Alle Artikel in: Leseprobe

DAS ÜBERSEHENE LEID

#52 NELSON MANDELA PARK: Neben dem Elefanten steht ein kleines Mahnmal – das bundesweit einzige seiner Art, das an den Völkermord an den Herero erinnert.   Der Nelson-Mana-Park beherbergt ein unscheinbares und oft übersehenes Mahnmal. Gleich neben dem Elefanten, der seinen Schatten auf einen kleinen Steinkreis wirft. Wofür steht dieser Kreis? Es ist das bundesweit einzige Denkmal sein Art. Und erinnert an die Vernichtung der Herero in der Schlacht am Waterberg im Jahre 1904. Das Volk hatte sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft aufgelehnt. In Erinnerung an diesen Völkermord wurden 2009 Steine aus der Omaheke-Wüste nach Bremen gebracht, um dort zusammen mit deutschem Beton und Kies einen kreisförmigen Erinnerungsort im Dialog mit dem Elefanten zu gestalten. Bremen war einst tief in den deutschen Kolonialismus verstrickt. 1883 kaufte der Bremer Tabakhändler Adolph Lüderitz – Namensgeber der Lüderitzstraße in Schwachhausen – mit betrügerischen Mitteln große Landstriche in Südwestafrika und stieg somit in den sogenannten „Scramble for Africa“ ein, den Wettlauf um Afrika, der in jener Zeit in ganz Europa stattfand. Erstmals wurde die deutsche Flagge auf afrikanischem Boden …

GELEGENTLICH ZIEMLICH MODERN

#51 WALLER PARK: Besuch bei einem Radiomoderator, der wenig spricht, kein Smartphone besitzt und selbst aus seinem Namen ein Geheimnis macht   Die zarten Klänge der Band Passenger werden ausgeschaltet. Lange graue Locken werden zu einem Zopf zusammengebunden, die Kopfhörer aufgesetzt. Stille tritt ein bis melancholisch-asiatische Gesänge einsetzen; die Anfangsmelodie des Therapeutischen Radios. Windy Jacob, der Moderator, summt die Melodie mit, um sich selbst zu beruhigen. Er wirkt angespannt, kommt aber zur Ruhe, sobald er die ersten Worte auf Chinesisch gesprochen hat. Es ist zu einem Ritual geworden, dass Jacob seine Sendung auf Chinesisch anmoderiert. Warum? Das weiß keiner so genau. Aber so kennen seine HörerInnen ihn und seine leicht kryptische Zwischenmoderationen, die nicht immer Sinn ergeben müssen. Oft wird etwas angerissen, aber nicht wirklich ausgeführt, sodass die Hörerinnen und Hörer in einer gewissen Unwissenheit bleiben. Aber so ist Windy Jacob, der selbst aus dem Ursprung seines Namens ein echtes Geheimnis macht. „Sorry, ich habe nicht aufgeräumt.“ So begrüßt uns Jacob in seinem kleinen Tonstudio in der Kulturwerkstatt Westend in Walle. Der lichtdurchflutete Raum wirkt …

„DIE ARMUT WIRD IMMER GRÖSSER“

#50 DIE STRASSE – Stefan Gehring arbeitet seit über zwei Jahren bei der Zeitschrift der Straße. Und er malt auch: Die Zeichnung unten ist von ihm. Täglich steht er am Nordausgang des Bahnhofs, an der Bürgerweide. Hinter dem Bahnhof arbeiten insgesamt fünf VerkäuferInnen der Zeitschrift der Straße – er und sein Freund Bommel, durch den er zu dieser Arbeit gekommen ist, sind jeden Tag da. Mit seinem Dreitagebart wirkt der 33-Jährige jung, seine Haut ist gebräunt.   [Wir haben Stefan Gehring gebeten, mit einer Einwegkamera seine eigene Sicht auf Bremen einzufangen. Das folgende Protoll entstand während eines Gesprächs mit ihm über seine Fotos, von denen einige in der Ausgabe #50 abgebildet sind.] „Ich hab viele Baustellen fotografiert. Mit den Bildern sollen wir ja unseren Blick auf die Straße zeigen – oder unsere Perspektive. Mir kommt es so vor, als wären überall nur Baustellen. Ich bin ja Bremer und egal, an welche Zeit ich mich zurück erinnere: Überall wird gebaut. Dazu kann man ein kleines Experiment machen. Man kann mehrere Leute fragen: „Nenn’ mir mal drei …

