Alle Artikel in: Leseprobe

IN DEN HÄNDEN DES APO

#59 LINDENHOF – Ein Besuch beim Frisör Abdullah Bozkir, der einst auf der Suche nach einem besseren Leben nach Gröpelingen kam   Ich spüre die Klinge an meinem Kehlkopf. Sie schabt Rasierschaum und Bartstoppeln von meiner Haut, wandert Strich für Strich den Hals entlang. Ich möchte etwas sagen. Traue mich aber nicht. Bloß keine falsche Bewegung riskieren. Mein Kopf liegt im Nacken. Statt in den Spiegel blicke ich an die Decke. Angestrengt bewegen sich meine Augen abwärts, um doch mein Spiegelbild zu sehen, um doch irgendwie die Arbeit an meiner Pulsader zu beaufsichtigen. Doch ohne Brille ist das zwecklos. „Keine Sorge, ich pass’ auf“, sagt der Mann, der die Klinge führt. Es gelingt ihm, mir einen Teil meiner Anspannung zu nehmen. Seine Handbewegungen sind schnell, sicher, routiniert. Unzählig viele Männer haben sich schon Apos Klinge anvertraut. Der 44-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Friseur, seinen Herrensalon „Apo’s Haircut“ an der Lindenhofstraße eröffnete er vor neun Jahren. Hier, zwischen Moschee und Gemüsehändler, treffen sich Männer jeden Alters. Von millimeterlanger Stoppeloptik bis hin zum voluminösen Vollbart ist …

VIEL MEHR ALS NUR TEE

#58 FEDELHÖREN – In einer neuen Serie stellen wir Einrichtungen vor, die unser sozialer Stadtrundgang „Perspektivwechsel“ besucht. Heute: das Haus Fedelhören.   Unscheinbar wirkt der Eingang der Teestube, zwischen all den großen, stattlichen Häusern im Fedelhören, grau und niedrig. Es ist ein Ort, an dem eilige PassantInnen schnell vorbeihasten. Aber die gehören ja auch nicht zum typischen Klientel der Teestube. Gegründet wurde sie einst für ehemalige Strafgefangene – auch als tagesstrukturierende Maßnahme –, inzwischen kommen aber auch Hartz-IV-EmpfängerInnen und RentnerInnen, die wenig Geld haben. Sie kommen zum Essen, zum Reden, zum Schachspielen oder um die Lokalzeitung zu lesen. Seit einiger Zeit dürfen allerdings nur noch nachweislich bedürftige Personen hier essen: „Wir beschäftigen auch Ein-Euro-Jobber, und die dürfen nur für Bedürftige arbeiten“, sagt Hermann Smidt, der Leiter der Teestube. „Das hat auch was mit Wettbewerbsverzerrung zu tun, weil wir das Essen ja viel billiger herstellen können.“ Gleich nebenan ist „Das schwarze Schaf“, ein kleines Restaurant mit mediterraner Küche. „Das wir dem Konkurrenz machen, glaube ich aber nicht“, sagt Smidt, und lächelt. Ein Mittagessen in der Teestube …

SANDRA UND ANGELA

#57 SCHWEIZER VIERTEL – Sie lernten sich in der Notunterkunft kennen und wurden Freundinnen. Derzeit verkaufen sie gemeinsam die Zeitschrift der Straße   Angela und Sandra sind auch heute zusammen auf dem Weg zum Vertriebsbüro der Zeitschrift der Straße. Ein guter Tag, die Sonne scheint, die Menschen sind gut drauf. Die beiden Freundinnen auch, sie lachen, als sie zur Tür hereinkommen. Von Montag bis Freitag, immer zwischen zehn und halb elf, kaufen Angela und Sandra ihre Zeitschriften. Sie begrüßen mich, holen mich ab. Sandra kauft morgens gerne sechs oder sieben Zeitschriften und nachmittags nochmal ein oder zwei. Angela ist mit ein oder zwei Zeitschriften unterwegs und kauft neue, sobald ihre verkauft sind. Zusammen geht’s nach draußen. Heute früh waren sie schon zwei Stunden unterwegs und haben verkauft. Angela und Sandra haben keinen festen Platz, sie bewegen sich gern und halten sich meist in der Nähe des Hauptbahnhofes auf, ab und zu geht es in die Innenstadt. Sie sind bei jedem Wetter draußen. An diesem kalten Februartag tragen sie je zwei Hosen und drei Pullover. Angela …

