut für Deutsch&#8220;, erklärte Dawit. Shopping-TV. &#8222;Diese Hose gibt es in den Farben Grau, Blau und Schwarz.&#8220; Die Moderatorin sprach langsam und eindringlich. Ihr Assistent präsentierte währenddessen die graue, dann die blaue, dann die schwarze Hose. &#8222;Die Hose lässt sich auch sehr leicht bügeln&#8220;, erklärte die Moderatorin, und schon gab es einen Close-up-Shot auf ein Bügeleisen, das über die Hose fuhr. &#8222;Rufen Sie heute noch an!&#8220; Ein klingelndes Telefon wurde eingeblendet. &#8222;Dann bekommen Sie diese Uhr als Geschenk.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die besten Waffen</h3>



<p>Ist mein Unterricht wirklich besser als das, überlegte ich. Zumindest bemühte ich mich darum. Ich hatte durch Rezene etwas gelernt. Ich fing an, für die extrem langsame Anfängergruppe B2 passendes Unterrichtsmaterial zu konzipieren: Arbeitsblätter mit lustigen Männchen dunkler Hautfarbe, unter die ich &#8222;Naom. Eritrea&#8220;, &#8222;Zenep. Sudan&#8220; oder Ähnliches schrieb. Anhand dieser Zettel übten wir nun das &#8222;Er/sie heißt … Er/sie kommt aus &#8230;&#8220; Wie jeder Mensch waren auch meine B2-Schüler genervt, wenn wir jede Stunde das Gleiche machten. Oft verstanden sie es aber trotz der Wiederholung immer noch nicht. Sie mussten zum Teil traumatisiert sein, zum Teil nahezu lernbehindert. Nach mehreren Monaten war jede von uns Lehrerinnen zu dem Schluss gekommen, dass sich die meisten Schüler der B2-Gruppe nie in ein normales Schulsystem würden integrieren lassen, nur in eine Förderschule.</p>



<p>Im Mittelpunkt dieser Gruppe stand der Junge, der während der Monate in der Einrichtung die größte Veränderung durchmachte: Hamsa. Hamsa, dem auf der Flucht ein Ohrläppchen abgeschnitten wurde, weil er der Schlepperbande nicht genug bezahlen konnte. Nichts konnte er sich merken, gar nichts. &#8222;Ich heiße &#8230; Wie heißt du?&#8220; Unendlich langsam lernte er, überhaupt Wörter nachzusprechen. Alles war für ihn 20-mal so schwer wie für einen Schüler mit normaler Begabung, aber er ließ nicht locker. Irgendwann entdeckte er seine Methode des Lernens: Er schrieb jeden Satz dreimal auf, immer mit der Übersetzung in seine Muttersprache Tigrinya. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Hamsa lernt – und wächst über sich hinaus</h3>



<p>Manchmal sprach er mir den Satz auf Tigrinya andächtig vor, und ich versuchte ihn nachzusprechen. Das brachte ihn immer zum Lachen. Und wenn ich morgens in die Klasse kam, saß er schon im Schneidersitz unter dem Tisch und murmelte die deutschen Sätze immer wieder vor sich hin. Selbst die ehrgeizigsten Schüler aus der Fortgeschrittenengruppe berichteten voller Ehrfurcht von Hamsa, der manchmal bis tief in die Nacht lernte. Und es funktionierte. Ich war so stolz, wenn er etwas richtig machte. &#8222;Ich bin seit August in Deutschland.&#8220; &#8222;Der Deutschkurs beginnt um zehn.&#8220; &#8222;Ich lerne gern Deutsch.&#8220; Man kann wirklich alles schaffen, was man will, dachte ich dann und musste die Tränen unterdrücken.</p>



<p>Doch nach etwa einem Monat war seine fleißige Phase vorbei. Er hing mit den anderen herum, schwänzte den Unterricht. Dafür war er aber viel offener geworden, lachte und begrüßte mich, wenn wir uns mal sahen, mit einem kumpelhaften Aneinanderstoßen der Fäuste. Was er gelernt hatte, vergaß er weitgehend wieder, aber er hatte sich Selbstbewusstsein erarbeitet, einen lebendigen Blick, eine natürliche Coolness, eine Lebens- und Kommunikationsfreude. Für seine Mitbewohner war er allem Anschein nach eine Respektsperson geworden, und all das war mindestens genauso wertvoll wie Deutschkenntnisse. Der Kampf ums Überleben geht für die Flüchtlinge in Deutschland weiter, und ein offenes Wesen, Charme und Intellekt sind hier die besten Waffen, das zeigte sich nirgends so deutlich wie beim Thema Vormundschaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Premium-Flüchtlinge</h3>



<p>Im Prinzip hätten es alle verdient gehabt, einen netten Vormund zu bekommen, der sich für sie interessiert und sie unterstützt. Am meisten hätten es diejenigen verdient gehabt, die so traumatisiert waren, dass sie nicht mehr lächeln konnten, die so viel Schlechtes erfahren hatten, dass sie nicht nett sein konnten. Ich fühlte mich zu jung und zu wenig sesshaft, um Vormund zu sein, aber manchmal dachte ich, ich hätte gern eine Vormundschaft für Azim übernommen, der immer wieder für eine Woche in die geschlossene Psychiatrie musste, weil er schlimme psychotische Anfälle hatte. Er brach zusammen, schlug um sich und konnte sich hinterher an nichts erinnern. </p>



<p>Eines Tages bestellte die Leiterin der Einrichtung deshalb einen eritreischen Schamanen – nicht etwa, um Azim zu heilen, sondern um die Eritreer zu beschwichtigen, die seinetwegen in Panik geraten waren. Sie glaubten, dass Azim von Dämonen besessen sei und dass diese Dämonen nun auch auf sie überspringen könnten. Azim hatte bei einem Bombenanschlag auf ein libysches Gefängnis miterleben müssen, wie fast alle seine Mithäftlinge getötet wurden. Er selbst war mit dem Leben davongekommen, hatte aber einen Splitter ins Auge bekommen und war seitdem auf diesem Auge blind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Trauma und Neuanfang</h3>



<p>Auch Nahom hätte einen guten Vormund gebraucht: Er tat sich sehr schwer mit dem Lernen und überhaupt mit jeglicher Kommunikation, war so in sich gekehrt, so unheilbar traurig und sein irgendwie zu großes Gesicht zu allem Überfluss mit Eiterpickeln übersät. Ich hatte für den Unterricht eine riesige Weltkarte mitgebracht, die die Jungs faszinierte. Die meisten von ihnen sahen wohl zum ersten Mal so eine Karte, waren aber nicht in der Lage, ihr Heimatland zu lokalisieren. </p>



<p>Eines Tages in der Pause blieb Nahom vor der Karte stehen. Er zeichnete mit dem Finger seinen Weg von Afghanistan bis an die Küste des Libanon nach. &#8222;This?&#8220;, fragte er und zeigte auf das Blau. &#8222;Das Meer&#8220;, sagte ich. &#8222;Meer &#8230; Und this?&#8220; Er macht eine schaukelnde Handbewegung. &#8222;Boot?&#8220;, fragte ich. &#8222;Ja, Boot! Boot big problem. Thirty dead body in the Meer.&#8220; Stille. Nach einer Weile sagte ich: &#8222;Gut, dass du hier bist&#8220;, und strich über seinen Arm beziehungsweise die dicke Daunenjacke, in der er steckte. Einige der Flüchtlinge trugen immer ihre Daunenjacke, wie Schutzpanzer. Das waren nicht die, die einen guten Vormund bekommen haben.</p>



<p>Hanibal hatte Glück. Eine reiche Münchnerin hatte einen Sack gebrauchter Kleidung gebracht und mit einigen der Flüchtlinge einen Ausflug in den Zoo unternommen. Dann suchte sie sich denjenigen aus, der am charmantesten und intelligentesten war, einen, mit dem man sich sehen lassen konnte, einen richtigen Premium-Flüchtling. Obwohl er oft unaufmerksam war oder gar nicht kam, war Hanibal fast der beste Schüler meiner Mittelstufenklasse. Frau Vormund lud ihn am Wochenende zu sich nach Hause ein und übte mit ihm Deutsch. Danach durfte er durch die Clubs in der Kultfabrik ziehen. Wenn er mich sah, kam er mit einem breiten Grinsen auf mich zu und verwickelte mich in irgendeinen Smalltalk. Er war anzüglich, aber auf eine lustige Weise.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;</h3>



<p>Im Schulbuch war eine Konversationsübung vorgegeben, die auf einem fingierten Fehler basierte. Ich probte mit Hanibal: &#8222;Mein Bein tut weh!&#8220;, sagte ich und hielt mir den Arm. &#8222;Das ist nicht dein Bein, das ist dein Arm&#8220;, lautete die vorgeschriebene Antwort aus dem Buch. Das war Hanibal zu blöd. Er warf mir einen trägen, zärtlichen Blick zu: &#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;, sagte er. Ein paar Mal lud er mich ein, in der Flüchtlingsunterkunft zu Mittag zu essen. Während die anderen Jungs sich nicht einmal zu mir an den Tisch trauten, setzte sich Hanibal direkt neben mich, rutschte immer näher und zeigte mir auf seinem Handy Fotos von seiner neuen Familie. </p>



<p>Der offiziell 17-Jährige – wahrscheinlich war er älter – hatte tatsächlich angefangen, seinen Vormund &#8222;Mama&#8220; zu nennen. Hin und wieder sah ich sie zusammen. Er schmiegte sich an sie, legte ihr den Arm um die Schulter, so wie er es bei seinen Freunden auch machte. Als ich erfuhr, dass er am Wochenende bei ihr geschlafen hatte, war ich skeptisch. &#8222;Ist sie deine Mama <em>und</em> deine Freundin?&#8220; Er verstand. &#8222;Nein&#8220;, grinste er. &#8222;Sie ist meine Mama und mein <em>Vormund</em>.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">50 Euro und eine Zahnbürste</h3>