„EINE COOLE CHALLENGE“

#49 REMBERTIRING – Das Café Papagei hat einen Chefkoch: Randy Ziegler. Dabei wäre er beinahe zu spät gekommen. Er ist angetreten, Gerichte für 2,50 Euro zu kochen – frisch, regional und lecker   Er wollte nur seine Post abholen, hier im Café Papagei, und Bewerbungsunterlagen hatte er auch keine dabei. Dafür war auch keine Zeit mehr. Randy Ziegler kam noch gerade rechtzeitig, um sich aus dem Stegreif auf die Stelle zu bewerben – ein Koch wurde gesucht, für das Café Papagei auf der Brake. Am 1. Mai sollte das neue Projekt starten, gefördert von ProJob, einer Tochtergesellschaft der Inneren Mission. Auf die Frage, ob er hier der neue Küchenchef sei, streicht sich Randy Ziegler über den Bart, grinst breit und antwortet er in einem dezent pfälzischen Dialekt: „Ja, ich sehe zwar nicht so aus, aber der bin ich.“ Er ist in Pirmasens geboren und mit 32 Jahren „im besten Alter“ für den Job, wie er findet. Als gelernter Koch und Hotelfachmann tingelte er zuvor durch die ganze Welt, arbeitete unter anderem in Vietnam, Kroatien, in …

EIN FAST VERGESSENES LAGER

#48 WARTURMER PLATZ – Die Siedlung am Wartumer Platz war einst ein „Familien-KZ“. Heute erinnert dort nichts mehr an die dunkle Vergangenheit   Wie ein dörfliches Idyll mutet sie heute an, die Siedlung am Warturmer Platz. Lauter kleine Reihenhäuser mit schmucken Vorgärten, dazwischen eine Wiese, und alles ist umringt von Bäumen und Sträuchern. Auf einem kleinen Platz spielen die Kinder einer Kindertagesstätte. Gebaut wurde diese Siedlung in der Zeit des Nationalsozialismus. Als „Wohnungsfürsorgeanstalt“. Initiiert vom damaligen Wohlfahrtssenator Hans Haltermann entstand 1936 eine Unterbringung für die von den Nazis als „asozial“ und „minderwertig“ klassifizierten Familien Bremens. Sie wurde zwangsweise einquartiert und sollten im Sinne des Regimes umerzogen werden. Bis 1940 wurden etwa 160 Erwachsene und rund 400 Kinder eingewiesen. Heute deutet hier kaum mehr etwas auf die Schicksale hin, die Menschen an diesem Ort erlitten haben. Wieder leben Familien in den Häusern. Ob sie die Geschichte der Siedlung noch kennen? Die Anfänge dieses „Familien-KZ“, wie es die Bewohner nannten, reichen bis ins Jahr 1935 zurück. Damals veröffentlichte der Heiberger Bürgermeister Otto Wetzel zwei Aufsätze in einem …

„ICH BIN AUCH FÜR RADIKALERE MASSNAHMEN OFFEN“

#47 REIHERSIEDLUNG – Ein Gespräch über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik – mit Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“   Zeitschrift der Straße: Brauchen wir mehr Schlichtwohnungen in Bremen? Joachim Barloschky: Gegenwärtig sieht es so aus, also ob wir bald gar keine mehr haben. Eben! Unser Aktionsbündnis tritt dafür ein, dass es mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt gibt. Der muss natürlich einen ordentlichen Standard haben und gewisse ökologische Kriterien erfüllen. Dafür kämpfen wir. Die Menschen in den Schlichtbausiedlungen sind oft mit wenig zufrieden. Ich wurde neulich von einem Freund angegriffen: Barlo, bist du jetzt auch noch einer, der sich für die Scheiß-Wohnungen einsetzt? Nein. Aber im Gegensatz zur Vonovia haben wir mit den Bewohnern geredet, während die Politiker nur mit der Vonovia geredet haben. Die Bewohner wollen bleiben, eine einfache Sanierung und Mitbestimmung. Was würde das konkret heißen? Es müsste dort zumindest Warmwasser und eine Heizung geben. Das kann man machen. Das haben ja die Bewohner in der Holsteiner Straße in Walle alles selbst organisiert. Die haben richtige Investitionen getätigt! …

DIE MACHT DER GEWÖHNUNG

#46 WACHMANNSTRASSE – Nach anfänglichen Protesten akzeptieren die Schwachhauser heute die Unterkunft für Geflüchtete   Am Anfang war die Angst vor den Flüchtlingen groß. Rückblende: Wir schreiben das 2013 und der Bremer Senat sucht händeringend nach Wohnraum. In Schwachhausen wird eine zweite Flüchtlingsunterkunft geplant, über 1.000 Menschen flüchten allein in diesem Jahr nach Bremen. 2016 werden es sogar 3.185 sein. Doch so einfach ist das in Schwachhausen nicht. Die grüne Beiratssprecherin Barbara Schneider erinnert sich, dass einige AnwohnerInnen vorschlugen, neue Flüchtlingsunterkünfte doch lieber in Tenever einzurichten. Weil dort die Nachbarn doch auch Arabisch sprächen. Als im Dezember 2013 die erste Einwohnerversammlung einberufen wird, stellen sich die StadtteilpolitikerInnen schon auf die alten, vorurteilsdurchtränkten Argumente ein. Und die kommen auch: „Es ist oft nur eine Frage von Minuten, bis die ersten Ängste wegen Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Flüchtlinge ausgesprochen werden“, sagt Schneider. Die entkräftet sie mit Fakten: Die Bremer Polizei verzeichnet rund um Flüchtlingsunterkünfte keinen Anstieg von Kriminalität. Ebenso wenig käme es vermehrt zu Ruhestörungen. Die Mehrheit der gut 60 AnwohnerInnen scheint diese Sorgen nicht …

