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	<title>kleinmexiko &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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		<title>EIN FALL FÜR DR. DÖRNATH</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Sep 2021 10:06:16 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[#90 KLEIN MEXIKO – In ihrer Praxis behandelt Alexandra Dörnath exotische Tiere – wenn sie durch die Tür passen. Die anderen besucht sie vor Ort]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">#90 KLEIN MEXIKO – In ihrer Praxis behandelt Alexandra Dörnath exotische Tiere – wenn sie durch die Tür passen. Die anderen besucht sie vor Ort</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hunde, Katzen oder Mäuse sucht man vergebens im Wartezimmer dieser Tierarztpraxis. Stattdessen wimmelt es hier nur von TierhalterInnen, die ihre Papageien, Vogelspinnen, Schlangen und Echsen vorbeibringen, damit ihnen geholfen werden kann. Keine Frage: Die „Tierarztpraxis Klein Mexiko“ ist etwas Besonderes, hier in der Bennigsenstraße, am Rande der Westfalensiedlung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Inhaberin der Praxis ist die Tierärztin Dr. K. Alexandra Dörnath. Sie lebt schon in vierter Generation in Klein Mexiko. Ihre Liebe für Tiere hat Alexandra Dörnath schon früh in ihrer Kindheit entdeckt. „Meine Mutter hat es mir vorgelebt. Als ich auf die Welt kam, hatte sie bereits Landschildkröten, Papageien, Sittiche und vieles mehr. Ich bezeichne mich selber auch als Tiermensch oder auch als Tierlehrerin. Ich liebe Tiere, ich lebe mit ihnen, ich spreche mit ihnen und genau so sprechen sie auch mit mir. Wir verstehen uns gegenseitig. Ich behaupte, wir betreiben Telepathie miteinander.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Leben für exotische Tiere</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrer Kindheit entwickelte sich auch der Wunsch, beruflich etwas mit exotischen Tieren zu machen. Am liebsten wollte Alexandra Dörnath Zoodirektorin werden und entschied sich daher, Tiermedizin zu studieren – einer der Wege, um diesen Beruf ergreifen zu können. Sie verließ Klein Mexiko nach dem Abitur und studierte daraufhin Tiermedizin in Berlin und London. „Ich war dann 17 Jahre weg und arbeitete im In- und Ausland mit exotischen Tieren, übrigens auch im richtigen, im großen Mexiko. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich wieder hierherkomme. Aber manchmal gibt es Irrungen und Wirrungen des Lebens, manchmal passieren persönlich Dinge, die man nicht vorhersehen kann, und nun bin ich seit fünfzehn Jahren wieder da und habe nach meiner Wiederkehr eine Tierarztpraxis für exotische Tiere eröffnet.“</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3-1250x833.jpg" alt="" class="wp-image-9348" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3-1250x833.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3-1200x800.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/Tierärztin_FelixMüller-3.jpg 1280w" sizes="(max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /><figcaption class="wp-element-caption">Alexandra Dörnath wollte als Kind am liebsten Zoodirektorin werden.                                     <em>Foto</em>: Felix Müller</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Echse in der Praxis, Elefant im Wohnzimmer</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Alexandra Dörnath empfängt in ihrer Praxis alle Arten von exotischen Tieren – sofern sie durch die Praxistür passen. Zu ihren Patienten gehört zum Beispiel eine Echse. die nach einer Darmoperation nachbehandelt werden muss, und eine Schlange, die aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Viele der Tiere, um die sich die Tierärztin kümmert, passen aber schlicht nicht in die Räumlichkeiten der Praxis, weshalb Alexandra Dörnath zu den Tieren nach Hause fahren muss. „Ich mache Hausbesuche bei Elefanten, Leoparden, Krokodilen, Affen und Co., die können ja schlecht zu mir kommen. Ich betreue Zirkusse, Zoos, aber auch Privathalter“, erzählt die Tierärztin stolz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen typischen Arbeitsalltag gibt es dabei nicht. Viele der Patienten sind nachtaktiv, weshalb der Arbeitstag auch mal bis in die späte Nacht gehen kann. Außerdem kann es auch immer zu spontanen Einsätzen der Tierärztin kommen, da auch