<p>Hanibal und sein Freund Filiam, ein verträumter 17-Jähriger – der Einzige, der nach wenigen Monaten eine Freundin hatte -, sorgten dafür, dass die Stimmung in der A2-Gruppe ständig erotisch aufgeladen war. Einmal zog Hanibal im Unterricht Filiam zu sich heran und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. &#8222;In Eritrea ist das kein Problem&#8220;, erklärte er mir. &#8222;Auch Männer schlafen in einem Bett. Kein Problem. Aber in Deutschland nicht okay.&#8220; Dennoch habe ich in Hanibal nie nur einen Lüstling gesehen, sondern auch einen Jungen, der intelligent und fröhlich ist trotz schweren Schicksals. Als ich versuchte, den Schülern den Unterschied zwischen &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220; beizubringen, war Hanibal der Erste, der begriff und ein Beispiel parat hatte: &#8222;Meine Eltern sind vor neun Jahren gestorben.&#8220; Und: &#8222;Meine Eltern sind seit neun Jahren tot. – Richtig?&#8220; &#8222;Äh &#8230; ja, richtig. Das tut mir leid.&#8220; &#8222;Kein Problem.&#8220; Beide sind sie am selben Tag gestorben.</p>



<p>Eines Tages fragten mich die Schüler nach der Bedeutung des Wortes &#8222;Hure&#8220; und der männlichen Form davon, um mir dann zu erzählen, dass Temesgen sich angeblich prostituiere – für 50 Euro pro Freier. Während die Schüler leidenschaftlich zu moralisieren begannen – &#8222;Fickificki machen mit der Freundin ist okay, aber das ist nicht okay&#8220; –, nahmen meine Gedanken eine ganz andere Richtung: Wer sich von Eritrea bis nach München durchgeschlagen hat, ist erwachsen. Ihr müsst zwar lernen, wie man Zähne putzt, aber was Prostitution, was Vergewaltigung bedeutet, wisst ihr wahrscheinlich besser als ich. Soll ich euch etwas vom Ausgeliefertsein erzählen, euch, die ihr, auf rostige Boote gepfercht, über das Mittelmeer gefahren seid mit einer Scheibe Brot pro Tag als Verpflegung? </p>



<h3 class="wp-block-heading">Temesgen, das iPhone und die Sache mit der Liebe</h3>



<p>Soll ich euch sagen, dass Prostitution sozial inakzeptabel ist, euch, die ihr in Deutschland sowieso hin und her geschoben werdet wie Vieh? Soll ich euch auf die Gefahren des Straßenstrichs aufmerksam machen, euch, die ihr von Schlepperbanden im Jemen oder in Libyen festgehalten wurdet? Soll ich euch sagen: &#8222;Nicht alle Leute meinen es gut mit euch!&#8220;? Vielleicht hältst du hinterher dein heiß ersehntes iPhone in der Hand, lieber Temesgen, und denkst: Das war es wert. Nur schließ es dann bitte nachts in deinem Spind ein! &#8222;Prostitution ist nicht gut&#8220;, sagte ich schließlich. &#8222;Sie ist sehr schlecht.&#8220;</p>



<p>Mit abstrakten Begriffen konnten die Schüler wenig anfangen. Wörter wie &#8222;Fußabstreifer&#8220; und &#8222;Versichertenkarte&#8220; lernten sie mit Begeisterung, aber was &#8222;das Leben&#8220; sein soll, leuchtete ihnen nicht ein. In allen Aufsätzen las ich aber &#8222;Liebe&#8220;. Liebe und Sex waren für unsere Flüchtlinge schätzungsweise noch wichtiger als für andere Gleichaltrige. Sie kamen aus Gesellschaften, in denen Frauen verschleiert und oft sogar beschnitten sind, plötzlich nach Deutschland, wo auf jedem zweiten Werbeplakat eine überlebensgroße Frau in Unterwäsche abgebildet ist. Zum ersten Mal im Leben schämte ich mich dafür, dass hier überall solche Plakate hängen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Lernen mit Sehnsucht</h3>



<p>Gleichzeitig erlebten die Flüchtlinge einen totalen Liebesentzug: Geliebte Eltern und Geschwister waren für sie außer Reichweite, Mädchen, in die man sich verlieben könnte, gab es aber auch nicht, weder in der Unterkunft noch in den nachmittäglichen Sprachkursen. Mädchen kennenlernen würden sie wohl erst, wenn sie den Sprung auf eine normale Schule oder Berufsschule geschafft hätten, das war ihnen auch klar. So hing über der Tafel ein Zettel, den einer von ihnen mit rotem Filzstift geschrieben hatte, als Motivation für alle: &#8222;The sooner you learn Deutsch = The sooner you find a girlfriend&#8220; (Je eher du Deutsch lernst, desto eher findest du eine Freundin).</p>



<p>Nicht nur Abstrakta, auch Verhältniswörter bereiteten den meisten Schülern Schwierigkeiten. Begriffe wie &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220;, &#8222;erst&#8220; und &#8222;schon&#8220; verursachten Frust und wurden wieder vergessen. Ende Januar war jedoch plötzlich eine Präposition in aller Munde: &#8222;außerhalb&#8220;.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Außerhalb</h3>



<p>Der Extra-Deutschunterricht war eine gute Investition. Einige der Flüchtlinge machten auf diese Weise sehr schnelle Fortschritte. Möglicherweise wollte der freie Träger der Einrichtung damit aber auch erreichen, dass die Halbwüchsigen weniger in der Stadt herumstreunten und nicht so schnell rebellisch wurden. Die materiellen Bedingungen in der Notunterkunft waren für einen Zeitraum von sechs Monaten nämlich alles andere als ideal: 30 Jugendliche in einem Schlafraum! Mit der Zeit hängten sie Bettlaken auf und schoben die Hochbetten und Spinde so zurecht, dass einzelne Bereiche entstanden, die wenigstens einen Hauch von Privatsphäre vermittelten. </p>



<p>Aber die Nächte in dem großen Saal müssen trotzdem furchtbar gewesen sein. Viele Schüler beschwerten sich, nicht schlafen zu können. Und wie gern hätten sie eine Küche gehabt, um selbst kochen zu können. Die Leitung der Unterkunft zauberte einen eritreischen Ehrenamtlichen aus dem Hut, der einmal ein eritreisches Mittagessen für alle besorgte. Dennoch war das nicht dasselbe wie eine eigene Küche, und so zettelten die Jungs eines Tages wegen der schlechten Bedingungen einen Hungerstreik an. Doch die Chefin der Unterkunft wusste sie umzustimmen. Es lohne sich, durchzuhalten, wurde ihnen vermittelt, denn der Wohlfahrtsverband besitze ein Haus in München, in das sie bald alle zusammen einziehen würden. Es sei im Umbau und schon fast fertig. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus: Meine Kollegin und einige unserer Schüler machten einen Ausflug zu diesem Haus und stellten fest, dass die Umbaumaßnahmen noch nicht einmal begonnen hatten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Keine Wahl, nur Entscheidungen unter Zwang</h3>



<p>Gegen Ende Januar war zum ersten Mal die Rede davon, dass die Flüchtlinge in Kleingruppen aufgeteilt und außerhalb Münchens untergebracht werden müssten. Nun fühlten sie sich belogen und zeterten, sie seien auf keinen Fall bereit, München zu verlassen. Es gab ein quälend langes Hin und Her. Wahrscheinlich würden sie bayernweit verschickt werden, aber ob in einer Woche oder einem Monat und wohin, das konnte keiner sagen. Von Schwandorf war die Rede und von Fürth. </p>



<p>Während Hanibal sich auf einen Berlin-Urlaub mit seiner &#8222;Mama&#8220; freuen durfte, die sich bereit erklärt hatte, ihn nach Schließung der Notunterkunft dauerhaft bei sich aufzunehmen, wurden die anderen Jungs regelrecht weichgekocht. &#8222;Ich kann nicht, Kopf kaputt&#8220;, diese Ausrede im Unterricht hörte ich jetzt täglich – und ließ sie meistens gelten. Es kam mir perfide vor: Die Flüchtlinge wurden letztlich gezwungen, München zu verlassen. Man stellte ihnen keine Alternative in Aussicht. Und dennoch konnte man sie nicht gegen ihren Willen umsiedeln. Also mussten sie selbst entscheiden und unterschreiben – obwohl sie gar nicht genau wussten, was sie da unterschrieben, da niemand bereit war, ihnen die Adressen der neuen Unterkünfte zu geben.</p>



<p>Ich erinnere mich daran, wie zwei Betreuer und die Chefin der Unterkunft auf Efret einredeten, er müsse jetzt sofort entscheiden, ob er nun nach Schwandorf gehen wolle oder nicht. &#8222;Dort wirst du leichter einen Arbeitsplatz finden&#8220;, erklärten sie ihm. Solche Argumente machten mich wütend. Dabei war mir das Grundproblem klar: Es war nötig, dass die Jungs so schnell wie möglich einen Platz in einer richtigen Jugendhilfe bekamen, sonst riskierten sie, an ihrem 18. Geburtstag in die Bayernkaserne zu müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Zahlen nicht zur Wirklichkeit passen</h3>



<p>Ein Flüchtling, der noch nicht 18 ist, wird in Deutschland nicht abgeschoben und hat einen Anspruch auf Schule und Jugendhilfe. Deshalb geben sich so viele als Minderjährige aus, was dann vom Jugendamt geprüft wird. Die Resultate solcher Alterseinschätzungen des Jugendamtes erschienen uns, die wir die Schüler fast täglich erlebten, jedoch in vielen Fällen grotesk. Musterschüler Massoud aus Afghanistan war ein besonnener, gebildeter, höflicher, 1,80 Meter großer junger Erwachsener – und wurde als 15-jährig eingestuft. Martins aus Nigeria hielten wir eher für 30 als für 17. Er erzählte oft von der Firma, in die er in Nigeria involviert war, scheinbar mindestens als Teilhaber. Andererseits war da Girmay aus Eritrea, der während der sechs Monate enorm in die Höhe schoss. Auf den Brief, in dem das Jugendamt geschrieben hatte, er sei 17 Jahre alt, war er so stolz, wie es nur ein 14-, 15-Jähriger sein kann.</p>



<p>Girmay mit seiner Ausgelassenheit, seinen strahlenden Augen und seiner makellosen Haut. Er hatte eine kindliche Unschuld, als sei ihm nie etwas Böses begegnet. Von Girmay lernte ich das einzige Wort auf Tigrinya, das ich nie vergessen werde: &#8222;Aiuaaa&#8220; heißt (wenngleich es natürlich ganz anders geschrieben wird) so viel wie &#8222;Aha&#8220;. Seine kleinen Erleuchtungen brachten mir viel Freude, ihr intellektueller Wert war jedoch gering. Girmay machte beim Lernen kaum Fortschritte. Dafür lachte er umso mehr und kommunizierte mit Händen und Füßen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Girmays Weg und die Umsiedlung der Eritreer</h3>



