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	<title>Engagement &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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	<description>Das Bremer Straßenmagazin</description>
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	<title>Engagement &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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		<title>Kommen Sie in unser Vertriebsteam!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Aug 2016 12:51:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meldung]]></category>
		<category><![CDATA[Ehrenamtliche]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
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					<description><![CDATA[Sie kennen und lieben die Zeitschrift der Straße? Sie wissen, dass Bremens Straßenmagazin von Studierenden als Lernprojekt erstellt wird? Sie haben vielleicht sogar Ihre Stammverkäuferin bzw. Ihren Stammverkäufer in der Stadt? Dann fragen Sie sich vielleicht, wie die StraßenverkäuferInnen eigentlich an die Hefte kommen, die sie verkaufen, und wer die VerkäuferInnen betreut. Die Antwort auf fast alles ist (und hat) unser Vertriebsteam! Es besteht aus knapp einem Dutzend Ehrenamtlicher im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. In zwei Schichten pro Tag zu je drei Stunden betreiben sie das Vertriebsbüro in der Innenstadt. Was bedeutet das? Im Mittelpunkt steht immer der Kontakt mit den StraßenverkäuferInnen, die das Büro aufsuchen, um Hefte für 90 Cent zu kaufen, die sie anschließend auf der Straße für 2 Euro anbieten. Das Vertriebsteam prüft Verkäuferausweise, gibt Hefte aus, kassiert das Geld, trägt den Umsatz in eine Datenbank ein und macht am Ende der Schicht eine Abrechnung. Neuen VerkäuferInnen werden die Verkaufsregeln erklärt und Ausweise ausgestellt. Ebenso wichtig wie der Heftverkauf sind die Gespräche mit den VerkäuferInnen, die mit ihren Sorgen und &#8230;]]></description>
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<p>Sie kennen und lieben die <em>Zeitschrift der Straße</em>? Sie wissen, dass Bremens Straßenmagazin von Studierenden als Lernprojekt erstellt wird? Sie haben vielleicht sogar Ihre Stammverkäuferin bzw. Ihren Stammverkäufer in der Stadt? Dann fragen Sie sich vielleicht, wie die StraßenverkäuferInnen eigentlich an die Hefte kommen, die sie verkaufen, und wer die VerkäuferInnen betreut.</p>



<p>Die Antwort auf fast alles ist (und hat) unser Vertriebsteam! Es besteht aus knapp einem Dutzend Ehrenamtlicher im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. In zwei Schichten pro Tag zu je drei Stunden betreiben sie das Vertriebsbüro in der Innenstadt. Was bedeutet das?</p>



<p>Im Mittelpunkt steht immer der Kontakt mit den StraßenverkäuferInnen, die das Büro aufsuchen, um Hefte für 90 Cent zu kaufen, die sie anschließend auf der Straße für 2 Euro anbieten. Das Vertriebsteam prüft Verkäuferausweise, gibt Hefte aus, kassiert das Geld, trägt den Umsatz in eine Datenbank ein und macht am Ende der Schicht eine Abrechnung. Neuen VerkäuferInnen werden die Verkaufsregeln erklärt und Ausweise ausgestellt.</p>



<p>Ebenso wichtig wie der Heftverkauf sind die Gespräche mit den VerkäuferInnen, die mit ihren Sorgen und Nöten ins Vertriebsbüro kommen. Ein Becher Kaffee und etwas Aufmerksamkeit wirken da oft schon Wunder. Manche VerkäuferInnen haben aber auch konkrete Anliegen, brauchen einen Arzt, Kleidung, einen Schlafsack oder Schuldnerberatung. Oder sie wollen sich zur <a href="http://uni-der-strasse.de/" target="_blank" rel="noopener"><em>Uni der Straße</em></a> anmelden.</p>



<p>Darauf ist unser Vertriebsbüro vorbereitet. Im Keller hat es Schlafsäcke. Auf dem gleichen Flur bietet die ärztliche Notversorgung kostenlose Sprechstunden an. Nebenan, im Café Papagei, können wohnungslose Menschen duschen, sich einkleiden und essen. Über den <a href="http://www.inneremission-bremen.de/wohnungslosenhilfe/unser_konzept/" target="_blank" rel="noopener">Verein für Innere Mission</a> stehen außerdem Sozialarbeiter, Streetworker, Suchtberater und Notschlafplätze sogar im gleichen Gebäude zur Verfügung. Die <em>Uni der Straße</em> ist ebenfalls nur eine Tür weiter.</p>


<div class="wp-block-image wp-image-5793 size-large">
<figure class="aligncenter"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="517" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ZdS_Engagierte-1024x517.jpg" alt="Engagiert für die Zeitschrift der Straße" class="wp-image-5793" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ZdS_Engagierte-1024x517.jpg 1024w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ZdS_Engagierte-300x152.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ZdS_Engagierte.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Engagiert für die Zeitschrift der Straße</figcaption></figure>
</div>


<p>Unsere Ehrenamtlichen im Vertriebsteam werden intensiv eingearbeitet, erhalten Schulungen (z.B. in Suchterkennung und Deeskalation) und sind nie allein im Büro. Es gibt gemeinsame Grillnachmittage, Weihnachtsfeiern und immer wieder verblüffende zwischenmenschliche Begegnungen.</p>



<p>Wenn Sie Interesse haben, sich für drei Stunden pro Woche im Vertriebsteam der <em>Zeitschrift der Straße</em> zu engagieren, schauen Sie doch während der <a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/ueber-uns/buero/">Öffnungszeiten im Büro</a> vorbei oder melden Sie sich bei Rüdiger Mantei unter Tel: 0421/ 17504692 oder <a href="mailto:mantei@imhb.de">mantei@imhb.de</a>. Wir freuen uns auf Sie!</p>



<p></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text &amp; Bild: </td><td><em>Michael Vogel</em></td></tr></tbody></table></figure>



<p></p>
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		<title>Der Botschafter</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/der-botschafter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jun 2016 16:00:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Ghana]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Kattenturm]]></category>
		<category><![CDATA[Nachbarschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[#39 SONNENPLATZ – Vor über dreißig Jahren kam er aus Ghana nach Kattenturm. Heute liebt Husseni Compaore seine zweite Heimat – und hilft, wo er kann Hoch schießen die 1960er-Jahre-Bauten in den Himmel. Mehr als jeder fünfte Kattenturmer hat keinen Arbeitsplatz. Und fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV. Eine sorgenfreie Kindheit sieht anders aus. Auch Husseni Baba Compaore kann keine Jobs aus dem Boden stampfen, doch der 58-Jährige hilft, wo er nur kann. Die Quartiersmanagerin Sandra Ahlers nennt ihn liebevoll „Baba, den Botschafter von Kattenturm“. Weil er nicht nur von den Schattenseiten Kattenturms erzähle. Oft schon wurde sie auf ihn angesprochen: Baba habe wieder einmal irgendwo von Kattenturm geschwärmt. Geboren in Takoradi im Westen Ghanas, spricht er Twi und Hausa, natürlich auch Englisch und Deutsch. Seine Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zu vielen Menschen in Kattenturm. Denn fast jeder Zweite hier hat einen Migrationshintergrund. Einige stammen aus dem westafrikanischen Ghana. Um sie sorgt sich Compaore besonders: „Vielen Menschen ist das System in Deutschland fremd. Und die schweren Wörter auf den Ämtern &#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">#39 SONNENPLATZ – Vor über dreißig Jahren kam er aus Ghana nach Kattenturm. Heute liebt Husseni Compaore seine zweite Heimat – und hilft, wo er kann</h2>



<p>Hoch schießen die 1960er-Jahre-Bauten in den Himmel. Mehr als jeder fünfte Kattenturmer hat keinen Arbeitsplatz. Und fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV. Eine sorgenfreie Kindheit sieht anders aus.</p>



<p>Auch Husseni Baba Compaore kann keine Jobs aus dem Boden stampfen, doch der 58-Jährige hilft, wo er nur kann. Die Quartiersmanagerin Sandra Ahlers nennt ihn liebevoll „Baba, den Botschafter von Kattenturm“. Weil er nicht nur von den Schattenseiten Kattenturms erzähle. Oft schon wurde sie auf ihn angesprochen: Baba habe wieder einmal irgendwo von Kattenturm geschwärmt.</p>



<p>Geboren in Takoradi im Westen Ghanas, spricht er Twi und Hausa, natürlich auch Englisch und Deutsch. Seine Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zu vielen Menschen in Kattenturm. Denn fast jeder Zweite hier hat einen Migrationshintergrund. Einige stammen aus dem westafrikanischen Ghana. Um sie sorgt sich Compaore besonders: „Vielen Menschen ist das System in Deutschland fremd. Und die schweren Wörter auf den Ämtern bereiten ja selbst Muttersprachlern Schwierigkeiten.“ Husseni Compaore unterstützt sie deshalb als Ehrenamtlicher im Verein Hilfe-Netzwerk, kurz HiNet. Er übersetzt Formulare, begleitet zum Arzt oder berät bei Problemen.</p>



<p>Als er vor über 30 Jahren kam, hätte er sich genau das gewünscht. Stattdessen schlug er sich allein durch. Er fuhr zur See. Seine Frau und die zwei Kinder lebten weiterhin in Ghana, denn eigentlich wollte er nur fünf Jahre bleiben. Deutsch lernte er statt im Kurs auf dem Meer.</p>



