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	<title>Stadtplanung &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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	<description>Das Bremer Straßenmagazin</description>
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	<title>Stadtplanung &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
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		<title>Rückblick: #1 Sielwall – &#8222;Bremen 21&#8220;</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/sielwall-bremen-21/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Melis Sivasli]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 10:10:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Rückblick]]></category>
		<category><![CDATA[Sielwall]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtplanung]]></category>
		<category><![CDATA[viertel]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit 15 Jahren Zeitschrift der Straße blicken wir auf die allererste Ausgabe zurück, und starten mit einem Artikel über einen Rückblick auf die Stadtentwicklung Bremen: &#8222;Eine Bürgerinitiative stoppte 1973 den Komplettabriss des Viertels. Um ein Haar wäre Bremen zur Großstadt geworden. (&#8230;)&#8220; Foto: Marion Kliesch, Text: Kolja BurmesterFebruar 2011 Neulich war mal wieder Besuch da. Aus Berlin. Ehemalige Bremer:innen. Das ist immer besonders schlimm. Zusammen saß man – Samstagmittag – im Café an der Sielwallkreuzung, schaute durch die Fenster auf das Treiben. Fahrräder, Kinder, Omas mit Rollwägen. Einigermaßen rücksichtsvolle Autofahrer, die junge Familien, voll bepackt vom Ökomarkt zum Spielplatz strebend, geduldig über die Straße ziehen lassen. Viele kleine Gespräche auf dem Bürgersteig. Jeder scheint jeden zu kennen, und man selber fragt sich, warum man eigentlich noch immer auf dem Dorf wohnt. Diesem Dorf. Die Berliner:innen schwärmen: „Mein Gott, ist das schön hier. Und so friedlich. Wann ziehst Du endlich nach Berlin? Oder zumindest New York? Das hält man ja nur ’n paar Tage hier aus. Das ist ja ’n Riesendorf. Und die Häuser so klein!“ &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<h2 class="wp-block-heading">Mit 15 Jahren Zeitschrift der Straße blicken wir auf die allererste Ausgabe zurück, und starten mit einem Artikel über einen Rückblick auf die Stadtentwicklung Bremen: &#8222;Eine Bürgerinitiative stoppte 1973 den Komplettabriss des Viertels. Um ein Haar wäre Bremen zur Großstadt geworden. (&#8230;)&#8220;  </h2>



<p class="wp-block-paragraph">Foto: Marion Kliesch, Text: Kolja Burmester<br />Februar 2011</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Neulich war mal wieder Besuch da. Aus Berlin. Ehemalige Bremer:innen. Das ist immer besonders schlimm.</em></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Zusammen saß man – Samstagmittag – im Café an der Sielwallkreuzung, schaute durch die Fenster auf das Treiben. Fahrräder, Kinder, Omas mit Rollwägen. Einigermaßen rücksichtsvolle Autofahrer, die junge Familien, voll bepackt vom Ökomarkt zum Spielplatz strebend, geduldig über die Straße ziehen lassen. Viele kleine Gespräche auf dem Bürgersteig. Jeder scheint jeden zu kennen, und man selber fragt sich, warum man eigentlich noch immer auf dem Dorf wohnt. Diesem Dorf.</em></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Berliner:innen schwärmen: „Mein Gott, ist das schön hier. Und so friedlich. Wann ziehst Du endlich nach Berlin? Oder zumindest New York? Das hält man ja nur ’n paar Tage hier aus. Das ist ja ’n Riesendorf. Und die Häuser so klein!“</em></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Es ist schon wahr. Das Viertel ist ein Dorf. Ein riesengroßes zwar. Aber ein Dorf. Ein Dorf mit Straßenbahn. Immerhin.</em></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es hat nicht viel gefehlt, und das betuliche Bremer Viertel hätte sich mit der Frankfurter Skyline messen können. Bremen-Tenever stünde im Ostertor. Das Kottbusser Tor in Kreuzberg wäre nichts gegen den Sielwall.</p>