<p>Dass er den Weg von Eritrea bis nach München geschafft hatte, konnte ich kaum glauben. Er musste einfach vom Himmel gefallen sein. Oder Teferi hatte ihn hergebracht. Teferi, sein Freund. Er war klein, mit Augen, die schon alles gesehen hatten, ein richtiges Straßenkind. Er ruhte sich in der Flüchtlingsunterkunft ein paar Wochen lang aus – so wirkte es –, und irgendwann verschwand er. Drei Tage später erfuhren wir, dass er in Schweden lebt. Und auch Girmay entging der Umsiedelung nach Schwandorf: Eine meiner Kolleginnen, die sich über die Fehleinschätzung seines Alters ärgerte, übernahm die Vormundschaft für ihn und besorgte ihm einen Platz in der Münchner Jugendhilfe.</p>



<p>Und die anderen? Das Jugendhaus in Schwandorf, für das Efret sich so eilig entscheiden sollte, hatte mehr als ein Dutzend Plätze frei. Schließlich wurde noch eine nette, wirkungsvolle Weise gefunden, die Jungs zu überzeugen: Eine Sozialarbeiterin aus Schwandorf kam extra nach München, um sich vorzustellen und von ihrer Einrichtung zu erzählen. Der Großteil unserer Eritreer zog schließlich dort ein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich esse nicht. Ich faste&#8220;</h3>



<p>Diese Lösung war jedoch nicht für alle ideal. Der Eritreer Dawit zum Beispiel weigerte sich kategorisch: &#8222;Alles Eritrea – ich lerne nie Deutsch&#8220;, erklärte er. Dawits Flucht hatte über zwei Jahre gedauert, danach war er sechs Monate lang in der Bayernkaserne gewesen. Nun war er seit fünf Monaten hier, und seine Strategie, um das alles auszuhalten, waren Ordnung und Disziplin. Er besuchte jeden Vor- und Nachmittag den Unterricht und ging abends und am Wochenende in die Kirche. Das Chaos rund um den Transfer – dieser Mangel an Disziplin in seinen Augen – war für ihn eine wahre Tortur. </p>



<p>Eines Tages kam ein neues Angebot: zwei Plätze in einer Zweier-WG in Fürth für Flüchtlinge mit Deutschkenntnissen. Als man Dawit einen dieser Plätze vorschlug, war seine erste Reaktion: &#8222;Jetzt ich kann gut Deutsch. In einem Monat kein Deutsch.&#8220; Er hatte das Gefühl, vor lauter Hin und Her alles zu vergessen, was er gelernt hatte. Dann entschied er sich aber doch für Fürth. Filiam, mit dem er die Wohngemeinschaft zusammen gründen wollte, ließ ihn allerdings eine Woche vor dem Umzugstermin sitzen. Am nächsten Tag war Dawit im zweiten Unterrichtsblock mein einziger Schüler. Wir sprachen über Fürth, dann sagte er: &#8222;Heute ich kann nicht lernen. Mein Kopf ist krank.&#8220; &#8222;Meiner auch&#8220;, seufzte ich. &#8222;Was machen wir? Wollen wir Pizza essen gehen? Ich lade dich ein!&#8220; Er sah mich herablassend an: &#8222;Ich esse nicht. Ich faste.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dawits Weg zur WG in Fürth</h3>



<p>Dawit war also nicht immer nett. Er konnte sogar furchtbar bockig sein. Einmal entdeckte ich in einer Übung, die meine Kollegin bereits korrigiert hatte, zwei Fehler. Die Uneinigkeit seiner beiden Lehrerinnen in diesem Punkt erschien ihm als eine unerträgliche Schlamperei. Er diskutierte herum und schien uns plötzlich als einen Bestandteil eines großen betrügerischen Systems zu sehen. Das war das einzige Mal in den sechs Monaten, dass ich ausrastete und einen Schüler anschrie. Hinterher entschuldigten wir uns beide.</p>



<p>Dawit war der Einzige, der mir einmal unter vier Augen ehrlich von seinem Leben in Eritrea erzählt hat. Die meisten anderen behaupteten, sie hätten acht Jahre lang Englisch gelernt und Eritrea sei einfach toll. Dawit war vier Jahre zur Schule gegangen und hatte danach seiner Mutter im Haushalt geholfen. Sie hatten Bienen. &#8222;Und mein Vater hat einen Supermarkt, ungefähr so groß&#8220;, sagte er und breitete die Arme aus, aber nicht ganz. Auf der Flucht hatte er ein Jahr lang im Sudan gelebt und sich mit Malerarbeiten Geld verdient. Genau das verband ihn mit dem Mann, mit dem er schließlich die WG in Fürth gründen würde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenig Worte, große Gefühle</h3>



<p>Der Afghane Mustafa, meiner Ansicht nach ungefähr 23 Jahre alt, war sehr stolz auf seinen Beruf. Einmal kam in einem meiner Tests ein Bild von einem Maler vor und daneben die Frage: &#8222;Was ist er von Beruf?&#8220; Mustafa wählte die Maximalversion: &#8222;Er ist Beruf Maler arbeiten&#8220;, schrieb er in seiner schönsten Schnörkelschrift. Einmal brach er auf der Treppe zusammen. Er ließ sich aufsetzen, war aber nicht ansprechbar. </p>



<p>Ein andermal saß er in einer Ecke am Eingang, den Kopf auf die Hände gestützt. Ein Bild der Trauer. Ich sprach ihn an: &#8222;Mustafa, alles in Ordnung? Möchtest du reden?&#8220; Was für eine absurde Idee! Bei so geringen Deutschkenntnissen. Er schüttelte leicht den Kopf. Einmal hatte ich eine Postkarte mit einem Vögelchen dabei. &#8222;Ich liebe! Ich liebe das Bild!&#8220;, rief er, und ich schenkte es ihm. Dann freute er sich, das Wort &#8222;umsonst&#8220; von mir zu lernen. &#8222;Ah, umsonst! Hier ist alles umsonst. Essen umsonst, Deutschkurs umsonst. Das ist super.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das stille Ende einer gemeinsamen Reise</h3>



<p>Ich habe mich von Dawit und Mustafa nicht verabschieden können. Die Unterkunft wurde Ende Februar geschlossen. Die größte Gruppe von Schülern aus Eritrea war schon Mitte des Monats nach Schwandorf abgereist. Der 13-jährige Tarek, einer meiner Schüler aus der Gruppe der langsamen Anfänger, rief mich später einmal von dort aus an: &#8222;Schwandorf klein, Deutschkurs gut, Tzegay und ich ein Zimmer.&#8220; Er hörte sich zufrieden an. Ich war beruhigt. Nach ihrer Abreise unterrichtete ich noch drei Tage lang, doch es waren nun zu wenige Schüler da, und niemand war motiviert. Hanibal plauderte einen Moment mit mir, Dawit kam für eine halbe Stunde in meinen Kurs, bevor er sich wegen Kopfschmerzen verabschiedete. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Schüler sich mehr um mich kümmerten als andersherum. Jeder schenkte mir ein paar Minuten Aufmerksamkeit, damit ich mich nicht allzu traurig und einsam fühlte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Abschied mit &#8222;Ghishenk&#8220;</h3>



<p>Am Montag, dem 23. Februar, sollten die restlichen Schüler die Notunterkunft verlassen. Ich kam um 9.30 Uhr, um mich zu verabschieden, Dawit und Mustafa waren aber schon um neun Uhr mit einem Bus abgeholt worden. Im Schlafsaal, in den ich jeden Morgen gekommen war, um meine Schüler zu wecken und zum Unterricht zusammenzutrommeln, war es totenstill. In der hintersten Ecke saß Filiam auf einem der Hochbetten. Hanibal stand daneben. Ich verabschiedete mich mit einem Händedruck, doch Filiam sagte: &#8222;Warte! Ich habe ein Geschenk.&#8220; </p>



<p>Er drehte sich um, wühlte in einer Plastiktüte und streckte mir dann ein Armband aus Zuckerperlen entgegen. Raus hier, dachte ich, damit sie mich nicht weinen sehen. Ein paar Wochen zuvor hatte er in meinem Unterricht mit Buntstiften ein Bild für seine Freundin gemalt. &#8222;Ghishenk&#8220; hatte er groß und breit daraufgeschrieben, und ich hatte ihn damit etwas aufgezogen, auf nette Weise: &#8222;Was ist denn ein Ghishenk?&#8220; &#8222;Na, ein Ghishenk, du weißt schon. Wie Weihnachten.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Daphne Morgenrot. </em></td><td>Illustration: <br /><em>Jindrich Novotny.</em></td></tr><tr><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / BISS, München.</td><td></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Verkäufer:innen im Rampenlicht: Colin</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/verkaeufer-im-rampenlicht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Oct 2015 15:36:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Big Issue]]></category>
		<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Straßenverkäufer]]></category>
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					<description><![CDATA[BIG ISSUE NORTH, Nordengland: Seit sechs Jahren verkauft Colin die Straßenzeitung „The Big Issue North“ in Manchester. Er ist ziemlich bekannt, was nicht zuletzt an den regelmäßigen Posts über seinen Alltag liegt, die auf der Facebook-Seite der Straßenzeitung geteilt werden. Mit Christian Lisseman spricht er über einen lokalen Film, bei dem er den Anführer einer Gang gespielt hat, wie er wieder Kontakt mit seinem Vater aufgenommen hat und wie Big Issue North ihm dabei auf geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen. Warum verkaufst du das Magazin? Ich wurde obdachlos aufgrund von Familienproblemen. Seit dem Teenageralter war ich immer wieder obdachlos. Ich habe in Hostels geschlafen, aber auch auf der Straße. Ich habe 2009 angefangen, Big Issue North zu verkaufen. Zu der Zeit habe ich auf der Straße geschlafen und kam auf die Idee, mir mit dem Verkauf der Zeitung ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Hast du Familie? Ja, habe ich. Vor einigen Jahren habe ich in einem Hostel der Heilsarmee gelebt. Dort habe ich eine Weihnachtskarte bekommen mit einem Brief darin – &#8230;]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">BIG ISSUE NORTH, Nordengland: Seit sechs Jahren verkauft Colin die Straßenzeitung „The Big Issue North“ in Manchester. Er ist ziemlich bekannt, was nicht zuletzt an den regelmäßigen Posts über seinen Alltag liegt, die auf der Facebook-Seite der Straßenzeitung geteilt werden. Mit Christian Lisseman spricht er über einen lokalen Film, bei dem er den Anführer einer Gang gespielt hat, wie er wieder Kontakt mit seinem Vater aufgenommen hat und wie Big Issue North ihm dabei auf geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen.</h3>



