<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Flüchtlinge &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
	<atom:link href="https://zeitschrift-der-strasse.de/tag/fluechtlinge/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://zeitschrift-der-strasse.de</link>
	<description>Das Bremer Straßenmagazin</description>
	<lastBuildDate>Fri, 10 Oct 2025 10:53:42 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.1</generator>

<image>
	<url>https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cropped-ZdS-Logo-Symbol-32x32.jpg</url>
	<title>Flüchtlinge &#8211; Die Zeitschrift Der Straße</title>
	<link>https://zeitschrift-der-strasse.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Am Ende dieser Straße</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/am-ende-dieser-strasse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Melis Sivasli]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Oct 2024 08:55:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Online-Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Bremen]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Kampa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Wohnen]]></category>
		<category><![CDATA[zds]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://zeitschrift-der-strasse.de/?p=10845</guid>

					<description><![CDATA[#92 H.-H.-MEIER-ALLEE. In den Kampa-Häusern leben seit Jahrzehnten Geflüchtete immer neuer Kriege und Konflikte. Was für die Behörden eine Übergangslösung ist, nennen andere ihr Zuhause]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#00965c" class="has-inline-color">#92 H.-H.-MEIER-ALLEE. In den Kampa-Häusern leben seit Jahrzehnten Geflüchtete immer neuer Kriege und Konflikte. Was für die Behörden eine Übergangslösung ist, nennen andere ihr Zuhause</mark></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Beim nachträglichen Zählen beginnt man doch zu staunen: 2, 3, …, 6, 7, 8, …, 17 – mehr als 20 Kinder und Jugendliche sind uns beim Besuch der „Kampa-Häuser“ begegnet. Als wir weggehen, wuseln mindestens zehn der Jüngeren auf dem kleinen Gehweg herum, sprechen uns an und sind so unbefangen neugierig und fröhlich, dass es doch noch kein Tschüss geben kann. Wie alt bist du? Und du? Kannst du von mir ein Foto machen? Von mir auch! Kann ich auch mal ein Foto machen? Und damit geht’s erst so richtig los. </p>



<p class="has-white-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-1 wp-block-paragraph" style="background-color:#00965c"><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0)" class="has-inline-color has-white-color">Aber was sind „Kampa-Häuser“? Sie stehen am Ende der H.-H.-Meier-Allee, acht einstöckige Holzdoppelhäuser mit ausgebautem Dach, benannt nach ihrem Hersteller. </mark>Die Fertigbauten dienen als Übergangsunterkünfte. Die senatorische Sozialbehörde ließ sie Anfang der Neunzigerjahre aufstellen, als der Zerfall der ehemaligen Sowjetunion die sogenannten Spätaussiedler nach Deutschland führte. Die Häuser sind stabiler als Container oder Modulbauten, günstig und schnell zu errichten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und obwohl sie nicht lange stehen sollten, sind sie immer noch da. Denn kurz nach ihrer ersten Nutzungsgeneration brachten die kriegerischen Balkan-Konflikte und die Auflösung Jugoslawiens viele Geflüchtete nach Bremen. Sozialbehördensprecher Bernd Schneider erklärt zur weiteren Entwicklung: „Nach zunächst rückläufigen Migrantenzahlen stiegen sie ab 2011 durch die Ereignisse in Syrien wieder an. Seitdem stiegen sie exponentiell – bis zum Höchststand 2015.“ Zahllose Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern flohen vor Kriegen, Hunger und Zerstörung nach Europa. Die Häuser wurden weiter gebraucht und ihre Standzeit verlängert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir uns ihre Lage in der H.-H.-Meier-Allee näher an: Längs zwischen den Bahngleisen der Linie 6 und der Kleingartenanlage „Kornblume“ liegen die Häuser am Straßenende für sich. Dort steht sonst nichts, weil das Gebiet eigentlich kein Bauland ist. Mit roten Dächern und in freundlichem Gelb, Hellblau und Weiß erinnern die Kampa-Häuser an hübsche Sommerbehausungen. Dabei sind sie winterfest und auf 95 Quadratmetern mit fünf Zimmern, Küche und Bad recht geräumig. Trockenplätze für Wäsche, kleinformatige Terrassen, ein schmaler Gartenstreifen sowie Schuppen gehören dazu. Autofreiheit ist garantiert, denn die Straße endet für Kfz noch vor der Siedlung. Und die große Fahrradmeile nach Horn verläuft auf der anderen Gleisseite. Vor den Häusern gibt es nur den schmalen Fußweg und einen Fahrradweg hinter dem Grünstreifen: ein Kinderparadies. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer dort vorübergehend wohnen darf, entscheidet die Sozialbehörde als Eigentümerin. Sie sucht mindestens achtköpfige Familien aus Übergangswohnheimen aus, mit deren Betreuung wiederum die Arbeiterwohlfahrt (AWO) beauftragt wird. Die Wohnerlaubnis ist befristet, zurzeit auf 24 Monate. In Ausnahmefällen verlängert die Behörde zwar, aber Bernd Schneider betont: „Nutzung so kurz wie möglich!“ Denn die Menschen sollen schnellstmöglich „normal“ wohnen, um sich besser integrieren zu können.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#00965c" class="has-inline-color">An diesem schwülwarmen Spätsommertag möchten wir mehr über das Wohnen dort erfahren. Aufgehängte Wäsche und ein paar Kinder verraten zunächst noch wenig über das Leben hier. Aber vorsichtiges Anklopfen öffnet Türen. </mark></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier leben Menschen aus verschiedensten Nationalitäten. Wir lernen drei syrische Familien kennen. Die Verständigung ist kein Problem, denn die älteren Kinder sprechen gut Deutsch und übersetzen für die Eltern, wenn es nötig wird. Wie und wo sie das gelernt haben? In der Schule, mit anderen Kindern, draußen. Zur ersten Familie gehören sechs Kinder, in den anderen beiden leben jeweils sieben Töchter und Söhne. Alle wohnen gerne in diesen Häusern, erfahren wir. Wie ist das Leben? Die Zweitälteste ihrer Familie berichtet von ihrem Schulbesuch: Sie steht früh auf, auch wenn die Nächte nicht immer ruhig sind, weil manche [Kinder von nebenan] abends lange draußen bleiben. Die Wohnung aber findet sie: „perfekt!“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ihr Vater arbeitet und Geld verdient, wohnt die Familie noch immer hier im Kampa-Haus. Sie suchen bereits seit vier Jahren, finden aber keine andere Wohnung. „Jedes Haus hier hat viele Geschichten“, sagt die 19-jährige Shahed, das älteste von sieben Kindern der [Familie nebenan]. Bevor sie hierherkamen, lebten sie unter beengten Verhältnissen im Übergangswohnheim. Schrecklich sei es dort gewesen, ganz anders als jetzt: „Wir haben hier ein Wohlgefühl!“, sagt Shahed und strahlt. Sie steht vor dem Fachabitur. Danach möchte sie vielleicht Architektin werden, oder jedenfalls erst mal ein Praktikum in dem Bereich machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist Welten entfernt vom knappen Bericht, den uns ihr Bruder Aziz über die Zeit zuvor gibt – vor der Zeit in Deutschland: Mit 10 Jahren schlug er sich 2015 aus der Türkei, wohin die Familie geflohen war, über Griechenland nach Deutschland durch: allein, in 15 Tagen. Sein schlimmstes Erlebnis war die furchtbare Überfahrt in einem überfüllten Gummiboot. Er kann sich erinnern, dass er unten lag und bei hohem Seegang immer wieder andere auf ihn fielen. Sein Auge wurde verletzt, aber er schaffte es. In der Bundersrepublik bekam er Hilfe. Als seine Familie zwei Jahre später nachkam, hatte Aziz so viel Deutsch gehört und gesprochen, dass er Arabisch erst wieder üben musste. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der heute zwölfjährige Mustafa aus der [Familie nebenan] erinnert sich noch an den Krieg und Stationen der langen Flucht. 2015 hat die Familie Syrien über die Türkei verlassen, wo sie sich drei Jahre lang aufhielt. Mustafas Oma und ein Onkel blieben dort, die anderen leben seit 2018 in Deutschland. Sein Bruder Taim ist vier Jahre alt und stolz, dass er mitt lerweile in die AWO-Kita „Singdrossel“ gehen kann. Die befindet sich in einem der Häuser und ist auch anderen Kindern zugänglich.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1250" height="834" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1.jpg" alt="" class="wp-image-10893" title="" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1-1200x800.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1-600x400.jpg 600w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2024/10/92-001-1250x834-1-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></figure>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><sup>Hinter jeder Tür gibt es hier andere Familien- und Fluchtgeschichten zu hören.</sup></p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading"><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#00965c" class="has-inline-color">Aber die Zeit läuft weiter: In vier Monaten sollen zwei der Familien ihre Wohnung geräumt haben. Nicht nur Mustafa träumt davon, statt dessen bald ein schönes Haus zu finden. </mark></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das derzeit größte Problem aller Familien dort ist wohl, dass ihre Wohnfrist zwar längst abgelaufen ist, sie aber entweder keine Wohnungen finden oder sie dann nicht bekommen. Shahed erzählt, dass sie einmal sehr gerne eine Wohnung von ungefähr 94 Quadratmetern genommen hätt en. „Uns hätte das gereicht, aber die wollen uns nicht.“ Die Wohnung sei zu klein für so eine große Familie. Auch ihre [Nachbar:innen] sind unsicher, wie es weitergeht. Alle haben Angst, ins Wohnheim zurück müssen, wenn sie nichts anderes finden.</p>



<p class="has-white-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-2 wp-block-paragraph" style="background-color:#00965c">Aber wie sieht es überhaupt aus mit Wohnraum in der Stadt? Auch urbremische Familien mit vier Kindern suchen oft jahrelang. Und weil es kaum große Wohnungen gibt, steigen die Preise immer weiter. Wie sollen da erst große Migrantenfamilien etwas finden? Das ist die zentrale offene Frage zum sozialen Wohnungsbau – und zwar für alle Suchenden unabhängig von Herkunft und Geschichte. Im „Wohnungsbaukonzept Bremen 2020“ des Bausenats von 2009 heißt es programmatisch, Bremen solle bis „2020 eine grüne Stadt am Wasser mit hohen Erholungs- und Umweltqualitäten“ werden „und eine sozial gerechtere“. Es lässt sich darüber streiten, ob das erreicht ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem ist bei der Sozialbehörde grundsätzlich bekannt. Tatsächlich gab es ja auch immer wieder Verlängerungen, was aber naturgemäß nur eine vorübergehende Lösung sein kann. Man versucht es aber an allen möglichen Ecken und Enden: „Seit 2015 vermittelt die AWO jährlich aus sämtlichen Übergangswohnheimen und unterstützt Geflüchtete bei der Wohnraumsuche“, sagt Sprecher Bernd Schneider. Außerdem verweist er auf die AiQ-Beratungsstellen „Ankommen im Quartier“, die es inzwischen in acht Bremer Stadtteilen gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch zurück zu den Suchenden am Ende der H.-H.-Meier-Allee: Alle, mit denen wir hier sprachen, haben Unbeschreibliches erlebt. Als Zuhörende können wir nur eine leise Ahnung dieser Lebenswirklichkeit bekommen. Was zum Beispiel bedeutet es für Shaheds Familie, dass das einst schöne und hochkultivierte ar-Raqqa mit seinen 8.000 Jahre alten Siedlungswurzeln heute zu 80 Prozent zerstört ist? Dass zivilisiertes Leben dort kaum mehr existiert? Shahed ist eine von vielen, die in ihr Land zurückkehren wollen. Sie möchte in Deutschland etwas lernen, womit sie dann beim Wiederaufbau ihrer Stadt helfen kann. Auch dazu muss sie hier wohnen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich müssen sie Kompromisse eingehen und sich anpassen. Das beginnt bereits beim neuen Nachnamen, der dieser Familie auf dem Irrweg hierher sozusagen zugefallen ist. „Wir heißen jetzt K. mit Nachnamen. Aber das ist eigentlich nicht unser Name“, sagt Shahed, „doch jetzt heißen wir so.“ Wie kam das? Auf dem langen Weg nach Deutschland hat man den Namen dieser Familie mit dem einer anderen vertauscht. Die Familie nimmt es gelassen, sie haben Schlimmeres erlebt. Nur haben sie jetzt Schwierigkeiten, entferntere Verwandte besuchen zu dürfen, weil diese sie wegen des Namens nicht mehr Verwandte nennen. „Wenn wir von Familie sprechen, meinen wir mehr Menschen, als man hier meint. Nicht nur die Eltern und Kinder. Auch die Großeltern, Tanten und Onkel“, erklärt Shahed. In ar-Raqqa haben sie noch mit vielen in einem großen Haus gewohnt.</p>



<h2 class="wp-block-heading has-text-color has-link-color wp-elements-3" style="color:#00965c">Namen haben Bedeutungen. Shahed bedeutet „Honig“ und Nurhan, der Name ihrer Mutter, gleicht einem Gemälde ihrer Ausstrahlung: „Sonnenlicht“. Vor den Häusern ist es nach zwei Stunden belebter. „Kommt ihr wieder?“, ruft ein Mädchen zum Abschied. Klar. Das muss bald sein, damit wir sie hier noch antreffen – den Honig, das Sonnenlicht und die vielen anderen mit den poetischen Namen.</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Text: Ulrike Plappert<br /><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#00965c" class="has-inline-color"><em>Nach ihrem Besuch in den Kampa-Häusern sagt sie: „Wir schaffen das“ ist wesentlich komplexer als gedacht. Sie dankt den Familien für ihre Offenheit</em>.</mark></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-black-color has-text-color has-link-color wp-elements-4 wp-block-paragraph">Fotos: Wolfgang Everding<br /><em><mark style="background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#00965c" class="has-inline-color">Kennt die Kampa-Häuser von Baubeginn an. Auf so engem Raum mit neun Personen zu leben, erfordert große Disziplin und Rücksichtnahme.</mark></em></p>
</div>
</div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/92-h-h-meier-allee/"><img decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/11/92-H-H-Meier-Allee.jpg" alt="" class="wp-image-11103" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/11/92-H-H-Meier-Allee.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/11/92-H-H-Meier-Allee-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/11/92-H-H-Meier-Allee-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2021/11/92-H-H-Meier-Allee-1200x800.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Macht der Gewöhnung</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/die-macht-der-gewoehnung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 17:00:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingsunterkunft]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Schwachhausen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://zeitschrift-der-strasse.de/?p=7725</guid>