Behörden, wie Polizei und Feuerwehr, ihre Hilfe anfordern, wenn irgendwo ein exotisches Tier entdeckt wurde. Dörnath zufolge handelt es sich dabei meistens um SpaziergängerInnen, die eine Ringelnatter entdeckt haben und nicht wissen, dass diese hier heimisch ist, und sie für eine gefährliche Giftschlange halten. Sie bedauert, dass viele Menschen den Bezug zur Natur verlieren und gar nicht mehr unterscheiden können, welche Tierarten hier überhaupt heimisch sind und welche nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kommt allerdings auch manchmal vor, dass die Behörden anrufen, weil ein Tier entdeckt wurde, das wirklich gefährlich ist. Dörnath kann sich noch gut daran erinnern, dass sich die Polizei vor einigen Jahren meldete, weil eine Auszubildende einer Supermarktkette eine Spinne entdeckt hatte. Die Tierärztin fuhr danach sofort in den bereits evakuierten Supermarkt und entdeckte, dass es sich tatsächlich um eine giftige Bananenspinne handelte. Dr. Dörnath fing die Spinne daraufhin ein – und versuchte danach alles, um die vom Transport nach Deutschland schwer verletzte und stark mitgenommene Spinne aufzupäppeln. Zu ihrem Kummer überlebte die Spinne nicht. Zum Glück für Mensch und Tier kommt es allerdings nur alle paar Jahre einmal vor, dass giftige Tiere unbemerkt zusammen mit exotischem Obst nach Deutschland importiert werden.</p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="804" height="1206" data-id="9343" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_1.jpg" alt="" class="wp-image-9343" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_1.jpg 804w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_1-200x300.jpg 200w" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="803" height="1126" data-id="9344" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_2.jpg" alt="" class="wp-image-9344" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_2.jpg 803w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_2-214x300.jpg 214w" sizes="(max-width: 803px) 100vw, 803px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="805" height="1207" data-id="9345" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_3.jpg" alt="" class="wp-image-9345" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_3.jpg 805w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/ZdS_90_FH_JPK_FH_JPK_FH_KMS_3-200x300.jpg 200w" sizes="auto, (max-width: 805px) 100vw, 805px" /></figure>
<figcaption class="blocks-gallery-caption wp-element-caption"><em>Fotos</em>: Felix Müller</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Schnappschildkröte? Kein Problem. Hauskatze? Fast ein Finger weniger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Angst hat die Tierärztin für exotische Geschöpfe trotz ihrer oft risikoreichen Arbeit allerdings keine. „Objektiv betrachtet ist es natürlich gefährlich. Eine ausgewachsene Schnappschildkröte könnte mir potenziell den kleinen Finger abbeißen und ich habe auch schon Schlangen behandelt, die mit ihrem Gift sechs erwachsene Menschen töten könnten. Habe ich deshalb Angst? Nein! Es ist immer die Frage, was man persönlich als gefährlich einstuft.“ Und da sind die Vorstellungen eben unterschiedlich: „Ich würde im Leben nicht auf ein Motorrad steigen. Das empfinde ich als wahnsinnig gefährlich. Aber wenn man mit Tieren hantiert und ihre Waffen kennt, dann kann ich mich dagegen schützen und das Tier einschätzen“, erklärt Dörnath. „In den über 20 Jahren, in denen ich mit Tieren arbeite, wurde ich bis jetzt auch nur einmal schlimm verletzt, und das war bei der Behandlung einer Hauskatze. Wegen der habe ich fast meinen Mittelfinger verloren“, berichtet sie und lacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz ihrer vielen Erfolge und ihrer Liebe für ihre Tätigkeit als Tierärztin träumt Dr. Dörnath immer noch davon, irgendwann einmal Zoodirektorin zu werden. Das ist ihrer Meinung nach das Einzige, was ihre berufliche Karriere noch krönen könnte. Dabei ist sie durchaus zuversichtlich: „Irgendwann kann das vielleicht doch noch passieren. Ich habe ja noch 15 Berufsjahre. Das kann also durchaus noch etwas werden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis es so weit ist, wird sie weiter mit Begeisterung ihre besondere Praxis in Klein Mexiko führen und noch vielen exotischen Tieren und ihren HalterInnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Anmerkung der Redaktion: <meta charset="utf-8"/>In der Printversion dieses Textes sind leider zwei Fehler enthalten: So wurde der Vorname falsch genannt und aus der Zoo- fälschlicherweise eine Zirkusdirektorin. Die Fehler haben wir hier korrigiert.