<h3 class="wp-block-heading">Warum verkaufst du das Magazin?</h3>



<p>Ich wurde obdachlos aufgrund von Familienproblemen. Seit dem Teenageralter war ich immer wieder obdachlos. Ich habe in Hostels geschlafen, aber auch auf der Straße. Ich habe 2009 angefangen, Big Issue North zu verkaufen. Zu der Zeit habe ich auf der Straße geschlafen und kam auf die Idee, mir mit dem Verkauf der Zeitung ein bisschen Geld dazu zu verdienen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hast du Familie?</h3>



<p>Ja, habe ich. Vor einigen Jahren habe ich in einem Hostel der Heilsarmee gelebt. Dort habe ich eine Weihnachtskarte bekommen mit einem Brief darin – aus Birmingham. Die ersten Worte in diesem Brief waren: &#8222;Ich schreibe dir, um herauszufinden, ob du mein lange verlorener Sohn bist.&#8220; Es war ein Bild dabei von meinem Vater, den ich seit 23 Jahren nicht gesehen hatte. Ich habe dann eine Weile bei ihm gewohnt und wir sind immer noch in Kontakt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wie geht es dir im Moment?</h3>



<p>Im Moment ist es nicht so schlecht. Das Magazin zu verkaufen, hilft mir unheimlich. Es hilft mir weiterzumachen, raus zu gehen und Leute zu treffen. Außerdem kann ich so ein bisschen Geld verdienen. Das reicht für Essen und Kleidung. Ich habe mittlerweile auch eine Wohnung, in der ich seit vier Jahren lebe. Es ist einfach super, sein eigenes kleines Heim zu haben. Ich kann machen, was ich will, wann ich will. Ich mach die Tür auf, schließe sie hinter mir und bin in meinem eigenen Reich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erzähl uns von den Projekten, bei denen du dabei bist.</h3>



<p>Manchmal fragen mich Leute einfach, ob ich bei was mitmachen will. Letztes Jahr zum Beispiel hat mich jemand angesprochen, der ein Buch über Menschen aus Manchester schreibt. Die haben auch ein Foto von mir gemacht und mir Komplimente gemacht, weil ich immer ein Lächeln auf den Lippen habe. Die haben sogar das Team von Cornerhouse interviewt, die mich immer sehr unterstützt haben. Und dann sollte ich letztes Jahr noch in einem Film mitspielen. Der hieß &#8222;Der grausamste aller Götter&#8220;. Ich habe darin einen Bandenchef gespielt. Als das dann im Mai gezeigt wurde, kamen die Leute auf mich zu und meinten: &#8222;Du hast in dem Film richtig böse ausgesehen, wie ein echter Gangster.&#8220; Im wirklichen Leben bin ich überhaupt nicht so!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was wünscht du dir für die Zukunft?</h3>



<p>Ich würde gerne wieder anfangen, zu arbeiten. Früher habe ich in der Küche gearbeitet und im Catering. Ich denke darüber nach, wieder in diesen Bereich zu gehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erzähl uns noch von deinem Verkaufsort.</h3>



<p>Mein Platz war lange vor dem ehemaligen Cornerhouse. Das war ein unabhängiges Kino und ein Ort der Kunst in Manchester. Anfang diesen Jahres haben sie dann hier zugemacht und sind umgezogen in ein neues Haus die Straße runter – es heißt &#8222;Home&#8220; (Zu Hause). Ich vermisse das alte Cornerhaus. Und ich hatte anfangs tatsächlich Einbußen bei den Verkäufen. Aber mittlerweile habe ich einen neuen Standplatz in der Nähe der neuen Location. Das Team vom Home ist großartig. Als ich angefangen habe, dort zu verkaufen, kamen sie raus und meinten: &#8222;Wir sind so froh, dass du Zu Hause bist!&#8220;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Christian Lisseman. </em><br /><br />Foto: <br /><em>Jason Lock. </em></td><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / <br /><br />Big Issue North, <br />Großbritannien.</td></tr><tr><td></td><td></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Ungarn ist so ein merkwürdiges Land“</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/ungarn-ist-so-ein-merkwuerdiges-land/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Oct 2015 13:41:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Budapest]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Hinz&Kunzt]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[HINZ &#38; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt. Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich. Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll &#8230;]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">HINZ &amp; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt.</h3>



<p>Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich.</p>



<p>Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll liegenden Frauen, Männern und Kindern unter der damals sengenden Sonne gingen um die Welt. Budapester Bürger räumten ihre Kühlschränke leer und brachten alles hierher; Journalisten kauften zwischen ihren Liveschaltungen Lebensmittel und Wasserflaschen. Denn der ungarische Staat tat absolut nichts für die Versorgung der Gestrandeten; private Helfer mussten sich über Facebook erst finden, sich erst organisieren; mussten Spenden, Decken und Zelte einsammeln und mussten drängen, dass die Stadt wenigstens Toiletten aufstellte. Acht Stück stellte sie schließlich. Acht Stück – mehr wurden es nicht. So ging das, bis die Flüchtlinge revoltierten, sich zu Fuß auf den Weg über die Autobahn machten, um nach Österreich zu gelangen – bis Ungarn schließlich Busse schickte und sie kurz vor der Grenze aussetzte.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg" alt="Eine Rasur – ein Moment der RUHE auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht" class="wp-image-778" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Rasur – ein Moment der Ruhe auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht.</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Flüchtlinge und Obdachlose am Budapester Keleti-Bahnhof</h3>



<p>Jetzt ist alles deutlich entspannter: Über Nacht kommen die meist erschöpften Flüchtlinge aus Serbien an, werden weiterhin nur von privaten Helfern versorgt und verpflegt, übernachten und drängen sich am nächsten Morgen in die Regionalzüge Richtung Österreich. Und am nächsten Tag wiederholt sich alles.</p>



<p>Für den jungen Ungarn neben mir ist das alles ein vertrauter Anblick, ich sehe es das erste Mal. Er hält ein kleines Paket in der Hand: Kuchenstücke, in Klarsichtfolie eingewickelt. &#8222;Ich bin zwar gerade arbeitslos, habe selbst nicht viel, aber das hier möchte ich den Flüchtlingen bringen&#8220;, sagt er. Er fragt mich, woher ich komme, was ich in Budapest vorhabe, und ich erzähle ihm, dass ich für ein Straßenmagazin in Hamburg schreibe, das vor allem Obdachlose verkaufen. Er legt den Kopf schief, grinst mich an und sagt: &#8222;Erzähl keinen Quatsch! Es gibt in Deutschland doch keine Obdachlosen!&#8220;</p>



<p>In Budapest gibt es 13.000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben. Schätzungsweise. Man sieht sie in den Unterführungen übernachten, man sieht sie an den Zugängen zur Metro. Und man sieht sie jetzt am Keleti unter den Flüchtlingen. Wie sie zwischen den Flüchtlingen ihre Decken ausrollen oder ihre Pappen auslegen; wie sie sich bei der Lebensmittelausgabe anstellen, wo man sie ein wenig irritiert anschaut: Sind das Flüchtlinge? Aber sie werden natürlich trotzdem versorgt. Und sie ziehen sich wieder in ihre Nischen zurück. Sie bleiben, während die Flüchtlinge bald weiterziehen.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg" alt="Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden" class="wp-image-779" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Im Schatten von Orbáns Gesetz</h3>



<p>Ansonsten können sie bei &#8222;Menhely Alapívány&#8220; (zu Deutsch: &#8222;Stiftung Obdach&#8220;) unterkommen, eine Stiftung, die mehrere Unterkünfte unterhält. Ich treffe in deren Tagestreff Zoltán Gurály, Soziologe und Sozialarbeiter. Er kümmert sich auch um Budapests Straßenzeitung &#8222;<span class="st">Fedél Nélkül</span>&#8220; (&#8222;Kein Dach mehr über dem Kopf&#8220;): Zwölf Seiten, dünnes Papier. Die meisten Artikel werden von Obdachlosen geschrieben: Gedichte, Erzählungen, Lebensberichte. Manchmal werden auch Interviews mit Prominenten veröffentlicht. Die Zeitung hat keinen festen Verkaufspreis. Man gibt, was man geben will. &#8222;In Ungarn gibt es nicht viele Leute, die für eine soziale Sache Geld ausgeben&#8220;, begründet das Zoltán Gurály. &#8222;Viele unserer Leute halten ein Exemplar unserer Zeitung auch einfach nur hoch, während sie betteln; wir sind darüber nicht glücklich, aber wir haben es akzeptiert.&#8220;</p>



<p>Ich frage ihn nach dem Gesetz gegen Obdachlose, von dem ich gelesen habe. Ja, das sei eine merkwürdige Sache: Nach Amtsantritt der Orbán-Regierung 2010 habe die Stadt Budapest eine Verordnung erlassen, dass in besonders attraktiven Vierteln der Stadt das Lagern und Übernachten auf der Straße verboten sei. Als dann das oberste Gericht diese Verordnung als rechtswidrig kassierte, habe Orbán mit seiner komfortablen Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament einfach ein neues Gesetz beschlossen – so mache man das heutzutage in seinem Land.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ungarns unberechenbare Politik</h3>