DER TRAUM DES PASTORS

#45 HUMBOLDTSTRASSE – Wer in den Bibelkreis in der Friedensgemeinde kommt, dem droht zu Hause im Iran der Tod. Reza Yazdi zum Beispiel   Reza Yazdi (Name von der Redaktion geändert) kommt aus dem Iran und ist überzeugter Christ. Zurückkehren kann er nicht. Denn er hat sich taufen lassen. Wer Muslim war und zum Christentum konvertiert ist, dem droht im Iran die Todesstrafe. Seit über einem Jahr lebt Yazdi nun in Deutschland. Er hofft, dass er seine Familie nachholen kann. Und darauf, dass ihn im Iran niemand mit christlichen Aktivitäten in Zusammenhang bringt. Ansonsten würden seine Verwandten und Freunde verfolgt, sagt Yazdi. Deshalb redet er auch nicht über sein Engagement im Iran. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er erwähnt nur kurz, dass er an einer iranischen Universität mit anderen christlichen Studierenden entdeckt wurde. Mehr könne er nicht sagen. Es ist das erste Mal überhaupt mit der Presse spricht. „Es gab schon viele Anfragen von Journalisten“, sagt Pastor Bernd Klingbeil-Jahr von der Friedensgemeinde, aber Reza Yazdi wollte nie mit ihnen …

DAS LÄSST UNS NICHT KALT!

#44 BÜRGERWEIDE – Mehrere Hundert Menschen in Bremen sind obdachlos, das heißt, sie leben permanent auf der Straße. Daneben gibt es sehr viele Menschen ohne festen Wohnsitz, die in Notunterkünften oder Wohnheimen leben.   Die Gründe für Obdachlosigkeit sind vielfältig, aber häufig sind es Schicksalsschläge wie Trennung, Gewalterfahrungen oder Jobverlust, in deren Folge Menschen auf der Straße landen. Dieses gravierende soziale Problem muss mehr Aufmerksamkeit in Politik und Gesellschaft erfahren. Viele unserer StraßenverkäuferInnen wissen aus eigener Erfahrung, an welchen Orten in der Stadt sich Menschen aufhalten, die kein Dach über dem Kopf haben. Nicht jeder und jedem sieht man es auf den ersten Blick an. Es ist tatsächlich nicht ungewöhnlich, dass jemand im Sommer auf einer Bank im Bürgerpark oder den Wallanlagen übernachtet. Aber im Winter? Bereits bei Temperaturen, die deutlich über null liegen, birgt die Nacht unter freiem Himmel die Gefahr des Auskühlens und Krankwerdens. Was also wird mit denen, die keinen geschützten Platz zum Schlafen haben? Oft bieten ein heißer Kaffee, eine Suppe und ein Schlafsack Erste Hilfe in der größten Not. StreetworkerInnen …

SELBST WENN DIR BLAUE TENTAKEL WACHSEN

#43 AUF DER BRAKE – Im Café Papagei treffen sich Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier sind alle willkommen. Nur bei einem Thema kennt das Team keine Toleranz   „Junger Mann, Sie wollten duschen“, sagt Karin zu dem schlaksigen Mittzwanziger. „Stimmt, Sie haben recht. Wollte ich nicht, aber ich sollte“, antwortet er. Und trägt sich in die Liste für die Duschen ein. „Kann ich einen Rasierer haben? Ist ja Montag“, fragt der junge Mann. „Es ist Dienstag“, entgegnet Cory und überreicht ihm Handtuch und Rasierer. Karin und Cory, Angestellte der Inneren Mission, arbeiten im Café Papagei, einem Treffpunkt für Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier gibt es günstigen Kaffee, belegte Brötchen, Bockwurst und auch ein warmes Mittagsessen. Die Gäste können hier duschen, ihre Wäsche waschen oder sich eine Postadresse einrichten. Etwa ein Drittel der Besucher ist ohne Wohnung, ansonsten mischen sich die Szenen. Das liegt vor allem an der Lage – früher, als die Wohnungslosenhilfe noch im Jakobushaus am Breitenweg war, kamen überwiegend Obdachlose, erzählt Karin, während ihre Augen den Raum absuchen.Ihr Gesicht …