<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Am Abend des 4. Dezember 1973, ein Dienstag, ist die Sache durch. In einer hitzigen Sitzung beschließt die SPD-Bürgerschaftsfraktion mit der knappen Mehrheit von 26:24 Stimmen, das Quartier niederzureißen und fast vollständig neu zu gestalten. Die SPD regiert allein. CDU und FDP sind eh dafür.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Multifunktionale Stadtgroßform</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die vierspurige „Mozarttrasse“ vom Rembertikreisel bis zum Flughafen ist dabei nur der kleinste Teil des ambitionierten Megaplans. Es geht um die neue Stadt, um Sachlichkeit, Rationalität, Moderne. Gleich mehrere Städteplaner sind auf das Projekt angesetzt. Sie wollen Leben und Freizeit und Arbeit im Stadtkonzept voneinander trennen und die einzelnen Bereiche durch Autotrassen miteinander verbinden. Vorbild sind, wie der damalige Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) herausstellt, die Ideen von Le Corbusier, Übervater des Städtebaus der 60er Jahre. Neubaupläne gibt es viele, besonders vorangetrieben von der „Bremer Treuhand“ und der „Neuen Heimat“ – zwei Wohnungsbaugesellschaften, die nach dem Krieg anfangen, das Viertel aufzukaufen und unter sich aufzuteilen. Alte Filmaufnahmen zeigen, wie Beamt<em>:</em>innen des Bonner Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städteplanung in Bussen wie Tourist:innen den Ostertorsteinweg entlangchauffiert werden. Ludwig Gregord, Chefplaner der Bremer Treuhand, gibt am Mikrofon den Fremdenführer: „Sie sehen hier links und rechts, das ist nicht mehr zu halten, das wird alles dem Erdboden gleichgemacht.“</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir stapfen durch das Milchquartier. Die Berliner:innen lästern über die hohen Bremer Kaffeepreise und erfreuen sich an einem Kätzchen, das seelenruhig auf dem Pflaster [eines Fußgehwegs] zwischen Löwenzahn und Vergissmeinnicht döst. Hilde, die seit ein paar Jahren nicht mehr in Hastedt, sondern in einer Prenzelberger Atelierwohung lebt, schaut entzückt durch die Fenster des Wiener Hof Cafés. Drinnen hat sich seit 1973 nichts mehr verändert. Jedes Bild hängt noch an derselben Stelle. Wie Fische in einem Aquarium steuern die immergleichen Figuren durch den hell erleuchteten [Raum].</em></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Treuhand hätte damit Schluss gemacht. Weg mit den holperigen Gässchen, den handtuchbreiten Häuschen, den feuchten Hinterhöfen. Stattdessen: eine Asphaltpiste vom Rembertikreisel stracks nach Süden, vierspurig über die Weser, links und rechts davon bis zu 30-geschossige Türme, eine Hochhauslandschaft von der Schleifmühle bis zum Osterdeich, von den Wallanlagen bis zur Lüneburger Straße. „Multifunktionale Stadtgroßform“ betitelt das Städtebauinstitut Nürnberg sein Konzept, hinter der – „nur für den Dienstgebrauch“ – skizzierten imposanten Silhouette ragen gerade noch die Domtürme empor. Als Ost-West-Verbindung, zur Entlastung des Osterdeichs, schlagen die Planer eine weitere Straße durch das dicht bebaute Quartier, die sich über den Körnerwall bis zur Lüneburger Straße zieht. Was dafür alles weichen muss, hat das Stadtplanungsamt im Zuge einer Ortsbegehung bereits penibel kartiert.</p>



<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Es wird kein Zufall gewesen sein, dass die Grundlage für das große Abräumen aus Hannover kommt, der Stadt, die bis heute als Musterbeispiel für städtebaulichen Kahlschlag gilt. Professor Wilhelm Wortmann, dort ansässiger Stadtplaner, liefert im Auftrag der Treuhand ein „Gesamtkonzept“ fürs Bremer Viertel. Ergebnis: Große Teile des Ostertors und Steintors seien nicht mehr zu halten und müssten komplett erneuert werden. Wer heute von der Kreuzung Dobbenweg/Bismarckstraße zum Rembertikreisel geht, kann die ersten Umsetzungen dieser Pläne bewundern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bremen der 60er Jahre ist eine aufstrebende Stadt. Die Werften