Jahr: 2019

#68 MÜNCHENER STRASSE

EDITORIAL: Rückkehr und Hoffnung Ob die Veränderung im Heft schon zu merken ist? Puh, schwer zu sagen, das müssen Sie wohl selbst entscheiden. Jedenfalls ist in unserer kleinen Redaktion eine neue gestaltende Kraft am Werke: unsere wieder zu uns zurückgekehrte Chefredakteurin Tanja Krämer. Sie übernimmt den Part von Philipp Jarke, den Beruf und Familie nun woanders hinführen. Zusammen sind wir nach Findorff aufgebrochen, wo wir, zugegeben, schon länger nicht für eine Ausgabe zu Gast waren. Hier haben wir manches über Konsum gelernt, etwa da, wo es gar nicht ums Kaufen geht: im fairen Tauschladen (Seite 12). Oder beim Versuch, zwei kaputte Staubsauger in der Leuchtturmfabrik zu reparieren (Seite 22). Mit dem Schneider Ercin Abdülkadir, den Sie jetzt schon vom Titelbild kennen (Seite 8), sprachen wir nicht nur über Konsum und seine KundInnen, sondern auch über die Heimat. Denn Heimat ist ein schwieriger Begriff, auch wenn man bereits 25 Jahre hier lebt. Unser Fotograf Dennis Green hingegen wohnte nur kurz in dieser Straße – und kommt trotzdem immer gerne wieder. Auf seinem Rundgang (Seite 14) geht …

„Ich bin innerlich ausgeglichener“

#68 MÜNCHENER STRASSE – Stefan Gehring hat es von der Straße zurück in einen geregelten Alltag geschafft. Wie ist ihm das gelungen? Seit mehr als vier Jahren verkauft Stefan Gehring die Zeitschrift der Straße. Bei den Perspektivwechsel-Stadtführungen erzählt er als Tourbegleiter SchülerInnen und Studierenden vom Leben auf der Straße und zeigt ihnen Orte im Bahnhofsviertel, die für Wohnungslose wichtig sind. So auch im März dieses Jahres: Er ist mit einer Schulklasse einer Oberschule unterwegs. Stefan wirkt offen. Keine Frage ist ihm zu persönlich. Die Tour führt an Orten vorbei, die Wohnungslosen als Toilette dienen. Stellen, an denen sie an Spritzenautomaten neue Spritzen bekommen. Obwohl die SchülerInnen teilweise abgeschreckt sind und entsprechende Kommentare fallen lassen, bleibt Stefan Gehring ruhig und gelassen. Er möchte das Leben der Wohnungslosen so realistisch wie möglich nahebringen. Auch Gewalt gegenüber der Wohnungslosen spricht er offen an. Auf Fragen über seine eigene Zeit als Wohnungsloser antwortet er in aller Ausführlichkeit. „Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Menschen, die wohnungslos sind, sich das nicht ausgesucht haben“, sagt er. Stefan, vor etwa einem Jahr …

#67 JUGENDKNAST

EDITORIAL: Abschied und Reintegration Ein wenig Wehmut und ein Neuanfang liegen über diesem Heft. Denn der geschätzte Kollege Philipp Jarke scheidet – schnüff! – aus der Chefredaktion aus. Dafür kommt – tatatata! – nun die ebenso geschätzte Tanja Krämer zurück, die diese wunderbare Aufgabe ja früher schon mal übernommen hatte. Dies also ist das letzte Heft in der alten Besetzung und doch ist es ganz anders entstanden als die anderen. Es entspringt einer Kooperation mit zwei anderen Straßenzeitungen, dem „Jerusalëmmer“ aus Neumünster und dem „Asphalt“ aus Hannover. Deshalb lesen Sie hier auch lauter Interviews. Zusammen mit den Kollegen durften wir in den letzten Monaten mehrmals in den Jugendknast in Oslebshausen einfahren. Dort konnten wir uns lange mit zwei Insassen unterhalten, Asouad (Seite 8) und Steven (Seite 22), die uns ihre Geschichten erzählten und ihre Sicht auf das Gefängnis. Und auch sonst haben wir ein paar Bewohner in ihren Einzelzimmern besucht (Seite 12). Außerdem sprachen wir mit Karena Bruns (Seite 18), die als Justizvollzugsbeamtin genau dort arbeitet, wo sonst keiner hinwill und wo sie von ihren …