</em><br /></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Sarah Ruhase</em></td><td>Fotos: <br /><em>Felix Müller</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/90-klein-mexiko/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko.jpg" alt="" class="wp-image-11100" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-1200x800.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>



<h3 class="wp-block-heading"><strong><br /></strong></h3>
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		<title>Der multifunktionale Aktivist</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/der-multifunktionale-aktivist/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Sep 2021 18:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelle Leseprobe]]></category>
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					<description><![CDATA[#90 KLEIN MEXIKO – Gernot Riedl ist eine der markanten Persönlichkeiten von Klein Mexiko. Inmitten der Großstadt wirkt er als Überzeugungstäter in Sachen Bio-Landwirtschaft Ein Tumult der Farben und Formen auf 13,5 Quadratmetern: Vorm Fenster wuchern aus den Kästen gelbe Husarenknöpfe, tiefblaue Hängelobelien und Myrte. Dazu gesellen sich knallroter Riesenziertabak und weiß-rosa Edelpelargonien. Neben der meist offenstehenden Eingangstür räkeln sich Hängeampeln und -geranien. Im Topf darunter geben sich Sonnenblumen, Steinkraut und prächtig orangerote Thitonien die Ehre. Bepflanzt sind einige Kübel mit der lachsrosa Dahlie „Berliner Klene“, weißem Ziertabak und einer tiefblauen Clematis. Über den Blumenbogen am Eingang klettern Damaszener Rosen mit betörendem Duft, angehimmelt von gelben und violetten Dahlien, Staudenphlox, leuchtend gelben Nachtkerzen, roten Stockmalven, Staudensauerampfer &#8230; Gernot Riedl lädt alles, was fliegt oder krabbelt, zum Getümmel in sein wild wucherndes Vorgarten-Paradies. Als Ode an das (Klein) Mexiko schaut das Konterfei Frida Kahlos von der Fassade dem bunten Treiben zu – in aufrechter Haltung, mit ernstem Blick, der strengen, blumengeschmückten Frisur und grundiert von der frohen Farbigkeit ihrer Bilder. Dass die mexikanische Malerin als leidenschaftlich &#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">#90 KLEIN MEXIKO – Gernot Riedl ist eine der markanten Persönlichkeiten von Klein Mexiko. Inmitten der Großstadt wirkt er als Überzeugungstäter in Sachen Bio-Landwirtschaft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Tumult der Farben und Formen auf 13,5 Quadratmetern: Vorm Fenster wuchern aus den Kästen gelbe Husarenknöpfe, tiefblaue Hängelobelien und Myrte. Dazu gesellen sich knallroter Riesenziertabak und weiß-rosa Edelpelargonien. Neben der meist offenstehenden Eingangstür räkeln sich Hängeampeln und -geranien. Im Topf darunter geben sich Sonnenblumen, Steinkraut und prächtig orangerote Thitonien die Ehre. Bepflanzt sind einige Kübel mit der lachsrosa Dahlie „Berliner Klene“, weißem Ziertabak und einer tiefblauen Clematis. Über den Blumenbogen am Eingang klettern Damaszener Rosen mit betörendem Duft, angehimmelt von gelben und violetten Dahlien, Staudenphlox, leuchtend gelben Nachtkerzen, roten Stockmalven, Staudensauerampfer &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gernot Riedl lädt alles, was fliegt oder krabbelt, zum Getümmel in sein wild wucherndes Vorgarten-Paradies. Als Ode an das (Klein) Mexiko schaut das Konterfei Frida Kahlos von der Fassade dem bunten Treiben zu – in aufrechter Haltung, mit ernstem Blick, der strengen, blumengeschmückten Frisur und grundiert von der frohen Farbigkeit ihrer Bilder. Dass die mexikanische Malerin als leidenschaftlich linke Revolutionärin für die Einheit von Leben und Werk steht, für Kampfgeist und Selbstbehauptungswillen, lässt Rückschlüsse auf ihren Fan Riedl zu. „Ich gehörte nie der Marxistischen Gruppe oder dem KBW an, war nie ein DKPisser, aber immer Linker, ein zu spät geborener 68er“, sagt der heute 70-Jährige in seiner pfundigen Art. Ein Bär von einem Mann – mit glühenden Fuchsaugen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Für soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Landwirtschaft</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für ihn waren Berufe immer auch Berufung: Weil seine Mutter das wollte, ließ Riedl sich zwar einst zum Chemiefacharbeiter ausbilden, „ich war ja nur Volksschüler“, engagierte sich aber schon bald als Erzieher für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, sowie schwer erziehbare Jugendliche. In einer Hildesheimer Einrichtung kämpfte er gegen ihr Wegsperren und Haldolisieren, hatte dabei aber „mit ehemaligen  Reicharbeitserziehern zu tun“. Da konnte er mit seinen Ideen von Psychiatriereform und Auflösung der Heimerziehung nicht landen. „Die haben mich dann rausgeschmissen“, so Riedl. Er wechselte schließlich nach Bremen ins Jugendzentrum Blockdiek.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Riedl wollte auch etwas tun gegen den Niedergang der Lebensmittelqualität und dass immer mehr Naturprodukten vom Markt verschwinden. Sein Vater war Gärtner im Sudetenland, nach dem Krieg hatte er wie viele Flüchtlinge einen riesigen Garten, „um nicht zu sagen einen Mini-Bauernhof, ich bin sozusagen auf dem Acker geboren, dort bauten wir alles an, was man zur Selbstversorgung braucht. Aber mein Vater hat E 605 gespritzt, auch noch welches besorgt und eingelagert, als das längst verboten war. Und wenn ich einen Wurm fand, hieß es immer: gleich totmachen.“ </p>



<h3 class="wp-block-heading"><meta charset="utf-8"/>„Zum Glück ist das Haus abbezahlt.“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Noch heute trägt Riedl das ausgeleierte Slow-Food-Shirt mit seinem Namen drauf. Hat er doch die Bremer Sektion der Feinschmecker-Organisation mitbegründet – schon lange vorher aber begonnen, sich selbst der ökologischen Landwirtschaft zu widmen. Seine Kern-Leidenschaft: Bio-Gemüse. Riedl bildete abgehängte Jugendliche zu Öko-Gärtnern aus und vermarktete die selbst gezogenen Produkte durch sein Unternehmen Ökokiste, das Kunden mit individuell zusammengestellten Gemüsekisten versorgte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">„Zur Geschäftseröffnung hatten wir einen Artikel in einer Tageszeitung und am nächsten Tag schon 250 Kunden, bald waren es doppelt so viele“, erinnert sich der gewiefte Riedl. „Zwölf Stunden pro Tag habe ich damals gearbeitet, nachmittags in der Gärtnerei getopft und geerntet, was dann zu unserem Komplettangebot fehlte, kaufte ich morgens um 3 Uhr auf dem Großmarkt, dann ging es bis 14 Uhr auf den Domshof-Markt, anschließend mussten die Bestellungen für den nächsten Tag vorbereitet werden.“ Jetzt ist Riedl in Rente, der Verein Rhizom übernahm die Ausbildungsgärtnerei und kaufte für 40.000 Euro auch die Ökokiste.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kreativität im Chaos</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Vor 22 Jahren zog der multifunktionale Aktivist nach Klein Mexiko. „Ich fand das Viertel hier total toll, auch wegen der politischen Geschichte, bis in die 1935er-Jahre kam ja auch kein Nazi rein, sonst gab es was auf die Omme.“ Heute lebt der Ökobauer von knapp 1.000 Euro Rente. „Zum Glück ist das Haus abbezahlt.“ Dort frönt er nun verstärkt dem Musikmachen. Riedl spielt Konzerttuba, früher in der Band Lauter Blech, jetzt täglich daheim ein bis zwei Stunden. Nicht alle Nachbarn goutieren das mit Freude. Denn nicht Wummtatäterä-Gebläse erklingt, eher zeitgenössische Musik. Riedl schätzt Werke wie Mauricio Kagels anspruchsvolle Satire „10 Märsche um den Sieg zu verfehlen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer Gernot Riedls prallvolle Wohnkochstube in den kleinen Garten verlässt, gelangt in einen nicht mehr aufgeräumten Dschungel. Brombeeren überwuchern alles, der Sonne und dem Ökobau- Morgenrot entgegen recken sich Kartoffeln, Kräuter, Tomaten, Sonnenblumen, Auberginen, Paprika, durchs botanische Idyll bewegen sich Marienkäfer, Schmetterlinge, Nacktschnecken und, und, und &#8230;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Jens Fischer</em></td><td>Foto: <br /><em>Judith Kreuzberg</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/90-klein-mexiko/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko.jpg" alt="" class="wp-image-11100" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/09/90-Klein-Mexiko-1200x800.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>
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