pumpen Geld in die Kassen. Die Einwohner:innenzahl könnte sich verdoppeln, glaubt man, Bremen sich zur norddeutschen Metropole entwickeln, mit Platz für mindestens 800.000 Menschen. Hierfür braucht es Wohnraum, am besten innenstadtnah, modern und hochgeschossig – zumal die Kriegsschäden noch immer für Wohnungsnot sorgen. Schon in den 30ern gilt das von Einzelhandel und engen Gassen geprägte Viertel als überplanbarer Bereich, als Spielwiese für [Stadtplanung]. Kurz nach Kriegsende verhängt der Senat einen Sanierungsstopp für das gesamte Ostertor/Steintor und gibt das Quartier damit bewusst dem Verfall preis. Die Alteingesessenen finden sich mehr oder weniger mit dem bevorstehenden Abriss ab.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das wird alles dem Erdboden gleichgemacht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Filmaufnahmen zeigen traurige Bilder von alten Bewohner:innen, die sich für wenig Geld haben enteignen lassen, etwas wehmütig in die Umzugswagen steigen und zum Abschied in die Kamera winken. Der Wert ihrer ehemaligen Häuser, am Rande bemerkt, vervielfacht sich in den Folgejahren. Faktisch sind die Immobilien damals für ’n Appel und ’n Ei zu haben. Manche ihrer heutigen Besitzer:innen sind erstaunlich hellsichtig gewesen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Berliner:innen und ich stehen an der trüben Weser. Wer hier, mitten in der Stadt, mit dem Rücken zum Viertel auf den Stadtwerder guckt, könnte ebenso gut irgendwo in der niedersächsischen Provinz auf das andere Flussufer schauen. „Das da drüben ist die wahre Bremer City“, stichelt Markus, der schon Anfang der 90er nach Berlin geflüchtet ist: „Eine Kleingartensiedlung mit Holzhäusern und Vereinsheimen.“</em></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich bin zu müde, um dem seltsamen Impuls nachzugeben, die Kleingartenanlage, in der eine befreundete Studi-WG neuerdings auch eine Parzelle mietet, zu verteidigen. Hilde springt mir bei. „Im Sommer ist es dort sehr schön“, sagt sie: „Und außerdem leben da angeblich seltene Vogelarten.“ Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin! Wir trotten flussaufwärts zurück zum Sielwall.</em></p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Borgward geht bald nach dem Krieg pleite. Der Motorisierung tut das keinen Abbruch. Bremens Antwort darauf ist die Trassentangente: eine Autobahn rings um die Innenstadt. Anfang der 70er steht die Hochstraße am Hauptbahnhof vor ihrer Vollendung. Im Westen schließt sie mit dem monströsen Nordwestknoten an die neubetonierte Weserquerung an. Im Süden sorgt die mehrspurige Neuenlander Straße für freie Fahrt. Was fehlt, ist die Spange im Osten. Da ist das Viertel im Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immerhin: Mit dem Rembertikreisel sind auch hier die ersten Schritte getan. Wo heute Autos ebenso lustig wie sinnlos um eine riesige Wiese im Kreis fahren, leben in den 60er Jahren noch Menschen. Dann rollen die Bagger an, fressen sich durch die Häuser. Ganze Straßenzüge fallen ihnen, wie die Wilhelmstraße, vollständig zum Opfer, andere, wie die Bohnenstraße, in Teilen. Von der Sonnenstraße stehen bloß noch Reste. An der Meinkenstraße reißen die Planer im hinteren Teil die komplette westliche Häuserfront weg. Den Bewohnern der östlichen Straßenseite, heute Eduard-Grunow-Straße, asphaltieren sie eine Autobahn vor die Wohnzimmerfenster. Diese Fakten zeigen jedem, was im Viertel nun folgen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Niedrige Mieten und die Nähe zur Innenstadt machen das Ostertor zunehmend interessant für junge Leute. Ein Vergnügungsviertel entwickelt sich. Die Stadt schaut skeptisch auf ein sich langsam etablierendes Rotlichtmilieu und auf ein aufkeimendes Lebensgefühl, das später einmal die 68er-Bewegung genannt werden wird und das hier anfängt, sich eine neue Heimat aufzubauen. Rudi Dutschke spricht in der Lila Eule, die Fahrpreiserhöhung der Straßenbahn eskaliert zum Straßenkampf und macht bundesweit Schlagzeilen. Junge Bremer Genoss:innen um Olaf Dinné fangen an, die Kommunalpolitik für sich zu entdecken. „Sollten wir weiterhin Demos gegen die Amis in Vietnam, die Russen in der CSSR oder die Notstandsgesetze machen?