<p>Als ihm klarwurde, dass er in Deutschland bleiben wollte, holte er seine Familie nach. Zwei weitere Kinder kamen zur Welt. Waschechte Kattenturmer. So wie ihr Vater. „Ich bin mit Leib und Seele Kattenturmer. Ich kenne hier jeden und fast alles.“ Wie zur Bestätigung grüßt ihn nahezu jeder, der ihm entgegenkommt. Viele umarmen ihn. Er wirkt dabei fast überrumpelt – als rechne er gar nicht mit dieser Herzlichkeit. Er lächelt dann verlegen und fragt nach Neuigkeiten, bevor er bei seinem Lieblingsthema landet: Kattenturm.</p>



<p>Bisweilen ist er 18 Stunden pro Woche für seine Mitbürger im Einsatz. Viele profitieren dabei von seinen Kontakten. Hanneke Ruesink etwa vom Verein Haus der Familie Obervieland: „Baba ruft mich an und vermittelt mir Familien. Wir veranstalten dann zum Beispiel internationale Dinner und helfen bei der Integration.“</p>



<p>Im Verein Hilfe-Netzwerk sind sieben Menschen aktiv. Sie sprechen insgesamt zehn Sprachen, von Arabisch bis Zazaki. 31 Stunden sind die zwei Büros in der Woche besetzt. Per Handy sind die Ehrenamtlichen aber den ganzen Tag zu erreichen. Inzwischen rufen auch Menschen aus anderen Stadtteilen an.</p>



<p>Im vergangenen Jahr wurde HiNet mit dem Hilde-Adolf-Preis ausgezeichnet. Er wird für besonderes bürgerschaftliches Engagement verliehen. Die 3.000 Euro Preisgeld investierten Compaore und seine Kollegen gleich in Flyer, die den Verein noch bekannter machen sollen. Außerdem haben nun alle Diensthandys , sodass sie nicht auf eigene Kosten telefonieren müssen.</p>



<p>Doch ein Verein allein reicht Compaore nicht. Auch in der „Ghana Union“ und im Verein „Afrika ist auch in Bremen!“ engagiert er sich. „Ich bin ein richtiger Vereinsmeier“, sagt er. „Meistens ist mein Kalender voll – obwohl ich hauptberuflich gar nicht mehr arbeite.“ Auch Politik begeistert ihn sehr. Die lokale SPD schätzt ihr Mitglied als einen zuverlässigen Ansprechpartner. Wenn Klaus Möhle, Sprecher für Sozialpolitik in der Bürgerschaftsfraktion, etwas über Kattenturm wissen möchte, ruft er erst mal Baba an: „Er ist einfach ein super Typ, der unglaublich vernetzt ist.“</p>



<p>Kürzlich sollte Husseni Compaore für HiNet in einer Familie vermitteln, wo es zu häuslicher Gewalt gekommen war. Da war er dann ausnahmsweise mit seinem Latein am Ende. Solche Konflikte, sagt er, könne er nicht lösen. Er empfahl, sich an einen Psychotherapeuten zu wenden. Dennoch sieht er die Trends in Kattenturm positiv – wie es sich für einen Botschafter gehört. Er selbst möchte aus Kattenturm nicht mehr weg. Als er zuletzt in Ghana war, hatte er schon nach einer Woche Heimweh. „Ich liebe es einfach hier“, sagt er freudestrahlend. Untreu wird er der Heimatstadt nur beim Sport – wenn er dem Hamburger SV die Daumen drückt.</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Thilko Gläßgen</em></td><td>Foto: <br /><em>Sabrina Jenne</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/39-sonnenplatz/"><img decoding="async" width="1875" height="1250" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39.jpg" alt="" class="wp-image-11859" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39.jpg 1875w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39-1250x833.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39-1536x1024.jpg 1536w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/06/cover_39-1200x800.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1875px) 100vw, 1875px" /></a></figure>
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		<title>Kopf kaputt</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/kopf-kaputt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Oct 2015 13:46:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Unterricht]]></category>
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					<description><![CDATA[BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben. Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in &#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht</h2>



<p>Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben.</p>



<p>Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in meine Freiberuflichkeit zu integrieren. Beim Helfertreffen erfuhr ich jedoch, dass man schon genug Lehrer gefunden hatte. Nur Ehrenamtliche wurden noch gesucht, für Ausflüge und Unternehmungen mit den Flüchtlingen sowie Nachhilfeunterricht. Mein Freund schimpfte über meine Unvernunft, als ich erklärte, dass ich trotzdem hingehen würde, schon allein aus Neugier. Und so kam ich Anfang Oktober zum ersten Mal in die Einrichtung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der, die, das“ in der Notunterkunft</h3>



<p>In einer Tüte hatte ich Alltagsgegenstände und bunte Bilder dabei, mit denen ich den Flüchtlingen ein paar Vokabeln und die Artikel beibringen wollte. Meine Schüler waren 14 bis 18 Jahre alt, kamen aus Afghanistan und mehreren afrikanischen Ländern. Zwei Monate später würden sie beginnen, mich damit aufzuziehen, mich schelmisch zu fragen: &#8222;Wo sind heute der Apfel und die Zeitung?&#8220; Die sechs Jungs, um die ich mich an diesem Tag kümmern sollte, konnten mir alle schon erzählen, wie sie heißen, woher sie kommen und dass sie in München wohnen. Die Grammatik – &#8222;der, die, das&#8220; – saugten sie förmlich auf.</p>



<p>&#8222;Ehrenamtliche Nachhilfe&#8220; hätte der Kalendereintrag der Leiterin der Unterkunft wohl gelautet, wenn es einen für meine Stunde gegeben hätte. Tatsächlich erinnerte sich aber an diesem Morgen niemand, mich bestellt zu haben. Hinterher kam die Chefin der Unterkunft auf mich zu, erstaunt über die Ruhe in meiner Klasse. Wenn ich so ernsthaft Unterricht halte, müsse ich auch wie die anderen Lehrerinnen bezahlt werden, sagte sie. Und so kam es.</p>



<p>Ein Raum für 30 Personen, keine Küche, notdürftige Sanitäranlagen im Keller, und das letztlich für sechs statt, wie geplant, für zwei Monate – vieles war nicht optimal in der Notunterkunft, doch den Deutschunterricht ließ sich der Wohlfahrtsverband der Einrichtung etwas kosten. Zusätzlich zu dem für die minderjährigen Flüchtlinge obligatorischen vierstündigen Nachmittagskurs in einer Sprachschule engagierten sie insgesamt drei Lehrkräfte. Jeden Vormittag unterrichteten zwei von uns parallel von zehn bis 13 Uhr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hygiene statt Deutsch</h3>



<p>Bei Antritt meiner neuen Tätigkeit klärte mich eine Kollegin darüber auf, dass viele der Jugendlichen noch keiner medizinischen Erstuntersuchung unterzogen worden waren. Und das auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie! &#8222;Pass auf, dass du ihnen nicht zu nahe kommst!&#8220;, lautete die Empfehlung meiner Kollegin. Manchmal, wenn ich mich über ein Aufgabenheft beugte oder einem Schüler half, der beim Schreiben an der Tafel ins Stocken geriet, erschrak ich – den Mundgeruch des Schülers wahrnehmend – im Gedanken an die Warnung. Doch meine Angst legte sich nach drei Wochen – und ebenso der allgemeine Mundgeruch. Man stellte nämlich fest, dass viele Jungs die Zahnpasta als Creme verwendeten, und so stand einen Vormittag lang statt Deutsch Hygiene auf dem Stundenplan.</p>



<p>Die Schüler, die ich an meinem ersten Tag kennengelernt hatte, gehörten, wie ich nun merkte, zur Gruppe A1, der Gruppe, die besonders schnell lernte. Einer von ihnen – ein hübscher, hochgewachsener Afghane namens Massoud*, der Medizin studieren wollte – brachte es innerhalb von drei Monaten so weit, dass er in die achte Klasse einer normalen Realschule aufgenommen wurde. Ein anderer, Mukhtar, hätte es aufgrund seiner Leistungen auch geschafft, hatte aber keinen engagierten Vormund, der sich kümmerte und ein solches Vorrecht für ihn erstritt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Sprachbilder auf Weltbilder treffen</h3>



<p>Neben der Gruppe A1 mit rund fünf Schülern gab es zwei Anfängergruppen, aus denen sich auf Dauer drei Gruppen entwickelten: eine gute Mittelstufengruppe A2, die zwischenzeitlich bis zu sechs Schüler umfasste, eine Gruppe B2, deren vier bis sieben Teilnehmer keinerlei Fortschritte machten, und eine Gruppe B1, deren Schüler – zehn bis zwölf an der Zahl – nicht im Unterricht erschienen. Der 14-jährige Eritreer Tzegay war so ein Kandidat. Er lernte statt Deutsch lieber Dari, die afghanische Variante des Persischen, und das mit beachtlichem Erfolg, wie die Afghanen versicherten.</p>



<p>Dass der etwa gleichaltrige Rezene dem Unterricht nach einer Weile fernblieb, war zunächst eine Erlösung für mich. Er redete ununterbrochen laut auf seine Mitschüler ein und hatte etwas Abschätziges im Blick. Alle waren in den ersten paar Wochen unruhig, aber niemand machte es mir so schwer wie Rezene. Um Formulierungen wie &#8222;Woher kommt er? Welche Sprache spricht sie?&#8220; zu üben, hatte ich bei meinen Kursen an der Sprachschule Inlingua Bilder von Prominenten gezeigt. Bei den Flüchtlingen erwies sich das als schwierig. Die meisten kannten weder Queen Elizabeth noch Angela Merkel, Lionel Messi oder Nelson Mandela. Also zog ich ziemlich oft die Karten &#8222;Papst&#8220; und &#8222;Obama&#8220;. </p>