WOLLE, BABY UND OPA

#56 GÜTERBAHNHOF: Wer das Nachtlager der Obdachlosen am Güterbahnhof besucht, trifft dort auf viele Geschichten. Nicht jeder hier nimmt Hilfe in Anspruch   Wenn „Baby“ vom Nachtlager der Obdachlosen am Güterbahnhof spricht, wird er sentimental. „Es ist eine Gemeinschaft“ sagt er. „Am Tag passt immer jemand auf deine Sachen auf.“ Und alle achten sie auf die Arzt- und Ämtertermine der anderen, sagt Baby. Er hat den seinen heute trotzdem verpasst. Stattdessen sitzt er jetzt, wie immer morgens um zehn, mit einem Kaffee bei den Streetworkern der Inneren Mission, vor dem Hauptbahnhof. Es ist beißend kalt. Baby, – mittlerweile Anfang 40 – kleckert wieder und wieder auf seine schwarze Hose, ärgert sich, um im nächsten Moment wieder neckisch zu grinsen. Und einen seiner Freunde aufzuziehen. Zwei Jahre lebte Baby am Güterbahnhof, zwei Mal fiel er ins Koma. Mittlerweile sitzt er im Rollstuhl. Er braucht eine Hüft-Operation, doch wegen einer starken Entzündung im Körper wollen ihn die Ärzte nicht operieren. „Sie haben gesagt, er soll sich auskurieren und haben ihn einfach wieder auf Straße gesetzt“, erzählt der …

WEHE, WENN ICH WIRKLICH MAL GEWINNE

#55 PAPPELSTRASSE: Die Pappelstraße ist ein Hotspot des Glücksspiels. Und die Branche lebt gut von der Sucht. Eine Annäherung im Selbstversuch   Samstagnacht, Tequila-Bar, Werder hat gewonnen. Durch Schwaden von Nikotin, an vielen Menschen vorbei, fällt mein Blick auf diese lachende Sonne. Sie zwinkert mich an. Die Animation wechselt, „Eye of Horus“ leuchtet in goldener Schrift. Ich habe einige Bier intus, dazu einen Jägermeister; meine Freunde sind schon gegangen. Ich denke an mein Portemonnaie, versuche, mich an das Kleingeld zu erinnern. Zwei Euro waren es, vielleicht drei. In Gedanken habe ich die Münzen schon in meinen Fingern, sehe meine Hand zum Einwurf wandern. Woher kommt dieses Verlangen, diese unheimliche Anziehungskraft der Glücksspielautomaten? Münze um Münze, Schein um Schein frisst der Automat das Geld – um einige, wenige Glücksmomente zu erschaffen. Dutzende dieser Maschinen finden sich an der Pappelstraße, verborgen in Räumen, die weder Nacht noch Tag kennen. Spielotheken haben weder Fenster noch Uhren und Getränke gibt es frei Haus. Es läuft keine Musik, nicht einmal Radio. Das Klimpern der Automaten kreiert eine ganz eigene Melodie. …

KULTURSCHOCK NACH DEM REGENBOGEN

#54 LINIE 1: Zu fünft durch die Kneipen entlang der Linie 1. Eine nächtliche Erkundung, dokumentiert mit Einwegkameras   Ich habe meinen guten Freund Piotr eingeladen und dazu noch Lisa, Kim und Sara aus Oldenburg. Unser Ziel: In möglichst vielen Kneipen und Bars an der Linie 1 mindestens ein Bier zu trinken. Dabei immer griffbereit: ein paar analoge Einwegkameras. Angelockt wie Motten vom Licht, werden wir durch bunte Neonleuchten auf die erste Kneipe aufmerksam. Es geht los! Grell blinkende Spielautomaten, eine dunkel getäfelte Bar und Euro-Dance-Hits aus der Musikbox, hier im „Vahrer Eck“ scheint die Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben zu sein. Unsere erste Amtshandlung hier: ein 10-Euro-Schein, der in die Musikbox wandert. „Wir brauchen was tanzbares“, ruft Lisa und reißt die Arme nach oben. Mit dem Musikwechsel verändert sich auch die Stimmung im Laden. Wurden wir anfangs vom Wirt und seinen beiden, separat sitzenden Gästen, noch misstrauisch beäugt, wirkt er beim Anblick von drei in seiner Kneipe tanzenden Mädels nun wie ausgewechselt. „Was wollt ihr denn trinken?“        Die ersten beiden Runden gehen …

„AUFKLÄRUNG IST FAST SCHON EIN SCHIMPFWORT“

#53 DOM: Früher war Horst Isola Landesvorsitzender der SPD, heute kämpft er für die Trennung von Staat und Kirche. Ein Gespräch über Lobbyismus, Auschwitz, die Sozialdemokratie und 20 Schläge   Haben Sie eine Mission, Herr Isola? Mission wäre zu hoch gegriffen, aber ich habe politische Auffassungen und Grundsätze. Eine davon ist die Trennung von Kirche und Staat. Geht es Ihnen nur ums Prinzip, oder was ist das Problem? Religion ist Privatsache! Jeder kann glauben, was er will. Das ist geschützt durch das Grundgesetz. Für mich ist es aber ein Prinzip der Demokratie, dass sich die Kirchen aus der Politik heraushalten. Wer sich auf ein nicht kontrollierbares höheres Wesen beruft, unterläuft die Demokratie. Was mich weiter stört, ist die Privilegierung der Kirchen mit Steuergeldern in Milliardenhöhe. Was Sie also stört, ist die Bevorzugung der Kirche und nicht ihre Inhalte. Ich bin Atheist. Was soll ich da zu den Inhalten der Kirche und deren Religion sagen, die gehen mich nichts an. Das Problem ist die fehlende Trennung zwischen Religion und Politik. Es gibt eine Reihe von Staaten, …

