Aktuelle Leseprobe

KULTURSCHOCK NACH DEM REGENBOGEN

#54 LINIE 1: Zu fünft durch die Kneipen entlang der Linie 1. Eine nächtliche Erkundung, dokumentiert mit Einwegkameras

 

Ich habe meinen guten Freund Piotr eingeladen und dazu noch Lisa, Kim und Sara aus Oldenburg. Unser Ziel: In möglichst vielen Kneipen und Bars an der Linie 1 mindestens ein Bier zu trinken. Dabei immer griffbereit: ein paar analoge Einwegkameras.

Angelockt wie Motten vom Licht, werden wir durch bunte Neonleuchten auf die erste Kneipe aufmerksam. Es geht los! Grell blinkende Spielautomaten, eine dunkel getäfelte Bar und Euro-Dance-Hits aus der Musikbox, hier im „Vahrer Eck“ scheint die Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben zu sein. Unsere erste Amtshandlung hier: ein 10-Euro-Schein, der in die Musikbox wandert. „Wir brauchen was tanzbares“, ruft Lisa und reißt die Arme nach oben. Mit dem Musikwechsel verändert sich auch die Stimmung im Laden. Wurden wir anfangs vom Wirt und seinen beiden, separat sitzenden Gästen, noch misstrauisch beäugt, wirkt er beim Anblick von drei in seiner Kneipe tanzenden Mädels nun wie ausgewechselt. „Was wollt ihr denn trinken?“

      

Die ersten beiden Runden gehen auf uns, die dritte Runde aufs Haus. Wir trinken uns durch die bunte Auswahl von Kurzen. Gelb, blau, rot – ein Regenbogen aus Schnaps, der hilft, mit einem der Gäste ins Gespräch zu kommen. Er sitzt schon den ganzen Abend direkt an der Bar, nippt im Wechsel an Zigarette und Tee. Woher er komme, mag er uns nicht verraten, nur dass er extra aus einem anderen Stadtteil hierhergekommen sei, weil er den Besitzer kenne.

Vielleicht liegt es am Schnaps, aber nach einer Stunde haben wir das Gefühl, hier eine Heimat und neue, beste Freunde gefunden zu haben, trotzdem beschließen wir weiter zu ziehen. „Dann kommt doch bald mal wieder“, ruft uns der Wirt nach, während wir durch die Tür gehen zu. „Klar“, rufen wir im Chor zurück. Dass dies wohl nicht passieren wird, wissen beide Seiten.

Piotr und ich möchten unbedingt nach Tenever weiter, den Mädels aus dem eher bürgerlichen Oldenburg einen kleinen Kulturschock verpassen. An der Haltestelle Schweizer Ecksteigen wir aus, irren einige Zeit umher und finden keine geöffnete Kneipe. Scheinbar trinkt man hier unter der Woche nicht. Schließlich finden wir doch noch etwas. Eine alte Arbeiterkneipe mitten im Herzen des Multikulti-Stadtteils. Wir setzen uns direkt an die Bar. Kim schlägt vor, dass wir unbedingt diesen Spanischen Schnaps probieren müssen. Ich bestelle eine Runde. Der erste Schluck zieht mir fast den Boden unter den Füßen weg, das Zeug schmeckt furchtbar! Auch ein großer Schluck Bier zum Nachspülen ändert nichts. Währenddessen haben sich zwei Männer neben uns niedergelassen. Ich sehe meine Chance, den ekligen Schnaps loszuwerden und biete ihnen großzugig etwas an. So kommen wir ins Gespräch. Einer von ihnen sei russischer Soldat gewesen, daher auch seine Tattoos am Arm. Ich frage ihn, ob ich diese fotografieren dürfe. Er willigt ein.

Dann kommt der Moment, den wir alle gefürchtet haben. Drei Tage vor der Bundestagswahl wird das Gespräch politisch. Polternd beginnt der zweite Mann neben uns einen endlosen Monolog von A wie Antifa bis Z wie Zionisten. Sich selbst bezeichnet sich selbst als protestierender AfD-Anhänger. Lösungen hat er nicht zu bieten, dafür viel Hetze gegen „die Ausländer“ und „die ganze Lügenpresse“. Dass ich in seiner Logik einer von diesen „Links-versifften-von-Merkel-manipulierten-Medienaffen“ bin, verschweige ich lieber.

Diesen Mann können wir uns nicht mal sympathischtrinken. Während Kim noch versucht, mit ihm zu diskutieren, tickt mich Lisa von der Seite an. Sie erträgt es hier nicht mehr und hat Angst, dass der Typ noch aggressiver als ohnehin schon wird. Wir verlassen das Lokal und nehmen die Entschuldigung der Dame hinter dem Tresen gerne an.

Auf den Schreck erst mal ein Bier und dann ab an die nächste Haltestelle. Es ist mittlerweile halb vier, die Straßenbahnen fahren schon lange nicht mehr. Wir nehmen also ein Taxi und fahren in die Neustadt, wo die Welt für uns noch in Ordnung ist. Schließlich landen wir in der „Auszeit“, einer kleinen, muckeligen Rock-Kneipe, in der ich schon die ein‘ oder andere Nacht verbracht habe. Danke Linie1, diese Nacht bleibt unvergessen.

Beim Blick in den Spiegel auf dem Herrenklo bin ich erschrocken über die Wirkung des Alkohols in meinem müden Gesicht. Noch eine weitere Kneipe übersteh ich heute Nacht nicht mehr, nach drei ist schon Schluss. Wir machen uns auf den Rückweg mit der bösen Vorahnung auf die Kopfschmerzen von morgen. Danke, Linie 1, diese Nacht werden wir so schnell nicht vergessen!

 

Text: Benjamin Eichler
Fotos: Benjamin Eichler, Lisa Meyne, Piotr Rambowski, Kim Scholten, Sara Spiewack