<p>Das war für Rezene ein rotes Tuch: &#8222;Amerika! Amerika!&#8220;, rief er hasserfüllt. &#8222;And this!&#8220;, er verdrehte wild die Augen und sein Zeigefinger schnellte auf das Papstbild zu. Die Mehrzahl der Eritreer in der Einrichtung waren Christen, Rezene war einer der wenigen Muslime. Nachdem er derart rebelliert hatte, sah ich ihn monatelang nicht mehr. Erst Anfang Februar, kurz bevor die Notunterkunft aufgelöst wurde, tauchte er zweimal unvermittelt in meinem Kurs auf. Ich schaffte nicht, ihn in den Unterricht von Gruppe A2 zu integrieren. Ich konnte ihm nur irgendein einfaches Arbeitsblatt geben und ihm zwischendurch immer wieder eine Minute Aufmerksamkeit schenken. Er war geduldig, wie verwandelt, und ich freute mich darüber.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unterdrücker-Schauspiel</h3>



<p>Es hat in der Einrichtung am Münchner Hauptbahnhof immer auch Konflikte gegeben. Einige Afghanen blickten auf die Schwarzen herab. Afrooz aus der Fortgeschrittenengruppe machte einmal eine Andeutung mit Bananen und Affengeräuschen und wurde dafür von meiner Kollegin für drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Angeblich musste auch ein paar Mal nachts die Polizei kommen, um eine Prügelei zu schlichten oder einen Handy-Dieb zu stellen. Einmal kamen Rezene und Girmay nach der Stunde zu mir nach vorn. Rezene ergriff Girmays Hand und zwang ihn zu Boden, indem er seine Finger schmerzhaft nach oben drückte. Er sagte etwas zu ihm auf Tigrinya, in der Sprache, die man in Eritrea spricht, und im Befehlston. Daraufhin begann Girmay Liegestütze zu machen, während Rezene mitzählte. Ich war schockiert von diesem Unterdrücker-Schauspiel. Zugleich war mir klar, dass ein gewisses Gewaltpotenzial in einer Gruppe von Halbwüchsigen normal ist.</p>



<p>Allen mehr oder weniger ernsten Problemen zum Trotz verstanden sich die Jungs untereinander und mit dem Team der Einrichtung aber immer besser. Der Security-Mann begann, Mathematik-Nachhilfe zu geben und mit den Flüchtlingen Schach oder &#8222;Mensch ärgere Dich nicht&#8220; zu spielen. Die Jugendlichen interessierten sich für mich und meine Kolleginnen, fragten, wie wir lebten, ob wir Kinder hätten, und auch mal, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ins Schwimmbad zu gehen. Als ob eine Lehrerin noch Autorität über eine Gruppe männlicher Teenager haben könnte, nachdem sie im Bikini vor ihnen gestanden hat!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Fußballtoren und Fernsehdeutsch</h3>



<p>Beim Weihnachtsfrühstück wurden Fotos von fröhlichen Fußballturnieren und gemeinsamen Zoobesuchen gezeigt, die dank der Ehrenamtlichen realisiert werden konnten. Meistens wurde irgendwo in der Unterkunft gelacht, Musik gehört, Kicker gespielt – wobei es bei den Jungs zum guten Ton gehörte, dass sie jubelten, wenn ich einmal ein Tor schoss.</p>



<p>Unser Klassenraum wurde zugleich auch als Fitness- und Fernsehzimmer genutzt. Einmal saß bei meiner Ankunft bereits ein kleines Grüppchen vor dem Fernseher. &#8222;Guten Morgen! Was guckt ihr denn da?&#8220;, begrüßte ich sie. &#8222;Das ist gut für Deutsch&#8220;, erklärte Dawit. Shopping-TV. &#8222;Diese Hose gibt es in den Farben Grau, Blau und Schwarz.&#8220; Die Moderatorin sprach langsam und eindringlich. Ihr Assistent präsentierte währenddessen die graue, dann die blaue, dann die schwarze Hose. &#8222;Die Hose lässt sich auch sehr leicht bügeln&#8220;, erklärte die Moderatorin, und schon gab es einen Close-up-Shot auf ein Bügeleisen, das über die Hose fuhr. &#8222;Rufen Sie heute noch an!&#8220; Ein klingelndes Telefon wurde eingeblendet. &#8222;Dann bekommen Sie diese Uhr als Geschenk.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die besten Waffen</h3>



<p>Ist mein Unterricht wirklich besser als das, überlegte ich. Zumindest bemühte ich mich darum. Ich hatte durch Rezene etwas gelernt. Ich fing an, für die extrem langsame Anfängergruppe B2 passendes Unterrichtsmaterial zu konzipieren: Arbeitsblätter mit lustigen Männchen dunkler Hautfarbe, unter die ich &#8222;Naom. Eritrea&#8220;, &#8222;Zenep. Sudan&#8220; oder Ähnliches schrieb. Anhand dieser Zettel übten wir nun das &#8222;Er/sie heißt … Er/sie kommt aus &#8230;&#8220; Wie jeder Mensch waren auch meine B2-Schüler genervt, wenn wir jede Stunde das Gleiche machten. Oft verstanden sie es aber trotz der Wiederholung immer noch nicht. Sie mussten zum Teil traumatisiert sein, zum Teil nahezu lernbehindert. Nach mehreren Monaten war jede von uns Lehrerinnen zu dem Schluss gekommen, dass sich die meisten Schüler der B2-Gruppe nie in ein normales Schulsystem würden integrieren lassen, nur in eine Förderschule.</p>



<p>Im Mittelpunkt dieser Gruppe stand der Junge, der während der Monate in der Einrichtung die größte Veränderung durchmachte: Hamsa. Hamsa, dem auf der Flucht ein Ohrläppchen abgeschnitten wurde, weil er der Schlepperbande nicht genug bezahlen konnte. Nichts konnte er sich merken, gar nichts. &#8222;Ich heiße &#8230; Wie heißt du?&#8220; Unendlich langsam lernte er, überhaupt Wörter nachzusprechen. Alles war für ihn 20-mal so schwer wie für einen Schüler mit normaler Begabung, aber er ließ nicht locker. Irgendwann entdeckte er seine Methode des Lernens: Er schrieb jeden Satz dreimal auf, immer mit der Übersetzung in seine Muttersprache Tigrinya. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Hamsa lernt – und wächst über sich hinaus</h3>



<p>Manchmal sprach er mir den Satz auf Tigrinya andächtig vor, und ich versuchte ihn nachzusprechen. Das brachte ihn immer zum Lachen. Und wenn ich morgens in die Klasse kam, saß er schon im Schneidersitz unter dem Tisch und murmelte die deutschen Sätze immer wieder vor sich hin. Selbst die ehrgeizigsten Schüler aus der Fortgeschrittenengruppe berichteten voller Ehrfurcht von Hamsa, der manchmal bis tief in die Nacht lernte. Und es funktionierte. Ich war so stolz, wenn er etwas richtig machte. &#8222;Ich bin seit August in Deutschland.&#8220; &#8222;Der Deutschkurs beginnt um zehn.&#8220; &#8222;Ich lerne gern Deutsch.&#8220; Man kann wirklich alles schaffen, was man will, dachte ich dann und musste die Tränen unterdrücken.</p>



<p>Doch nach etwa einem Monat war seine fleißige Phase vorbei. Er hing mit den anderen herum, schwänzte den Unterricht. Dafür war er aber viel offener geworden, lachte und begrüßte mich, wenn wir uns mal sahen, mit einem kumpelhaften Aneinanderstoßen der Fäuste. Was er gelernt hatte, vergaß er weitgehend wieder, aber er hatte sich Selbstbewusstsein erarbeitet, einen lebendigen Blick, eine natürliche Coolness, eine Lebens- und Kommunikationsfreude. Für seine Mitbewohner war er allem Anschein nach eine Respektsperson geworden, und all das war mindestens genauso wertvoll wie Deutschkenntnisse. Der Kampf ums Überleben geht für die Flüchtlinge in Deutschland weiter, und ein offenes Wesen, Charme und Intellekt sind hier die besten Waffen, das zeigte sich nirgends so deutlich wie beim Thema Vormundschaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Premium-Flüchtlinge</h3>



<p>Im Prinzip hätten es alle verdient gehabt, einen netten Vormund zu bekommen, der sich für sie interessiert und sie unterstützt. Am meisten hätten es diejenigen verdient gehabt, die so traumatisiert waren, dass sie nicht mehr lächeln konnten, die so viel Schlechtes erfahren hatten, dass sie nicht nett sein konnten. Ich fühlte mich zu jung und zu wenig sesshaft, um Vormund zu sein, aber manchmal dachte ich, ich hätte gern eine Vormundschaft für Azim übernommen, der immer wieder für eine Woche in die geschlossene Psychiatrie musste, weil er schlimme psychotische Anfälle hatte. Er brach zusammen, schlug um sich und konnte sich hinterher an nichts erinnern. </p>