<p>Und – wird es angewandt? &#8222;Es wird nicht angewandt, das ist es ja: Wir wissen nicht, warum nicht.&#8220; So, wie auch in diesem Moment nicht klar sei, wie hart und konsequent die Regierung ihr Dutzend Eilgesetze gegen die Flüchtlinge, aber auch die Helfer anwenden wird – oder nur teilweise oder vielleicht auch nicht. Es sind Gesetze, die die ein- und durchreisenden Flüchtlinge kriminalisieren. Und die, die ihnen helfen. Das Kaufen von Zugtickets oder das Aufsammeln erschöpfter Flüchtlinge am Straßenrand könnten dann als Schleppertätigkeit bewertet werden – das Verteilen von Lebensmittelspenden soll als gewerbsmäßige Tätigkeit verstanden werden und wäre anzumelden und ebenfalls zu bezahlen. Aber so sei es: Machtausübung beginne damit, dass man offen ließe, ob man seine Macht einsetzen wird. Wenn man unberechenbar bliebe. &#8222;Das Klima, in dem wir alle hier arbeiten, ist sehr schlecht&#8220;, sagt Zoltán Gurály. Und er schüttelt den Kopf: &#8222;Ungarn ist so ein komisches Land.&#8220;</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg" alt="Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt." class="wp-image-780" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt.</figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Die Methode der ‚Beheizten Straße‘</h3>



<p>Die zweite große Einrichtung neben &#8222;Menhely Alapívány&#8220; ist das Obdachlosenzentrum &#8222;Fütött utca&#8220; (&#8222;Beheizte Straße&#8220;) der methodistischen Kirche Ungarns. Es wird geleitet von Gábor Iványi. Er ist eine Art Ikone der ungarischen Oppositionsbewegung, dabei hat er Viktor Orbán vor vielen Jahren getraut und seine ersten Kinder getauft. Doch als dessen rechtskonservative Regierung immer offener gegen sozial Schwache und Obdachlose vorging, etwa die Sozialhilfe kürzte, erhob Iványi seine Stimme. Im Gegenzug fiel er in Ungnade. Orbán ließ sich von seiner Parlamentsmehrheit gar im Sommer 2011 eigens ein neues Kirchengesetz zimmern: Demnach sollen nur noch die Religionsgemeinschaften staatliche Gelder für ihre sozialen und karitativen Tätigkeiten bekommen, wenn sie mehr als 30.000 Mitglieder zählen.</p>



<p>Es gibt aber keine 30.000 Methodisten in Ungarn. Also sind in den vergangenen Jahren eine Menge Leute in die methodistische Kirche eingetreten, die es sonst mit Gott nicht so haben – die aber Gábor Iványi und seine Mitarbeiter schätzen. So kann er mittlerweile seine Arbeit wieder fortsetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gábor Iványi: Kämpfer für die Unsichtbaren</h3>



<p>Ich habe Glück, es lässt sich einrichten, dass er mich empfängt: in seinem Büro mit einer gepolsterten Tür. An der Wand hängt ein handsigniertes Porträt von Elisabeth der Zweiten, sie hat es ihm persönlich überreicht. &#8222;Fragen Sie, fragen Sie!&#8220;, sagt er, verschränkt die Hände über seinem sehr imposanten Bauch und lächelt gütig. Und er erzählt, wie er als junger Mann Anfang der 70er-Jahre Theologie studierte, wie er sich immer mehr für die verarmten und ausgegrenzten Roma Ungarns interessierte, wie er als Armenpastor aufs Land ging (er wählt das schöne Wort &#8222;Gesellschaftspastor&#8220;), dann Mitglied der oppositionellen Helsinki-Gruppe wurde und dafür fast im Gefängnis gelandet wäre. </p>



<p>Und wie er nach dem Systemwechsel 1990 eine der ersten Schulen für Sozialarbeit gründete: &#8222;Wissen Sie, es gab vorher keine Sozialarbeiter, weil es ja im Sozialismus keine sozialen Probleme geben durfte.&#8220; Er lacht in sich hinein: &#8222;Es gab auch erst nach der Wende ein Wort für ,ohne Obdach sein&#8216; – hajléktalan&#8220;. Und er bestätigt, was mir schon Zoltán Gurály erzählt hatte: In Ungarn werden Armut, Elend und Not wie etwas Ansteckendes wahrgenommen, und also sei es am besten, wenn man Not, Elend und Armut einfach nicht zeige, weil es sie dann nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Metallbetten und Fürsorge</h3>



<p>Auch die Geschichte des Hauses, in dem wir gerade sitzen, erzählt einiges: Es ist ein ehemaliger staatlicher Schlachthof mit Schlachterei sowie den Kühl- und Lagerräumen, den man nicht mehr brauchte, als ab 1990 die westlichen Wurstund Fleischwaren, vertrieben über die neuen Supermärkte, den heimischen Markt in kürzester Zeit zusammenbrechen ließen. &#8222;Wir haben das Gebäude für 99 Jahre gepachtet, und wir haben es aus eigenen Mitteln umgebaut.&#8220; Aber nun hat er leider den nächsten Termin, aber sei ich mal wieder in der Stadt, ich könne mich gerne wieder melden. Und jetzt werde mir einer seiner Sozialarbeiter alles zeigen. Und der führt mich nun durch das Haus, zeigt mir die Krankenstation, den Tagesraum, die Suppenküche. Und die Räume im Keller, in denen etwa 30 blanke Metallbetten stehen und ebenso viele schäbige Matratzen an der Wand lehnen: Man kann hier übernachten, morgens muss man gehen.</p>



<p>Ich bin hin- und hergerissen: Einerseits gibt es anrührend liebevoll ausgestattete Abteilungen wie ein kleines Hospiz; andererseits schockiert mich der pragmatische Umgang mit den hier Lebenden: Der Sozialarbeiter klopft nicht einmal an, wenn wir einen nächsten Raum betreten, in dem ärmlich gekleidete Menschen Fernsehen schauen oder auf einem zerwühlten Bett liegen; ich werde nicht einmal vorgestellt. Ich halte meine Kamera in der Hand, aber mir will es einfach nicht gelingen, Fotos zu machen. Es ist, als würde ich in eine ganz eigene Welt abtauchen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Maschendraht und Hoffnung</h3>



<p>Wir stehen schließlich in einem langgestreckten Raum, in dem sich die Wohnungslosen tagsüber aufhalten können. In einer Abseite hinter Maschendraht stehen ein paar Betten: In einem liegt ein älterer Mann. Er liegt da und schaut mich aus großen Augen an und ich weiß nicht, wie ich zurückblicken soll, während der Sozialarbeiter mir sachlich erzählt, dass oben im ersten Stock die, die einen Job gefunden haben, kleine Zimmerchen hätten und nicht morgens um sechs Uhr geweckt würden wie alle anderen. Als ich wieder nach dem Mann schaue, hat er die Augen geschlossen und scheint zu schlafen.</p>



<p>Es gibt in dem verwinkelten Bau auch einige Zimmer für Flüchtlinge. &#8222;Wollen sie in Ungarn bleiben oder wollen sie irgendwann weiterziehen?&#8220;, frage ich. &#8222;Man weiß es nicht&#8220;, sagt der Sozialarbeiter. In der Gemeinschaftsküche, die zu diesen Zimmern gehört, steht ein Mann, ich vermute aus Afrika. Er steht einfach da, starrt an die Wand, wippt mit dem Oberkörper vor und zurück und redet leise vor sich hin.</p>



<p>&#8222;Wir haben in Budapest große Obdachlosenunterkünfte, aber diese arbeiten rein karitativ und nicht politisch&#8220;, sagt Balog Gyula, Urgestein der ungarischen Obdachlosenbewegung und Mitbegründer von</p>



<p>&#8222;A Város Mindenkié&#8220; – übersetzt: &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220;. Ihm zur Seite steht Tompa István, der gerade mit seiner jungen Frau und dem gemeinsamen Baby zur Untermiete untergekommen ist. Er hat als Kind viel österreichisches Fernsehen geschaut – und sich so mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Er übersetzt für uns.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Diktatur zum Leerstand</h3>



<p>Und es folgt ein spannender Exkurs in die junge Geschichte des Landes aus Sicht der Obdachlosen: Wie im Staatssozialismus ein sogenannter Asozialenparagraf dafür sorgte, dass etwa Männer, die eine Scheidung aus der Bahn warf, in Wohnheime mit Mehrbettzimmern eingewiesen wurden und sie nicht einfach ihrer Wege gehen durften. Wie nach der Wende im Schwung der Euphorie ganze Wohnsiedlungen privatisiert, also verscherbelt wurden. Und der Staat nicht daran dachte, einen gewissen Grundbestand an bezahlbaren Wohnungen zu halten. Mit heute verheerenden Folgen: Es gibt keinen sozialen Wohnungsbau; nur drei Prozent aller Mietwohnungen in Ungarn sind überhaupt in kommunalem Besitz. Sodass, wer einmal seine Wohnung verliert, eigentlich keine Chance hat, je wieder eine zu bekommen.</p>



<p>Zugleich steht massenhaft Wohnraum leer; schon in der Innenstadt sieht man halbe Straßenzüge leer stehen, während prächtige Bauten aus der K.-u.-k.-Monarchie in Hotels für westliche Touristen umgewandelt wurden. Es gäbe also viel Platz, um die Obdachlosen unterzubringen. Und es gäbe auch viel Platz für die Flüchtlinge. Überhaupt die Flüchtlinge: Mitstreiter von &#8222;A Város Mindenkié&#8220; waren Anfang September dabei, als sie sich auf eigene Faust aufmachten, um Budapest zu verlassen. &#8222;Heute helfen einige von unseren Unterstützern am Bahnhof Keleti mit&#8220;, sagt Balog Gyula.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Jüdische Gemeinde kritisiert Orbáns Flüchtlingspolitik </h3>



<p>&#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist nicht die einzige Organisation, die sich neben ihren eigenen Belangen für die der Flüchtlinge einsetzt. Auch die jüdische Community Ungarns hat unter ihrem neuen Sprecher Rabbi Zoltán Radnóti in einem offenen Brief Viktor Orbáns Flüchtlingspolitik kritisiert und sie unumwunden &#8222;unmenschlich&#8220; und &#8222;beschämend&#8220; genannt. Das mag für unsere Ohren nicht allzu rebellisch klingen – in Ungarn erfordert so etwas viel Mut.</p>