“, fragt Dinné im Rückblick: „Es zeigte sich, dass wir uns im eigenen Viertel mal genauer umsehen sollten!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Vietnam-Krieg zum Trassenkampf</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie sehen sich um. Als erstes unterwandern sie den für das Viertel zuständigen SPD-Ortsverein Altstadt und machen Front gegen das Stadtumbauprojekt. Zwar sitzt kein Heiner Geißler mit am Küchentisch der Mozartstraße 5 – hier hat der Ortsverein seinen Sitz –, es gibt weder Wasserwerfereinsatz noch Großdemonstrationen. Die Parallelen zu Stuttgart 21 sind dennoch offenkundig. Hier wie dort weisen die Befürworter auf die demokratische Legitimation der seit langem verfolgten Planungen hin. Sie führen infrastrukturelle Notwendigkeiten ins Feld. Nicht zuletzt wird offenbar, wie viel Geld schon geflossen ist und wer welche Gewinne einberechnet hat. Wie beim Konflikt um Stuttgart 21 sind große Teile der Bevölkerung gegen das Projekt. Ludwig Gregor von der Treuhand bringt dies in einer Fernsehdebatte auf den Punkt, als er die Unwilligkeit der Eigentümer:innen beklagt: „Das Grundproblem im Ostertor ist doch zweifellos: Wir müssen in den Besitz der Grundstücke kommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Stimmung im Viertel kippt. Mehr und mehr gehen die Anwohner:innen auf Konfrontationskurs. Nach einer Umfrage des Arbeitskreises Ostertor sind 95 Prozent von ihnen gegen das Projekt. Ein Umbau-Plan folgt auf den nächsten, begleitet jeweils von Widerstandsaktionen seitens der Gegenseite. Jahrelang geht das so. Legendär eine Bürger:innenversammlung im Chorprobensaal des Goethe-Theaters im Juli 1973 mit über 800 Teilnehmende: Spätestens jetzt ist klar, dass die Bewohner:innen des Viertels keines der Großbauvorhaben akzeptieren. Dessen ungeachtet bestätigt die SPD-Fraktion das Projekt – an ebenjenem Dienstagabend, dem 4. Dezember 1973.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Viertel ist geschockt. Es gibt viele Theorien darüber, was in der Nacht nach diesem Beschluss geschieht. Die populärste besagt, dass der damalige Fraktionsvorsitzende Walter Franke zuhause beim Abendbrot von seiner Frau dermaßen zusammengefaltet wird, dass er am nächsten Tag seine Fraktion ein weiteres Mal einberuft und zur Umkehr zwingt. Die wahrscheinlichere ist, dass die Abgeordneten und der Senat noch in der Nacht realisieren, dass sie diesen Beschluss gegen die Bevölkerung nicht durchhalten können, und kalte Füße bekommen. Wie auch immer: Jedenfalls tagt die Fraktion am Mittwoch erneut. Um 15 Uhr hat sie das erst am Vorabend beschlossene Projekt wieder vollständig gekippt – einstimmig, bei elf Enthaltungen.</p>



<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Offiziell behaupten die Abgeordneten, die Kosten hätten sich über Nacht verdoppelt, womit sich eine neue Beschlussgrundlage ergeben habe. Den Wohnungsbaugesellschaften stellt der Senat unbürokratisch die Wiesen in Tenever zur Verfügung – wo diese sich umgehend an die Umsetzung ihrer Ideen machen.</p>



<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Die Party in dieser Nacht im Ortsverein in der Mozartstraße 5 endet in einem grandiosen Besäufnis. Das Viertel ist gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht so die SPD. 1979 zieht Dinné mit der Grünen Liste in die Bürgerschaft ein – das erste Landesparlament der Grünen –, macht der SPD die Macht streitig und fällt mit zum Teil überraschend konservativer Politik auf – bestrebt, das Viertel zu dem Hort der Ruhe und des Friedens zu machen, das es schlussendlich geworden ist: ganz ohne Hochhäuser, mit kleinen Läden, verkehrsberuhigten Spielstraßen, schicken Geschäften, Einkaufsgenossenschaften und Biosupermärkten. Aneinander geraten die Viertel-Schützer immer wieder mit Punks, McDonalds, Autonomen, Junkies