<p>Eines Tages bestellte die Leiterin der Einrichtung deshalb einen eritreischen Schamanen – nicht etwa, um Azim zu heilen, sondern um die Eritreer zu beschwichtigen, die seinetwegen in Panik geraten waren. Sie glaubten, dass Azim von Dämonen besessen sei und dass diese Dämonen nun auch auf sie überspringen könnten. Azim hatte bei einem Bombenanschlag auf ein libysches Gefängnis miterleben müssen, wie fast alle seine Mithäftlinge getötet wurden. Er selbst war mit dem Leben davongekommen, hatte aber einen Splitter ins Auge bekommen und war seitdem auf diesem Auge blind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Trauma und Neuanfang</h3>



<p>Auch Nahom hätte einen guten Vormund gebraucht: Er tat sich sehr schwer mit dem Lernen und überhaupt mit jeglicher Kommunikation, war so in sich gekehrt, so unheilbar traurig und sein irgendwie zu großes Gesicht zu allem Überfluss mit Eiterpickeln übersät. Ich hatte für den Unterricht eine riesige Weltkarte mitgebracht, die die Jungs faszinierte. Die meisten von ihnen sahen wohl zum ersten Mal so eine Karte, waren aber nicht in der Lage, ihr Heimatland zu lokalisieren. </p>



<p>Eines Tages in der Pause blieb Nahom vor der Karte stehen. Er zeichnete mit dem Finger seinen Weg von Afghanistan bis an die Küste des Libanon nach. &#8222;This?&#8220;, fragte er und zeigte auf das Blau. &#8222;Das Meer&#8220;, sagte ich. &#8222;Meer &#8230; Und this?&#8220; Er macht eine schaukelnde Handbewegung. &#8222;Boot?&#8220;, fragte ich. &#8222;Ja, Boot! Boot big problem. Thirty dead body in the Meer.&#8220; Stille. Nach einer Weile sagte ich: &#8222;Gut, dass du hier bist&#8220;, und strich über seinen Arm beziehungsweise die dicke Daunenjacke, in der er steckte. Einige der Flüchtlinge trugen immer ihre Daunenjacke, wie Schutzpanzer. Das waren nicht die, die einen guten Vormund bekommen haben.</p>



<p>Hanibal hatte Glück. Eine reiche Münchnerin hatte einen Sack gebrauchter Kleidung gebracht und mit einigen der Flüchtlinge einen Ausflug in den Zoo unternommen. Dann suchte sie sich denjenigen aus, der am charmantesten und intelligentesten war, einen, mit dem man sich sehen lassen konnte, einen richtigen Premium-Flüchtling. Obwohl er oft unaufmerksam war oder gar nicht kam, war Hanibal fast der beste Schüler meiner Mittelstufenklasse. Frau Vormund lud ihn am Wochenende zu sich nach Hause ein und übte mit ihm Deutsch. Danach durfte er durch die Clubs in der Kultfabrik ziehen. Wenn er mich sah, kam er mit einem breiten Grinsen auf mich zu und verwickelte mich in irgendeinen Smalltalk. Er war anzüglich, aber auf eine lustige Weise.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;</h3>



<p>Im Schulbuch war eine Konversationsübung vorgegeben, die auf einem fingierten Fehler basierte. Ich probte mit Hanibal: &#8222;Mein Bein tut weh!&#8220;, sagte ich und hielt mir den Arm. &#8222;Das ist nicht dein Bein, das ist dein Arm&#8220;, lautete die vorgeschriebene Antwort aus dem Buch. Das war Hanibal zu blöd. Er warf mir einen trägen, zärtlichen Blick zu: &#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;, sagte er. Ein paar Mal lud er mich ein, in der Flüchtlingsunterkunft zu Mittag zu essen. Während die anderen Jungs sich nicht einmal zu mir an den Tisch trauten, setzte sich Hanibal direkt neben mich, rutschte immer näher und zeigte mir auf seinem Handy Fotos von seiner neuen Familie. </p>



<p>Der offiziell 17-Jährige – wahrscheinlich war er älter – hatte tatsächlich angefangen, seinen Vormund &#8222;Mama&#8220; zu nennen. Hin und wieder sah ich sie zusammen. Er schmiegte sich an sie, legte ihr den Arm um die Schulter, so wie er es bei seinen Freunden auch machte. Als ich erfuhr, dass er am Wochenende bei ihr geschlafen hatte, war ich skeptisch. &#8222;Ist sie deine Mama <em>und</em> deine Freundin?&#8220; Er verstand. &#8222;Nein&#8220;, grinste er. &#8222;Sie ist meine Mama und mein <em>Vormund</em>.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">50 Euro und eine Zahnbürste</h3>



<p>Hanibal und sein Freund Filiam, ein verträumter 17-Jähriger – der Einzige, der nach wenigen Monaten eine Freundin hatte -, sorgten dafür, dass die Stimmung in der A2-Gruppe ständig erotisch aufgeladen war. Einmal zog Hanibal im Unterricht Filiam zu sich heran und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. &#8222;In Eritrea ist das kein Problem&#8220;, erklärte er mir. &#8222;Auch Männer schlafen in einem Bett. Kein Problem. Aber in Deutschland nicht okay.&#8220; Dennoch habe ich in Hanibal nie nur einen Lüstling gesehen, sondern auch einen Jungen, der intelligent und fröhlich ist trotz schweren Schicksals. Als ich versuchte, den Schülern den Unterschied zwischen &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220; beizubringen, war Hanibal der Erste, der begriff und ein Beispiel parat hatte: &#8222;Meine Eltern sind vor neun Jahren gestorben.&#8220; Und: &#8222;Meine Eltern sind seit neun Jahren tot. – Richtig?&#8220; &#8222;Äh &#8230; ja, richtig. Das tut mir leid.&#8220; &#8222;Kein Problem.&#8220; Beide sind sie am selben Tag gestorben.</p>



<p>Eines Tages fragten mich die Schüler nach der Bedeutung des Wortes &#8222;Hure&#8220; und der männlichen Form davon, um mir dann zu erzählen, dass Temesgen sich angeblich prostituiere – für 50 Euro pro Freier. Während die Schüler leidenschaftlich zu moralisieren begannen – &#8222;Fickificki machen mit der Freundin ist okay, aber das ist nicht okay&#8220; –, nahmen meine Gedanken eine ganz andere Richtung: Wer sich von Eritrea bis nach München durchgeschlagen hat, ist erwachsen. Ihr müsst zwar lernen, wie man Zähne putzt, aber was Prostitution, was Vergewaltigung bedeutet, wisst ihr wahrscheinlich besser als ich. Soll ich euch etwas vom Ausgeliefertsein erzählen, euch, die ihr, auf rostige Boote gepfercht, über das Mittelmeer gefahren seid mit einer Scheibe Brot pro Tag als Verpflegung? </p>



<h3 class="wp-block-heading">Temesgen, das iPhone und die Sache mit der Liebe</h3>



<p>Soll ich euch sagen, dass Prostitution sozial inakzeptabel ist, euch, die ihr in Deutschland sowieso hin und her geschoben werdet wie Vieh? Soll ich euch auf die Gefahren des Straßenstrichs aufmerksam machen, euch, die ihr von Schlepperbanden im Jemen oder in Libyen festgehalten wurdet? Soll ich euch sagen: &#8222;Nicht alle Leute meinen es gut mit euch!&#8220;? Vielleicht hältst du hinterher dein heiß ersehntes iPhone in der Hand, lieber Temesgen, und denkst: Das war es wert. Nur schließ es dann bitte nachts in deinem Spind ein! &#8222;Prostitution ist nicht gut&#8220;, sagte ich schließlich. &#8222;Sie ist sehr schlecht.&#8220;</p>



<p>Mit abstrakten Begriffen konnten die Schüler wenig anfangen. Wörter wie &#8222;Fußabstreifer&#8220; und &#8222;Versichertenkarte&#8220; lernten sie mit Begeisterung, aber was &#8222;das Leben&#8220; sein soll, leuchtete ihnen nicht ein. In allen Aufsätzen las ich aber &#8222;Liebe&#8220;. Liebe und Sex waren für unsere Flüchtlinge schätzungsweise noch wichtiger als für andere Gleichaltrige. Sie kamen aus Gesellschaften, in denen Frauen verschleiert und oft sogar beschnitten sind, plötzlich nach Deutschland, wo auf jedem zweiten Werbeplakat eine überlebensgroße Frau in Unterwäsche abgebildet ist. Zum ersten Mal im Leben schämte ich mich dafür, dass hier überall solche Plakate hängen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Lernen mit Sehnsucht</h3>



<p>Gleichzeitig erlebten die Flüchtlinge einen totalen Liebesentzug: Geliebte Eltern und Geschwister waren für sie außer Reichweite, Mädchen, in die man sich verlieben könnte, gab es aber auch nicht, weder in der Unterkunft noch in den nachmittäglichen Sprachkursen. Mädchen kennenlernen würden sie wohl erst, wenn sie den Sprung auf eine normale Schule oder Berufsschule geschafft hätten, das war ihnen auch klar. So hing über der Tafel ein Zettel, den einer von ihnen mit rotem Filzstift geschrieben hatte, als Motivation für alle: &#8222;The sooner you learn Deutsch = The sooner you find a girlfriend&#8220; (Je eher du Deutsch lernst, desto eher findest du eine Freundin).</p>