„WIR HABEN IHN ETWAS ZURECHTGESTUTZT“

#67 JUGENDKNAST – Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“ . Ein Hof im Hof des Gefängnisses, mit Tieren, Nutzpflanzen und Kompost. Drumherum Stacheldraht, Kameras, vergitterte Türen. Junge Straftäter arbeiten hier für ihre Zeit nach der Haft. Auch an sich selbst. So wie der 17-jährige Steven. Hallo Steven, warum bist du hier im Gefängnis? Ich sitze hier in Bremen gerade meine letzten drei Monate ab. Zwei Jahre und acht Monate hatte ich bekommen. Oh, das ist vergleichsweise viel für einen Jugendlichen. Was hast du angestellt? Schwere Räuberische Erpressung – hauptsächlich. Das heißt konkret? Ich habe jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten, damit er uns seine Autoschlüssel gibt. Wir sind dann mit seinem Auto weggefahren. Stundenlang. Du bist 17 jetzt, warst also zur Tatzeit 14 Jahre alt? Gerade 15 geworden. Und dafür bekommt man mehr als zweieinhalb Jahre Jugendhaft? Nun ja, wir haben ihn zusätzlich auch noch etwas zurechtgestutzt. Ich mein, nur weil dir jemand sagt, dass du …

#66 AM DOBBEN

EDITORIAL: Momente des Glücks Die guten, anrührenden Geschichten sind ja eher selten, wenn es um Menschen geht, die auf der Straße leben. Aber es gibt diese Geschichten! Zum Beispiel diese hier, die in der Pappelstraße spielt, der wir vergangenes Jahr auch ein Heft gewidmet haben: Ein Verkäufer der Zeitschrift der Straße „hüpfte“ dort vor dem Supermarkt „fröhlich auf und ab und meinte, er freue sich so sehr“, erzählt uns eine Leserin. „Einen Tag zuvor habe ihn eine Frau angesprochen und nach seiner Schuhgröße gefragt. Gestern sei sie wieder vorbeigekommen und habe ihm einen Schuhkarton mit nagelneuen, warm gefütterten Winterstiefeln überreicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe er nun richtig warme Füße. Dabei lachte er über das ganze Gesicht.“ Sie sei „ganz beseelt“ gewesen „von dem Gefühl, dass es so viel Mitmenschlichkeit in unserer Stadt gibt“, sagt die Leserin. Wir auch! Damit kommen wir fast nahtlos zu einer Religionsgemeinschaft, die wie diese Ausgabe am Dobben beheimatet ist – die „Christliche Wissenschaft“. Wer auch schon immer mal wissen wollte, wer und was sich dahinter eigentlich verbirgt: …

„DAS GELD IST NICHT MEHR DA“

#66 AM DOBBEN – Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Zeit für ein Gespräch über gute alte Zeiten, neue Moden und darüber, was sein Darkroom mit Datenschutz zu tun hat . Herr Hug, ist das „Bronx“ ein Relikt aus einer vergangenen Zeit? Wenn sie noch rein schwul wäre: ja. Aber das Publikum ist seit zwei Jahren gemischt. Als ich anfing, kamen unter der Woche auch Frauen, aber am Wochenende war die Bar nur für Männer geöffnet. Das hat sich jetzt geändert. Kürzlich haben Sie 25-jähriges Barjubiläum gefeiert … Ja, ein bisschen. Es gab einen Kaffeeklatsch und wir haben ein paar Runden geschmissen, da war die Sache erledigt. Wie lange ist das „Bronx“ eigentlich schon in dem Zustand, in dem es heute ist? Schon 20 Jahre. Wir renovieren immer mal, aber der Stil ist gleich geblieben. Hat sich die Szene verändert, seit Sie das „Bronx“ betreiben? Ja. Alle sieben Jahre verändert sich das Publikum. Wer sind Ihre Gäste? Kommen auch junge Leute? Ich habe viele Stammgäste. Ab und zu kommen auch junge Leute, …

GEHT DURCH BREMEN MIT OFFENEN AUGEN!