					<description><![CDATA[#46 WACHMANNSTRASSE – Nach anfänglichen Protesten akzeptieren die Schwachhauser heute die Unterkunft für Geflüchtete Am Anfang war die Angst vor den Flüchtlingen groß. Rückblende: Wir schreiben das 2013 und der Bremer Senat sucht händeringend nach Wohnraum. In Schwachhausen wird eine zweite Flüchtlingsunterkunft geplant, über 1.000 Menschen flüchten allein in diesem Jahr nach Bremen. 2016 werden es sogar 3.185 sein. Doch so einfach ist das in Schwachhausen nicht. Die grüne Beiratssprecherin Barbara Schneider erinnert sich, dass einige Anwohner:innen vorschlugen, neue Flüchtlingsunterkünfte doch lieber in Tenever einzurichten. Weil dort die Nachbarn doch auch Arabisch sprächen. Als im Dezember 2013 die erste Einwohnerversammlung einberufen wird, stellen sich die Stadtteilpolitiker:innen schon auf die alten, vorurteilsdurchtränkten Argumente ein. Und die kommen auch: „Es ist oft nur eine Frage von Minuten, bis die ersten Ängste wegen Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Flüchtlinge ausgesprochen werden“, sagt Schneider. Die entkräftet sie mit Fakten: Die Bremer Polizei verzeichnet rund um Flüchtlingsunterkünfte keinen Anstieg von Kriminalität. Ebenso wenig käme es vermehrt zu Ruhestörungen. Die Mehrheit der gut 60 Anwohner:innen scheint diese Sorgen nicht zu &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">#46 WACHMANNSTRASSE – Nach anfänglichen Protesten akzeptieren die Schwachhauser heute die Unterkunft für Geflüchtete</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am Anfang war die Angst vor den Flüchtlingen groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rückblende: Wir schreiben das 2013 und der Bremer Senat sucht händeringend nach Wohnraum. In Schwachhausen wird eine zweite Flüchtlingsunterkunft geplant, über 1.000 Menschen flüchten allein in diesem Jahr nach Bremen. 2016 werden es sogar 3.185 sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch so einfach ist das in Schwachhausen nicht. Die grüne Beiratssprecherin Barbara Schneider erinnert sich, dass einige Anwohner:innen vorschlugen, neue Flüchtlingsunterkünfte doch lieber in Tenever einzurichten. Weil dort die Nachbarn doch auch Arabisch sprächen. Als im Dezember 2013 die erste Einwohnerversammlung einberufen wird, stellen sich die Stadtteilpolitiker:innen schon auf die alten, vorurteilsdurchtränkten Argumente ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die kommen auch: „Es ist oft nur eine Frage von Minuten, bis die ersten Ängste wegen Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Flüchtlinge ausgesprochen werden“, sagt Schneider. Die entkräftet sie mit Fakten: Die Bremer Polizei verzeichnet rund um Flüchtlingsunterkünfte keinen Anstieg von Kriminalität. Ebenso wenig käme es vermehrt zu Ruhestörungen. Die Mehrheit der gut 60 Anwohner:innen scheint diese Sorgen nicht zu teilen: Viele wollen sich ehrenamtlich engagieren und helfen. Andere stören sich an der Größe der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Gabriel-Seidl-Straße. Einst lebten in dem nunmehr leerstehenden Heim rund 20 Senior:innen. Nun sollten bis zu 90 Geflüchtete dort einziehen, in abgetrennten Wohnungen mit eigenen Küchen und Bädern. Ein Luxus für die Geflüchteten: „Normalerweise gibt es in solchen Wohnheimen nur Gemeinschaftsduschen und geteilte Küchen“, sagt Schneider. Doch die schiere Zahl der Neu-Bürger:innen ist für einige SchwachhauserInnen unvorstellbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Anwohner:innen der Gabriel-Seidl-Straße gehen nach der Versammlung wütend nach Hause. Eine Woche später äußern sie im Stadtteilparlament erneut ihre Bedenken. Es geht ihnen um Feuerschutz, Fahrradständer und Fluchtwege. Das ehemalige Seniorenheim könnte für 70 Geflüchtete zu klein sein, befürchten sie. Der damalige Sozial-Staatsrat Horst Frehe von den Grünen versichert, dass die Landesbauverordnung natürlich eingehalten werde. Am Ende beschließt der Beirat einstimmig, dass das Heim kommen wird. Gerade das bringt die skeptischen Anwohner:innen in Rage. Dem Weser-Kurier sagen sie später, man habe ihre Bedenken nicht ernst genommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem offenen Brief verlangen sie, dass maximal 30 bis 40 Flüchtlinge in dem Heim untergebracht werden. Dabei berufen sie sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention, die eine menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten vorschreibt. Die Anwohner:innen unterschreiben den Brief, jedoch nur handschriftlich. Für Barbara Schneider ist das „anonym“. Und mit anonymen Menschen „rede ich nicht“, sagt sie. Schneider antwortet mit einem offenen Schreiben, weist darauf hin, dass über Flüchtlingsheime keine Anwohner:innen entscheiden, sondern gewählte Vertreter:innen wie sie. „Würden wir basisdemokratisch vorgehen, könnten wir alle Unterkünfte zumachen“, sagt sie. „Die Bedenken waren nur ein Feigenblatt für die Haltung: Wir wollen keine Flüchtlinge haben!“, kritisiert die Grünen-Politikerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weser-Kurier erscheint dazu ein Kommentar, der eine ähnliche Meinung vertritt wie zuvor Barbara Schneider. Als der Beirat ihn in seinem Schaukasten aushängt, wird er über Wochen hinweg mit dem offenen Brief der Anwohner:innen überklebt. Auch wir haben mit einem der Anwohner:innen gesprochen, der an den Protesten beteiligt war. Leider mussten wir seine Aussagen aus diesem Text entfernen: Er entsprach nicht seinen Erwartungen; der Mann drohte uns mit rechtlichen Schritten, wenn wir seine Aussagen veröffentlichen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann wurde es ruhiger um die Flüchtlingsunterkunft, die nach über zwei Jahren endlich von Geflüchteten bezogen werden konnte. Erst im April 2016 zogen 70 Geflüchtete ein, Alleinstehende und Familien aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran. Die Arbeiterwohlfahrt betreut das Übergangswohnheim, dessen Leiterin Franziska Görlich ist. Sie ist auch Ansprechpartnerin, wenn Probleme auftreten. Es wird sogar eigens eine Hotline eingerichtet. Doch das Telefon klingelt sehr selten. Sie erlebe bisher nur positiv eingestellte und aufgeschlossene Nachbar:innen, sagt Görlich. Auch an den weiteren runden Tischen bleibt es ruhig, berichtet die grüne Ortsamtsleiterin Karen Mathes. Zwei der von uns befragten Bewohner:innen des Heims halten die Daumen nach oben, als sie nach den Nachbar:innen gefragt werden. Eine Bewohnerin sagt, sie seien nett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Skeptiker:innen? Bei den runden Tischen blieben sie stumm, sagt Schneider. Es ist ganz so, wie sie es auch von anderen Heimen kennt: „Die praktische Erfahrung und Begegnung mit Flüchtlingen beseitigt alle Ängste.“ Auch Franziska Görlich ist zufrieden: „Für Flüchtlinge bieten Ausstattung und Lage der Unterkunft mit die besten Bedingungen in ganz Bremen.“</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Eva Przybyla</em></td><td>Foto: <br /><em>Lena Möhler</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/46-wachmannstrasse/"><img decoding="async" width="1200" height="800" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2017/03/cover_46.jpg" alt="" class="wp-image-11876" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2017/03/cover_46.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2017/03/cover_46-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2017/03/cover_46-840x560.jpg 840w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a></figure>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kälte, Hilfe, Wohnungslose, Flüchtlinge</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/kaelte-hilfe-wohnungslose-fluechtlinge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Jan 2017 13:11:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meldung]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Wohnungslose]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://zeitschrift-der-strasse.de/?p=7637</guid>

					<description><![CDATA[Am 5. Januar posteten wir auf Facebook und Twitter einen Aufruf, besonders in der kalten Jahreszeit mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, auf ausgekühlte Menschen und Draußenschläfer zu achten und ihnen ggf. Hilfe zu leisten. Der Aufruf, den wir eigentlich schon im November letztes Jahr verfasst und auf unserer Website veröffentlicht hatten, wurde innerhalb von zwei Tagen über 5000 Mal aufgerufen. Für unsere Verhältnisse ist das eine hohe Zahl, die wohl dadurch zustande kam, dass wir dem Aufruf den Bericht über eine erfrorene obdachlose Frau in Düsseldorf beigefügt hatten (siehe Foto oben). Es liegt nicht nur am Wohnraum In der Folge erreichten uns einige Nachfragen und Kommentare zu dem Aufruf. Sinngemäß ging es darum, warum im reichen Deutschland eigentlich noch immer Menschen auf der Straße leben (müssen) und ob der Staat da nicht genug tue, weil er zu sehr mit Flüchtlingen beschäftigt sei. Zur Frage, warum Menschen auf der Straße leben, ist im Magazin &#8218;brand eins&#8216; im Jahr 2012 ein Artikel erschienen, der einige der Gründe darlegt und vor allem deutlich macht, warum &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Am 5. Januar posteten wir auf <a href="https://www.facebook.com/Zeitschrift-der-Stra%C3%9Fe-111023512301750/" target="_blank" rel="noopener">Facebook </a>und <a href="https://twitter.com/ZdStrasse" target="_blank" rel="noopener">Twitter </a>einen Aufruf, besonders in der kalten Jahreszeit mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, auf ausgekühlte Menschen und Draußenschläfer zu achten und ihnen ggf. Hilfe zu leisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufruf, den wir eigentlich schon im November letztes Jahr verfasst und <a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/geht-durch-bremen-mit-offenen-augen/" target="_blank" rel="noopener">auf unserer Website veröffentlicht hatten</a>, wurde innerhalb von zwei Tagen über 5000 Mal aufgerufen. Für unsere Verhältnisse ist das eine hohe Zahl, die wohl dadurch zustande kam, dass wir dem Aufruf den Bericht über eine erfrorene obdachlose Frau in Düsseldorf beigefügt hatten (siehe Foto oben).</p>



<h3 class="wp-block-heading">Es liegt nicht nur am Wohnraum</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Folge erreichten uns einige Nachfragen und Kommentare zu dem Aufruf. Sinngemäß ging es darum, warum im reichen Deutschland eigentlich noch immer Menschen auf der Straße leben (müssen) und ob der Staat da nicht genug tue, weil er zu sehr mit Flüchtlingen beschäftigt sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Frage, warum Menschen auf der Straße leben, <a href="https://www.brandeins.de/archiv/2012/zweite-chance/warum-gibt-es-eigentlich-immer-noch-obdachlose/" target="_blank" rel="noopener">ist im Magazin &#8218;brand eins&#8216; im Jahr 2012 ein Artikel erschienen</a><span class="text_exposed_show">, der einige der Gründe darlegt und vor allem deutlich macht, warum Wohnungslosigkeit nur&nbsp; unzureichend mit fehlendem Wohnraum zu erklären ist. In erster Linie ist Wohnungslosigkeit das Ergebnis einer Kombination aus Lebensumständen und persönlicher Verfassung. Die Bereitstellung von günstigem Wohnraum hilft, keine Frage. Jedoch ist darüber hinaus viel Veränderung im Leben der Betroffenen nötig. Der Staat bzw. Wohlfahrseinrichtungen und ihre Sozialarbeiter können den langwierigen Veränderungsprozess unterstützen, aber ohne die Einsicht, den Willen und die aktive Mitarbeit der Betroffenen geht nichts.<br /></span></p>



<h3 class="wp-block-heading">Hilfe kennt keine Grenzen</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><span class="text_exposed_show">Die zweite Frage, die mal mehr und mal weniger agressiv an uns gerichtet wurde, ist leichter zu beantworten. Einen negativen Zusammenhang zwischen Wohnungslosenhilfe und Flüchtlingshilfe sehen wir überhaupt nicht. In Bremen haben sich <a href="http://www.inneremission-bremen.de/wohnungslosenhilfe/unser_konzept/" target="_blank" rel="noopener">die Angebote der Wohnungslosenhilfe</a> in den letzten Jahren tendenziell verbessert und dürften von der Flüchtlingshife sogar profitieren. </span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span class="text_exposed_show">Denn im Rahmen der Flüchtlingsarbeit ist Infrastruktur entstanden, die sich auch für die Arbeit mit Wohnungslosen eignet. Durch einen gemeinsamen Bereich in der Verwaltung des Vereins für Innere Mission konnten Durchschnittskosten gesenkt werden. Und einige der vielen Bremer:innen, die sich zunächst in der Flüchtlingshilfe engagiert hatten, sind inzwischen in der Wohnungslosenhilfe und bei der <em>Zeitschrift der Straße</em> im Einsatz, was uns sehr freut.<br /></span></p>



<p class="wp-block-paragraph">PS: Hier ein kurzes Video des WDR zu den Möglichkeiten, Obdachlosen auf der Straße zu helfen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href=""></a>https://www.facebook.com/aktuellestunde/videos/1151324064916141</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: </td><td><em>Michael Vogel</em></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Im Turmzimmer</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/im-turmzimmer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Mar 2016 18:15:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenasyl]]></category>
		<category><![CDATA[Turmzimmer]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://zeitschrift-der-strasse.de/?p=7041</guid>