<p>Ich habe wieder Glück, und Rabbi Radnóti trifft sich mit mir auf einen schnellen Kaffee im &#8222;Café Tel Aviv&#8220;. Er entschuldigt sich zunächst für sein mageres Englisch – das nicht schlechter sein wird als meins. &#8222;Also, die …&#8220;, er stockt. Er sucht nach einem Wort. Er holt sein Handy hervor, öffnet eine App für ein Englischwörterbuch, er tippt Buchstaben ein, wird nicht fündig. Er schaut mich fragend an: &#8222;Wie sagt man zu diesen Leuten, die jetzt alle kommen, aus Syrien, aus Afghanistan?&#8220; – &#8222;Refugees? Flüchtlinge?&#8220;, versuche ich es. &#8222;Refugees!&#8220;, ruft er erleichtert aus. &#8222;Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Wort benutze. Ich muss es mir unbedingt merken.&#8220; Und wir beide lachen herzhaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eentschlossen, trotz Angst und Vorbehalt</h3>



<p>Und dann erzählt er: Ja, sie sammeln Spenden. Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und auch Geld. Wobei es nicht einfach gewesen sei, diese Aktion zu starten: &#8222;Es gibt auch bei uns in der Community viele Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen. Und wieder andere hatten schlicht Angst, sich mit der Regierung anzulegen, denn die mag es ja gar nicht, dass man diesen Menschen hilft.&#8220; Doch am Ende hätten sie beschlossen, ihren Weg zu gehen, sich notfalls gegen die Regierung zu stellen und eben zu helfen. Das Gespendete ginge unmittelbar an die Südgrenze nach Röszke. Dort, wo die Zustände für die Menschen so unhaltbar seien und gleichfalls nur zivile Helfer vor Ort wären.</p>



<p>Wie wird es weitergehen? In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten? Wie alle, die ich das gefragt habe, sackt er kurz zusammen, schüttelt ratlos den Kopf: &#8222;Ich weiß es nicht; wirklich nicht. Ich habe keine Idee.&#8220; Er richtet sich wieder auf: &#8222;Wir Ungarn kennen das nicht: fremde Menschen. Wir kennen das nicht, dass Menschen an unserer Grenze stehen und zu uns hereinwollen. Wir müssen das erst lernen, damit umzugehen, und ich hoffe, dass wir das lernen.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Junge jüdische Aktivisten „Aurora“</h3>



<p>Die Antwort auf sein Engagement kam übrigens postwendend: Orbán schickte Grüße zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, ergänzt um einige Ausführungen: dass Ungarn weiterhin und ganz entschieden seine Grenzen schützen werde und dass in Ungarn nur Platz für Ungarn sei. Ein deutlicher Hinweis, dass die Juden, die in Ungarn leben, es sich genau überlegen sollten, ob sie dazugehören wollen.</p>



<p>Und wo ich gerade in die jüdische Welt Budapests eintauche, schaue ich noch im &#8222;Aurora&#8220; vorbei – ein Club, der maßgeblich von der jüdischen Jugendorganisation &#8222;Marom&#8220; getragen wird und in dem einige NGOs ihren Sitz haben; auch &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist regelmäßig zu Gast.</p>



<p>Es sind meist junge Leute, die hier aktiv sind; viele sind jetzt vor Ort am Keleti, um die Flüchtlinge zu versorgen. Aron übernimmt es, mir die Geschichte des Clubs zu erzählen: wie sie drüben im jüdischen Viertel einen ersten Treffpunkt eröffneten; wie die Polizei den Treff stürmte, unter dem Vorwand, das Gebäude sei baufällig. Und wie sie jetzt im Roma-Viertel von Budapest einen Neuanfang wagen wollen. &#8222;Wir möchten, dass sozial interessierte Leute hier in der Bar einen Kaffee oder ein Bier trinken, sich wohlfühlen, vielleicht mal abends eine unserer politischen Veranstaltungen besuchen und die sich vielleicht langfristig einer unserer NGOs anschließen&#8220;, sagt er.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Viele Engagierte verlassen das Land </h3>



<p>&#8222;Woher nimmst du die Kraft, diese Arbeit zu tun?&#8220;, frage ich. Er lacht verlegen, schaut an mir vorbei: &#8222;Also, ich selbst werde in zwei Tagen Ungarn verlassen; ich gehe nach London, um dort zu arbeiten.&#8220; Ja, es tue ihm leid, aber er gehe. &#8222;In diesem Land sehe ich für mich keine Zukunft mehr.&#8220; Damit ist er nicht allein: 600.000 Ungarn haben seit 2010 ihr Land verlassen. Vor allem Leute wie Aron. Gut ausgebildet, motiviert, jung. Und wo ging es oft hin? Nach Deutschland.</p>



<p>Soll ich damit schließen? In der Redaktion sprechen wir oft darüber, ob man nicht am Ende einer Geschichte etwas Positives aufzeigen sollte oder ob das nicht im Gegenteil nur billiger Trost sei.</p>



<p>Ich gehe gedanklich noch mal zum Bahnhof zurück. Stehe da an meinem letzten Abend inmitten der Flüchtlinge und der Helfer, vor mir eine Frau im Schneidersitz. Sie trägt einen Hidschab, hält ein schlafendes Kind auf dem Arm, ein zweites steht neben ihr, reibt sich müde die Augen, während der Familienvater dünne Matratzen und Decken, von Ikea gespendet, heranschleppt. Sie sind gerade frisch angekommen. Haben es geschafft, nach Keleti zu gelangen, statt in einem der völlig überfüllten Auffanglager an der Grenze auf nicht absehbare Zeit festgehalten zu werden.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg" alt="Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen" class="wp-image-781" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Kekse, Bananen und ein Lächeln</h3>



<p>Eine Frau tritt hinzu, keine der Helferinnen, sondern eine Budapesterin mit schmalem Rucksack und in einer geringelten Strickjacke. Sie grüßt die vor ihr Sitzende, reicht Babywindeln und eine Papiertüte mit Lebensmitteln. Sie führt ihre rechte Hand an ihren Mund und macht heftige Kaubewegungen. Die beiden Frauen fangen plötzlich laut an zu lachen, denn was soll man mit Keksen und Bananen und Äpfeln schon anderes machen, als sie zu essen? Dann verabschieden sie sich voneinander – und lächeln sich dabei an.</p>



<p>P.S.: Kurz nach der Rückkehr unseres Autors hat Ungarn seine Grenzen gegen Flüchtlinge abgeriegelt. Bei Redaktionsschluss war zumindest ein Grenzübergang nach Serbien wieder geöffnet. Wenn Sie diese Geschichte lesen, kann die Situation schon wieder völlig verändert sein.</p>



<p><strong>In Budapest hat Frank Keil ein Online-Tagebuch geführt:<br /><a href="http://www.huklink.de/budapest">www.huklink.de/budapest</a></strong></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text &amp; Bilder:<br /><em>Frank Keil.</em></td><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / <br />Hinz&amp;Kunzt, Hamburg. </td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Verkäufer:innen im Rampenlicht: Panayiotis</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/verkaeufer-im-rampenlicht-panayiotis-von-shedia-athen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2015 18:32:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Athen]]></category>
		<category><![CDATA[Shedia]]></category>
		<category><![CDATA[Straßenzeitschrift]]></category>
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					<description><![CDATA[SHEDIA/Athen: Panayiotis Triantafillidis, 35 Jahre alt, ist ein griechisches Mitglied der Roma, dessen Leben sich verändert hat, indem er die Zeitung Shedia in Athen verkauft hat. In diesem Artikel erklärt er, wie er, erst nachdem er das Lesen gelernt hatte, wirklich verstand, was Shedia war. Jetzt kann er gar nicht mehr aufhören, das Magazin zu lesen, das er selber verkauft und das ihm geholfen hat eine Wohnung zu mieten. Ich komme aus Istiataia (einer Stadt im Norden der griechischen Insel Evia), ich wurde in Athen geboren und lebte die meiste Zeit in der Gegend von Aspropyrgos. Ich bin ein griechischer &#8222;Gypsy&#8220; und das hat mir viele Probleme bereitet im Leben. Mein Vater war ein Marktverkäufer und ich habe ihm bei vielen Arbeiten geholfen. Als er 2008 gestorben ist, brach es uns allen das Herz. Es ist so lange her und ich kann es immer noch nicht glauben. Ich wollte unbedingt von Zuhause weg, aber ich konnte nicht, weil ich mich um meine Mutter kümmern musste. Sie war sehr streng. Sie wollte nicht, dass ich abends &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">SHEDIA/Athen: Panayiotis Triantafillidis, 35 Jahre alt, ist ein griechisches Mitglied der Roma, dessen Leben sich verändert hat, indem er die Zeitung Shedia in Athen verkauft hat. In diesem Artikel erklärt er, wie er, erst nachdem er das Lesen gelernt hatte, wirklich verstand, was Shedia war. Jetzt kann er gar nicht mehr aufhören, das Magazin zu lesen, das er selber verkauft und das ihm geholfen hat eine Wohnung zu mieten.</h3>



<p>Ich komme aus Istiataia (einer Stadt im Norden der griechischen Insel Evia), ich wurde in Athen geboren und lebte die meiste Zeit in der Gegend von Aspropyrgos. Ich bin ein griechischer &#8222;Gypsy&#8220; und das hat mir viele Probleme bereitet im Leben. Mein Vater war ein Marktverkäufer und ich habe ihm bei vielen Arbeiten geholfen. Als er 2008 gestorben ist, brach es uns allen das Herz. Es ist so lange her und ich kann es immer noch nicht glauben.</p>



<p>Ich wollte unbedingt von Zuhause weg, aber ich konnte nicht, weil ich mich um meine Mutter kümmern musste. Sie war sehr streng. Sie wollte nicht, dass ich abends auf den Straßen herumlaufe, weil sie Angst hatte, ich könnte Ärger mit der Polizei bekommen. Es ist normal dass uns &#8222;Gypsys&#8220; Rassismus entgegengebracht wird. Eines Tages hab ich dann gesagt, ich laufe von Zuhause weg und komme nicht wieder. Seit ich ein Kind war, habe ich davon geträumt mein eigenes Zuhause zu haben, aber ich konnte es mir nie leisten, weil ich keine geregelte, stabile Arbeit hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn der Anblick entscheidet: Wie Vorurteile Existenzen kosten</h3>



<p>Als ich jung war, hatte ich einen Unfall und habe alle Zähne verloren. Das machte es für mich schwer einen Job zu finden, weil die Leute mich sahen und dachten, ich wäre ein Drogenabhängiger. Als ich zu einem Ort namens Renti ging (ein Arbeiterviertel), lernte ich die Nachbarschaft kennen und die Leute mochten mich. Ich habe mich um Hunde gekümmert, sie gefüttert und den Nachbarn geholfen. Eine Frau ließ mich in ihrem Haus bleiben und erlaubte mir ein Bad zu nehmen und dort zu schlafen.</p>



