Alle Artikel in: Leseprobe

Drei Ecken, ein Elfer

#73 GERHARD ROHLFS STRASSE – Als durch die Gerhard-Rohlfs-Straße noch der Fernverkehr rauschte und auch die Sedaneiche noch stand: Erinnerungen eines Straßenfußballers aus den Nachkriegsjahren Wir spielten noch in der Dämmerung. Hätten wir nicht zum Abendessen zu Hause sein müssen, wir hätten noch gespielt, bis es ganz dunkel wurde, bis man den Wasserturm nicht mehr sehen konnte. Und wir hätten wahrscheinlich in der Dunkelheit noch das Tor getroffen. Das Tor war kein richtiges Fußballtor, die Pfosten waren der Baum in der Mitte des Sedanplatzes und ein Haufen von Jacken und Pullovern. Wir waren in der Volksschule, die dank der amerikanischen Besatzer damals sechs Jahre dauerte. Der Begriff Straßenfußballer war noch nicht gebräuchlich, aber das waren wir, Straßenfußballer. Unser Leben fand in der Nachkriegszeit sowieso auf der Straße statt. Meine besten Freunde waren Arbeiterkinder, die waren die besten Fußballer. Die wurden immer zuerst gewählt, wenn die Mannschaften verteilt wurden. Ich nur ganz zum Schluss. Dabei trainierte ich Dribbeln im Keller, weil ich im Dribbeln so gut wie Stanley Matthews oder als Verteidiger so gut wie „Sense“ …

Die Letzten ihrer Art

#72 MAHNDORFER HEERSTRASSE – Kaugummiautomaten sind in Vergessenheit geraten. In Mahndorf stehen noch einige. Doch das Geschäft ist nicht mehr das, was es mal war Klebrige Finger tasten in der Hosentasche nach dem ersten Taschengeld. Dann die Qual der Wahl. Drei kleine Schaufenster bieten Ausblick auf bezahlbare Kostbarkeiten. Gummi-Aliens in Plastiktüten für 50 Cent. Plastikringe für 30 Cent. Und da ist es. Ein Fach, vollgestopft mit buntem, überzuckerten Genuss. 20 Cent. Die Münze, dieser kleine Reichtum, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ein ungutes Gefühl kommt auf. Funktioniert das auch? Die Finger zittern leicht, als sie den Drehknauf betätigen. Klack. Das Bällebad hinter der Scheibe gerät in Bewegung. Ein Kaugummi purzelt heraus. Der Geschmack vergeht schnell. Doch die Erfahrung bleibt. Ganz ohne Hilfe haben wir von unserem eigenen Geld etwas erstanden. Wir haben unseren ersten Kauf gemeistert, den ersten vorsichtigen Tritt in die Pedale der Marktwirtschaft. „Zunächst machte Adolf den Krieg. Dann kamen die US-Panzer mit Schokolade und Kaugummi. Und als die Panzer weg waren, waren die Automaten da. Das war in den 50ern.“ So fasst Paul Brühl, …

Das Zuhause der Zukunft

#71 HOCHSCHULRING – WissenschaftlerInnen in Bremen entwickeln eine intelligente Wohnung. Sie soll alten oder kranken Menschen das Leben erleichtern. Doch die Technik holt die Forscher ein Es ist die Pforte zu einer anderen Welt. Vom Flur aus reiht sich Büro an Büro. Aber geht man durch diese eine Tür, steht man auf einmal in einer hellen, gemütlichen Wohnung. Ein Kinderfoto an einer viel zu großen Pinnwand, ein paar Landschaftsbilder. Ein hübscher Wandteppich. Unverderbliche Nudeln und Müsli dekorieren die Küche. Das Bücherregal ist voll mit solchen Büchern, die man nur braucht, um Regale zu füllen. Gesetzbücher, wuchtige Lexika, ein Kochbuch. In dieser Wohnung lebt niemand. Doch das ist gar nicht das Besondere an ihr. Diese Wohnung ist eigentlich ein Labor, genauer: das Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL). Hier werden Technologien getestet, die Menschen helfen sollen, ihren Alltag zu bewältigen – besonders wenn sie krank oder durch das Alter eingeschränkt sind. Wenn funktioniert, was hier entwickelt wird, betreten wir vielleicht gerade das Zuhause der Zukunft. Auf dem Nachttisch liegen Plättchen, die auf den ersten Blick wie …