					<description><![CDATA[#36 KORNSTRASSE – Die Zionsgemeinde gewährt Flüchtlingen Kirchenasyl und bewahrt sie vor der Abschiebung. Pastor Thomas Lieberum (Foto) erklärt, wie und warum das geht Nehmen wir an, vor der Tür stehen eine Frau, ein Mann, zwei Kinder, die sagen: „Sie sind unsere letzte Hoffnung.“ Was tun Sie? Eine Familie aus dem Kosovo stand genau so vor der Tür. Für eine Nacht können wir immer eine Matratze hinlegen und ein paar Lebensmittel kaufen. Dann versuchen wir, die Situation der Menschen zu klären. Die meisten sind tatsächlich von Abschiebung bedroht, vor allem in Erstaufnahmeländer wie Italien, Ungarn, Griechenland. Was nicht sinnvoll ist, weil sie dort niemanden kennen und schon länger in Deutschland leben. Daher helfen wir. Wo bringen Sie die Menschen unter? Wir haben Büros und ein Musikzimmer umfunktioniert. Unser Gemeindehaus hat zwei Küchen und &#8211; ein großes Glück! &#8211; sogar eine Dusche. Essen, das in unseren Kindergärten übrig bleibt, können sich die Leute aufwärmen und aus unserem Umsonstladen Kleidung und andere Dinge nehmen. Können Sie den weiteren Ablauf am Beispiel der Familie aus dem Kosovo schildern? &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">#36 KORNSTRASSE – Die Zionsgemeinde gewährt Flüchtlingen Kirchenasyl und bewahrt sie vor der Abschiebung. Pastor Thomas Lieberum (Foto) erklärt, wie und warum das geht</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Nehmen wir an, vor der Tür stehen eine Frau, ein Mann, zwei Kinder, die sagen: „Sie sind unsere letzte Hoffnung.“ Was tun Sie?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Familie aus dem Kosovo stand genau so vor der Tür. Für eine Nacht können wir immer eine Matratze hinlegen und ein paar Lebensmittel kaufen. Dann versuchen wir, die Situation der Menschen zu klären. Die meisten sind tatsächlich von Abschiebung bedroht, vor allem in Erstaufnahmeländer wie Italien, Ungarn, Griechenland. Was nicht sinnvoll ist, weil sie dort niemanden kennen und schon länger in Deutschland leben. Daher helfen wir.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wo bringen Sie die Menschen unter?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben Büros und ein Musikzimmer umfunktioniert. Unser Gemeindehaus hat zwei Küchen und &#8211; ein großes Glück! &#8211; sogar eine Dusche. Essen, das in unseren Kindergärten übrig bleibt, können sich die Leute aufwärmen und aus unserem Umsonstladen Kleidung und andere Dinge nehmen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Können Sie den weiteren Ablauf am Beispiel der Familie aus dem Kosovo schildern?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ehepaar hatte zwei Söhne, 14 und 24 Jahre alt. Die Familie hat eineinhalb Jahre bei uns gewohnt, zunächst im Turmzimmer, danach in zwei getrennten Räumen. Wir waren mit der Ausländerbehörde in Kontakt und haben mit einem Anwalt die rechtlichen Möglichkeiten geprüft. Der Vater – ein Bäcker – gehörte einer ethnischen Minderheit an. Seine Backstube war demoliert worden, die Söhne wurden in der Schule bedroht. Die Famillie war traumatisiert und deshalb in Behandlung. Dank der ärztlichen Atteste konnte man belegen, dass die Leute nicht reisefähig waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sie sagen den Behörden also Bescheid, wenn sie jemanden aufnehmen?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, aber nur, wenn es für die rechtliche Zukunft der Betroffenen hilfreich ist. Manchmal ist es besser, gewisse Fristen verstreichen zu lassen: Dann ist das Erstaufnahmeland nicht mehr verpflichtet, die Asylbewerber zurückzunehmen, und die deutschen Behörden werden zuständig. Die Menschen leben hier viele Monate, manchmal Jahre.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gehen die Kinder zur Schule?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist ganz wichtig. Der Junge aus dem Kosovo, der offiziell illegal in Bremen war, wurde von der Oberschule am Leibnizplatz abgewiesen. Aber als wir einen Gesetzestext vorlegten, wonach Bremer Schulen verpflichtet sind, jeden Jugendlichen zu beschulen, egal welchen Status er hat, wurde er doch aufgenommen. Die Familie ist mittlerweile legal hier und hat eine Wohnung. Der Vater backt regelmäßig Kuchen für unseren Seniorenkreis.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ohne Hilfe wären die Menschen aufgeschmissen. Machen Sie das als Pastor allein?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das würde ich gar nicht schaffen. Zu Beginn bin ich stark eingebunden, dann übernimmt ein freiwilliger Unterstützerkreis die Betreuung. Menschen, die sich rechtlich gut auskennen, aber auch lebenspraktische Dinge besorgen: einen Schrank, einen Computer, Internetanschluss. Zudem gibt es ein Spendenkonto, wo regelmäßig Geld eingeht: Dadurch haben die Menschen im Kirchenasyl wöchentlich etwa 50 Euro zur Verfügung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bewegen sich die Leute frei in der Stadt?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, allerdings mit dem Risiko, abgeschoben zu werden, sollte die Polizei sie aufgreifen. Kirchenasyl hat zwar eine Tradition seit dem Mittelalter, aber es taucht in deutschen Gesetzbüchern nicht auf. Dennoch wird es meist akzeptiert. Selbst wenn bekannt ist, dass Menschen bei uns im Asyl sind, wird die Polizei hier nicht reingehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was sie aber dürften.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ja. Aber der öffentliche Aufschrei wäre groß.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Es ist also noch nie vorgekommen?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doch, in den 1990er-Jahren. Mit sehr negativer Presseberichterstattung über die Polizei, als mein Vorgänger Günter Sanders das publik gemacht hat. Seither wird das Kirchenasyl respektiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dennoch: Es wurden schon Pastoren mit Strafgeldern belegt.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, aber meistens schützen einen die Landeskirchen und der Kirchenvorstand, der formal verantwortlich ist. Unser Vorstand trägt das mit. Das gibt uns Pastoren die Freiheit, schnell zu handeln, wenn wir glauben: Das ist für die Menschen gut. Denn als Pastor fühle ich mich Menschen in Not verpflichtet. Die Religion spielt dabei keine Rolle – die meisten, die wir aufnehmen, sind Moslems.</p>



<h3 class="wp-block-heading">In einigen Bundesländern tolerieren die Behörden Kirchenasyl nur in Altarräumen.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Niedersachsen praktiziert das knallhart: Kirchenasyl gilt nur im Sakralgebäude. Als ich in Peine arbeitete, wurde in einer Nachbargemeinde eine Familie nachts um 11 aus dem Gemeindehaus geholt und abgeschoben. Da war nichts zu machen. Das wird hier zum Glück nicht so stark unterschieden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wo liegt Ihre Erfolgsquote?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei 100 Prozent. Alle, die im Kirchenasyl waren, bekamen eine Aufenthaltsgenehmigung. Das zeigt, wie sinnvoll die Sache ist. Aber man muss Geduld haben, und das ist zugleich das Schwierigste für die Menschen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wie viele haben Ihr Kirchenasyl durchlaufen?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wir führen da nicht Buch, aber es wohnen ständig bis zu fünf Menschen hier. Wir freuen uns, wenn jemand das Haus verlassen und legal in Deutschland bleiben darf. Was aber immer ein schmerzlicher Abschied ist: Familien wohnen zwei Jahre lang hier – und auf einmal sind sie weg! Man gewöhnt sich so aneinander.</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text:<br /><em>Philipp Jarke</em></td><td>Bild:<br /><em>Sabrina Jenne</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/36-kornstrasse/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/03/cover_36.jpg" alt="" class="wp-image-11849" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/03/cover_36.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/03/cover_36-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/03/cover_36-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2016/03/cover_36-1200x800.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>ANKUNFT UND ABSCHIED</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/ankunft-und-abschied/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Dec 2015 05:00:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Abschiebung]]></category>
		<category><![CDATA[Asylantrag]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://zeitschrift-der-strasse.de/?p=6421</guid>

					<description><![CDATA[#34 FLUGHAFEN – Viele Flüchtlinge kommen. Einige müssen wieder gehen – ob sie wollen oder nicht Es sind Bilder, die kaum jemanden unberührt lassen in diesen Tagen: Menschen, die durchnässt und durchgefroren aus heillos überfüllten Booten klettern, mit kaum etwas im Gepäck als dem nackten Leben. Menschen, die bei Nacht und Nebel an Grenzzäunen entlangstolpern, in der Hoffnung, an einem sicheren Ort ein neues Leben zu beginnen. Menschen, die auch hier in Bremen ankommen, mit großen Ängsten und noch größeren Hoffnungen. 3.611 Asylanträge wurden in diesem Jahr bis Ende September allein in Bremen gestellt, drei Mal so viele wie im gesamten Jahr 2013. Viele der Menschen werden vorläufig bleiben können. Einige jedoch nicht. Sie werden wieder abgeschoben – oder reisen, wie es die Behörden formulieren, „freiwillig“ aus. Diese sogenannten freiwilligen Rückführungen geschehen zum Teil mit erheblichem Druck auf die Geflüchteten. „Verlängerungen von Duldungen werden vermehrt an die Bedingung geknüpft, Bestätigungen über Beratungsgespräche vorzulegen. Ihnen wird immer wieder nahegelegt, dass es besser wäre, das Land zu verlassen“, erklärt Marc Milis vom Flüchtlingsrat. Verschärfte Abschieberegeln und ihre &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">#34 FLUGHAFEN – Viele Flüchtlinge kommen. Einige müssen wieder gehen – ob sie wollen oder nicht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind Bilder, die kaum jemanden unberührt lassen in diesen Tagen: Menschen, die durchnässt und durchgefroren aus heillos überfüllten Booten klettern, mit kaum etwas im Gepäck als dem nackten Leben. Menschen, die bei Nacht und Nebel an Grenzzäunen entlangstolpern, in der Hoffnung, an einem sicheren Ort ein neues Leben zu beginnen. Menschen, die auch hier in Bremen ankommen, mit großen Ängsten und noch größeren Hoffnungen. 3.611 Asylanträge wurden in diesem Jahr bis Ende September allein in Bremen gestellt, drei Mal so viele wie im gesamten Jahr 2013. Viele der Menschen werden vorläufig bleiben können. Einige jedoch nicht. Sie werden wieder abgeschoben – oder reisen, wie es die Behörden formulieren, „freiwillig“ aus. Diese sogenannten freiwilligen Rückführungen geschehen zum Teil mit erheblichem Druck auf die Geflüchteten. „Verlängerungen von Duldungen werden vermehrt an die Bedingung geknüpft, Bestätigungen über Beratungsgespräche vorzulegen. Ihnen wird immer wieder nahegelegt, dass es besser wäre, das Land zu verlassen“, erklärt Marc Milis vom Flüchtlingsrat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Verschärfte Abschieberegeln und ihre Auswirkungen auf Flüchtlinge aus dem Westbalkan</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem ersten November gilt zudem ein neuer Asylkompromiss von Bund und Ländern. Demnach sollen nun insbesondere Flüchtlinge aus Albanien, Kosovo und Montenegro schneller abgeschoben werden. Viele von ihnen sind Roma. Bislang hatten die Bundesländer hier einen gewissen Ermessensspielraum. Dieser gilt künftig nicht mehr. Wer eine Aufforderung zur „freiwilligen Ausreise“ verstreichen lässt, muss ohne Ankündigung abgeschoben – und nicht wie bisher eine Woche vor der Abreise informiert werden. Die Polizei muss die Menschen nun ohne Vorwarnung abholen, wenn die freiwillige Ausreise verweigert wurde. Für die Flüchtlinge sei dies oft traumatisierend, schilderte Gundula Oerter von der Flüchtlingsinitiative kürzlich der taz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Frage der Haltung der Innenbehörde</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Noch schiebt Bremen im bundesweiten Vergleich recht wenige Flüchtlinge ab. Tatsächlich wurden 2013 lediglich fünf Personen über den Bremer Flughafen in ihr Heimatland gebracht, 2014 waren es zwei, in diesem Jahr bislang ebenfalls zwei. Die Hansestadt liegt damit im bundesweiten Vergleich auf einem der untersten Ränge – weit hinter Städten wie Frankfurt am Main oder Düsseldorf, die im vergangenen Jahr mehrere Tausend Flüchtlinge von ihren Flughäfen aus abgeschoben haben. „Die geringe Zahl der Abschiebungen ist einer Haltung der Bremer Innenbehörde zuzuschreiben“, sagt Marc Milis.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bremens Rückführungen und die Gründe für die Nutzung des Hamburger Flughafens</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zahlen trügen jedoch auch ein wenig. Denn das Bundesland Bremen schiebt sowohl über den eigenen als auch über den Hamburger Flughafen ab. Zudem können Menschen auch auf dem Landweg in ihre Herkunftsorte reisen. Informationen dazu, wie viele Menschen über Hamburg ausreisen mussten, will die Sprecherin des Senators für Inneres, Rose Gerdts-Schiffler, „aufgrund des derzeitigen Arbeitsvolumens der Ausländerbehörden“ nicht ermitteln. Die Gründe aber legt sie gern offen: Zum einen gebe es vom Hamburger Flughafen aus Direktflüge, die in Bremen nicht angeboten würden. Außerdem könnten Sicherheitsbegleitungen von der Hamburger Bundespolizei besser organisiert werden. Und zu guter Letzt seien die Kosten niedriger: So sei eine Rückkehr von Begleitkräften noch am selben Tag möglich, während beim gleichen Routing von Bremen aus aufgrund späterer Flugzeiten eine Übernachtung vor Ort mit Hotelkosten notwendig wäre.</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text:<br /><em>Benjamin Eichler und Tanja Krämer</em></td><td>Foto:<em> </em><br /><em>Caruso Pinguin/flickr.com</em></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/34-flughafen/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1.jpg" alt="" class="wp-image-11840" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-1200x800.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das müssen wir hinkriegen – für alle!</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/das-muessen-wir-hinkriegen-fuer-alle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Nov 2015 09:00:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hinz&Kunzt]]></category>
		<category><![CDATA[Obdachlose]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://xeee.de/?p=122</guid>