<p>Nicht nur Abstrakta, auch Verhältniswörter bereiteten den meisten Schülern Schwierigkeiten. Begriffe wie &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220;, &#8222;erst&#8220; und &#8222;schon&#8220; verursachten Frust und wurden wieder vergessen. Ende Januar war jedoch plötzlich eine Präposition in aller Munde: &#8222;außerhalb&#8220;.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Außerhalb</h3>



<p>Der Extra-Deutschunterricht war eine gute Investition. Einige der Flüchtlinge machten auf diese Weise sehr schnelle Fortschritte. Möglicherweise wollte der freie Träger der Einrichtung damit aber auch erreichen, dass die Halbwüchsigen weniger in der Stadt herumstreunten und nicht so schnell rebellisch wurden. Die materiellen Bedingungen in der Notunterkunft waren für einen Zeitraum von sechs Monaten nämlich alles andere als ideal: 30 Jugendliche in einem Schlafraum! Mit der Zeit hängten sie Bettlaken auf und schoben die Hochbetten und Spinde so zurecht, dass einzelne Bereiche entstanden, die wenigstens einen Hauch von Privatsphäre vermittelten. </p>



<p>Aber die Nächte in dem großen Saal müssen trotzdem furchtbar gewesen sein. Viele Schüler beschwerten sich, nicht schlafen zu können. Und wie gern hätten sie eine Küche gehabt, um selbst kochen zu können. Die Leitung der Unterkunft zauberte einen eritreischen Ehrenamtlichen aus dem Hut, der einmal ein eritreisches Mittagessen für alle besorgte. Dennoch war das nicht dasselbe wie eine eigene Küche, und so zettelten die Jungs eines Tages wegen der schlechten Bedingungen einen Hungerstreik an. Doch die Chefin der Unterkunft wusste sie umzustimmen. Es lohne sich, durchzuhalten, wurde ihnen vermittelt, denn der Wohlfahrtsverband besitze ein Haus in München, in das sie bald alle zusammen einziehen würden. Es sei im Umbau und schon fast fertig. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus: Meine Kollegin und einige unserer Schüler machten einen Ausflug zu diesem Haus und stellten fest, dass die Umbaumaßnahmen noch nicht einmal begonnen hatten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Keine Wahl, nur Entscheidungen unter Zwang</h3>



<p>Gegen Ende Januar war zum ersten Mal die Rede davon, dass die Flüchtlinge in Kleingruppen aufgeteilt und außerhalb Münchens untergebracht werden müssten. Nun fühlten sie sich belogen und zeterten, sie seien auf keinen Fall bereit, München zu verlassen. Es gab ein quälend langes Hin und Her. Wahrscheinlich würden sie bayernweit verschickt werden, aber ob in einer Woche oder einem Monat und wohin, das konnte keiner sagen. Von Schwandorf war die Rede und von Fürth. </p>



<p>Während Hanibal sich auf einen Berlin-Urlaub mit seiner &#8222;Mama&#8220; freuen durfte, die sich bereit erklärt hatte, ihn nach Schließung der Notunterkunft dauerhaft bei sich aufzunehmen, wurden die anderen Jungs regelrecht weichgekocht. &#8222;Ich kann nicht, Kopf kaputt&#8220;, diese Ausrede im Unterricht hörte ich jetzt täglich – und ließ sie meistens gelten. Es kam mir perfide vor: Die Flüchtlinge wurden letztlich gezwungen, München zu verlassen. Man stellte ihnen keine Alternative in Aussicht. Und dennoch konnte man sie nicht gegen ihren Willen umsiedeln. Also mussten sie selbst entscheiden und unterschreiben – obwohl sie gar nicht genau wussten, was sie da unterschrieben, da niemand bereit war, ihnen die Adressen der neuen Unterkünfte zu geben.</p>



<p>Ich erinnere mich daran, wie zwei Betreuer und die Chefin der Unterkunft auf Efret einredeten, er müsse jetzt sofort entscheiden, ob er nun nach Schwandorf gehen wolle oder nicht. &#8222;Dort wirst du leichter einen Arbeitsplatz finden&#8220;, erklärten sie ihm. Solche Argumente machten mich wütend. Dabei war mir das Grundproblem klar: Es war nötig, dass die Jungs so schnell wie möglich einen Platz in einer richtigen Jugendhilfe bekamen, sonst riskierten sie, an ihrem 18. Geburtstag in die Bayernkaserne zu müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Zahlen nicht zur Wirklichkeit passen</h3>



<p>Ein Flüchtling, der noch nicht 18 ist, wird in Deutschland nicht abgeschoben und hat einen Anspruch auf Schule und Jugendhilfe. Deshalb geben sich so viele als Minderjährige aus, was dann vom Jugendamt geprüft wird. Die Resultate solcher Alterseinschätzungen des Jugendamtes erschienen uns, die wir die Schüler fast täglich erlebten, jedoch in vielen Fällen grotesk. Musterschüler Massoud aus Afghanistan war ein besonnener, gebildeter, höflicher, 1,80 Meter großer junger Erwachsener – und wurde als 15-jährig eingestuft. Martins aus Nigeria hielten wir eher für 30 als für 17. Er erzählte oft von der Firma, in die er in Nigeria involviert war, scheinbar mindestens als Teilhaber. Andererseits war da Girmay aus Eritrea, der während der sechs Monate enorm in die Höhe schoss. Auf den Brief, in dem das Jugendamt geschrieben hatte, er sei 17 Jahre alt, war er so stolz, wie es nur ein 14-, 15-Jähriger sein kann.</p>



<p>Girmay mit seiner Ausgelassenheit, seinen strahlenden Augen und seiner makellosen Haut. Er hatte eine kindliche Unschuld, als sei ihm nie etwas Böses begegnet. Von Girmay lernte ich das einzige Wort auf Tigrinya, das ich nie vergessen werde: &#8222;Aiuaaa&#8220; heißt (wenngleich es natürlich ganz anders geschrieben wird) so viel wie &#8222;Aha&#8220;. Seine kleinen Erleuchtungen brachten mir viel Freude, ihr intellektueller Wert war jedoch gering. Girmay machte beim Lernen kaum Fortschritte. Dafür lachte er umso mehr und kommunizierte mit Händen und Füßen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Girmays Weg und die Umsiedlung der Eritreer</h3>



<p>Dass er den Weg von Eritrea bis nach München geschafft hatte, konnte ich kaum glauben. Er musste einfach vom Himmel gefallen sein. Oder Teferi hatte ihn hergebracht. Teferi, sein Freund. Er war klein, mit Augen, die schon alles gesehen hatten, ein richtiges Straßenkind. Er ruhte sich in der Flüchtlingsunterkunft ein paar Wochen lang aus – so wirkte es –, und irgendwann verschwand er. Drei Tage später erfuhren wir, dass er in Schweden lebt. Und auch Girmay entging der Umsiedelung nach Schwandorf: Eine meiner Kolleginnen, die sich über die Fehleinschätzung seines Alters ärgerte, übernahm die Vormundschaft für ihn und besorgte ihm einen Platz in der Münchner Jugendhilfe.</p>



<p>Und die anderen? Das Jugendhaus in Schwandorf, für das Efret sich so eilig entscheiden sollte, hatte mehr als ein Dutzend Plätze frei. Schließlich wurde noch eine nette, wirkungsvolle Weise gefunden, die Jungs zu überzeugen: Eine Sozialarbeiterin aus Schwandorf kam extra nach München, um sich vorzustellen und von ihrer Einrichtung zu erzählen. Der Großteil unserer Eritreer zog schließlich dort ein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich esse nicht. Ich faste&#8220;</h3>



<p>Diese Lösung war jedoch nicht für alle ideal. Der Eritreer Dawit zum Beispiel weigerte sich kategorisch: &#8222;Alles Eritrea – ich lerne nie Deutsch&#8220;, erklärte er. Dawits Flucht hatte über zwei Jahre gedauert, danach war er sechs Monate lang in der Bayernkaserne gewesen. Nun war er seit fünf Monaten hier, und seine Strategie, um das alles auszuhalten, waren Ordnung und Disziplin. Er besuchte jeden Vor- und Nachmittag den Unterricht und ging abends und am Wochenende in die Kirche. Das Chaos rund um den Transfer – dieser Mangel an Disziplin in seinen Augen – war für ihn eine wahre Tortur. </p>



<p>Eines Tages kam ein neues Angebot: zwei Plätze in einer Zweier-WG in Fürth für Flüchtlinge mit Deutschkenntnissen. Als man Dawit einen dieser Plätze vorschlug, war seine erste Reaktion: &#8222;Jetzt ich kann gut Deutsch. In einem Monat kein Deutsch.&#8220; Er hatte das Gefühl, vor lauter Hin und Her alles zu vergessen, was er gelernt hatte. Dann entschied er sich aber doch für Fürth. Filiam, mit dem er die Wohngemeinschaft zusammen gründen wollte, ließ ihn allerdings eine Woche vor dem Umzugstermin sitzen. Am nächsten Tag war Dawit im zweiten Unterrichtsblock mein einziger Schüler. Wir sprachen über Fürth, dann sagte er: &#8222;Heute ich kann nicht lernen. Mein Kopf ist krank.&#8220; &#8222;Meiner auch&#8220;, seufzte ich. &#8222;Was machen wir? Wollen wir Pizza essen gehen? Ich lade dich ein!&#8220; Er sah mich herablassend an: &#8222;Ich esse nicht. Ich faste.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dawits Weg zur WG in Fürth</h3>