und anderen, die nun ihrerseits versuchen, sich das Ostertor zu eigen zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit jeher gibt es im Viertel unterschiedliche Meinungen über die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Ende 2010 startet eine neue Initiative mit dem richtungsweisenden Namen „Business Improvement District“. Initiatoren sind Geschäftsinhaber, die das Quartier in ihrem Sinne aufwerten wollen. Unter anderem ziehen sie gegen Graffiti zu Feld, wollen das Viertel sauber und attraktiv für auswärtige Kundschaft machen: Das Dorf soll sich rausputzen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Mieten steigen. Wer sie nicht zahlen kann, flüchtet nach Walle oder in die Neustadt. Mit dem „Planet Boy“ schließt im Sommer 2009 das letzte alternative Café. Das subkulturelle Image des Viertels ist endgültig nur noch Legende.</p>



<p class="has-large-font-size wp-block-paragraph">Einzig der Gründungsmythos lebt weiter: Der Widerstand gegen die Mozarttrasse ist nach wie vor identitätsstiftend. Das Viertel versteht sich noch heute als gallisches Dorf gegen ein übermächtiges Rom. Wo sonst in Bremen kippen Bürger einen Drive-In und spielen nachts auf einer Straßenkreuzung Fußball?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir sitzen wieder im selben Lokal und trinken den zweiten Kaffee. Draußen laufen immer noch alte Bekannte vorüber. Es fängt an zu regnen. Die Lichter der Geschäfte spiegeln sich in den schmutzigen Pfützen. Der Sielwall leert sich. Wir reden über Werder und das Wetter und darüber, dass ein paar 30-stöckige Hochhäuser vielleicht doch so schlecht nicht wären. Denn vielleicht wäre Bremen dann eine richtige Großstadt geworden. Und nicht ein großes Dorf mit Straßenbahn.</em></p>
</blockquote>


<div class="wp-block-image">
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		<title>Gesucht wird: Eine Vision</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/gesucht-wird-eine-vision/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Oct 2016 09:10:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Blumenthal]]></category>
		<category><![CDATA[Leerstand]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtplanung]]></category>
		<category><![CDATA[Vision]]></category>
		<category><![CDATA[Wollkämmerei]]></category>
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					<description><![CDATA[#42 WOLLKÄMMEREI – Was soll eigentlich aus der Wollkämmerei werden? Wir haben ein paar Leute gefragt, die sich mit so was auskennen Das ganze Gelände ist größer als der Vatikan. Aber eine Brache, mehr oder weniger. Und das schon seit vielen Jahren: 2009 machte die Bremer Wollkämmerei endgültig dicht. Was geblieben ist? Eine „Perle der Industriekultur“, wie die Bremer Wirtschaftsförderer schreiben, und zwar eine mit „hohem Entwicklungspotenzial“. Aber was genau soll das heißen? Anfrage bei Klaus Hübotter: Der Alt-Kommunist und Ehrenbürger hat als Kaufmann und Bauherr schon zahllose historische Gebäude in Bremen gerettet. Den Schlachthof und den Speicher XI, das Bamberger Haus, die Villa Ichon, den alten Sendesaal von Radio Bremen. Und so weiter! Wenn also irgendjemand eine gute Idee für die Wollkämmerei haben könnte, dann ist es Klaus Hübotter. Doch er sei „ohne Zeit und Ideen“, schreibt uns der Mittachtziger, mit besten Grüßen. Vom Ghetto zur zentralen Vision Mit seiner Architektur der Gründerzeit sei das Gelände „ideal als Bürofläche für Künstler, Designer, Ingenieure und Architekten, für Gastronomie oder als Veranstaltungsraum“, behaupten die Wirtschaftsförderer. „Das &#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">#42 WOLLKÄMMEREI – Was soll eigentlich aus der Wollkämmerei werden? Wir haben ein paar Leute gefragt, die sich mit so was auskennen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das ganze Gelände ist größer als der Vatikan. Aber eine Brache, mehr oder weniger. Und das schon seit vielen Jahren: 2009 machte die Bremer Wollkämmerei endgültig dicht. Was