Auf der Straße zu leben ist hart. Aber zu Beginn des Winters wird es für viele Obdachlose noch härter – im schlimmsten Fall lebensgefährlich.   Im Idealfall werden Menschen gar nicht erst obdachlos. Aber es passiert, und zwar Tausenden, in Deutschland. Als Vertriebskoordinator der Zeitschrift der Straße werde ich häufig von Freunden und Bekannten gefragt: Was kann ich tun in der kalten, nassen Jahreszeit? Wie kann ich helfen, wenn ich Obdachlosen auf der Straße begegne? Ganz klar, eine Tasse heißen Kaffee oder etwas Geld können nicht schaden. Wenn es sich um einen Verkäufer der Zeitschrift der Straße handelt, kauft ihm ein oder zwei Hefte ab. Ihr könnt die Person auch fragen, ob sie Hilfe benötigt; menschenfreundliche Ansprache ist immer gut. Aber ich möchte davor warnen, zu meinen, das wäre genug. Man sollte immer gucken, ob man mehr tun kann. Wer einen Obdachlosen im Winter auf der Straße schlafen sieht, kann den Rettungsdienst (112) alarmieren. Lieber einmal zu viel angerufen haben, als einen möglicherweise erfrierenden Menschen auf der Straße allein zu lassen. Auch der Verein für …

#65 NIEDERSACHSENDAMM

EDITORIAL: Szenen einer Nachbarschaft Die Frau lächelt mich freundlich an, ich spreche ihre Sprache nicht, und sie nicht die meine. Ihre Worte klingen freundlich, sie bedeutet mir, ein Foto zu machen; vermutlich wohnt sie hier in der Nachbarschaft, am Niedersachsendamm. Sie heißt Suna, schreibt sie mir auf einen Zettel, aber viel mehr erfahre ich nicht, eh sie weiter geht, immer noch mit einem Lächeln. Nachbarschaft war auch das Thema eines Tanztheater-Projekts in der Schwankhalle, an dessen Entstehung die Zeitschrift der Straße ein wenig beteiligt war – mit einem Coaching der NachwuchskünstlerInnen, die für ihr Inszenierung unter anderem in Huckelriede recherchiert haben. Den Text dazu finden Sie ab Seite 20. Auch Wolfgang Fischer kann viel über den Niedersachsendamm erzählen – seinen Kiosk dort betreibt er schon seit 1988. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten (Seite 8). Farhan Hebbo dagegen ist noch nicht so lange da – der Poet, der einst aus Syrien flüchten musste, zog 2015 in das Containerdorf am Ende der Straße. Und seine Gedichte liest er auch am Niedersachsendamm (Seite 24). Ein paar …

SPUREN HINTERLASSEN

#65 NIEDERSACHSENDAMM – Mit ihrem Verein erfüllen Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche . Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert wohnen in einem der neuen Reihenhäuser am Niedersachsendamm. Hier, wo die Wände in warmen Farben gestrichen sind und es nach frisch aufgebrühtem Früchtetee duftet, hat ihr Verein Herzenswunschambulanz seinen Sitz – vorübergehend: „Das soll sich noch ändern, aber wir stehen ganz am Anfang“, sagt Hauert fast entschuldigend. Seit Anfang 2016 ist die Herzenswunschambulanz ein eingetragener Verein, der schwer kranken und alten Menschen ihre Herzenswünsche erfüllen möchte. Koepsel, die in einem Bioladen im Beginenhof arbeitet, trug die Idee zehn Jahre mit sich herum: „Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz Brücke gearbeitet“, erzählt die 60-Jährige im Berliner Dialekt. „Ein Bewohner, ein ehemaliger Gärtner, wollte unbedingt noch einmal in den Rhododendronpark.“ Koepsel beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer Hospizbewohner – ebenfalls ehemaliger Gärtner – und eine Praktikantin kamen auch mit, und so stiegen sie zu viert in Koepsels Kombi. „Wie die zwei sich mit lateinischen Blumennamen hochgeschaukelt haben, das hat uns wirklich …