					<description><![CDATA[Gastbeitrag von Hinz&#38;Kunzt, Hamburg: Freunde fragen mich manchmal, ob es mich frustriert, wenn sie oder andere sich jetzt intensiv für Flüchtlinge engagieren – und die Obdachlosen so ins Hintertreffen geraten. Nein, dass sich so viele um die Neuankömmlinge kümmern und offen für sie sind, finde ich richtig toll. Das macht mir Mut für die Zukunft. Das geht übrigens nicht nur mir so, sondern auch anderen in unserem Team von Hinz&#38;Kunzt. Ein Kollege ist ganz aktiv als Flüchtlingshelfer, auch viele Obdachlose und Ex-Obdachlose engagieren sich. Und die Obdachlosen sind dadurch nicht ins Hintertreffen geraten. Sie waren es schon, bevor die Flüchtlinge kamen. Nur wird jetzt erst so richtig deutlich, was alles möglich ist, wenn eine ganze Stadt sich anstrengt. Hamburg hat, wie Bremen viele Tausende Menschen untergebracht. Mehr schlecht als recht, aber immerhin. Politiker, Behördenmitarbeiter, Mitarbeiter der Unterkünfte, Freiwillige – sie arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung. Diese Meisterleistung unserer Städte begeistert mich. Und machen mich gleichzeitig ein bisschen neidisch. Warum wird das Thema Obdachlosigkeit nicht mit derselben Power angepackt? Ich komme mir schon vor &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Gastbeitrag von <a href="https://www.hinzundkunzt.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hinz&amp;Kunzt</a>, Hamburg: Freunde fragen mich manchmal, ob es mich frustriert, wenn sie oder andere sich jetzt intensiv für Flüchtlinge engagieren – und die Obdachlosen so ins Hintertreffen geraten.</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, dass sich so viele um die Neuankömmlinge kümmern und offen für sie sind, finde ich richtig toll. Das macht mir Mut für die Zukunft. Das geht übrigens nicht nur mir so, sondern auch anderen in unserem Team von Hinz&amp;Kunzt. Ein Kollege ist ganz aktiv als Flüchtlingshelfer, auch viele Obdachlose und Ex-Obdachlose engagieren sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Obdachlosen sind dadurch nicht ins Hintertreffen geraten. Sie waren es schon, bevor die Flüchtlinge kamen. Nur wird jetzt erst so richtig deutlich, was alles möglich ist, wenn eine ganze Stadt sich anstrengt. Hamburg hat, wie Bremen viele Tausende Menschen untergebracht. Mehr schlecht als recht, aber immerhin. Politiker, Behördenmitarbeiter, Mitarbeiter der Unterkünfte, Freiwillige – sie arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Meisterleistung unserer Städte begeistert mich. Und machen mich gleichzeitig ein bisschen neidisch. Warum wird das Thema Obdachlosigkeit nicht mit derselben Power angepackt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich komme mir schon vor wie der letzte Jammerlappen, wenn wir Mitarbeiter der Obdachlosenhilfe gebetsmühlenartig wiederholen, dass es keine bezahlbaren Wohnungen oder Unterkünfte mehr gibt. Und mit den Jahren jammern wir auf immer niedrigerem Niveau. Früher forderten wir bezahlbaren Wohnraum für Obdachlose, dann wenigstens Einzelzimmer in Unterkünften, jetzt: dass sie überhaupt ein Bett bekommen. Und neulich, der Tiefpunkt: dass sie in einer verdreckten Ecke in der City liegen bleiben dürfen, weil die immerhin überdacht ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber den politischen Willen, Obdachlose unterzubringen, den gibt es eben nicht. Trotz aller Sympathiebekundungen. Das schürt den Verteilungskampf, und so wird eine Gruppe von Menschen in Not gegen die andere ausgespielt. Das macht sich natürlich auch bei uns im Projekt bemerkbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neulich mussten wir einen Hinz&amp;Künztler für einen Tag rausschmeißen. „Pack“, hatte der gebrüllt, mit allem Hass, den er gerade zur Verfügung hatte. Die Flüchtlinge seien „ein PACK“. Konflikte dieser Art sind wir gewohnt. Hinz&amp;Kunzt ist ein Kooperationsprojekt – zwischen Menschen, die schon als Kinder Rückhalt hatten, und solchen, die nie auf Rosen gebettet waren. Je weniger einer vom Leben bekommen hat, desto weniger hat er oft auch zu geben. Binsenweisheit: Je weiter unten einer steht, desto größer der Wunsch, dass unter ihm noch einer stehen müsse. Das mag ihm Sicherheit geben. Das alles können wir verstehen, aber nicht tolerieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsprechend berührt sind wir, wenn Menschen aus unseren Reihen sich eben nicht ausspielen lassen und sich sogar noch für andere engagieren. Das erleben wir derzeit eben auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn Fakt ist: Allen geht es schlecht. Den Flüchtlingen und den Obdachlosen – und den EU-Wanderarbeitern, von denen gerade niemand mehr spricht. Alle brauchen ein Dach über dem Kopf – menschenwürdig und ohne Wenn und Aber.<br /></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Birgit Müller</em></td><td>Beitragsbild: <br /><em><a href="https://www.flickr.com/photos/peronimo/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Per Gosche/flickr.com</a></em></td></tr><tr><td>Chefredakteurin des Hamburger Straßenmagazins <a href="https://www.hinzundkunzt.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hinz&amp;Kunzt</a>. Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form in der Ausgabe 10/2015 erschienen. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von Hinz&amp;Kunzt.</td><td></td></tr></tbody></table></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/34-flughafen/"><img loading="lazy" decoding="async" width="1250" height="833" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1.jpg" alt="" class="wp-image-11840" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1.jpg 1250w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-300x200.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-840x560.jpg 840w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/12/cover_34-1-1200x800.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 1250px) 100vw, 1250px" /></a></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kopf kaputt</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/kopf-kaputt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Oct 2015 13:46:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Unterricht]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://xeee.de/?p=751</guid>

