Jahr: 2020

#77 LEIBNIZPLATZ (digitale Soli-Ausgabe)

EDITORIAL: In Zeiten des Coronavirus Das ist die erste Ausgabe, die nie gedruckt werden wird: Die Zeitschrift der Straße in Bremen hat wegen des Coronavirus ihren Vertrieb eingestellt. Dieses Heft, das am Leibnizplatz in der Neustadt spielt, erscheint deshalb ausschließlich online. Für alle Engagierten ist das eine schmerzliche Erfahrung. Aber der Schutz unseres ehrenamtlichen Vertriebsteams und unserer VerkäuferInnen vor Ansteckung ist eine große Herausforderung, die wir sehr ernst nehmen. Je mehr Menschen sich selbst isolieren, von zu Hause arbeiten, unter Quarantäne stehen und den Kontakt zu Fremden meiden, desto schwieriger wird auch der Straßenverkauf von Zeitschriften. In diesen Wochen und Monaten verzeichnen deshalb alle Straßenmagazine schwere Einbrüche im Absatz. Auch wir werden um unsere Existenz kämpfen müssen. Dabei sind unsere StraßenverkäuferInnen, von denen viele gesundheitlich beeinträchtigt sind, durch das Coronavirus besonders gefährdet. Viele von ihnen sind EU-MigrantInnen und erhalten hierzulande keine Sozialleistungen. Unser Herausgeber, der Verein für Innere Mission, tut weiterhin alles nun Mögliche, um Sozialarbeit zu leisten. Doch es wird schwer, mit unseren VerkäuferInnen über die nächsten Monate überhaupt in Kontakt zu bleiben. Um …

Vertrieb schließt, Hilfe muss weitergehen!

In den nächsten Wochen und Monaten werden alle Straßenmagazine weltweit schwere Einbrüche im Absatz verzeichnen und um ihre Existenz kämpfen müssen. Je mehr Menschen sich selbst isolieren, von zuhause arbeiten, unter Quarantäne stehen und den Kontakt zu Fremden meiden, desto schwieriger wird der Straßenverkauf von Zeitschriften. Bei uns kommt hinzu, dass die Hochschulen im Land Bremen seit 13. März alle Präsenz-Lehrveranstaltungen ausgesetzt haben, um Infektionsrisiken zu minimieren. Das trifft die Zeitschrift der Straße, die seit ihrer Gründung vor zehn Jahren ein Gemeinschaftsprojekt von Hochschulen und dem Verein für Innere Mission ist. Der Schutz unseres ehrenamtlichen Vertriebsteams vor Ansteckung ist eine weitere große Herausforderung, die das Coronavirus für uns bereithält und die wir sehr ernst nehmen. Aus den genannten Gründen haben wir den Vertrieb der gedruckten Zeitschrift der Straße bis auf Weiteres eingestellt und unser Vertriebsbüro geschlossen. Die Fixkosten der Zeitschrift der Straße sind zum Glück überschaubar. Vor allem brauchen die StraßenverkäuferInnen, von denen viele wohnungslos, gesundheitlich beeinträchtigt und somit durch das Coronavirus besonders gefährdet sind, jetzt jede Hilfe. Die leistet der Verein für Innere Mission, …