Suppe auf Rädern

#69 SÖGESTRASSE – Die Suppenengel sind in Bremen eine Institution. Weil aber der Bedarf steigt, wird die Küche langsam zu klein. Der Frust auf der Straße wächst Geld klirrt in der Spendendose. Zwei Menschen lächeln sich an. „Danke schön und einen schönen Tach noch!“, sagt Gerd Fechtner zu einer jungen Frau, die gerade Geld in die Spendendose geworfen hat. Er sammelt auf der Sögestraße für den Bremer Suppenengel e.V. Der gemeinnützige Verein versorgt obdachlose Menschen in Bremen mit warmen Mahlzeiten. Jeden Wochentag bereiten im Durchschnitt zwölf der insgesamt 44 Ehrenamtlichen in der Küche des St.-Jakobi-Gemeindehauses in der Neustadt das Essen vor. Auf vier Spezial-Lastfahrrädern wird es in die Innenstadt gefahren. Ein Fahrrad mit Heizvorrichtung transportiert 90 Liter warme Suppe. Ein weiteres mit Kühlung die Obst- und Gemüsesalate. Auf die anderen beiden werden der Kaffee, die belegten Brote und der Nachttisch verteilt. Alle vier Räder fahren nacheinander zu den zwei Essensausgabeplätzen in der Bremer Innenstadt – dem Hauptbahnhof und dem Wilhelm-Kaisen- Denkmal im Kastanienwäldchen am Wall, nahe der Sögestraße. In den Wintermonaten gibt es die Mahlzeiten …

„Man ist eher Fremdkörper“

ONLINE-ARTIKEL ZUR #69 SÖGESTRASSE – Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrugen sich für ihn nicht. Warum sind Sie in die Sögestraße gezogen? Als meine Lebenspartnerin und ich damals gesucht haben in Bremen, war es nicht so einfach, überhaupt etwas zu finden, das bezahlbar und auch akzeptabel von der Lage war. Die Sögestraße fanden wir erstmal sehr verrückt. Wir dachten dann aber: „Okay, cool, ist halt mitten im Zentrum.“ Wir haben uns da einfach drauf beworben und hatten Glück. Was die Kaltmiete anging, war es relativ bezahlbar. Wie war es, in einer Einkaufszone zu wohnen? Weil es der dritte Stock war, war der normale Trubel nicht so zu hören. Aber wir hatten die Musiker direkt unter dem Fenster. Wenn man so durch die Stadt schlendert, ist das schön. Aber wenn man irgendwann die Lieder – und es sind nicht so viele, die die drauf haben – zum 50. Mal hört, ist das eher störend. Nachts war es sehr ruhig. Hier ist eigentlich nichts los, was auch schade …

„Ich bin innerlich ausgeglichener“

#68 MÜNCHENER STRASSE – Stefan Gehring hat es von der Straße zurück in einen geregelten Alltag geschafft. Wie ist ihm das gelungen? Seit mehr als vier Jahren verkauft Stefan Gehring die Zeitschrift der Straße. Bei den Perspektivwechsel-Stadtführungen erzählt er als Tourbegleiter SchülerInnen und Studierenden vom Leben auf der Straße und zeigt ihnen Orte im Bahnhofsviertel, die für Wohnungslose wichtig sind. So auch im März dieses Jahres: Er ist mit einer Schulklasse einer Oberschule unterwegs. Stefan wirkt offen. Keine Frage ist ihm zu persönlich. Die Tour führt an Orten vorbei, die Wohnungslosen als Toilette dienen. Stellen, an denen sie an Spritzenautomaten neue Spritzen bekommen. Obwohl die SchülerInnen teilweise abgeschreckt sind und entsprechende Kommentare fallen lassen, bleibt Stefan Gehring ruhig und gelassen. Er möchte das Leben der Wohnungslosen so realistisch wie möglich nahebringen. Auch Gewalt gegenüber der Wohnungslosen spricht er offen an. Auf Fragen über seine eigene Zeit als Wohnungsloser antwortet er in aller Ausführlichkeit. „Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Menschen, die wohnungslos sind, sich das nicht ausgesucht haben“, sagt er. Stefan, vor etwa einem Jahr …