					<description><![CDATA[BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben. Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">BISS/München: Unsere Autorin hat fünf Monate lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Ein Erfahrungsbericht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im September 2014 war mir per E-Mail ein Notruf zur Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zugegangen: &#8222;Wir suchen dringend Betreuer, die irgendwie pädagogisch geschult bzw. geeignet sind.&#8220; Da die Bayernkaserne als Erstaufnahmestelle aus allen Nähten platzte und die Plätze in den Münchner Clearingstellen für Jugendliche alle schon besetzt waren, richteten die freien Träger der bayerischen Jugendhilfe im Herbst letzten Jahres mehrere Notunterkünfte als Dependancen der Bayernkaserne ein. In einer solchen Unterkunft – einem umfunktionierten Versammlungssaal – sollten 25 männliche Jugendliche wohnen und auch in Deutsch unterrichtet werden. &#8222;Das entspricht nicht gerade dem, was wir uns unter Jugendhilfe vorstellen, aber im Moment bricht einfach alles zusammen&#8220;, hatte die Verantwortliche des freien Trägers in der E-Mail geschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Sprachschule Inlingua hatte ich einen Sommer lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet für junge spanische Ingenieure, ehrgeizige osteuropäische Akademikerinnen, verwöhnte Austauschschüler aus den USA und den Emiraten. Gerade war ich knapp bei Kasse, und so hoffte ich, ein paar Arbeitsstunden als Deutschlehrerin für Flüchtlinge in meine Freiberuflichkeit zu integrieren. Beim Helfertreffen erfuhr ich jedoch, dass man schon genug Lehrer gefunden hatte. Nur Ehrenamtliche wurden noch gesucht, für Ausflüge und Unternehmungen mit den Flüchtlingen sowie Nachhilfeunterricht. Mein Freund schimpfte über meine Unvernunft, als ich erklärte, dass ich trotzdem hingehen würde, schon allein aus Neugier. Und so kam ich Anfang Oktober zum ersten Mal in die Einrichtung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der, die, das“ in der Notunterkunft</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Tüte hatte ich Alltagsgegenstände und bunte Bilder dabei, mit denen ich den Flüchtlingen ein paar Vokabeln und die Artikel beibringen wollte. Meine Schüler waren 14 bis 18 Jahre alt, kamen aus Afghanistan und mehreren afrikanischen Ländern. Zwei Monate später würden sie beginnen, mich damit aufzuziehen, mich schelmisch zu fragen: &#8222;Wo sind heute der Apfel und die Zeitung?&#8220; Die sechs Jungs, um die ich mich an diesem Tag kümmern sollte, konnten mir alle schon erzählen, wie sie heißen, woher sie kommen und dass sie in München wohnen. Die Grammatik – &#8222;der, die, das&#8220; – saugten sie förmlich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Ehrenamtliche Nachhilfe&#8220; hätte der Kalendereintrag der Leiterin der Unterkunft wohl gelautet, wenn es einen für meine Stunde gegeben hätte. Tatsächlich erinnerte sich aber an diesem Morgen niemand, mich bestellt zu haben. Hinterher kam die Chefin der Unterkunft auf mich zu, erstaunt über die Ruhe in meiner Klasse. Wenn ich so ernsthaft Unterricht halte, müsse ich auch wie die anderen Lehrerinnen bezahlt werden, sagte sie. Und so kam es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Raum für 30 Personen, keine Küche, notdürftige Sanitäranlagen im Keller, und das letztlich für sechs statt, wie geplant, für zwei Monate – vieles war nicht optimal in der Notunterkunft, doch den Deutschunterricht ließ sich der Wohlfahrtsverband der Einrichtung etwas kosten. Zusätzlich zu dem für die minderjährigen Flüchtlinge obligatorischen vierstündigen Nachmittagskurs in einer Sprachschule engagierten sie insgesamt drei Lehrkräfte. Jeden Vormittag unterrichteten zwei von uns parallel von zehn bis 13 Uhr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hygiene statt Deutsch</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Antritt meiner neuen Tätigkeit klärte mich eine Kollegin darüber auf, dass viele der Jugendlichen noch keiner medizinischen Erstuntersuchung unterzogen worden waren. Und das auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie! &#8222;Pass auf, dass du ihnen nicht zu nahe kommst!&#8220;, lautete die Empfehlung meiner Kollegin. Manchmal, wenn ich mich über ein Aufgabenheft beugte oder einem Schüler half, der beim Schreiben an der Tafel ins Stocken geriet, erschrak ich – den Mundgeruch des Schülers wahrnehmend – im Gedanken an die Warnung. Doch meine Angst legte sich nach drei Wochen – und ebenso der allgemeine Mundgeruch. Man stellte nämlich fest, dass viele Jungs die Zahnpasta als Creme verwendeten, und so stand einen Vormittag lang statt Deutsch Hygiene auf dem Stundenplan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schüler, die ich an meinem ersten Tag kennengelernt hatte, gehörten, wie ich nun merkte, zur Gruppe A1, der Gruppe, die besonders schnell lernte. Einer von ihnen – ein hübscher, hochgewachsener Afghane namens Massoud*, der Medizin studieren wollte – brachte es innerhalb von drei Monaten so weit, dass er in die achte Klasse einer normalen Realschule aufgenommen wurde. Ein anderer, Mukhtar, hätte es aufgrund seiner Leistungen auch geschafft, hatte aber keinen engagierten Vormund, der sich kümmerte und ein solches Vorrecht für ihn erstritt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Sprachbilder auf Weltbilder treffen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Gruppe A1 mit rund fünf Schülern gab es zwei Anfängergruppen, aus denen sich auf Dauer drei Gruppen entwickelten: eine gute Mittelstufengruppe A2, die zwischenzeitlich bis zu sechs Schüler umfasste, eine Gruppe B2, deren vier bis sieben Teilnehmer keinerlei Fortschritte machten, und eine Gruppe B1, deren Schüler – zehn bis zwölf an der Zahl – nicht im Unterricht erschienen. Der 14-jährige Eritreer Tzegay war so ein Kandidat. Er lernte statt Deutsch lieber Dari, die afghanische Variante des Persischen, und das mit beachtlichem Erfolg, wie die Afghanen versicherten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass der etwa gleichaltrige Rezene dem Unterricht nach einer Weile fernblieb, war zunächst eine Erlösung für mich. Er redete ununterbrochen laut auf seine Mitschüler ein und hatte etwas Abschätziges im Blick. Alle waren in den ersten paar Wochen unruhig, aber niemand machte es mir so schwer wie Rezene. Um Formulierungen wie &#8222;Woher kommt er? Welche Sprache spricht sie?&#8220; zu üben, hatte ich bei meinen Kursen an der Sprachschule Inlingua Bilder von Prominenten gezeigt. Bei den Flüchtlingen erwies sich das als schwierig. Die meisten kannten weder Queen Elizabeth noch Angela Merkel, Lionel Messi oder Nelson Mandela. Also zog ich ziemlich oft die Karten &#8222;Papst&#8220; und &#8222;Obama&#8220;. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war für Rezene ein rotes Tuch: &#8222;Amerika! Amerika!&#8220;, rief er hasserfüllt. &#8222;And this!&#8220;, er verdrehte wild die Augen und sein Zeigefinger schnellte auf das Papstbild zu. Die Mehrzahl der Eritreer in der Einrichtung waren Christen, Rezene war einer der wenigen Muslime. Nachdem er derart rebelliert hatte, sah ich ihn monatelang nicht mehr. Erst Anfang Februar, kurz bevor die Notunterkunft aufgelöst wurde, tauchte er zweimal unvermittelt in meinem Kurs auf. Ich schaffte nicht, ihn in den Unterricht von Gruppe A2 zu integrieren. Ich konnte ihm nur irgendein einfaches Arbeitsblatt geben und ihm zwischendurch immer wieder eine Minute Aufmerksamkeit schenken. Er war geduldig, wie verwandelt, und ich freute mich darüber.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unterdrücker-Schauspiel</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es hat in der Einrichtung am Münchner Hauptbahnhof immer auch Konflikte gegeben. Einige Afghanen blickten auf die Schwarzen herab. Afrooz aus der Fortgeschrittenengruppe machte einmal eine Andeutung mit Bananen und Affengeräuschen und wurde dafür von meiner Kollegin für drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Angeblich musste auch ein paar Mal nachts die Polizei kommen, um eine Prügelei zu schlichten oder einen Handy-Dieb zu stellen. Einmal kamen Rezene und Girmay nach der Stunde zu mir nach vorn. Rezene ergriff Girmays Hand und zwang ihn zu Boden, indem er seine Finger schmerzhaft nach oben drückte. Er sagte etwas zu ihm auf Tigrinya, in der Sprache, die man in Eritrea spricht, und im Befehlston. Daraufhin begann Girmay Liegestütze zu machen, während Rezene mitzählte. Ich war schockiert von diesem Unterdrücker-Schauspiel. Zugleich war mir klar, dass ein gewisses Gewaltpotenzial in einer Gruppe von Halbwüchsigen normal ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allen mehr oder weniger ernsten Problemen zum Trotz verstanden sich die Jungs untereinander und mit dem Team der Einrichtung aber immer besser. Der Security-Mann begann, Mathematik-Nachhilfe zu geben und mit den Flüchtlingen Schach oder &#8222;Mensch ärgere Dich nicht&#8220; zu spielen. Die Jugendlichen interessierten sich für mich und meine Kolleginnen, fragten, wie wir lebten, ob wir Kinder hätten, und auch mal, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ins Schwimmbad zu gehen. Als ob eine Lehrerin noch Autorität über eine Gruppe männlicher Teenager haben könnte, nachdem sie im Bikini vor ihnen gestanden hat!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Fußballtoren und Fernsehdeutsch</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Weihnachtsfrühstück wurden Fotos von fröhlichen Fußballturnieren und gemeinsamen Zoobesuchen gezeigt, die dank der Ehrenamtlichen realisiert werden konnten. Meistens wurde irgendwo in der Unterkunft gelacht, Musik gehört, Kicker gespielt – wobei es bei den Jungs zum guten Ton gehörte, dass sie jubelten, wenn ich einmal ein Tor schoss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Klassenraum wurde zugleich auch als Fitness- und Fernsehzimmer genutzt. Einmal saß bei meiner Ankunft bereits ein kleines Grüppchen vor dem Fernseher. &#8222;Guten Morgen! Was guckt ihr denn da?&#8220;, begrüßte ich sie. &#8222;Das ist gut für Deutsch&#8220;, erklärte Dawit. Shopping-TV. &#8222;Diese Hose gibt es in den Farben Grau, Blau und Schwarz.&#8220; Die Moderatorin sprach langsam und eindringlich. Ihr Assistent präsentierte währenddessen die graue, dann die blaue, dann die schwarze Hose. &#8222;Die Hose lässt sich auch sehr leicht bügeln&#8220;, erklärte die Moderatorin, und schon gab es einen Close-up-Shot auf ein Bügeleisen, das über die Hose fuhr. &#8222;Rufen Sie heute noch an!&#8220; Ein klingelndes Telefon wurde eingeblendet. &#8222;Dann bekommen Sie diese Uhr als Geschenk.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die besten Waffen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ist mein Unterricht wirklich besser als das, überlegte ich. Zumindest bemühte ich mich darum. Ich hatte durch Rezene etwas gelernt. Ich fing an, für die extrem langsame Anfängergruppe B2 passendes Unterrichtsmaterial zu konzipieren: Arbeitsblätter mit lustigen Männchen dunkler Hautfarbe, unter die ich &#8222;Naom. Eritrea&#8220;, &#8222;Zenep. Sudan&#8220; oder Ähnliches schrieb. Anhand dieser Zettel übten wir nun das &#8222;Er/sie heißt … Er/sie kommt aus &#8230;&#8220; Wie jeder Mensch waren auch meine B2-Schüler genervt, wenn wir jede Stunde das Gleiche machten. Oft verstanden sie es aber trotz der Wiederholung immer noch nicht. Sie mussten zum Teil traumatisiert sein, zum Teil nahezu lernbehindert. Nach mehreren Monaten war jede von uns Lehrerinnen zu dem Schluss gekommen, dass sich die meisten Schüler der B2-Gruppe nie in ein normales Schulsystem würden integrieren lassen, nur in eine Förderschule.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Mittelpunkt dieser Gruppe stand der Junge, der während der Monate in der Einrichtung die größte Veränderung durchmachte: Hamsa. Hamsa, dem auf der Flucht ein Ohrläppchen abgeschnitten wurde, weil er der Schlepperbande nicht genug bezahlen konnte. Nichts konnte er sich merken, gar nichts. &#8222;Ich heiße &#8230; Wie heißt du?&#8220; Unendlich langsam lernte er, überhaupt Wörter nachzusprechen. Alles war für ihn 20-mal so schwer wie für einen Schüler mit normaler Begabung, aber er ließ nicht locker. Irgendwann entdeckte er seine Methode des Lernens: Er schrieb jeden Satz dreimal auf, immer mit der Übersetzung in seine Muttersprache Tigrinya. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Hamsa lernt – und wächst über sich hinaus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal sprach er mir den Satz auf Tigrinya andächtig vor, und ich versuchte ihn nachzusprechen. Das brachte ihn immer zum Lachen. Und wenn ich morgens in die Klasse kam, saß er schon im Schneidersitz unter dem Tisch und murmelte die deutschen Sätze immer wieder vor sich hin. Selbst die ehrgeizigsten Schüler aus der Fortgeschrittenengruppe berichteten voller Ehrfurcht von Hamsa, der manchmal bis tief in die Nacht lernte. Und es funktionierte. Ich war so stolz, wenn er etwas richtig machte. &#8222;Ich bin seit August in Deutschland.&#8220; &#8222;Der Deutschkurs beginnt um zehn.&#8220; &#8222;Ich lerne gern Deutsch.&#8220; Man kann wirklich alles schaffen, was man will, dachte ich dann und musste die Tränen unterdrücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nach etwa einem Monat war seine fleißige Phase vorbei. Er hing mit den anderen herum, schwänzte den Unterricht. Dafür war er aber viel offener geworden, lachte und begrüßte mich, wenn wir uns mal sahen, mit einem kumpelhaften Aneinanderstoßen der Fäuste. Was er gelernt hatte, vergaß er weitgehend wieder, aber er hatte sich Selbstbewusstsein erarbeitet, einen lebendigen Blick, eine natürliche Coolness, eine Lebens- und Kommunikationsfreude. Für seine Mitbewohner war er allem Anschein nach eine Respektsperson geworden, und all das war mindestens genauso wertvoll wie Deutschkenntnisse. Der Kampf ums Überleben geht für die Flüchtlinge in Deutschland weiter, und ein offenes Wesen, Charme und Intellekt sind hier die besten Waffen, das zeigte sich nirgends so deutlich wie beim Thema Vormundschaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Premium-Flüchtlinge</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Prinzip hätten es alle verdient gehabt, einen netten Vormund zu bekommen, der sich für sie interessiert und sie unterstützt. Am meisten hätten es diejenigen verdient gehabt, die so traumatisiert waren, dass sie nicht mehr lächeln konnten, die so viel Schlechtes erfahren hatten, dass sie nicht nett sein konnten. Ich fühlte mich zu jung und zu wenig sesshaft, um Vormund zu sein, aber manchmal dachte ich, ich hätte gern eine Vormundschaft für Azim übernommen, der immer wieder für eine Woche in die geschlossene Psychiatrie musste, weil er schlimme psychotische Anfälle hatte. Er brach zusammen, schlug um sich und konnte sich hinterher an nichts erinnern. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages bestellte die Leiterin der Einrichtung deshalb einen eritreischen Schamanen – nicht etwa, um Azim zu heilen, sondern um die Eritreer zu beschwichtigen, die seinetwegen in Panik geraten waren. Sie glaubten, dass Azim von Dämonen besessen sei und dass diese Dämonen nun auch auf sie überspringen könnten. Azim hatte bei einem Bombenanschlag auf ein libysches Gefängnis miterleben müssen, wie fast alle seine Mithäftlinge getötet wurden. Er selbst war mit dem Leben davongekommen, hatte aber einen Splitter ins Auge bekommen und war seitdem auf diesem Auge blind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Trauma und Neuanfang</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Nahom hätte einen guten Vormund gebraucht: Er tat sich sehr schwer mit dem Lernen und überhaupt mit jeglicher Kommunikation, war so in sich gekehrt, so unheilbar traurig und sein irgendwie zu großes Gesicht zu allem Überfluss mit Eiterpickeln übersät. Ich hatte für den Unterricht eine riesige Weltkarte mitgebracht, die die Jungs faszinierte. Die meisten von ihnen sahen wohl zum ersten Mal so eine Karte, waren aber nicht in der Lage, ihr Heimatland zu lokalisieren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages in der Pause blieb Nahom vor der Karte stehen. Er zeichnete mit dem Finger seinen Weg von Afghanistan bis an die Küste des Libanon nach. &#8222;This?&#8220;, fragte er und zeigte auf das Blau. &#8222;Das Meer&#8220;, sagte ich. &#8222;Meer &#8230; Und this?&#8220; Er macht eine schaukelnde Handbewegung. &#8222;Boot?&#8220;, fragte ich. &#8222;Ja, Boot! Boot big problem. Thirty dead body in the Meer.&#8220; Stille. Nach einer Weile sagte ich: &#8222;Gut, dass du hier bist&#8220;, und strich über seinen Arm beziehungsweise die dicke Daunenjacke, in der er steckte. Einige der Flüchtlinge trugen immer ihre Daunenjacke, wie Schutzpanzer. Das waren nicht die, die einen guten Vormund bekommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hanibal hatte Glück. Eine reiche Münchnerin hatte einen Sack gebrauchter Kleidung gebracht und mit einigen der Flüchtlinge einen Ausflug in den Zoo unternommen. Dann suchte sie sich denjenigen aus, der am charmantesten und intelligentesten war, einen, mit dem man sich sehen lassen konnte, einen richtigen Premium-Flüchtling. Obwohl er oft unaufmerksam war oder gar nicht kam, war Hanibal fast der beste Schüler meiner Mittelstufenklasse. Frau Vormund lud ihn am Wochenende zu sich nach Hause ein und übte mit ihm Deutsch. Danach durfte er durch die Clubs in der Kultfabrik ziehen. Wenn er mich sah, kam er mit einem breiten Grinsen auf mich zu und verwickelte mich in irgendeinen Smalltalk. Er war anzüglich, aber auf eine lustige Weise.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Schulbuch war eine Konversationsübung vorgegeben, die auf einem fingierten Fehler basierte. Ich probte mit Hanibal: &#8222;Mein Bein tut weh!&#8220;, sagte ich und hielt mir den Arm. &#8222;Das ist nicht dein Bein, das ist dein Arm&#8220;, lautete die vorgeschriebene Antwort aus dem Buch. Das war Hanibal zu blöd. Er warf mir einen trägen, zärtlichen Blick zu: &#8222;Ich mach dir eine Massage&#8220;, sagte er. Ein paar Mal lud er mich ein, in der Flüchtlingsunterkunft zu Mittag zu essen. Während die anderen Jungs sich nicht einmal zu mir an den Tisch trauten, setzte sich Hanibal direkt neben mich, rutschte immer näher und zeigte mir auf seinem Handy Fotos von seiner neuen Familie. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der offiziell 17-Jährige – wahrscheinlich war er älter – hatte tatsächlich angefangen, seinen Vormund &#8222;Mama&#8220; zu nennen. Hin und wieder sah ich sie zusammen. Er schmiegte sich an sie, legte ihr den Arm um die Schulter, so wie er es bei seinen Freunden auch machte. Als ich erfuhr, dass er am Wochenende bei ihr geschlafen hatte, war ich skeptisch. &#8222;Ist sie deine Mama <em>und</em> deine Freundin?&#8220; Er verstand. &#8222;Nein&#8220;, grinste er. &#8222;Sie ist meine Mama und mein <em>Vormund</em>.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">50 Euro und eine Zahnbürste</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hanibal und sein Freund Filiam, ein verträumter 17-Jähriger – der Einzige, der nach wenigen Monaten eine Freundin hatte -, sorgten dafür, dass die Stimmung in der A2-Gruppe ständig erotisch aufgeladen war. Einmal zog Hanibal im Unterricht Filiam zu sich heran und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. &#8222;In Eritrea ist das kein Problem&#8220;, erklärte er mir. &#8222;Auch Männer schlafen in einem Bett. Kein Problem. Aber in Deutschland nicht okay.&#8220; Dennoch habe ich in Hanibal nie nur einen Lüstling gesehen, sondern auch einen Jungen, der intelligent und fröhlich ist trotz schweren Schicksals. Als ich versuchte, den Schülern den Unterschied zwischen &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220; beizubringen, war Hanibal der Erste, der begriff und ein Beispiel parat hatte: &#8222;Meine Eltern sind vor neun Jahren gestorben.&#8220; Und: &#8222;Meine Eltern sind seit neun Jahren tot. – Richtig?&#8220; &#8222;Äh &#8230; ja, richtig. Das tut mir leid.&#8220; &#8222;Kein Problem.&#8220; Beide sind sie am selben Tag gestorben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages fragten mich die Schüler nach der Bedeutung des Wortes &#8222;Hure&#8220; und der männlichen Form davon, um mir dann zu erzählen, dass Temesgen sich angeblich prostituiere – für 50 Euro pro Freier. Während die Schüler leidenschaftlich zu moralisieren begannen – &#8222;Fickificki machen mit der Freundin ist okay, aber das ist nicht okay&#8220; –, nahmen meine Gedanken eine ganz andere Richtung: Wer sich von Eritrea bis nach München durchgeschlagen hat, ist erwachsen. Ihr müsst zwar lernen, wie man Zähne putzt, aber was Prostitution, was Vergewaltigung bedeutet, wisst ihr wahrscheinlich besser als ich. Soll ich euch etwas vom Ausgeliefertsein erzählen, euch, die ihr, auf rostige Boote gepfercht, über das Mittelmeer gefahren seid mit einer Scheibe Brot pro Tag als Verpflegung? </p>