<p>Dawit war also nicht immer nett. Er konnte sogar furchtbar bockig sein. Einmal entdeckte ich in einer Übung, die meine Kollegin bereits korrigiert hatte, zwei Fehler. Die Uneinigkeit seiner beiden Lehrerinnen in diesem Punkt erschien ihm als eine unerträgliche Schlamperei. Er diskutierte herum und schien uns plötzlich als einen Bestandteil eines großen betrügerischen Systems zu sehen. Das war das einzige Mal in den sechs Monaten, dass ich ausrastete und einen Schüler anschrie. Hinterher entschuldigten wir uns beide.</p>



<p>Dawit war der Einzige, der mir einmal unter vier Augen ehrlich von seinem Leben in Eritrea erzählt hat. Die meisten anderen behaupteten, sie hätten acht Jahre lang Englisch gelernt und Eritrea sei einfach toll. Dawit war vier Jahre zur Schule gegangen und hatte danach seiner Mutter im Haushalt geholfen. Sie hatten Bienen. &#8222;Und mein Vater hat einen Supermarkt, ungefähr so groß&#8220;, sagte er und breitete die Arme aus, aber nicht ganz. Auf der Flucht hatte er ein Jahr lang im Sudan gelebt und sich mit Malerarbeiten Geld verdient. Genau das verband ihn mit dem Mann, mit dem er schließlich die WG in Fürth gründen würde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenig Worte, große Gefühle</h3>



<p>Der Afghane Mustafa, meiner Ansicht nach ungefähr 23 Jahre alt, war sehr stolz auf seinen Beruf. Einmal kam in einem meiner Tests ein Bild von einem Maler vor und daneben die Frage: &#8222;Was ist er von Beruf?&#8220; Mustafa wählte die Maximalversion: &#8222;Er ist Beruf Maler arbeiten&#8220;, schrieb er in seiner schönsten Schnörkelschrift. Einmal brach er auf der Treppe zusammen. Er ließ sich aufsetzen, war aber nicht ansprechbar. </p>



<p>Ein andermal saß er in einer Ecke am Eingang, den Kopf auf die Hände gestützt. Ein Bild der Trauer. Ich sprach ihn an: &#8222;Mustafa, alles in Ordnung? Möchtest du reden?&#8220; Was für eine absurde Idee! Bei so geringen Deutschkenntnissen. Er schüttelte leicht den Kopf. Einmal hatte ich eine Postkarte mit einem Vögelchen dabei. &#8222;Ich liebe! Ich liebe das Bild!&#8220;, rief er, und ich schenkte es ihm. Dann freute er sich, das Wort &#8222;umsonst&#8220; von mir zu lernen. &#8222;Ah, umsonst! Hier ist alles umsonst. Essen umsonst, Deutschkurs umsonst. Das ist super.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das stille Ende einer gemeinsamen Reise</h3>



<p>Ich habe mich von Dawit und Mustafa nicht verabschieden können. Die Unterkunft wurde Ende Februar geschlossen. Die größte Gruppe von Schülern aus Eritrea war schon Mitte des Monats nach Schwandorf abgereist. Der 13-jährige Tarek, einer meiner Schüler aus der Gruppe der langsamen Anfänger, rief mich später einmal von dort aus an: &#8222;Schwandorf klein, Deutschkurs gut, Tzegay und ich ein Zimmer.&#8220; Er hörte sich zufrieden an. Ich war beruhigt. Nach ihrer Abreise unterrichtete ich noch drei Tage lang, doch es waren nun zu wenige Schüler da, und niemand war motiviert. Hanibal plauderte einen Moment mit mir, Dawit kam für eine halbe Stunde in meinen Kurs, bevor er sich wegen Kopfschmerzen verabschiedete. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Schüler sich mehr um mich kümmerten als andersherum. Jeder schenkte mir ein paar Minuten Aufmerksamkeit, damit ich mich nicht allzu traurig und einsam fühlte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Abschied mit &#8222;Ghishenk&#8220;</h3>



<p>Am Montag, dem 23. Februar, sollten die restlichen Schüler die Notunterkunft verlassen. Ich kam um 9.30 Uhr, um mich zu verabschieden, Dawit und Mustafa waren aber schon um neun Uhr mit einem Bus abgeholt worden. Im Schlafsaal, in den ich jeden Morgen gekommen war, um meine Schüler zu wecken und zum Unterricht zusammenzutrommeln, war es totenstill. In der hintersten Ecke saß Filiam auf einem der Hochbetten. Hanibal stand daneben. Ich verabschiedete mich mit einem Händedruck, doch Filiam sagte: &#8222;Warte! Ich habe ein Geschenk.&#8220; </p>



<p>Er drehte sich um, wühlte in einer Plastiktüte und streckte mir dann ein Armband aus Zuckerperlen entgegen. Raus hier, dachte ich, damit sie mich nicht weinen sehen. Ein paar Wochen zuvor hatte er in meinem Unterricht mit Buntstiften ein Bild für seine Freundin gemalt. &#8222;Ghishenk&#8220; hatte er groß und breit daraufgeschrieben, und ich hatte ihn damit etwas aufgezogen, auf nette Weise: &#8222;Was ist denn ein Ghishenk?&#8220; &#8222;Na, ein Ghishenk, du weißt schon. Wie Weihnachten.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Daphne Morgenrot. </em></td><td>Illustration: <br /><em>Jindrich Novotny.</em></td></tr><tr><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / BISS, München.</td><td></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Ungarn ist so ein merkwürdiges Land“</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/ungarn-ist-so-ein-merkwuerdiges-land/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Oct 2015 13:41:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Budapest]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[HINZ &#38; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt. Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich. Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll &#8230;]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">HINZ &amp; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt.</h3>



<p>Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich.</p>



<p>Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll liegenden Frauen, Männern und Kindern unter der damals sengenden Sonne gingen um die Welt. Budapester Bürger räumten ihre Kühlschränke leer und brachten alles hierher; Journalisten kauften zwischen ihren Liveschaltungen Lebensmittel und Wasserflaschen. Denn der ungarische Staat tat absolut nichts für die Versorgung der Gestrandeten; private Helfer mussten sich über Facebook erst finden, sich erst organisieren; mussten Spenden, Decken und Zelte einsammeln und mussten drängen, dass die Stadt wenigstens Toiletten aufstellte. Acht Stück stellte sie schließlich. Acht Stück – mehr wurden es nicht. So ging das, bis die Flüchtlinge revoltierten, sich zu Fuß auf den Weg über die Autobahn machten, um nach Österreich zu gelangen – bis Ungarn schließlich Busse schickte und sie kurz vor der Grenze aussetzte.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg"><img decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg" alt="Eine Rasur – ein Moment der RUHE auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht" class="wp-image-778" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-1024x574.jpg 1024w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Rasur – ein Moment der Ruhe auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht.</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Flüchtlinge und Obdachlose am Budapester Keleti-Bahnhof</h3>



<p>Jetzt ist alles deutlich entspannter: Über Nacht kommen die meist erschöpften Flüchtlinge aus Serbien an, werden weiterhin nur von privaten Helfern versorgt und verpflegt, übernachten und drängen sich am nächsten Morgen in die Regionalzüge Richtung Österreich. Und am nächsten Tag wiederholt sich alles.</p>



<p>Für den jungen Ungarn neben mir ist das alles ein vertrauter Anblick, ich sehe es das erste Mal. Er hält ein kleines Paket in der Hand: Kuchenstücke, in Klarsichtfolie eingewickelt. &#8222;Ich bin zwar gerade arbeitslos, habe selbst nicht viel, aber das hier möchte ich den Flüchtlingen bringen&#8220;, sagt er. Er fragt mich, woher ich komme, was ich in Budapest vorhabe, und ich erzähle ihm, dass ich für ein Straßenmagazin in Hamburg schreibe, das vor allem Obdachlose verkaufen. Er legt den Kopf schief, grinst mich an und sagt: &#8222;Erzähl keinen Quatsch! Es gibt in Deutschland doch keine Obdachlosen!&#8220;</p>



<p>In Budapest gibt es 13.000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben. Schätzungsweise. Man sieht sie in den Unterführungen übernachten, man sieht sie an den Zugängen zur Metro. Und man sieht sie jetzt am Keleti unter den Flüchtlingen. Wie sie zwischen den Flüchtlingen ihre Decken ausrollen oder ihre Pappen auslegen; wie sie sich bei der Lebensmittelausgabe anstellen, wo man sie ein wenig irritiert anschaut: Sind das Flüchtlinge? Aber sie werden natürlich trotzdem versorgt. Und sie ziehen sich wieder in ihre Nischen zurück. Sie bleiben, während die Flüchtlinge bald weiterziehen.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg" alt="Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden" class="wp-image-779" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Im Schatten von Orbáns Gesetz</h3>