<p>Später zog ich ins Stadtzentrum. Ich hatte keine beständige Arbeit, aber ich hatte etwas Geld von einer Aushilfsstelle in einem Kiosk in Syntagma Square. Im Gegenzug gab mir der Besitzer Essen und ein bisschen Geld. Aber ich hatte keine Freunde, ich war sehr einsam.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erst der Friedhof, dann die Straßenzeitung</h3>



<p>Eines Tages fielen mir ein paar Leute mit roten Westen auf, die ein Magazin verkauften (die Straßenzeitung Shedia), aber ich wusste nicht richtig, was es war, weil ich nicht lesen konnte. Ich war nie in der Schule gewesen. Einmal hat mich meine Mutter hingeschickt, aber die anderen Kinder haben mich geschlagen und mir mein Geld gestohlen, so bin ich nie wieder hingegangen.</p>



<p>Ich fragte einen Verkäufer über die Straßenzeitung aus. Er erzählte mir was es war und wie es funktionierte, aber ich verstand die ganze Sache nicht ganz.</p>



<p>In der Zwischenzeit arbeitete ich auf einem Friedhof. Erst hatte ich Angst, doch nach einer Weile habe ich mich dran gewöhnt. Es gab eben nämlich Zeiten wo ich sehr hungrig war und keinen einzigen Cent für Essen hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Neue Wege im Herzen Athens</h3>



<p>Einmal traf ich eine Gruppe von Polizisten, die mich mochten und mir halfen, aber ihre Haltungen waren ziemlich extrem. Sie haben mein Denken beeinflusst und bewirkten, dass ich mich feindlich gegen Asylsuchende und Migranten fühlte und mich rassistisch den Menschen gegenüber verhielt. Aber glücklicherweise verstand ich sehr schnell, dass das falsch war. Ich habe meine Aktionen bereut, war enttäuscht von mir selbst. Ich habe niemals von mir gedacht, dass ich so sein und denken könnte.</p>



<p>Eines Tages, als ich die Hauptstraße von Athen entlanglief, traf ich eine große Versammlung vor einem Gebäude (eine Hilfsstelle für Migranten). Ich fragte, ob ich auch mitmachen könne und sie sagten mir, dass sie alle Menschen akzeptieren. Das war der Zeitpunkt, wo ich meine Einstellung komplett änderte. Ich bemerkte, was ich falsch gemacht habe und wie viel Gutes dabei verloren geht. Mit der Hilfe eines privaten Lehrers lernte ich schnell lesen und schreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mit roter Weste und neuem Mut</h3>



<p>Eines Tages sah ich wieder jemanden mit einer roten Weste auf der &#8222;Shedia&#8220; stand. Ich fragte wieder nach. Ich habe in der Zwischenzeit gelernt und verstand jetzt besser. Ich besuchte die Büros, redete mit den Menschen und alles wurde mir im Detail erklärt. Diesmal war ich richtig heiß darauf, anzufangen. Kurz danach bekam ich einen Anruf und wurde ins Büro eingeladen. Mir wurde die rote Weste gegeben und meine ersten 10 kostenlosen Kopien. Am ersten Tag ging ich schnell zu meinem Platz und wartete bis es Zeit für mich war, meinen neuen Job zu beginnen. Es war ein unglücklicher Tag, meine Tasche wurde gestohlen, doch ich gab nicht auf.</p>



<p>Ich sah, dass die Dinge sich schnell begannen zu verändern und ich war sicher, dass ich es schaffen würde. In zwei Monaten hatte ich mir eine kleine Summe Geld gesammelt und habe mir sofort meine eigene kleine Wohnung gemietet. Kurz danach halfen mir die Leute vom Straßenmagazin, meine Zähne machen zu lassen. Ich war so glücklich und hatte die Energie noch mehr Zeitschriften zu verkaufen. Als ich heimkam, dachte ich vor dem Einschlafen an Shedia und die Leute, die mir diese Möglichkeit gaben. Jetzt, wo ich lesen kann, kann ich nicht aufhören jede Seite des Magazins zu lesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Shedia: Mein Halt in schweren Zeiten</h3>



<p>Natürlich gibt es auch manche Leute, die das Magazin nicht mögen und viele schlechte Sachen über uns sagen. Das Schlimmste, was mal jemand zu mir sagte ist, dass wir betteln würden. Ich fühlte mich peinlich berührt, aber ich verstand dass nicht jeder verstehen konnte, wie wichtig es für mich ist – und wie es mir geholfen hat.</p>



<p>Die Leute lernen uns jetzt immer besser kennen und ich bin sehr froh darüber. Die Menschen können sehen, wie ich mich verändert habe. Sogar wenn ich es eines Tages schaffe, einen anderen Job zu finden, möchte ich Shedia nicht verlassen. Ich möchte sicher gehen, dass ich ein bisschen Zeit haben werde, die Zeitung zu verkaufen. Manchmal hab ich Probleme damit, meine Miete zu bezahlen, aber ich gebe nicht auf. Die Menschen fragen mich Dinge über die Leute von Shedia und was ich antworte ist, dass ich mit der Zeitung auch eine zweite Familie gefunden habe. Wir unternehmen viele Dinge zusammen und ich bin sehr froh, sehr stolz und glücklich dass ich Teil dieser Familie bin.</p>



<p>Wenn es Shedia nicht gegeben hätte, wäre ich ein Landstreicher. Durch Shedia habe ich all meine Träume wahr gemacht, die ich seit meiner Kindheit hatte. Und jetzt kann ich weiter träumen.</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text &amp; Fotos: <br /><em>Shedia</em></td><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / <a href="http://www.shedia.gr/" target="_blank" rel="noopener">Shedia</a>. <br />Übersetzung vom Englischen ins Deutsche von <em>Anne Winterhager</em></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Spende dein Pfand!</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/spende-dein-pfand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2015 13:33:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Flaschenpfand]]></category>
		<category><![CDATA[Flaschensammler]]></category>
		<category><![CDATA[Flughafen]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[Hinz&Kunzt]]></category>
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					<description><![CDATA[HINZ&#38;KUNZT / Hamburg: Aufmucken lohnt sich! Nach unseren Berichten und den Protesten unserer Leser ist Flaschensammeln am Hamburger Flughafen nicht mehr verboten. Noch besser: Ab sofort arbeiten drei Hinz&#38;Künztler dort als professionelle Leergutbeauftragte. Mein Bild von Flaschensammlern hat sich um 180 Grad gewendet&#8220;, sagt Mercedes Lazar-Heubel. Die 33-Jährige betreut am Flughafen Hamburg das Projekt &#8222;Spende dein Pfand&#8220;, bei dem seit September Fluggäste vor dem Abflug ihre ausgetrunkenen Pfandflaschen spenden statt wegwerfen können. Heute ist die Projektleiterin voller Verständnis für die Menschen, die sich meistens unauffällig durch die Terminals bewegen und in den Mülleimern nach Pfandflaschen suchen: &#8222;Eigentlich spricht gar nichts dagegen&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich habe gemerkt, dass diese Menschen einfach darauf angewiesen sind.&#8220; Noch vor einem halben Jahr sah sie das ganz anders: &#8222;Ich habe mich wirklich gestört gefühlt, wenn ich das gesehen habe&#8220;, räumt Lazar-Heubel ein. Sie habe wie so viele das Elend nicht sehen wollen und hätte die schwierige Situation der Flaschensammler nicht verstanden. Damals war am Flughafen das Sammeln auch noch verboten. Das sollte einen &#8222;ungestörten Betrieb&#8220; gewährleisten und den Fluggästen einen &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">HINZ&amp;KUNZT / Hamburg: Aufmucken lohnt sich! Nach unseren Berichten und den Protesten unserer Leser ist Flaschensammeln am Hamburger Flughafen nicht mehr verboten. Noch besser: Ab sofort arbeiten drei Hinz&amp;Künztler dort als professionelle Leergutbeauftragte.</h3>



<p>Mein Bild von Flaschensammlern hat sich um 180 Grad gewendet&#8220;, sagt Mercedes Lazar-Heubel. Die 33-Jährige betreut am Flughafen Hamburg das Projekt &#8222;Spende dein Pfand&#8220;, bei dem seit September Fluggäste vor dem Abflug ihre ausgetrunkenen Pfandflaschen spenden statt wegwerfen können. Heute ist die Projektleiterin voller Verständnis für die Menschen, die sich meistens unauffällig durch die Terminals bewegen und in den Mülleimern nach Pfandflaschen suchen: &#8222;Eigentlich spricht gar nichts dagegen&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich habe gemerkt, dass diese Menschen einfach darauf angewiesen sind.&#8220;</p>



<p>Noch vor einem halben Jahr sah sie das ganz anders: &#8222;Ich habe mich wirklich gestört gefühlt, wenn ich das gesehen habe&#8220;, räumt Lazar-Heubel ein. Sie habe wie so viele das Elend nicht sehen wollen und hätte die schwierige Situation der Flaschensammler nicht verstanden. Damals war am Flughafen das Sammeln auch noch verboten. Das sollte einen &#8222;ungestörten Betrieb&#8220; gewährleisten und den Fluggästen einen &#8222;angenehmen Aufenthalt&#8220; ermöglichen, hieß es. Wer wiederholt gegen das Verbot verstieß, musste mit einer Anzeige rechnen. 97-mal zeigte die Flughafenverwaltung im Jahr 2014 Flaschensammler an.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Online-Petition mit überwältigender Beteiligung</h3>



<p>Ein Unding, fanden wir bei Hinz&amp;Kunzt. Unser Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer startete eine Onlinepetition gegen dieses Vorgehen. 57.000 Menschen unterzeichneten innerhalb von nur drei Tagen. Das hätten selbst wir nicht erwartet &#8211; und die Verantwortlichen am Flughafen erst recht nicht. &#8222;Erst durch die Petition ist uns bewusst geworden, dass wir ein Problem haben&#8220;, sagt Lazar-Heubel. Aber dann war klar, dass etwas geschehen musste.</p>