<h3 class="wp-block-heading">Temesgen, das iPhone und die Sache mit der Liebe</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Soll ich euch sagen, dass Prostitution sozial inakzeptabel ist, euch, die ihr in Deutschland sowieso hin und her geschoben werdet wie Vieh? Soll ich euch auf die Gefahren des Straßenstrichs aufmerksam machen, euch, die ihr von Schlepperbanden im Jemen oder in Libyen festgehalten wurdet? Soll ich euch sagen: &#8222;Nicht alle Leute meinen es gut mit euch!&#8220;? Vielleicht hältst du hinterher dein heiß ersehntes iPhone in der Hand, lieber Temesgen, und denkst: Das war es wert. Nur schließ es dann bitte nachts in deinem Spind ein! &#8222;Prostitution ist nicht gut&#8220;, sagte ich schließlich. &#8222;Sie ist sehr schlecht.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit abstrakten Begriffen konnten die Schüler wenig anfangen. Wörter wie &#8222;Fußabstreifer&#8220; und &#8222;Versichertenkarte&#8220; lernten sie mit Begeisterung, aber was &#8222;das Leben&#8220; sein soll, leuchtete ihnen nicht ein. In allen Aufsätzen las ich aber &#8222;Liebe&#8220;. Liebe und Sex waren für unsere Flüchtlinge schätzungsweise noch wichtiger als für andere Gleichaltrige. Sie kamen aus Gesellschaften, in denen Frauen verschleiert und oft sogar beschnitten sind, plötzlich nach Deutschland, wo auf jedem zweiten Werbeplakat eine überlebensgroße Frau in Unterwäsche abgebildet ist. Zum ersten Mal im Leben schämte ich mich dafür, dass hier überall solche Plakate hängen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Lernen mit Sehnsucht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig erlebten die Flüchtlinge einen totalen Liebesentzug: Geliebte Eltern und Geschwister waren für sie außer Reichweite, Mädchen, in die man sich verlieben könnte, gab es aber auch nicht, weder in der Unterkunft noch in den nachmittäglichen Sprachkursen. Mädchen kennenlernen würden sie wohl erst, wenn sie den Sprung auf eine normale Schule oder Berufsschule geschafft hätten, das war ihnen auch klar. So hing über der Tafel ein Zettel, den einer von ihnen mit rotem Filzstift geschrieben hatte, als Motivation für alle: &#8222;The sooner you learn Deutsch = The sooner you find a girlfriend&#8220; (Je eher du Deutsch lernst, desto eher findest du eine Freundin).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur Abstrakta, auch Verhältniswörter bereiteten den meisten Schülern Schwierigkeiten. Begriffe wie &#8222;seit&#8220; und &#8222;vor&#8220;, &#8222;erst&#8220; und &#8222;schon&#8220; verursachten Frust und wurden wieder vergessen. Ende Januar war jedoch plötzlich eine Präposition in aller Munde: &#8222;außerhalb&#8220;.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Außerhalb</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Extra-Deutschunterricht war eine gute Investition. Einige der Flüchtlinge machten auf diese Weise sehr schnelle Fortschritte. Möglicherweise wollte der freie Träger der Einrichtung damit aber auch erreichen, dass die Halbwüchsigen weniger in der Stadt herumstreunten und nicht so schnell rebellisch wurden. Die materiellen Bedingungen in der Notunterkunft waren für einen Zeitraum von sechs Monaten nämlich alles andere als ideal: 30 Jugendliche in einem Schlafraum! Mit der Zeit hängten sie Bettlaken auf und schoben die Hochbetten und Spinde so zurecht, dass einzelne Bereiche entstanden, die wenigstens einen Hauch von Privatsphäre vermittelten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Nächte in dem großen Saal müssen trotzdem furchtbar gewesen sein. Viele Schüler beschwerten sich, nicht schlafen zu können. Und wie gern hätten sie eine Küche gehabt, um selbst kochen zu können. Die Leitung der Unterkunft zauberte einen eritreischen Ehrenamtlichen aus dem Hut, der einmal ein eritreisches Mittagessen für alle besorgte. Dennoch war das nicht dasselbe wie eine eigene Küche, und so zettelten die Jungs eines Tages wegen der schlechten Bedingungen einen Hungerstreik an. Doch die Chefin der Unterkunft wusste sie umzustimmen. Es lohne sich, durchzuhalten, wurde ihnen vermittelt, denn der Wohlfahrtsverband besitze ein Haus in München, in das sie bald alle zusammen einziehen würden. Es sei im Umbau und schon fast fertig. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus: Meine Kollegin und einige unserer Schüler machten einen Ausflug zu diesem Haus und stellten fest, dass die Umbaumaßnahmen noch nicht einmal begonnen hatten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Keine Wahl, nur Entscheidungen unter Zwang</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Ende Januar war zum ersten Mal die Rede davon, dass die Flüchtlinge in Kleingruppen aufgeteilt und außerhalb Münchens untergebracht werden müssten. Nun fühlten sie sich belogen und zeterten, sie seien auf keinen Fall bereit, München zu verlassen. Es gab ein quälend langes Hin und Her. Wahrscheinlich würden sie bayernweit verschickt werden, aber ob in einer Woche oder einem Monat und wohin, das konnte keiner sagen. Von Schwandorf war die Rede und von Fürth. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Hanibal sich auf einen Berlin-Urlaub mit seiner &#8222;Mama&#8220; freuen durfte, die sich bereit erklärt hatte, ihn nach Schließung der Notunterkunft dauerhaft bei sich aufzunehmen, wurden die anderen Jungs regelrecht weichgekocht. &#8222;Ich kann nicht, Kopf kaputt&#8220;, diese Ausrede im Unterricht hörte ich jetzt täglich – und ließ sie meistens gelten. Es kam mir perfide vor: Die Flüchtlinge wurden letztlich gezwungen, München zu verlassen. Man stellte ihnen keine Alternative in Aussicht. Und dennoch konnte man sie nicht gegen ihren Willen umsiedeln. Also mussten sie selbst entscheiden und unterschreiben – obwohl sie gar nicht genau wussten, was sie da unterschrieben, da niemand bereit war, ihnen die Adressen der neuen Unterkünfte zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich daran, wie zwei Betreuer und die Chefin der Unterkunft auf Efret einredeten, er müsse jetzt sofort entscheiden, ob er nun nach Schwandorf gehen wolle oder nicht. &#8222;Dort wirst du leichter einen Arbeitsplatz finden&#8220;, erklärten sie ihm. Solche Argumente machten mich wütend. Dabei war mir das Grundproblem klar: Es war nötig, dass die Jungs so schnell wie möglich einen Platz in einer richtigen Jugendhilfe bekamen, sonst riskierten sie, an ihrem 18. Geburtstag in die Bayernkaserne zu müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenn Zahlen nicht zur Wirklichkeit passen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Flüchtling, der noch nicht 18 ist, wird in Deutschland nicht abgeschoben und hat einen Anspruch auf Schule und Jugendhilfe. Deshalb geben sich so viele als Minderjährige aus, was dann vom Jugendamt geprüft wird. Die Resultate solcher Alterseinschätzungen des Jugendamtes erschienen uns, die wir die Schüler fast täglich erlebten, jedoch in vielen Fällen grotesk. Musterschüler Massoud aus Afghanistan war ein besonnener, gebildeter, höflicher, 1,80 Meter großer junger Erwachsener – und wurde als 15-jährig eingestuft. Martins aus Nigeria hielten wir eher für 30 als für 17. Er erzählte oft von der Firma, in die er in Nigeria involviert war, scheinbar mindestens als Teilhaber. Andererseits war da Girmay aus Eritrea, der während der sechs Monate enorm in die Höhe schoss. Auf den Brief, in dem das Jugendamt geschrieben hatte, er sei 17 Jahre alt, war er so stolz, wie es nur ein 14-, 15-Jähriger sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Girmay mit seiner Ausgelassenheit, seinen strahlenden Augen und seiner makellosen Haut. Er hatte eine kindliche Unschuld, als sei ihm nie etwas Böses begegnet. Von Girmay lernte ich das einzige Wort auf Tigrinya, das ich nie vergessen werde: &#8222;Aiuaaa&#8220; heißt (wenngleich es natürlich ganz anders geschrieben wird) so viel wie &#8222;Aha&#8220;. Seine kleinen Erleuchtungen brachten mir viel Freude, ihr intellektueller Wert war jedoch gering. Girmay machte beim Lernen kaum Fortschritte. Dafür lachte er umso mehr und kommunizierte mit Händen und Füßen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Girmays Weg und die Umsiedlung der Eritreer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dass er den Weg von Eritrea bis nach München geschafft hatte, konnte ich kaum glauben. Er musste einfach vom Himmel gefallen sein. Oder Teferi hatte ihn hergebracht. Teferi, sein Freund. Er war klein, mit Augen, die schon alles gesehen hatten, ein richtiges Straßenkind. Er ruhte sich in der Flüchtlingsunterkunft ein paar Wochen lang aus – so wirkte es –, und irgendwann verschwand er. Drei Tage später erfuhren wir, dass er in Schweden lebt. Und auch Girmay entging der Umsiedelung nach Schwandorf: Eine meiner Kolleginnen, die sich über die Fehleinschätzung seines Alters ärgerte, übernahm die Vormundschaft für ihn und besorgte ihm einen Platz in der Münchner Jugendhilfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die anderen? Das Jugendhaus in Schwandorf, für das Efret sich so eilig entscheiden sollte, hatte mehr als ein Dutzend Plätze frei. Schließlich wurde noch eine nette, wirkungsvolle Weise gefunden, die Jungs zu überzeugen: Eine Sozialarbeiterin aus Schwandorf kam extra nach München, um sich vorzustellen und von ihrer Einrichtung zu erzählen. Der Großteil unserer Eritreer zog schließlich dort ein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich esse nicht. Ich faste&#8220;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Lösung war jedoch nicht für alle ideal. Der Eritreer Dawit zum Beispiel weigerte sich kategorisch: &#8222;Alles Eritrea – ich lerne nie Deutsch&#8220;, erklärte er. Dawits Flucht hatte über zwei Jahre gedauert, danach war er sechs Monate lang in der Bayernkaserne gewesen. Nun war er seit fünf Monaten hier, und seine Strategie, um das alles auszuhalten, waren Ordnung und Disziplin. Er besuchte jeden Vor- und Nachmittag den Unterricht und ging abends und am Wochenende in die Kirche. Das Chaos rund um den Transfer – dieser Mangel an Disziplin in seinen Augen – war für ihn eine wahre Tortur. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages kam ein neues Angebot: zwei Plätze in einer Zweier-WG in Fürth für Flüchtlinge mit Deutschkenntnissen. Als man Dawit einen dieser Plätze vorschlug, war seine erste Reaktion: &#8222;Jetzt ich kann gut Deutsch. In einem Monat kein Deutsch.&#8220; Er hatte das Gefühl, vor lauter Hin und Her alles zu vergessen, was er gelernt hatte. Dann entschied er sich aber doch für Fürth. Filiam, mit dem er die Wohngemeinschaft zusammen gründen wollte, ließ ihn allerdings eine Woche vor dem Umzugstermin sitzen. Am nächsten Tag war Dawit im zweiten Unterrichtsblock mein einziger Schüler. Wir sprachen über Fürth, dann sagte er: &#8222;Heute ich kann nicht lernen. Mein Kopf ist krank.&#8220; &#8222;Meiner auch&#8220;, seufzte ich. &#8222;Was machen wir? Wollen wir Pizza essen gehen? Ich lade dich ein!&#8220; Er sah mich herablassend an: &#8222;Ich esse nicht. Ich faste.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dawits Weg zur WG in Fürth</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dawit war also nicht immer nett. Er konnte sogar furchtbar bockig sein. Einmal entdeckte ich in einer Übung, die meine Kollegin bereits korrigiert hatte, zwei Fehler. Die Uneinigkeit seiner beiden Lehrerinnen in diesem Punkt erschien ihm als eine unerträgliche Schlamperei. Er diskutierte herum und schien uns plötzlich als einen Bestandteil eines großen betrügerischen Systems zu sehen. Das war das einzige Mal in den sechs Monaten, dass ich ausrastete und einen Schüler anschrie. Hinterher entschuldigten wir uns beide.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dawit war der Einzige, der mir einmal unter vier Augen ehrlich von seinem Leben in Eritrea erzählt hat. Die meisten anderen behaupteten, sie hätten acht Jahre lang Englisch gelernt und Eritrea sei einfach toll. Dawit war vier Jahre zur Schule gegangen und hatte danach seiner Mutter im Haushalt geholfen. Sie hatten Bienen. &#8222;Und mein Vater hat einen Supermarkt, ungefähr so groß&#8220;, sagte er und breitete die Arme aus, aber nicht ganz. Auf der Flucht hatte er ein Jahr lang im Sudan gelebt und sich mit Malerarbeiten Geld verdient. Genau das verband ihn mit dem Mann, mit dem er schließlich die WG in Fürth gründen würde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wenig Worte, große Gefühle</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Afghane Mustafa, meiner Ansicht nach ungefähr 23 Jahre alt, war sehr stolz auf seinen Beruf. Einmal kam in einem meiner Tests ein Bild von einem Maler vor und daneben die Frage: &#8222;Was ist er von Beruf?&#8220; Mustafa wählte die Maximalversion: &#8222;Er ist Beruf Maler arbeiten&#8220;, schrieb er in seiner schönsten Schnörkelschrift. Einmal brach er auf der Treppe zusammen. Er ließ sich aufsetzen, war aber nicht ansprechbar. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein andermal saß er in einer Ecke am Eingang, den Kopf auf die Hände gestützt. Ein Bild der Trauer. Ich sprach ihn an: &#8222;Mustafa, alles in Ordnung? Möchtest du reden?&#8220; Was für eine absurde Idee! Bei so geringen Deutschkenntnissen. Er schüttelte leicht den Kopf. Einmal hatte ich eine Postkarte mit einem Vögelchen dabei. &#8222;Ich liebe! Ich liebe das Bild!&#8220;, rief er, und ich schenkte es ihm. Dann freute er sich, das Wort &#8222;umsonst&#8220; von mir zu lernen. &#8222;Ah, umsonst! Hier ist alles umsonst. Essen umsonst, Deutschkurs umsonst. Das ist super.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das stille Ende einer gemeinsamen Reise</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mich von Dawit und Mustafa nicht verabschieden können. Die Unterkunft wurde Ende Februar geschlossen. Die größte Gruppe von Schülern aus Eritrea war schon Mitte des Monats nach Schwandorf abgereist. Der 13-jährige Tarek, einer meiner Schüler aus der Gruppe der langsamen Anfänger, rief mich später einmal von dort aus an: &#8222;Schwandorf klein, Deutschkurs gut, Tzegay und ich ein Zimmer.&#8220; Er hörte sich zufrieden an. Ich war beruhigt. Nach ihrer Abreise unterrichtete ich noch drei Tage lang, doch es waren nun zu wenige Schüler da, und niemand war motiviert. Hanibal plauderte einen Moment mit mir, Dawit kam für eine halbe Stunde in meinen Kurs, bevor er sich wegen Kopfschmerzen verabschiedete. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Schüler sich mehr um mich kümmerten als andersherum. Jeder schenkte mir ein paar Minuten Aufmerksamkeit, damit ich mich nicht allzu traurig und einsam fühlte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Abschied mit &#8222;Ghishenk&#8220;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Am Montag, dem 23. Februar, sollten die restlichen Schüler die Notunterkunft verlassen. Ich kam um 9.30 Uhr, um mich zu verabschieden, Dawit und Mustafa waren aber schon um neun Uhr mit einem Bus abgeholt worden. Im Schlafsaal, in den ich jeden Morgen gekommen war, um meine Schüler zu wecken und zum Unterricht zusammenzutrommeln, war es totenstill. In der hintersten Ecke saß Filiam auf einem der Hochbetten. Hanibal stand daneben. Ich verabschiedete mich mit einem Händedruck, doch Filiam sagte: &#8222;Warte! Ich habe ein Geschenk.&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Er drehte sich um, wühlte in einer Plastiktüte und streckte mir dann ein Armband aus Zuckerperlen entgegen. Raus hier, dachte ich, damit sie mich nicht weinen sehen. Ein paar Wochen zuvor hatte er in meinem Unterricht mit Buntstiften ein Bild für seine Freundin gemalt. &#8222;Ghishenk&#8220; hatte er groß und breit daraufgeschrieben, und ich hatte ihn damit etwas aufgezogen, auf nette Weise: &#8222;Was ist denn ein Ghishenk?&#8220; &#8222;Na, ein Ghishenk, du weißt schon. Wie Weihnachten.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text: <br /><em>Daphne Morgenrot. </em></td><td>Illustration: <br /><em>Jindrich Novotny.</em></td></tr><tr><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / BISS, München.</td><td></td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Ungarn ist so ein merkwürdiges Land“</title>
		<link>https://zeitschrift-der-strasse.de/ungarn-ist-so-ein-merkwuerdiges-land/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Oct 2015 13:41:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andere Magazine]]></category>
		<category><![CDATA[Budapest]]></category>
		<category><![CDATA[Engagement]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Hinz&Kunzt]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://xeee.de/?p=771</guid>