geblieben ist? Eine „Perle der Industriekultur“, wie die Bremer Wirtschaftsförderer schreiben, und zwar eine mit „hohem Entwicklungspotenzial“. Aber was genau soll das heißen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfrage bei Klaus Hübotter: Der Alt-Kommunist und Ehrenbürger hat als Kaufmann und Bauherr schon zahllose historische Gebäude in Bremen gerettet. Den Schlachthof und den Speicher XI, das Bamberger Haus, die Villa Ichon, den alten Sendesaal von Radio Bremen. Und so weiter! Wenn also irgendjemand eine gute Idee für die Wollkämmerei haben könnte, dann ist es Klaus Hübotter. Doch er sei „ohne Zeit und Ideen“, schreibt uns der Mittachtziger, mit besten Grüßen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Ghetto zur zentralen Vision</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit seiner Architektur der Gründerzeit sei das Gelände „ideal als Bürofläche für Künstler, Designer, Ingenieure und Architekten, für Gastronomie oder als Veranstaltungsraum“, behaupten die Wirtschaftsförderer. „Das ist genau die Fantasielosigkeit, die Bremen kaputt macht“, sagt Arie Hartog, der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, ein Mann, der sich gerne grundsätzliche Gedanken über die Stadt macht. „Wir denken solche Gebiete ja immer als Peripherie und Ghettos“, sagt Hartog – daher auch die Idee, Künstler dort anzusiedeln. „Es sind Reste. Also müssen wir die Denke umdrehen und behaupten: Das wird das Zentrum und es dann städtebaulich entwickeln.“ Diejenigen, die sich da dranmachen, sagt Hartog noch, die sollten mal Lucius Burckhardt und Doug Saunders lesen, „um den Kopf von stadtplanerischen Dogmen zu lösen“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der erste Versuch einer Vision für die Wollkämmerei</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Noch sprechen die zuständigen Wirtschaftsförderer allerdings lieber von einem „Branchenmix aus Metall-, Maschinen- und Anlagenbau, Spedition, Chemiefaserproduktion und Heizkraftwerk.“ 2011 hat Bremen das Gelände für drei Millionen Euro gekauft, ein Jahr später wurde das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Und der „Palast der Produktion“ zog ein. Es war dies der erste Versuch, so etwas wie eine Vision für die Wollkämmerei zu entwickeln: Vier Wochen lang durften 90 Kreative nach einem „Gegenmodell zur vereinzelten Erwerbsarbeit“ suchen. Möglich gemacht haben das damals die beiden Architekten Daniel Schnier und Oliver Hasemann von der „ZwischenZeitZentrale“ (ZZZ). In der ganzen Stadt denken die beiden sich Konzepte und Zwischennutzungen für leer stehende Häuser und Brachen aus, mittlerweile im offiziellen Regierungsauftrag.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kreative Konzepte für die Wollkämmerei mit Brauerei und Kleingewerbe</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hasemanns Idee: In die ehemalige „Sortiererei“ der Wollkämmerei, 4.500 Quadratmeter groß, könnte „Schafs-Bräu“ einziehen, eine „Brauerei-Manufaktur“ für das, was man heute Craft Beer nennt. Zugegeben, auch Daniel Schnier hat diese Idee anfangs belächelt – andererseits: In der Union Brauerei in Walle funktioniert sie gut. Daneben würde Schnier gerne „Kleinstgewerbe“ ansiedeln, „mit Leuten, die mit ihren verrückten Ideen sonst keine Chance haben“. Die aber, beispielsweise, Lebensmittel produzieren wollen, regionale Produkte. Ein, zwei Jahre könnten Teile der Wollkämmerei oder einige der leer stehenden Läden drumherum mietfrei abgegeben werden, an Leute, die weder Raum noch Kapital haben und eigenverantwortlich arbeiten wollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Raum für Feiern und kreative Nutzungsmöglichkeiten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den großen Investor zu warten lohnt jedenfalls nicht, sagt Schnier – und wenn, dann würde der wohl eh in die Überseestadt gelotst. „Und bevor die nicht voll ist, passiert auch in der Wollkämmerei nichts.