<p>Ansonsten können sie bei &#8222;Menhely Alapívány&#8220; (zu Deutsch: &#8222;Stiftung Obdach&#8220;) unterkommen, eine Stiftung, die mehrere Unterkünfte unterhält. Ich treffe in deren Tagestreff Zoltán Gurály, Soziologe und Sozialarbeiter. Er kümmert sich auch um Budapests Straßenzeitung &#8222;<span class="st">Fedél Nélkül</span>&#8220; (&#8222;Kein Dach mehr über dem Kopf&#8220;): Zwölf Seiten, dünnes Papier. Die meisten Artikel werden von Obdachlosen geschrieben: Gedichte, Erzählungen, Lebensberichte. Manchmal werden auch Interviews mit Prominenten veröffentlicht. Die Zeitung hat keinen festen Verkaufspreis. Man gibt, was man geben will. &#8222;In Ungarn gibt es nicht viele Leute, die für eine soziale Sache Geld ausgeben&#8220;, begründet das Zoltán Gurály. &#8222;Viele unserer Leute halten ein Exemplar unserer Zeitung auch einfach nur hoch, während sie betteln; wir sind darüber nicht glücklich, aber wir haben es akzeptiert.&#8220;</p>



<p>Ich frage ihn nach dem Gesetz gegen Obdachlose, von dem ich gelesen habe. Ja, das sei eine merkwürdige Sache: Nach Amtsantritt der Orbán-Regierung 2010 habe die Stadt Budapest eine Verordnung erlassen, dass in besonders attraktiven Vierteln der Stadt das Lagern und Übernachten auf der Straße verboten sei. Als dann das oberste Gericht diese Verordnung als rechtswidrig kassierte, habe Orbán mit seiner komfortablen Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament einfach ein neues Gesetz beschlossen – so mache man das heutzutage in seinem Land.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ungarns unberechenbare Politik</h3>



<p>Und – wird es angewandt? &#8222;Es wird nicht angewandt, das ist es ja: Wir wissen nicht, warum nicht.&#8220; So, wie auch in diesem Moment nicht klar sei, wie hart und konsequent die Regierung ihr Dutzend Eilgesetze gegen die Flüchtlinge, aber auch die Helfer anwenden wird – oder nur teilweise oder vielleicht auch nicht. Es sind Gesetze, die die ein- und durchreisenden Flüchtlinge kriminalisieren. Und die, die ihnen helfen. Das Kaufen von Zugtickets oder das Aufsammeln erschöpfter Flüchtlinge am Straßenrand könnten dann als Schleppertätigkeit bewertet werden – das Verteilen von Lebensmittelspenden soll als gewerbsmäßige Tätigkeit verstanden werden und wäre anzumelden und ebenfalls zu bezahlen. Aber so sei es: Machtausübung beginne damit, dass man offen ließe, ob man seine Macht einsetzen wird. Wenn man unberechenbar bliebe. &#8222;Das Klima, in dem wir alle hier arbeiten, ist sehr schlecht&#8220;, sagt Zoltán Gurály. Und er schüttelt den Kopf: &#8222;Ungarn ist so ein komisches Land.&#8220;</p>


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<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg" alt="Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt." class="wp-image-780" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt.</figcaption></figure>
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<h3 class="wp-block-heading">Die Methode der ‚Beheizten Straße‘</h3>



<p>Die zweite große Einrichtung neben &#8222;Menhely Alapívány&#8220; ist das Obdachlosenzentrum &#8222;Fütött utca&#8220; (&#8222;Beheizte Straße&#8220;) der methodistischen Kirche Ungarns. Es wird geleitet von Gábor Iványi. Er ist eine Art Ikone der ungarischen Oppositionsbewegung, dabei hat er Viktor Orbán vor vielen Jahren getraut und seine ersten Kinder getauft. Doch als dessen rechtskonservative Regierung immer offener gegen sozial Schwache und Obdachlose vorging, etwa die Sozialhilfe kürzte, erhob Iványi seine Stimme. Im Gegenzug fiel er in Ungnade. Orbán ließ sich von seiner Parlamentsmehrheit gar im Sommer 2011 eigens ein neues Kirchengesetz zimmern: Demnach sollen nur noch die Religionsgemeinschaften staatliche Gelder für ihre sozialen und karitativen Tätigkeiten bekommen, wenn sie mehr als 30.000 Mitglieder zählen.</p>



<p>Es gibt aber keine 30.000 Methodisten in Ungarn. Also sind in den vergangenen Jahren eine Menge Leute in die methodistische Kirche eingetreten, die es sonst mit Gott nicht so haben – die aber Gábor Iványi und seine Mitarbeiter schätzen. So kann er mittlerweile seine Arbeit wieder fortsetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gábor Iványi: Kämpfer für die Unsichtbaren</h3>



<p>Ich habe Glück, es lässt sich einrichten, dass er mich empfängt: in seinem Büro mit einer gepolsterten Tür. An der Wand hängt ein handsigniertes Porträt von Elisabeth der Zweiten, sie hat es ihm persönlich überreicht. &#8222;Fragen Sie, fragen Sie!&#8220;, sagt er, verschränkt die Hände über seinem sehr imposanten Bauch und lächelt gütig. Und er erzählt, wie er als junger Mann Anfang der 70er-Jahre Theologie studierte, wie er sich immer mehr für die verarmten und ausgegrenzten Roma Ungarns interessierte, wie er als Armenpastor aufs Land ging (er wählt das schöne Wort &#8222;Gesellschaftspastor&#8220;), dann Mitglied der oppositionellen Helsinki-Gruppe wurde und dafür fast im Gefängnis gelandet wäre. </p>



<p>Und wie er nach dem Systemwechsel 1990 eine der ersten Schulen für Sozialarbeit gründete: &#8222;Wissen Sie, es gab vorher keine Sozialarbeiter, weil es ja im Sozialismus keine sozialen Probleme geben durfte.&#8220; Er lacht in sich hinein: &#8222;Es gab auch erst nach der Wende ein Wort für ,ohne Obdach sein&#8216; – hajléktalan&#8220;. Und er bestätigt, was mir schon Zoltán Gurály erzählt hatte: In Ungarn werden Armut, Elend und Not wie etwas Ansteckendes wahrgenommen, und also sei es am besten, wenn man Not, Elend und Armut einfach nicht zeige, weil es sie dann nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Metallbetten und Fürsorge</h3>



<p>Auch die Geschichte des Hauses, in dem wir gerade sitzen, erzählt einiges: Es ist ein ehemaliger staatlicher Schlachthof mit Schlachterei sowie den Kühl- und Lagerräumen, den man nicht mehr brauchte, als ab 1990 die westlichen Wurstund Fleischwaren, vertrieben über die neuen Supermärkte, den heimischen Markt in kürzester Zeit zusammenbrechen ließen. &#8222;Wir haben das Gebäude für 99 Jahre gepachtet, und wir haben es aus eigenen Mitteln umgebaut.&#8220; Aber nun hat er leider den nächsten Termin, aber sei ich mal wieder in der Stadt, ich könne mich gerne wieder melden. Und jetzt werde mir einer seiner Sozialarbeiter alles zeigen. Und der führt mich nun durch das Haus, zeigt mir die Krankenstation, den Tagesraum, die Suppenküche. Und die Räume im Keller, in denen etwa 30 blanke Metallbetten stehen und ebenso viele schäbige Matratzen an der Wand lehnen: Man kann hier übernachten, morgens muss man gehen.</p>



<p>Ich bin hin- und hergerissen: Einerseits gibt es anrührend liebevoll ausgestattete Abteilungen wie ein kleines Hospiz; andererseits schockiert mich der pragmatische Umgang mit den hier Lebenden: Der Sozialarbeiter klopft nicht einmal an, wenn wir einen nächsten Raum betreten, in dem ärmlich gekleidete Menschen Fernsehen schauen oder auf einem zerwühlten Bett liegen; ich werde nicht einmal vorgestellt. Ich halte meine Kamera in der Hand, aber mir will es einfach nicht gelingen, Fotos zu machen. Es ist, als würde ich in eine ganz eigene Welt abtauchen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Maschendraht und Hoffnung</h3>



<p>Wir stehen schließlich in einem langgestreckten Raum, in dem sich die Wohnungslosen tagsüber aufhalten können. In einer Abseite hinter Maschendraht stehen ein paar Betten: In einem liegt ein älterer Mann. Er liegt da und schaut mich aus großen Augen an und ich weiß nicht, wie ich zurückblicken soll, während der Sozialarbeiter mir sachlich erzählt, dass oben im ersten Stock die, die einen Job gefunden haben, kleine Zimmerchen hätten und nicht morgens um sechs Uhr geweckt würden wie alle anderen. Als ich wieder nach dem Mann schaue, hat er die Augen geschlossen und scheint zu schlafen.</p>



<p>Es gibt in dem verwinkelten Bau auch einige Zimmer für Flüchtlinge. &#8222;Wollen sie in Ungarn bleiben oder wollen sie irgendwann weiterziehen?&#8220;, frage ich. &#8222;Man weiß es nicht&#8220;, sagt der Sozialarbeiter. In der Gemeinschaftsküche, die zu diesen Zimmern gehört, steht ein Mann, ich vermute aus Afrika. Er steht einfach da, starrt an die Wand, wippt mit dem Oberkörper vor und zurück und redet leise vor sich hin.</p>



<p>&#8222;Wir haben in Budapest große Obdachlosenunterkünfte, aber diese arbeiten rein karitativ und nicht politisch&#8220;, sagt Balog Gyula, Urgestein der ungarischen Obdachlosenbewegung und Mitbegründer von</p>



<p>&#8222;A Város Mindenkié&#8220; – übersetzt: &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220;. Ihm zur Seite steht Tompa István, der gerade mit seiner jungen Frau und dem gemeinsamen Baby zur Untermiete untergekommen ist. Er hat als Kind viel österreichisches Fernsehen geschaut – und sich so mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Er übersetzt für uns.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Diktatur zum Leerstand</h3>