DAS ÜBERSEHENE LEID

#52 NELSON MANDELA PARK: Neben dem Elefanten steht ein kleines Mahnmal – das bundesweit einzige seiner Art, das an den Völkermord an den Herero erinnert.   Der Nelson-Mandela-Park beherbergt ein unscheinbares und oft übersehenes Mahnmal. Gleich neben dem Elefanten, der seinen Schatten auf einen kleinen Steinkreis wirft. Wofür steht dieser Kreis? Es ist das bundesweit einzige Denkmal sein Art. Und erinnert an die Vernichtung der Herero in der Schlacht am Waterberg im Jahre 1904. Das Volk hatte sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft aufgelehnt. In Erinnerung an diesen Völkermord wurden 2009 Steine aus der Omaheke-Wüste nach Bremen gebracht, um dort zusammen mit deutschem Beton und Kies einen kreisförmigen Erinnerungsort im Dialog mit dem Elefanten zu gestalten. Bremen war einst tief in den deutschen Kolonialismus verstrickt. 1883 kaufte der Bremer Tabakhändler Adolph Lüderitz – Namensgeber der Lüderitzstraße in Schwachhausen – mit betrügerischen Mitteln große Landstriche in Südwestafrika und stieg somit in den sogenannten „Scramble for Africa“ ein, den Wettlauf um Afrika, der in jener Zeit in ganz Europa stattfand. Erstmals wurde die deutsche Flagge auf afrikanischem Boden …

GELEGENTLICH ZIEMLICH MODERN

#51 WALLER PARK: Besuch bei einem Radiomoderator, der wenig spricht, kein Smartphone besitzt und selbst aus seinem Namen ein Geheimnis macht   Die zarten Klänge der Band Passenger werden ausgeschaltet. Lange graue Locken werden zu einem Zopf zusammengebunden, die Kopfhörer aufgesetzt. Stille tritt ein bis melancholisch-asiatische Gesänge einsetzen; die Anfangsmelodie des Therapeutischen Radios. Windy Jacob, der Moderator, summt die Melodie mit, um sich selbst zu beruhigen. Er wirkt angespannt, kommt aber zur Ruhe, sobald er die ersten Worte auf Chinesisch gesprochen hat. Es ist zu einem Ritual geworden, dass Jacob seine Sendung auf Chinesisch anmoderiert. Warum? Das weiß keiner so genau. Aber so kennen seine HörerInnen ihn und seine leicht kryptische Zwischenmoderationen, die nicht immer Sinn ergeben müssen. Oft wird etwas angerissen, aber nicht wirklich ausgeführt, sodass die Hörerinnen und Hörer in einer gewissen Unwissenheit bleiben. Aber so ist Windy Jacob, der selbst aus dem Ursprung seines Namens ein echtes Geheimnis macht. „Sorry, ich habe nicht aufgeräumt.“ So begrüßt uns Jacob in seinem kleinen Tonstudio in der Kulturwerkstatt Westend in Walle. Der lichtdurchflutete Raum wirkt …

„DIE ARMUT WIRD IMMER GRÖSSER“

#50 DIE STRASSE – Stefan Gehring arbeitet seit über zwei Jahren bei der Zeitschrift der Straße. Und er malt auch: Die Zeichnung unten ist von ihm. Täglich steht er am Nordausgang des Bahnhofs, an der Bürgerweide. Hinter dem Bahnhof arbeiten insgesamt fünf VerkäuferInnen der Zeitschrift der Straße – er und sein Freund Bommel, durch den er zu dieser Arbeit gekommen ist, sind jeden Tag da. Mit seinem Dreitagebart wirkt der 33-Jährige jung, seine Haut ist gebräunt.   [Wir haben Stefan Gehring gebeten, mit einer Einwegkamera seine eigene Sicht auf Bremen einzufangen. Das folgende Protokoll entstand während eines Gesprächs mit ihm über seine Fotos, von denen einige in der Ausgabe #50 abgebildet sind.] „Ich hab viele Baustellen fotografiert. Mit den Bildern sollen wir ja unseren Blick auf die Straße zeigen – oder unsere Perspektive. Mir kommt es so vor, als wären überall nur Baustellen. Ich bin ja Bremer und egal, an welche Zeit ich mich zurück erinnere: Überall wird gebaut. Dazu kann man ein kleines Experiment machen. Man kann mehrere Leute fragen: „Nenn’ mir mal drei …