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Herr Kaiser verkauft Träume

#74 LANGEMARCKSTRASSE – Seit 1957 werden in der Langemarckstraße Wohnwagen verkauft. Mittlerweile ist der Chef über 90 und sein Mechaniker eigentlich im Ruhestand. Ein Betriebsbesuch

Die Ladenschilder sind schon längst nicht mehr die Neuesten. Auf grellem, orangem Untergrund steht „An- und Verkauf“, „Wohnwagen“ oder auch das dazugehörige Synonym „Caravan“, außerdem der Hinweis: „Radikal reduziert“. Und immer wieder der Name des Inhabers: Kaiser.

„Ich bin schon 93 Jahre alt und laufe noch“, sagt Ernst Kaiser stolz, während er langsam am Stock durch sein Verkaufsbüro geht. An der Wand hängen die Glückwünsche der Bremer Handelskammer zum 50-jährigen Bestehen des Unternehmens. Die Urkunde ist von 2007. Früher habe er auch Autos verkauft, sagt Kaiser, aber mittlerweile biete er nur noch Wohnwagen an.

Alte Schwarz-Weiß-Fotos von 1957 zeigen allerlei VW Käfer oder Borgwards bei „Automobile Ernst Kaiser“, und 1982 kaufte der heute vergessene Lou van Burg hier einen Wohnwagen: „Auch Prominenz muss mal ruhen“, heißt es dazu. Im Deutschland der 1950er-Jahre hatte „Onkel Lou“ als Sänger seinen ersten Hit, später war er Showmaster beim ZDF und wurde mal für seinen der Ausruf „Wunnebar“ bekannt.

Betritt man den Laden in der Langemarckstraße heute, fühlt man sich zunächst eher an ein Reisebüro erinnert: ein kleiner Vorraum mit Stühlen, dazu Zeitschriften und Reklame für Wohnwagen und Camping vor atemberaubenden Landschaften. Hinter einer Glasscheibe sind die Mitarbeiterräume, im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich eine geräumige Verkaufsfläche. Hier kann man von der Druckknopfzange über rote Plastikheringe bis hin zur Nachttischlampe alles kaufen, was fürs Camping nützlich sein könnte.

Da der Chef mittlerweile die meiste Zeit im Rollstuhl sitzt und auch nicht mehr allzu gut hört, übernehmen seine MitarbeiterInnen die meiste Arbeit. Zurzeit sind es drei Leute: Eine Frau macht die Buchhaltung, zwei Männer kümmern sich um den Verkauf und die Reparatur der Fahrzeuge. Rolf Warnken ist einer dieser beiden Mechaniker. Er ist selbst schon 69 und seit gut zehn Jahren hier angestellt. Die Arbeit teilt er sich mit seinem Kollegen, sodass jeden Tag immer nur einer in der Werkstatt ist. „Falls es mal etwas gibt, wofür wir zwei brauchen, helfen wir uns gegenseitig aus“, sagt Warnken. 25 Wohnwagen werden hier im Jahr verkauft. Zum Vergleich: Zwischen Oktober 2018 bis September 2019 gab es in ganz Deutschland 26.573 Neuzulassungen für Wohnwagen.

Ein Kunde betritt den Laden, er sucht eine Kederleiste. Das ist eine Vorrichtung, die man am unteren Rand des Wohnwagens anbringen kann, um mit einer Plane den Durchzug unter dem Wohnwagen zu verhindern. Sie ist wichtig, wenn man ein Vorzelt vor dem Wohnwagen aufbauen will. „Manche Kunden verdecken damit aber auch Beulen und Ähnliches“, sagt Warnken. Er berät, sagt, was sonst noch so da ist und was bestellt werden müsste. Am Ende kauft der Kunde eine Leiste aus dem Sortiment. Der Preis wird spontan abgesprochen: Warnken fragt Kaiser, ob zehn Euro denn angemessen seien und der nickt. „Zehn Euro hat er gesagt, der Chef.“ Warnken nimmt den Schein entgegen und schreibt eine Quittung.

Wenn er nicht gerade was verkauft, ist Warnken meistens in der Werkstatt. In den Raum passen drei Wohnwagen rein, zurzeit steht aber nur einer hier: Es ist der Mietwagen des Ladens. „Die Gasprüfung musste gemacht werden, der Wagen kommt jetzt bald zum TÜV“, sagt Warnken. Seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker hat er damals bei Mercedes gemacht, später arbeitete er bei den Stadtwerken als Maschinenschlosser an der Turbine. Als er in den Vorruhestand versetzt wurde, bekam er Langeweile: „Ich kann einfach nicht den ganzen Tag zu Hause herumsitzen!“ Also ist er einfach bei Kaiser vorbeigefahren. So kam er schließlich an seinen Job.

„Der Laden läuft eigentlich ganz gut“, sagt Warnken. Das liege vor allem daran, dass sie mittlerweile auch Wohnwagen verkaufen, mit denen das Verreisen im Winter möglich sei. „Früher haben die Menschen nur in den Sommermonaten Wohnwagen gebraucht, da war hier im Winter wirklich wenig los“, sagt Warnken. Er vermutet, dass die Wohnwagen mehr Zustimmung erfahren, seitdem die Leute kritischer übers Fliegen nachdenken. Auf der großen Verkaufsfläche stehen Wohnwagen, die zwischen 5.500 und knapp 23.000 Euro kosten. Geklaut wird hier auch. „Dieses Jahr ist es wirklich extrem“, sagt Warnken. Daher habe er jetzt einen Bewegungsmelder installiert und eine Alarmanlage. Warnken betritt einen Wohnwagen. Auf dem Tisch liegt ein Buch, daneben stehen zwei Teller mit Messer und Gabel. Alles ganz so, als würde hier gleich gegessen werden. „Das ist alles Deko“, sagt Warnken.

Text: Lukas Scharfenberger
Foto: Benjamin Eichler