<p>Die Petition war der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Das Flaschensammelverbot hob der Flughafen danach rasch auf. Zunächst für eine Testphase, dann dauerhaft. &#8222;Es gibt von ein paar Ausnahmen abgesehen eigentlich keine Probleme&#8220;, sagte uns Johannes Scharnberg vom Flughafenmanagement im April. Inzwischen hat seine Mitarbeiterin Lazar-Heubel im Ankunftsbereich Pfandregale aufhängen lassen, damit die Sammler nicht mehr im Dreck wühlen müssen. Zwischen Hinz&amp;Kunzt und dem Airport haben viele Gespräche stattgefunden. Zunächst waren wir skeptisch, doch schnell wurde uns klar, dass alle Beteiligten an einer sinnvollen Lösung des Konflikts interessiert waren. Mercedes Lazar-Heubel hatte längst den Kontakt zu anderen Flughäfen gesucht, die bereits Konzepte im Umgang mit Flaschensammlern ausprobiert haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">So hilft Pfand Langzeitarbeitslosen</h3>



<p>Im Mai flogen wir nach Stuttgart, um uns das Projekt &#8222;Spende dein Pfand&#8220; anzusehen. Vor den Eingängen zu den Sicherheitskontrollen stehen dort große Sammelbehälter aus Plexiglas, in die die Passagiere ihre Flaschen werfen können. Mit in den Abflugbereich dürfen sie die ja ohnehin nicht nehmen. 302.000 Flaschen und Dosen landeten 2014 in diesen Behältern. Pfand im Wert von 61.500 Euro. Bilanz steigend: &#8222;Bislang liegen wir 2015 deutlich über den Vorjahreszahlen&#8220;, sagt der Stuttgarter Flughafensprecher Johannes Schumm zufrieden.</p>



<p>Das diene zum einen dem Umweltschutz, erklärt Alexis Hanke von der Uni Hohenheim. Schließlich können die Flaschen so recycelt werden und landen nicht auf der Müllkippe. Hanke hat sich das Konzept zusammen mit seinen Studenten ausgedacht. Doch was tun mit dem gesammelten Pfandgeld? Erst hat sein Seminar überlegt, es an wohltätige Organisationen zu spenden. Doch dann kam den Studenten eine bessere Idee: Langzeitarbeitslose sollten für die Leerung der Pfandbehälter und die Sortierung der Flaschen eingestellt werden. Ihr Gehalt könnte durch das gesammelte Pfand finanziert werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vorbild Stuttgart</h3>



<p>Ausgedacht, umgesetzt: Seit Herbst 2013 läuft das Projekt in Stuttgart erfolgreich in Zusammenarbeit mit der örtlichen Straßenzeitung Trott-war. Auch in Köln wird seit Mai so Pfand gespendet. Vier Menschen sind in Stuttgart fest als professionelle Flaschensammler angestellt. &#8222;Wir schaffen die Chance für jemanden, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen&#8220;, sagt Hanke sichtlich stolz. &#8222;Das ist eine tolle Symbiose.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<iframe loading="lazy" title="Pfandspenden am Flughafen Stuttgart" width="840" height="473" src="https://www.youtube.com/embed/yj8raj0YRqk?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
</div></figure>



<p></p>



<p>Im Flugzeug zurück war uns schnell klar, dass wir uns das auch für Hamburg wünschen. Langzeitarbeitslose, die unbedingt wieder einen festen Job haben wollen, kennen wir schließlich eine Menge. Und auch beim Hamburger Flughafen kam die Idee gut an. &#8222;Spende dein Pfand&#8220; heißt es seit September auch hier. &#8222;Wir freuen uns riesig, dass wir zusammen mit Hinz&amp;Kunzt ein sinnvolles Projekt umsetzen können&#8220;, sagt Lazar-Heubel. Auch Stephan Karrenbauer ist begeistert: &#8222;Für uns ist es die schönste Geschichte des Jahres: dass ein so schwieriger Konflikt beendet wird &#8211; und drei Menschen einen Arbeitsplatz bekommen. Das motiviert auch unser ganzes Team.&#8220; Die Stimmung ist gekippt &#8211; ins Positive.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hinz&amp;Künztler als Leergutbeauftragte eingestellt</h3>



<p>Am meisten freut das die Drei, die nun endlich wieder einen festen Job haben. Da ist Jaroslaw, der bis vor kurzem noch in einer Hütte direkt neben S-Bahn-Gleisen gewohnt hat. Geld verdiente er mit dem Verkauf von Hinz&amp;Kunzt und Flaschensammeln. &#8222;Ich bin ein Profi&#8220;, sagt er grinsend und zeigt den Greifarm, mit dem er sammelt. Für ihn ist die Anstellung der Beginn des geregelten Lebens, das er sich lange gewünscht hat. Und die Eintrittskarte in eine eigene Wohnung. &#8222;Ich hasse das Leben auf der Straße&#8220;, sagt er. Seine Fröhlichkeit schlägt um in Melancholie, wenn er darüber spricht. Umso größer ist die Vorfreude auf die eigenen vier Wände: &#8222;Ein Zimmer, Küche, Bad. Was brauche ich mehr?&#8220;</p>



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<h3 class="wp-block-heading">„Ich bleib hier – ich muss ja arbeiten“</h3>



<p>Dann ist da &#8222;Opa&#8220; Georgi Nikolov, den wir im Sommer 2013 unter der Kennedy-Brücke getroffen haben. Der heute 50-Jährige zeltete dort mit seiner Frau, seiner Tochter, dem Schwiegersohn und seinen zwei Enkeln. Die bulgarische Roma-Familie kam auf der Suche nach Arbeit nach Hamburg. Seit zwei Jahren lebt sie nun in zwei kleinen Kirchenkaten, die Hinz&amp;Kunzt organisiert hat. Die Kinder gehen in die Schule. Nach mehreren Minijobs werden Georgi und seine Frau nun endlich eine Krankenversicherung haben.</p>



<p>Der Dritte im Bunde ist Uwe. Er hat Angst davor, einen Job in der freien Wirtschaft nicht zu schaffen. &#8222;Ich brauche diesen Schutz, den mir Hinz&amp;Kunzt bietet&#8220;, sagt er. Dass er mal am Airport arbeiten würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Er, der panische Flugangst hat. &#8222;Ich denke die ganze Zeit: Geil, ich steig da nicht ein! Ich bleib hier&#8220;, sagt er schelmisch. &#8222;Ich muss ja arbeiten.&#8220;</p>



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<iframe loading="lazy" title="Uwe zeigt seinen neuen Arbeitsplatz" width="840" height="473" src="https://www.youtube.com/embed/so6yhJ26XxA?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
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<p>Wir sind alle zufrieden: Uwe, Georgi, Jaroslaw, Stephan und Mercedes. &#8222;Ich habe mal wieder gemerkt, dass Reden das A und O ist&#8220;, sagt Lazar-Heubel. &#8222;Wenn man vernünftig über etwas spricht, gibt es immer Lösungen.&#8220;</p>



<p><em>Nachtrag und Kommentar</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Flaschensammlern helfen ist eine gute Sache. Wir dürfen aber nicht vergessen, was das eigentliche Problem ist: Die immer größer werdende Armut.</h3>



<p>Wir haben in den vergangenen Monaten viel für Flaschensammler bewegt. Nachdem wir beklagten, dass sie nicht in die neuen Big-Belly-Mülleimer in der Innenstadt hineingreifen können, hat der Senat 100.000 Euro für Pfandregale bereitgestellt, die nach und nach installiert werden. Nach unseren Berichten über Strafanzeigen gegen Flaschensammler am Flughafen und der anschließenden Onlinepetition wurden die Anzeigen zurückgenommen. Pfandsammeln ist dort in der Folge jetzt erlaubt, auch am Flughafen gibt es Pfandringe.</p>



<p>Unterm Strich haben wir das Leben für die Flaschensammler in Hamburg etwas leichter machen können. Darüber freuen wir uns, und auch von unseren Lesern bekommen wir dafür viel Zuspruch. Und trotzdem dürfen wir damit nicht zufrieden sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die stille Krise auf unseren Straßen</h3>



<p>Dass es immer mehr Flaschensammler gibt, daran haben wir uns gewöhnt. Viele von ihnen haben wir in den vergangenen Monaten kennen gelernt. Da war der Rentner, der am Flughafen schon als Arbeiter die Rolltreppen mit gebaut hat und jetzt jeden Tag aus Wedel mit der S-Bahn kommt, um am Airport im Müll zu wühlen. Da war der Softwareentwickler, der seit zehn Jahren keine Gehaltserhöhung mehr bekommen hat und deshalb nach Feierabend regelmäßig einmal die Mülleimer in der Mönckebergstraße abklappert. Da war der Koch, der in der Nebensaison keine Anstellung fand und täglich sechs Stunden die Innenstadt nach Pfandgut durchkämmte. Die Obdachlosen oder psychisch Kranken, die kaum eine andere Möglichkeit haben, Geld zu verdienen.</p>



<p>Das eigentliche Problem ist, dass all diese fleißigen Menschen gezwungen sind, für ihr Auskommen im Müll zu wühlen. Dass regelmäßig Studien mit dem Ergebnis veröffentlicht werden, die Kluft zwischen Arm und Reich in diesem Land werde immer größer. Dass wir uns daran gewöhnt haben, dass es so ist. Dass wir daran nichts ändern konnten, obwohl wir es seit Jahren anprangern.</p>



<p>Klar ist es ein Skandal, dass den Pfandsammlern das Leben mit Strafanzeigen und Hausverboten auch noch schwerer gemacht wird. Und wir müssen weiter dafür streiten, dass sie nicht kriminalisiert und vertrieben werden &#8211; zum Beispiel an den Bahnhöfen der Deutschen Bahn. Unser Ziel muss aber eine Gesellschaft sein, in der niemand darauf angewiesen ist, im Müll zu wühlen.</p>



<p>Die verantwortlichen Politiker dürfen wir nicht damit davon kommen lassen, ein paar Pfandregale aufzuhängen und so die Symptome ihrer eigenen Politik abzumildern. Nachhaltige Maßnahmen gegen Armut müssen her. Packen wir&#8217;s an!</p>



<p></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text:<em> </em><br /><em>Benjamin Laufer. </em></td><td>Fotos: <br /><em>Mauricio Bustamante. </em></td></tr><tr><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / Hinz&amp;Kunzt, Hamburg.</td><td></td></tr></tbody></table></figure>



<p><em><br /></em></p>
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