„WIR HABEN IHN ETWAS ZURECHTGESTUTZT“

#67 JUGENDKNAST – Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“ . Ein Hof im Hof des Gefängnisses, mit Tieren, Nutzpflanzen und Kompost. Drumherum Stacheldraht, Kameras, vergitterte Türen. Junge Straftäter arbeiten hier für ihre Zeit nach der Haft. Auch an sich selbst. So wie der 17-jährige Steven. Hallo Steven, warum bist du hier im Gefängnis? Ich sitze hier in Bremen gerade meine letzten drei Monate ab. Zwei Jahre und acht Monate hatte ich bekommen. Oh, das ist vergleichsweise viel für einen Jugendlichen. Was hast du angestellt? Schwere Räuberische Erpressung – hauptsächlich. Das heißt konkret? Ich habe jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten, damit er uns seine Autoschlüssel gibt. Wir sind dann mit seinem Auto weggefahren. Stundenlang. Du bist 17 jetzt, warst also zur Tatzeit 14 Jahre alt? Gerade 15 geworden. Und dafür bekommt man mehr als zweieinhalb Jahre Jugendhaft? Nun ja, wir haben ihn zusätzlich auch noch etwas zurechtgestutzt. Ich mein, nur weil dir jemand sagt, dass du …

„DAS GELD IST NICHT MEHR DA“

#66 AM DOBBEN – Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Zeit für ein Gespräch über gute alte Zeiten, neue Moden und darüber, was sein Darkroom mit Datenschutz zu tun hat . Herr Hug, ist das „Bronx“ ein Relikt aus einer vergangenen Zeit? Wenn sie noch rein schwul wäre: ja. Aber das Publikum ist seit zwei Jahren gemischt. Als ich anfing, kamen unter der Woche auch Frauen, aber am Wochenende war die Bar nur für Männer geöffnet. Das hat sich jetzt geändert. Kürzlich haben Sie 25-jähriges Barjubiläum gefeiert … Ja, ein bisschen. Es gab einen Kaffeeklatsch und wir haben ein paar Runden geschmissen, da war die Sache erledigt. Wie lange ist das „Bronx“ eigentlich schon in dem Zustand, in dem es heute ist? Schon 20 Jahre. Wir renovieren immer mal, aber der Stil ist gleich geblieben. Hat sich die Szene verändert, seit Sie das „Bronx“ betreiben? Ja. Alle sieben Jahre verändert sich das Publikum. Wer sind Ihre Gäste? Kommen auch junge Leute? Ich habe viele Stammgäste. Ab und zu kommen auch junge Leute, …

SPUREN HINTERLASSEN

#65 NIEDERSACHSENDAMM – Mit ihrem Verein erfüllen Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche . Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert wohnen in einem der neuen Reihenhäuser am Niedersachsendamm. Hier, wo die Wände in warmen Farben gestrichen sind und es nach frisch aufgebrühtem Früchtetee duftet, hat ihr Verein Herzenswunschambulanz seinen Sitz – vorübergehend: „Das soll sich noch ändern, aber wir stehen ganz am Anfang“, sagt Hauert fast entschuldigend. Seit Anfang 2016 ist die Herzenswunschambulanz ein eingetragener Verein, der schwer kranken und alten Menschen ihre Herzenswünsche erfüllen möchte. Koepsel, die in einem Bioladen im Beginenhof arbeitet, trug die Idee zehn Jahre mit sich herum: „Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz Brücke gearbeitet“, erzählt die 60-Jährige im Berliner Dialekt. „Ein Bewohner, ein ehemaliger Gärtner, wollte unbedingt noch einmal in den Rhododendronpark.“ Koepsel beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer Hospizbewohner – ebenfalls ehemaliger Gärtner – und eine Praktikantin kamen auch mit, und so stiegen sie zu viert in Koepsels Kombi. „Wie die zwei sich mit lateinischen Blumennamen hochgeschaukelt haben, das hat uns wirklich …

AUF EIN BIER MIT DEM KRAKENMANN

#63 WARTBURGPLATZ – Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Büchern mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist   Direkt am Wartburgplatz in einer WG wohnt er, der Krakenmann. Ein Autor aus Walle, „eher ein kleiner Fisch“, wie er selbst sagt, aber sein autobiografisches Buch „Schlaflos in Walle“ hat sich in der Gegend rumgesprochen. Der Krakenmann ist 35 Jahre alt, Sozialarbeiter und behält seinen echten Namen gern für sich. Selbst in seinem Buch findet man keinen Hinweis darauf. Er trägt eine kleine Kette mit einer Krake um den Hals und seine langen Haare in einen Pferdeschwanz zurückgebunden, als wir uns im „Hart Backboard“ treffen. Eine der vielen kleinen und zwanglosen Kneipen, die er an Walle so schätzt. Auch in seinem Buch streift er durch die Bremer Kneipenszene, schreibt über seine Freunde, eskalierende Nächte und die Liebe. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, ist anstößig und provokativ. Seine Ausdrucksweise und detaillierten Beschreibungen sind nichts für Leser, die literarischen Anspruch oder politische Korrektheit schätzen. …