					<description><![CDATA[HINZ &#38; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt. Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich. Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll &#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">HINZ &amp; KUNZT, Hamburg: Mitte September reiste unser Autor Frank Keil nach Ungarn. Was ist in dem Land los, das Europa durch seinen Umgang mit Flüchtlingen schockierte? Und wie ergeht es dort den Obdachlosen? Ein Besuch auf dem Bahnhof Keleti in der Hauptstadt Budapest, wo die Flüchtlinge ankamen, und in den Obdachloseneinrichtungen der Stadt.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Budapest, Mitte September, Bahnhof Keleti. Der mondäne Ostbahnhof. Ich wusste nicht, ob ich ankommen würde. Mal hieß es, der Zugverkehr von und nach Budapest sei wegen der Flüchtlinge eingestellt; mal auch wieder nicht. Nun ist es mitten in der Nacht. Ich frage einen jungen Ungarn nach dem Weg; danach, wo laut meinem Plan mein Apartment im jüdischen Viertel liegen müsste, in dem ich eine Woche lang wohnen werde. Er zeigt geradeaus, immer geradeaus solle ich gehen. Wir schauen auf die Flüchtlinge, die unter uns auf der teils überdachten Fläche zwischen Bahnhof und Metro in Zelten oder auf Matten campieren. Vielleicht 200, 300 sind es, schätze ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang September saßen hier tagelang Tausende fest, sich selbst überlassen. Die Bilder von im Müll liegenden Frauen, Männern und Kindern unter der damals sengenden Sonne gingen um die Welt. Budapester Bürger räumten ihre Kühlschränke leer und brachten alles hierher; Journalisten kauften zwischen ihren Liveschaltungen Lebensmittel und Wasserflaschen. Denn der ungarische Staat tat absolut nichts für die Versorgung der Gestrandeten; private Helfer mussten sich über Facebook erst finden, sich erst organisieren; mussten Spenden, Decken und Zelte einsammeln und mussten drängen, dass die Stadt wenigstens Toiletten aufstellte. Acht Stück stellte sie schließlich. Acht Stück – mehr wurden es nicht. So ging das, bis die Flüchtlinge revoltierten, sich zu Fuß auf den Weg über die Autobahn machten, um nach Österreich zu gelangen – bis Ungarn schließlich Busse schickte und sie kurz vor der Grenze aussetzte.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg" alt="Eine Rasur – ein Moment der RUHE auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht" class="wp-image-778" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn11-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Rasur – ein Moment der Ruhe auf der Flucht. Die Stadt stellt die Wasserstelle und Toiletten. Mehr tut sie für die Flüchtlinge nicht.</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Flüchtlinge und Obdachlose am Budapester Keleti-Bahnhof</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt ist alles deutlich entspannter: Über Nacht kommen die meist erschöpften Flüchtlinge aus Serbien an, werden weiterhin nur von privaten Helfern versorgt und verpflegt, übernachten und drängen sich am nächsten Morgen in die Regionalzüge Richtung Österreich. Und am nächsten Tag wiederholt sich alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den jungen Ungarn neben mir ist das alles ein vertrauter Anblick, ich sehe es das erste Mal. Er hält ein kleines Paket in der Hand: Kuchenstücke, in Klarsichtfolie eingewickelt. &#8222;Ich bin zwar gerade arbeitslos, habe selbst nicht viel, aber das hier möchte ich den Flüchtlingen bringen&#8220;, sagt er. Er fragt mich, woher ich komme, was ich in Budapest vorhabe, und ich erzähle ihm, dass ich für ein Straßenmagazin in Hamburg schreibe, das vor allem Obdachlose verkaufen. Er legt den Kopf schief, grinst mich an und sagt: &#8222;Erzähl keinen Quatsch! Es gibt in Deutschland doch keine Obdachlosen!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Budapest gibt es 13.000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben. Schätzungsweise. Man sieht sie in den Unterführungen übernachten, man sieht sie an den Zugängen zur Metro. Und man sieht sie jetzt am Keleti unter den Flüchtlingen. Wie sie zwischen den Flüchtlingen ihre Decken ausrollen oder ihre Pappen auslegen; wie sie sich bei der Lebensmittelausgabe anstellen, wo man sie ein wenig irritiert anschaut: Sind das Flüchtlinge? Aber sie werden natürlich trotzdem versorgt. Und sie ziehen sich wieder in ihre Nischen zurück. Sie bleiben, während die Flüchtlinge bald weiterziehen.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg" alt="Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden" class="wp-image-779" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn31-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Diese Budapester Friseurin gibt ihren freien Freitag, um Flüchtlingen die Haare zu schneiden</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Im Schatten von Orbáns Gesetz</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten können sie bei &#8222;Menhely Alapívány&#8220; (zu Deutsch: &#8222;Stiftung Obdach&#8220;) unterkommen, eine Stiftung, die mehrere Unterkünfte unterhält. Ich treffe in deren Tagestreff Zoltán Gurály, Soziologe und Sozialarbeiter. Er kümmert sich auch um Budapests Straßenzeitung &#8222;<span class="st">Fedél Nélkül</span>&#8220; (&#8222;Kein Dach mehr über dem Kopf&#8220;): Zwölf Seiten, dünnes Papier. Die meisten Artikel werden von Obdachlosen geschrieben: Gedichte, Erzählungen, Lebensberichte. Manchmal werden auch Interviews mit Prominenten veröffentlicht. Die Zeitung hat keinen festen Verkaufspreis. Man gibt, was man geben will. &#8222;In Ungarn gibt es nicht viele Leute, die für eine soziale Sache Geld ausgeben&#8220;, begründet das Zoltán Gurály. &#8222;Viele unserer Leute halten ein Exemplar unserer Zeitung auch einfach nur hoch, während sie betteln; wir sind darüber nicht glücklich, aber wir haben es akzeptiert.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich frage ihn nach dem Gesetz gegen Obdachlose, von dem ich gelesen habe. Ja, das sei eine merkwürdige Sache: Nach Amtsantritt der Orbán-Regierung 2010 habe die Stadt Budapest eine Verordnung erlassen, dass in besonders attraktiven Vierteln der Stadt das Lagern und Übernachten auf der Straße verboten sei. Als dann das oberste Gericht diese Verordnung als rechtswidrig kassierte, habe Orbán mit seiner komfortablen Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament einfach ein neues Gesetz beschlossen – so mache man das heutzutage in seinem Land.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ungarns unberechenbare Politik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und – wird es angewandt? &#8222;Es wird nicht angewandt, das ist es ja: Wir wissen nicht, warum nicht.&#8220; So, wie auch in diesem Moment nicht klar sei, wie hart und konsequent die Regierung ihr Dutzend Eilgesetze gegen die Flüchtlinge, aber auch die Helfer anwenden wird – oder nur teilweise oder vielleicht auch nicht. Es sind Gesetze, die die ein- und durchreisenden Flüchtlinge kriminalisieren. Und die, die ihnen helfen. Das Kaufen von Zugtickets oder das Aufsammeln erschöpfter Flüchtlinge am Straßenrand könnten dann als Schleppertätigkeit bewertet werden – das Verteilen von Lebensmittelspenden soll als gewerbsmäßige Tätigkeit verstanden werden und wäre anzumelden und ebenfalls zu bezahlen. Aber so sei es: Machtausübung beginne damit, dass man offen ließe, ob man seine Macht einsetzen wird. Wenn man unberechenbar bliebe. &#8222;Das Klima, in dem wir alle hier arbeiten, ist sehr schlecht&#8220;, sagt Zoltán Gurály. Und er schüttelt den Kopf: &#8222;Ungarn ist so ein komisches Land.&#8220;</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg" alt="Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt." class="wp-image-780" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn41-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eine Familie aus Syrien hat es bis nach Budapest geschafft. Nun erklärt ihnen eine Helferin, wo es Fahrkarten für die Weiterreise gibt.</figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Die Methode der ‚Beheizten Straße‘</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite große Einrichtung neben &#8222;Menhely Alapívány&#8220; ist das Obdachlosenzentrum &#8222;Fütött utca&#8220; (&#8222;Beheizte Straße&#8220;) der methodistischen Kirche Ungarns. Es wird geleitet von Gábor Iványi. Er ist eine Art Ikone der ungarischen Oppositionsbewegung, dabei hat er Viktor Orbán vor vielen Jahren getraut und seine ersten Kinder getauft. Doch als dessen rechtskonservative Regierung immer offener gegen sozial Schwache und Obdachlose vorging, etwa die Sozialhilfe kürzte, erhob Iványi seine Stimme. Im Gegenzug fiel er in Ungnade. Orbán ließ sich von seiner Parlamentsmehrheit gar im Sommer 2011 eigens ein neues Kirchengesetz zimmern: Demnach sollen nur noch die Religionsgemeinschaften staatliche Gelder für ihre sozialen und karitativen Tätigkeiten bekommen, wenn sie mehr als 30.000 Mitglieder zählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber keine 30.000 Methodisten in Ungarn. Also sind in den vergangenen Jahren eine Menge Leute in die methodistische Kirche eingetreten, die es sonst mit Gott nicht so haben – die aber Gábor Iványi und seine Mitarbeiter schätzen. So kann er mittlerweile seine Arbeit wieder fortsetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gábor Iványi: Kämpfer für die Unsichtbaren</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe Glück, es lässt sich einrichten, dass er mich empfängt: in seinem Büro mit einer gepolsterten Tür. An der Wand hängt ein handsigniertes Porträt von Elisabeth der Zweiten, sie hat es ihm persönlich überreicht. &#8222;Fragen Sie, fragen Sie!&#8220;, sagt er, verschränkt die Hände über seinem sehr imposanten Bauch und lächelt gütig. Und er erzählt, wie er als junger Mann Anfang der 70er-Jahre Theologie studierte, wie er sich immer mehr für die verarmten und ausgegrenzten Roma Ungarns interessierte, wie er als Armenpastor aufs Land ging (er wählt das schöne Wort &#8222;Gesellschaftspastor&#8220;), dann Mitglied der oppositionellen Helsinki-Gruppe wurde und dafür fast im Gefängnis gelandet wäre. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie er nach dem Systemwechsel 1990 eine der ersten Schulen für Sozialarbeit gründete: &#8222;Wissen Sie, es gab vorher keine Sozialarbeiter, weil es ja im Sozialismus keine sozialen Probleme geben durfte.&#8220; Er lacht in sich hinein: &#8222;Es gab auch erst nach der Wende ein Wort für ,ohne Obdach sein&#8216; – hajléktalan&#8220;. Und er bestätigt, was mir schon Zoltán Gurály erzählt hatte: In Ungarn werden Armut, Elend und Not wie etwas Ansteckendes wahrgenommen, und also sei es am besten, wenn man Not, Elend und Armut einfach nicht zeige, weil es sie dann nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Metallbetten und Fürsorge</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Geschichte des Hauses, in dem wir gerade sitzen, erzählt einiges: Es ist ein ehemaliger staatlicher Schlachthof mit Schlachterei sowie den Kühl- und Lagerräumen, den man nicht mehr brauchte, als ab 1990 die westlichen Wurstund Fleischwaren, vertrieben über die neuen Supermärkte, den heimischen Markt in kürzester Zeit zusammenbrechen ließen. &#8222;Wir haben das Gebäude für 99 Jahre gepachtet, und wir haben es aus eigenen Mitteln umgebaut.&#8220; Aber nun hat er leider den nächsten Termin, aber sei ich mal wieder in der Stadt, ich könne mich gerne wieder melden. Und jetzt werde mir einer seiner Sozialarbeiter alles zeigen. Und der führt mich nun durch das Haus, zeigt mir die Krankenstation, den Tagesraum, die Suppenküche. Und die Räume im Keller, in denen etwa 30 blanke Metallbetten stehen und ebenso viele schäbige Matratzen an der Wand lehnen: Man kann hier übernachten, morgens muss man gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin hin- und hergerissen: Einerseits gibt es anrührend liebevoll ausgestattete Abteilungen wie ein kleines Hospiz; andererseits schockiert mich der pragmatische Umgang mit den hier Lebenden: Der Sozialarbeiter klopft nicht einmal an, wenn wir einen nächsten Raum betreten, in dem ärmlich gekleidete Menschen Fernsehen schauen oder auf einem zerwühlten Bett liegen; ich werde nicht einmal vorgestellt. Ich halte meine Kamera in der Hand, aber mir will es einfach nicht gelingen, Fotos zu machen. Es ist, als würde ich in eine ganz eigene Welt abtauchen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Maschendraht und Hoffnung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wir stehen schließlich in einem langgestreckten Raum, in dem sich die Wohnungslosen tagsüber aufhalten können. In einer Abseite hinter Maschendraht stehen ein paar Betten: In einem liegt ein älterer Mann. Er liegt da und schaut mich aus großen Augen an und ich weiß nicht, wie ich zurückblicken soll, während der Sozialarbeiter mir sachlich erzählt, dass oben im ersten Stock die, die einen Job gefunden haben, kleine Zimmerchen hätten und nicht morgens um sechs Uhr geweckt würden wie alle anderen. Als ich wieder nach dem Mann schaue, hat er die Augen geschlossen und scheint zu schlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt in dem verwinkelten Bau auch einige Zimmer für Flüchtlinge. &#8222;Wollen sie in Ungarn bleiben oder wollen sie irgendwann weiterziehen?&#8220;, frage ich. &#8222;Man weiß es nicht&#8220;, sagt der Sozialarbeiter. In der Gemeinschaftsküche, die zu diesen Zimmern gehört, steht ein Mann, ich vermute aus Afrika. Er steht einfach da, starrt an die Wand, wippt mit dem Oberkörper vor und zurück und redet leise vor sich hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wir haben in Budapest große Obdachlosenunterkünfte, aber diese arbeiten rein karitativ und nicht politisch&#8220;, sagt Balog Gyula, Urgestein der ungarischen Obdachlosenbewegung und Mitbegründer von</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;A Város Mindenkié&#8220; – übersetzt: &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220;. Ihm zur Seite steht Tompa István, der gerade mit seiner jungen Frau und dem gemeinsamen Baby zur Untermiete untergekommen ist. Er hat als Kind viel österreichisches Fernsehen geschaut – und sich so mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Er übersetzt für uns.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Diktatur zum Leerstand</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und es folgt ein spannender Exkurs in die junge Geschichte des Landes aus Sicht der Obdachlosen: Wie im Staatssozialismus ein sogenannter Asozialenparagraf dafür sorgte, dass etwa Männer, die eine Scheidung aus der Bahn warf, in Wohnheime mit Mehrbettzimmern eingewiesen wurden und sie nicht einfach ihrer Wege gehen durften. Wie nach der Wende im Schwung der Euphorie ganze Wohnsiedlungen privatisiert, also verscherbelt wurden. Und der Staat nicht daran dachte, einen gewissen Grundbestand an bezahlbaren Wohnungen zu halten. Mit heute verheerenden Folgen: Es gibt keinen sozialen Wohnungsbau; nur drei Prozent aller Mietwohnungen in Ungarn sind überhaupt in kommunalem Besitz. Sodass, wer einmal seine Wohnung verliert, eigentlich keine Chance hat, je wieder eine zu bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich steht massenhaft Wohnraum leer; schon in der Innenstadt sieht man halbe Straßenzüge leer stehen, während prächtige Bauten aus der K.-u.-k.-Monarchie in Hotels für westliche Touristen umgewandelt wurden. Es gäbe also viel Platz, um die Obdachlosen unterzubringen. Und es gäbe auch viel Platz für die Flüchtlinge. Überhaupt die Flüchtlinge: Mitstreiter von &#8222;A Város Mindenkié&#8220; waren Anfang September dabei, als sie sich auf eigene Faust aufmachten, um Budapest zu verlassen. &#8222;Heute helfen einige von unseren Unterstützern am Bahnhof Keleti mit&#8220;, sagt Balog Gyula.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Jüdische Gemeinde kritisiert Orbáns Flüchtlingspolitik </h3>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist nicht die einzige Organisation, die sich neben ihren eigenen Belangen für die der Flüchtlinge einsetzt. Auch die jüdische Community Ungarns hat unter ihrem neuen Sprecher Rabbi Zoltán Radnóti in einem offenen Brief Viktor Orbáns Flüchtlingspolitik kritisiert und sie unumwunden &#8222;unmenschlich&#8220; und &#8222;beschämend&#8220; genannt. Das mag für unsere Ohren nicht allzu rebellisch klingen – in Ungarn erfordert so etwas viel Mut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe wieder Glück, und Rabbi Radnóti trifft sich mit mir auf einen schnellen Kaffee im &#8222;Café Tel Aviv&#8220;. Er entschuldigt sich zunächst für sein mageres Englisch – das nicht schlechter sein wird als meins. &#8222;Also, die …&#8220;, er stockt. Er sucht nach einem Wort. Er holt sein Handy hervor, öffnet eine App für ein Englischwörterbuch, er tippt Buchstaben ein, wird nicht fündig. Er schaut mich fragend an: &#8222;Wie sagt man zu diesen Leuten, die jetzt alle kommen, aus Syrien, aus Afghanistan?&#8220; – &#8222;Refugees? Flüchtlinge?&#8220;, versuche ich es. &#8222;Refugees!&#8220;, ruft er erleichtert aus. &#8222;Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Wort benutze. Ich muss es mir unbedingt merken.&#8220; Und wir beide lachen herzhaft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eentschlossen, trotz Angst und Vorbehalt</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann erzählt er: Ja, sie sammeln Spenden. Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und auch Geld. Wobei es nicht einfach gewesen sei, diese Aktion zu starten: &#8222;Es gibt auch bei uns in der Community viele Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen. Und wieder andere hatten schlicht Angst, sich mit der Regierung anzulegen, denn die mag es ja gar nicht, dass man diesen Menschen hilft.&#8220; Doch am Ende hätten sie beschlossen, ihren Weg zu gehen, sich notfalls gegen die Regierung zu stellen und eben zu helfen. Das Gespendete ginge unmittelbar an die Südgrenze nach Röszke. Dort, wo die Zustände für die Menschen so unhaltbar seien und gleichfalls nur zivile Helfer vor Ort wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wird es weitergehen? In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten? Wie alle, die ich das gefragt habe, sackt er kurz zusammen, schüttelt ratlos den Kopf: &#8222;Ich weiß es nicht; wirklich nicht. Ich habe keine Idee.&#8220; Er richtet sich wieder auf: &#8222;Wir Ungarn kennen das nicht: fremde Menschen. Wir kennen das nicht, dass Menschen an unserer Grenze stehen und zu uns hereinwollen. Wir müssen das erst lernen, damit umzugehen, und ich hoffe, dass wir das lernen.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Junge jüdische Aktivisten „Aurora“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort auf sein Engagement kam übrigens postwendend: Orbán schickte Grüße zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, ergänzt um einige Ausführungen: dass Ungarn weiterhin und ganz entschieden seine Grenzen schützen werde und dass in Ungarn nur Platz für Ungarn sei. Ein deutlicher Hinweis, dass die Juden, die in Ungarn leben, es sich genau überlegen sollten, ob sie dazugehören wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wo ich gerade in die jüdische Welt Budapests eintauche, schaue ich noch im &#8222;Aurora&#8220; vorbei – ein Club, der maßgeblich von der jüdischen Jugendorganisation &#8222;Marom&#8220; getragen wird und in dem einige NGOs ihren Sitz haben; auch &#8222;Die Stadt gehört allen&#8220; ist regelmäßig zu Gast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind meist junge Leute, die hier aktiv sind; viele sind jetzt vor Ort am Keleti, um die Flüchtlinge zu versorgen. Aron übernimmt es, mir die Geschichte des Clubs zu erzählen: wie sie drüben im jüdischen Viertel einen ersten Treffpunkt eröffneten; wie die Polizei den Treff stürmte, unter dem Vorwand, das Gebäude sei baufällig. Und wie sie jetzt im Roma-Viertel von Budapest einen Neuanfang wagen wollen. &#8222;Wir möchten, dass sozial interessierte Leute hier in der Bar einen Kaffee oder ein Bier trinken, sich wohlfühlen, vielleicht mal abends eine unserer politischen Veranstaltungen besuchen und die sich vielleicht langfristig einer unserer NGOs anschließen&#8220;, sagt er.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Viele Engagierte verlassen das Land </h3>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Woher nimmst du die Kraft, diese Arbeit zu tun?&#8220;, frage ich. Er lacht verlegen, schaut an mir vorbei: &#8222;Also, ich selbst werde in zwei Tagen Ungarn verlassen; ich gehe nach London, um dort zu arbeiten.&#8220; Ja, es tue ihm leid, aber er gehe. &#8222;In diesem Land sehe ich für mich keine Zukunft mehr.&#8220; Damit ist er nicht allein: 600.000 Ungarn haben seit 2010 ihr Land verlassen. Vor allem Leute wie Aron. Gut ausgebildet, motiviert, jung. Und wo ging es oft hin? Nach Deutschland.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soll ich damit schließen? In der Redaktion sprechen wir oft darüber, ob man nicht am Ende einer Geschichte etwas Positives aufzeigen sollte oder ob das nicht im Gegenteil nur billiger Trost sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich gehe gedanklich noch mal zum Bahnhof zurück. Stehe da an meinem letzten Abend inmitten der Flüchtlinge und der Helfer, vor mir eine Frau im Schneidersitz. Sie trägt einen Hidschab, hält ein schlafendes Kind auf dem Arm, ein zweites steht neben ihr, reibt sich müde die Augen, während der Familienvater dünne Matratzen und Decken, von Ikea gespendet, heranschleppt. Sie sind gerade frisch angekommen. Haben es geschafft, nach Keleti zu gelangen, statt in einem der völlig überfüllten Auffanglager an der Grenze auf nicht absehbare Zeit festgehalten zu werden.</p>