<p>Und es folgt ein spannender Exkurs in die junge Geschichte des Landes aus Sicht der Obdachlosen: Wie im Staatssozialismus ein sogenannter Asozialenparagraf dafür sorgte, dass etwa Männer, die eine Scheidung aus der Bahn warf, in Wohnheime mit Mehrbettzimmern eingewiesen wurden und sie nicht einfach ihrer Wege gehen durften. Wie nach der Wende im Schwung der Euphorie ganze Wohnsiedlungen privatisiert, also verscherbelt wurden. Und der Staat nicht daran dachte, einen gewissen Grundbestand an bezahlbaren Wohnungen zu halten. Mit heute verheerenden Folgen: Es gibt keinen sozialen Wohnungsbau; nur drei Prozent aller Mietwohnungen in Ungarn sind überhaupt in kommunalem Besitz. Sodass, wer einmal seine Wohnung verliert, eigentlich keine Chance hat, je wieder eine zu bekommen.</p>



<p>Zugleich steht massenhaft Wohnraum leer; schon in der Innenstadt sieht man halbe Straßenzüge leer stehen, während prächtige Bauten aus der K.-u.-k.-Monarchie in Hotels für westliche Touristen umgewandelt wurden. Es gäbe also viel Platz, um die Obdachlosen unterzubringen. Und es gäbe auch viel Platz für die Flüchtlinge. Überhaupt die Flüchtlinge: Mitstreiter von &#8222;A Város Mindenkié&#8220; waren Anfang September dabei, als sie sich auf eigene Faust aufmachten, um Budapest zu verlassen. &#8222;Heute helfen einige von unseren Unterstützern am Bahnhof Keleti mit&#8220;, sagt Balog Gyula.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Jüdische Gemeinde kritisiert Orbáns Flüchtlingspolitik </h3>



<p>&#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist nicht die einzige Organisation, die sich neben ihren eigenen Belangen für die der Flüchtlinge einsetzt. Auch die jüdische Community Ungarns hat unter ihrem neuen Sprecher Rabbi Zoltán Radnóti in einem offenen Brief Viktor Orbáns Flüchtlingspolitik kritisiert und sie unumwunden &#8222;unmenschlich&#8220; und &#8222;beschämend&#8220; genannt. Das mag für unsere Ohren nicht allzu rebellisch klingen – in Ungarn erfordert so etwas viel Mut.</p>



<p>Ich habe wieder Glück, und Rabbi Radnóti trifft sich mit mir auf einen schnellen Kaffee im &#8222;Café Tel Aviv&#8220;. Er entschuldigt sich zunächst für sein mageres Englisch – das nicht schlechter sein wird als meins. &#8222;Also, die …&#8220;, er stockt. Er sucht nach einem Wort. Er holt sein Handy hervor, öffnet eine App für ein Englischwörterbuch, er tippt Buchstaben ein, wird nicht fündig. Er schaut mich fragend an: &#8222;Wie sagt man zu diesen Leuten, die jetzt alle kommen, aus Syrien, aus Afghanistan?&#8220; – &#8222;Refugees? Flüchtlinge?&#8220;, versuche ich es. &#8222;Refugees!&#8220;, ruft er erleichtert aus. &#8222;Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Wort benutze. Ich muss es mir unbedingt merken.&#8220; Und wir beide lachen herzhaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eentschlossen, trotz Angst und Vorbehalt</h3>



<p>Und dann erzählt er: Ja, sie sammeln Spenden. Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und auch Geld. Wobei es nicht einfach gewesen sei, diese Aktion zu starten: &#8222;Es gibt auch bei uns in der Community viele Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen. Und wieder andere hatten schlicht Angst, sich mit der Regierung anzulegen, denn die mag es ja gar nicht, dass man diesen Menschen hilft.&#8220; Doch am Ende hätten sie beschlossen, ihren Weg zu gehen, sich notfalls gegen die Regierung zu stellen und eben zu helfen. Das Gespendete ginge unmittelbar an die Südgrenze nach Röszke. Dort, wo die Zustände für die Menschen so unhaltbar seien und gleichfalls nur zivile Helfer vor Ort wären.</p>



<p>Wie wird es weitergehen? In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten? Wie alle, die ich das gefragt habe, sackt er kurz zusammen, schüttelt ratlos den Kopf: &#8222;Ich weiß es nicht; wirklich nicht. Ich habe keine Idee.&#8220; Er richtet sich wieder auf: &#8222;Wir Ungarn kennen das nicht: fremde Menschen. Wir kennen das nicht, dass Menschen an unserer Grenze stehen und zu uns hereinwollen. Wir müssen das erst lernen, damit umzugehen, und ich hoffe, dass wir das lernen.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Junge jüdische Aktivisten „Aurora“</h3>



<p>Die Antwort auf sein Engagement kam übrigens postwendend: Orbán schickte Grüße zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, ergänzt um einige Ausführungen: dass Ungarn weiterhin und ganz entschieden seine Grenzen schützen werde und dass in Ungarn nur Platz für Ungarn sei. Ein deutlicher Hinweis, dass die Juden, die in Ungarn leben, es sich genau überlegen sollten, ob sie dazugehören wollen.</p>



<p>Und wo ich gerade in die jüdische Welt Budapests eintauche, schaue ich noch im &#8222;Aurora&#8220; vorbei – ein Club, der maßgeblich von der jüdischen Jugendorganisation &#8222;Marom&#8220; getragen wird und in dem einige NGOs ihren Sitz haben; auch &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist regelmäßig zu Gast.</p>



<p>Es sind meist junge Leute, die hier aktiv sind; viele sind jetzt vor Ort am Keleti, um die Flüchtlinge zu versorgen. Aron übernimmt es, mir die Geschichte des Clubs zu erzählen: wie sie drüben im jüdischen Viertel einen ersten Treffpunkt eröffneten; wie die Polizei den Treff stürmte, unter dem Vorwand, das Gebäude sei baufällig. Und wie sie jetzt im Roma-Viertel von Budapest einen Neuanfang wagen wollen. &#8222;Wir möchten, dass sozial interessierte Leute hier in der Bar einen Kaffee oder ein Bier trinken, sich wohlfühlen, vielleicht mal abends eine unserer politischen Veranstaltungen besuchen und die sich vielleicht langfristig einer unserer NGOs anschließen&#8220;, sagt er.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Viele Engagierte verlassen das Land </h3>



<p>&#8222;Woher nimmst du die Kraft, diese Arbeit zu tun?&#8220;, frage ich. Er lacht verlegen, schaut an mir vorbei: &#8222;Also, ich selbst werde in zwei Tagen Ungarn verlassen; ich gehe nach London, um dort zu arbeiten.&#8220; Ja, es tue ihm leid, aber er gehe. &#8222;In diesem Land sehe ich für mich keine Zukunft mehr.&#8220; Damit ist er nicht allein: 600.000 Ungarn haben seit 2010 ihr Land verlassen. Vor allem Leute wie Aron. Gut ausgebildet, motiviert, jung. Und wo ging es oft hin? Nach Deutschland.</p>



<p>Soll ich damit schließen? In der Redaktion sprechen wir oft darüber, ob man nicht am Ende einer Geschichte etwas Positives aufzeigen sollte oder ob das nicht im Gegenteil nur billiger Trost sei.</p>



<p>Ich gehe gedanklich noch mal zum Bahnhof zurück. Stehe da an meinem letzten Abend inmitten der Flüchtlinge und der Helfer, vor mir eine Frau im Schneidersitz. Sie trägt einen Hidschab, hält ein schlafendes Kind auf dem Arm, ein zweites steht neben ihr, reibt sich müde die Augen, während der Familienvater dünne Matratzen und Decken, von Ikea gespendet, heranschleppt. Sie sind gerade frisch angekommen. Haben es geschafft, nach Keleti zu gelangen, statt in einem der völlig überfüllten Auffanglager an der Grenze auf nicht absehbare Zeit festgehalten zu werden.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg" alt="Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen" class="wp-image-781" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Kekse, Bananen und ein Lächeln</h3>



<p>Eine Frau tritt hinzu, keine der Helferinnen, sondern eine Budapesterin mit schmalem Rucksack und in einer geringelten Strickjacke. Sie grüßt die vor ihr Sitzende, reicht Babywindeln und eine Papiertüte mit Lebensmitteln. Sie führt ihre rechte Hand an ihren Mund und macht heftige Kaubewegungen. Die beiden Frauen fangen plötzlich laut an zu lachen, denn was soll man mit Keksen und Bananen und Äpfeln schon anderes machen, als sie zu essen? Dann verabschieden sie sich voneinander – und lächeln sich dabei an.</p>



<p>P.S.: Kurz nach der Rückkehr unseres Autors hat Ungarn seine Grenzen gegen Flüchtlinge abgeriegelt. Bei Redaktionsschluss war zumindest ein Grenzübergang nach Serbien wieder geöffnet. Wenn Sie diese Geschichte lesen, kann die Situation schon wieder völlig verändert sein.</p>



<p><strong>In Budapest hat Frank Keil ein Online-Tagebuch geführt:<br /><a href="http://www.huklink.de/budapest">www.huklink.de/budapest</a></strong></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text &amp; Bilder:<br /><em>Frank Keil.</em></td><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / <br />Hinz&amp;Kunzt, Hamburg. </td></tr></tbody></table></figure>
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