“ Und was noch fehlt, in Bremen-Nord, das sind Räume für Feierlichkeiten, zum Beispiel, wenn man zehn Kids einlädt – oder auch viele Hundert Verwandte und Freunde, wie es auf Hochzeiten öfter vorkommt, gerade bei muslimischen. Und wer so etwas sucht, in Bremen, wird oft erst in Hannover fündig, sagt Schnier. Stattdessen treffen sich nun am Wochenende die Auto-Tuner auf dem Gelände, und manchmal gibt es auf der historischen Achse sogar kleine Rennen. Das passt dann irgendwie doch wieder ganz gut, wo doch oft vom „Detroit Bremens“ die Rede ist, wenn es um Blumenthal und die Wollkämmerei geht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Über die Entwicklung von Industriebrachen und die Zukunft der Wollkämmerei</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Verena Andreas ist eine, die viele solcher Industriebrachen kennt: „In Dortmund spazierte ich um den Phoenix-See – dort wo früher ein Stahlwerk stand. In Duisburg kletterte ich auf einen Hochofen, in Manchester ging ich zwischen alten Fabrikhallen entlang, in denen nun an Laptops gearbeitet wird, besuchte Plattenläden und Bars in einer alten Baumwollbörse. In Detroit freute ich mich über Bagelshops und Burgerläden, Urban Gardening und Kunstprojekte, die mir kurzzeitig Zuflucht vor den verfallenden Straßenzügen boten. Und wer heute in Barcelona an der Strandpromenade das Mittelmeer genießt, erahnt wohl kaum noch, dass dort vor 30 Jahren große rauchende Industrieanlagen die Stadt vom Meer abschnitten.“ Andreas ist Raumplanerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bremen. Dort beschäftigt sie sich mit Stadtplanung und -entwicklung; auf Reisen spaziert sie gern durch brachliegende Viertel in alten Industriestädten. Auch die Wollkämmerei kennt sie gut: Verena Andreas ist Mitautorin einer neuen Studie über die Entwicklung in Bremen-Nord.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Potenziale und die Notwendigkeit ganzheitlicher Stadtentwicklung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Gelände hat besondere Qualitäten: die Weser und die nahe gelegenen Parkflächen sowie die besonderen Gebäude der historischen Achse“, sagt die Raumplanerin. „Warum wurden diese Qualitäten nicht für das allseits beliebte Wohnen am Wasser oder für kleine Startups und Dienstleistungsunternehmen erschlossen, so wie andere Städte dies mit vergleichbaren Flächen machen?“ Weil das Gelände ein Gewerbegebiet ist, das ganz viele Arbeitsplätze schaffen soll. „Aber es kann nur dann zu einem lebendigen und wirtschaftsstarken Arbeitsort und Entwicklungsmotor in der Stadt werden, wenn der Rest Blumenthals mit seinen gravierenden Problemlagen parallel entwickelt wird“, sagt Andreas: „Es braucht große Investitionen – öffentliche wie private.“ Damit ein Umfeld geschaffen wird, in dem sich Menschen wohlfühlen – als Arbeitnehmer und Bewohner. Ein Umfeld, in dem die Leute in der Mittagspause etwas essen gehen können, in dem sie attraktiven und bezahlbaren Wohnraum finden, dazu Kinderbetreuungsplätze und Schulen, auf die man seine Kinder gerne schickt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dafür braucht es Eingriffe an der gesamten Achse zwischen Wätjens Park und Bahrsplate und später auch darüber hinaus.“ Es geht nicht allein um die Wollkämmerei, sagt die Wissenschaftlerin. Sondern darum, „das ganze Stadtteilumfeld von Arbeiten über Wohnen bis hin zur Bildung als Ganzes zu betrachten und zu entwickeln“.</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text:<br /><em>Jan Zier</em></td><td>Foto:<br /><em>Wolfgang Everding</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/42-wollkaemmerei/"><img decoding="async" width="1200" height="800" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/10/cover_42.jpg" alt="" class="wp-image-11864" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/10/cover_42.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/10/cover_42-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/10/cover_42-840x560.jpg 840w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a></figure>
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