<figure class="wp-block-image alignnone"><a href="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="673" src="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg" alt="Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen" class="wp-image-781" srcset="https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71.jpg 1200w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-300x168.jpg 300w, https://zeitschrift-der-strasse.de/wp-content/uploads/2015/11/ungarn71-1024x574.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Hier bedanken sich muslimische Flüchtlinge bei den Ungarn, die ihnen zur Seite stehen</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Kekse, Bananen und ein Lächeln</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Frau tritt hinzu, keine der Helferinnen, sondern eine Budapesterin mit schmalem Rucksack und in einer geringelten Strickjacke. Sie grüßt die vor ihr Sitzende, reicht Babywindeln und eine Papiertüte mit Lebensmitteln. Sie führt ihre rechte Hand an ihren Mund und macht heftige Kaubewegungen. Die beiden Frauen fangen plötzlich laut an zu lachen, denn was soll man mit Keksen und Bananen und Äpfeln schon anderes machen, als sie zu essen? Dann verabschieden sie sich voneinander – und lächeln sich dabei an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">P.S.: Kurz nach der Rückkehr unseres Autors hat Ungarn seine Grenzen gegen Flüchtlinge abgeriegelt. Bei Redaktionsschluss war zumindest ein Grenzübergang nach Serbien wieder geöffnet. Wenn Sie diese Geschichte lesen, kann die Situation schon wieder völlig verändert sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Budapest hat Frank Keil ein Online-Tagebuch geführt:<br /><a href="http://www.huklink.de/budapest">www.huklink.de/budapest</a></strong></p>



<figure class="wp-block-table is-style-stripes"><table class="has-fixed-layout"><tbody><tr><td>Text &amp; Bilder:<br /><em>Frank Keil.</em></td><td>Mit freundlicher Genehmigung des INSP Nachrichtendiensts <a href="http://www.INSP.ngo" target="_blank" rel="noopener">www.INSP.ngo</a> / <br />Hinz&amp;Kunzt, Hamburg. </td></tr></tbody></table></figure>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
