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Ein Fall für Dr. Dörnath

#90 KLEIN MEXIKO – In ihrer Praxis behandelt Alexandra Dörnath exotische Tiere – wenn sie durch die Tür passen. Die anderen besucht sie vor Ort

Hunde, Katzen oder Mäuse sucht man vergebens im Wartezimmer dieser Tierarztpraxis. Stattdessen wimmelt es hier nur von TierhalterInnen, die ihre Papageien, Vogelspinnen, Schlangen und Echsen vorbeibringen, damit ihnen geholfen werden kann. Keine Frage: Die „Tierarztpraxis Klein Mexiko“ ist etwas Besonderes, hier in der Bennigsenstraße, am Rande der Westfalensiedlung.

Die Inhaberin der Praxis ist die Tierärztin Dr. K. Alexandra Dörnath. Sie lebt schon in vierter Generation in Klein Mexiko. Ihre Liebe für Tiere hat Alexandra Dörnath schon früh in ihrer Kindheit entdeckt. „Meine Mutter hat es mir vorgelebt. Als ich auf die Welt kam, hatte sie bereits Landschildkröten, Papageien, Sittiche und vieles mehr. Ich bezeichne mich selber auch als Tiermensch oder auch als Tierlehrerin. Ich liebe Tiere, ich lebe mit ihnen, ich spreche mit ihnen und genau so sprechen sie auch mit mir. Wir verstehen uns gegenseitig. Ich behaupte, wir betreiben Telepathie miteinander.“

In ihrer Kindheit entwickelte sich auch der Wunsch, beruflich etwas mit exotischen Tieren zu machen. Am liebsten wollte Alexandra Dörnath Zoodirektorin werden und entschied sich daher, Tiermedizin zu studieren – einer der Wege, um diesen Beruf ergreifen zu können. Sie verließ Klein Mexiko nach dem Abitur und studierte daraufhin Tiermedizin in Berlin und London. „Ich war dann 17 Jahre weg und arbeitete im In- und Ausland mit exotischen Tieren, übrigens auch im richtigen, im großen Mexiko. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich wieder hierherkomme. Aber manchmal gibt es Irrungen und Wirrungen des Lebens, manchmal passieren persönlich Dinge, die man nicht vorhersehen kann, und nun bin ich seit fünfzehn Jahren wieder da und habe nach meiner Wiederkehr eine Tierarztpraxis für exotische Tiere eröffnet.“

Alexandra Dörnath wollte als Kind am liebsten Zoodirektorin werden. Foto: Felix Müller

Alexandra Dörnath empfängt in ihrer Praxis alle Arten von exotischen Tieren – sofern sie durch die Praxistür passen. Zu ihren Patienten gehört zum Beispiel eine Echse. die nach einer Darmoperation nachbehandelt werden muss, und eine Schlange, die aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Viele der Tiere, um die sich die Tierärztin kümmert, passen aber schlicht nicht in die Räumlichkeiten der Praxis, weshalb Alexandra Dörnath zu den Tieren nach Hause fahren muss. „Ich mache Hausbesuche bei Elefanten, Leoparden, Krokodilen, Affen und Co., die können ja schlecht zu mir kommen. Ich betreue Zirkusse, Zoos, aber auch Privathalter“, erzählt die Tierärztin stolz.

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es dabei nicht. Viele der Patienten sind nachtaktiv, weshalb der Arbeitstag auch mal bis in die späte Nacht gehen kann. Außerdem kann es auch immer zu spontanen Einsätzen der Tierärztin kommen, da auch Behörden, wie Polizei und Feuerwehr, ihre Hilfe anfordern, wenn irgendwo ein exotisches Tier entdeckt wurde. Dörnath zufolge handelt es sich dabei meistens um SpaziergängerInnen, die eine Ringelnatter entdeckt haben und nicht wissen, dass diese hier heimisch ist, und sie für eine gefährliche Giftschlange halten. Sie bedauert, dass viele Menschen den Bezug zur Natur verlieren und gar nicht mehr unterscheiden können, welche Tierarten hier überhaupt heimisch sind und welche nicht. Es kommt allerdings auch manchmal vor, dass die Behörden anrufen, weil ein Tier entdeckt wurde, das wirklich gefährlich ist. Dörnath kann sich noch gut daran erinnern, dass sich die Polizei vor einigen Jahren meldete, weil eine Auszubildende einer Supermarktkette eine Spinne entdeckt hatte. Die Tierärztin fuhr danach sofort in den bereits evakuierten Supermarkt und entdeckte, dass es sich tatsächlich um eine giftige Bananenspinne handelte. Dr. Dörnath fing die Spinne daraufhin ein – und versuchte danach alles, um die vom Transport nach Deutschland schwer verletzte und stark mitgenommene Spinne aufzupäppeln. Zu ihrem Kummer überlebte die Spinne nicht. Zum Glück für Mensch und Tier kommt es allerdings nur alle paar Jahre einmal vor, dass giftige Tiere unbemerkt zusammen mit exotischem Obst nach Deutschland importiert werden.

Angst hat die Tierärztin für exotische Geschöpfe trotz ihrer oft risikoreichen Arbeit allerdings keine. „Objektiv betrachtet ist es natürlich gefährlich. Eine ausgewachsene Schnappschildkröte könnte mir potenziell den kleinen Finger abbeißen und ich habe auch schon Schlangen behandelt, die mit ihrem Gift sechs erwachsene Menschen töten könnten. Habe ich deshalb Angst? Nein! Es ist immer die Frage, was man persönlich als gefährlich einstuft.“ Und da sind die Vorstellungen eben unterschiedlich: „Ich würde im Leben nicht auf ein Motorrad steigen. Das empfinde ich als wahnsinnig gefährlich. Aber wenn man mit Tieren hantiert und ihre Waffen kennt, dann kann ich mich dagegen schützen und das Tier einschätzen“, erklärt Dörnath. „In den über 20 Jahren, in denen ich mit Tieren arbeite, wurde ich bis jetzt auch nur einmal schlimm verletzt, und das war bei der Behandlung einer Hauskatze. Wegen der habe ich fast meinen Mittelfinger verloren“, berichtet sie und lacht.

Trotz ihrer vielen Erfolge und ihrer Liebe für ihre Tätigkeit als Tierärztin träumt Dr. Dörnath immer noch davon, irgendwann einmal Zoodirektorin zu werden. Das ist ihrer Meinung nach das Einzige, was ihre berufliche Karriere noch krönen könnte. Dabei ist sie durchaus zuversichtlich: „Irgendwann kann das vielleicht doch noch passieren. Ich habe ja noch 15 Berufsjahre. Das kann also durchaus noch etwas werden.“

Bis es so weit ist, wird sie weiter mit Begeisterung ihre besondere Praxis in Klein Mexiko führen und noch vielen exotischen Tieren und ihren HalterInnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Anmerkung der Redaktion: In der Printversion dieses Textes sind leider zwei Fehler enthalten: So wurde der Vorname falsch genannt und aus der Zoo- fälschlicherweise eine Zirkusdirektorin. Die Fehler haben wir hier korrigiert. 

Text: Sarah Ruhase
Fotos: Felix Müller