#76 GRÖPELINGER HEERSTRASSE

EDITORIAL: Hingehen und ankommen Gröpelingen: ein Stadtteil im Westen Bremens, den so mancher Bremer wohl noch nie wirklich besucht hat. Wenige Stadtteile bei uns haben einen so schlechten Ruf, wenige wecken so viele Berührungsängste. Dabei hat Gröpelingen viel zu bieten. Man muss nur hinschauen. Und natürlich haben wir das gemacht: Unsere AutorInnen sind ausgeschwärmt entlang der Hauptschlagader Gröpelingens, der Gröpelinger Heerstraße. Knapp drei Kilometer mitten durch den Stadtteil, entlang an türkischen Gemüseläden, Cafés, Altbremer Reihenhäusern und jeder Menge Geschichten. Wir sprachen mit KontaktpolizistInnen über Clankriminalität, Drogenhandel und Gewalt – und darüber, ob der Stadtteil tatsächlich so schlimm ist, wie sein Ruf. (Seite 12). Wir trafen Menschen, die Kindern und Jugendlichen im Atelier Roter Hahn Kunst nahebringen und ihre Kreativität fördern (Seite 24). Und sprachen mit einer Frau, die einst unter psychischen Problemen litt, nun aber als Genesungsbegleiterin Menschen mit ebensolchen Problemen professionell unterstützt (Seite 9) Und wir haben kurz vor seinem Abriss noch einmal das knapp hundertjährige Tram-Depot der Bremer Straßenbahn AG besucht und in Bildern dokumentiert (Seite 16). Außerdem begrüßen wir in dieser Ausgabe …

„WER SIND WIR, ZU URTEILEN?“

#76 GRÖPELINGER HEERSTRASSE – Katharina Kähler ist die neue Leiterin der Wohnungslosenhilfe des Vereins für Innere Mission in Bremen. Ein Gespräch über die Probleme von Menschen ohne Obdach, neue politische Konzepte und erfüllende Erlebnisse Frau Kähler, Sie sind seit Dezember bei der Inneren Mission mit der Wohnungslosenhilfe betraut. Was wollen Sie erreichen? Es ist unheimlich viel Gutes gewachsen in diesem Bereich, ein beeindruckendes Netzwerk in Bremen, in der Trägerlandschaft, im Kontakt mit denjenigen, die wir erreichen wollen. Davon möchte ich vieles erhalten. Gleichzeitig müssen wir uns mit neuen Herausforderungen beschäftigen, dem Bundesteilhabegesetz etwa oder dem Thema „Housing First“. Der rot-grün-rote Senat hat sich „Housing First“ in den Koalitionsvertrag geschrieben. Wie stehen Sie dazu? Erst einmal muss man das Schlagwort „Housing First“ inhaltlich füllen. Der Ansatz ist, unbürokratisch Wohnraum für Menschen zur Verfügung zu stellen. Wohnen ist ein Menschenrecht, deshalb finde ich den Ansatz grundsätzlich gut. Die Frage ist, wie wir das umsetzen wollen, auch auf sozialpolitischer Ebene. In Bremen ist die soziale Wohnbau-Politik ja sehr im Rückstand. Es ist kein ausreichender Wohnraum vorhanden. Was wir …

„Der Wurm muss dem Fisch und dem Angler schmecken“

#75 BROMMYPLATZ – Bertold Reetz (oben links) und Michael Vogel haben 2010 zusammen die Zeitschrift der Straße gegründet – jetzt geben sie die Leitung des Projektes ab. Ein Gespräch über Konzepte und Lernerfolge, Krisen und die Zukunft     . Warum habt ihr überhaupt eine Straßenzeitung gegründet? Michael Vogel: Das Ganze hat als Lernprojekt für Studierende begonnen – und nicht in erster Linie als Straßenmagazin. Dass es dann doch so gekommen ist, lag daran, dass es in Bremen bis 2011 noch kein eigenes Straßenmagazin gab.   Bertold Reetz: Wir hatten bei der Inneren Mission ja schon mal eine Straßenzeitung entworfen, der Vorstand hat dann aber entschieden, dass das finanzielle Risiko zu groß ist. Damit war das für mich erst einmal gegessen – bis Michaels Studierende aus Bremerhaven vorbeikamen. Michael Vogel: Das wesentliche Argument war, dass das Projekt erst einmal kein eigenes Personal benötigen würde. Die Studierenden sollten das einbringen, was sie in ihrem Studium lernen und dabei etwas machen, was sie sonst nur für ihre ProfessorInnen getan hätten. Damit war zugleich ein viel geringer wirtschaftlicher Aufwand für die …

#75 BROMMYPLATZ

EDITORIAL: Das kostet Leben Die Zeitschrift der Straße ist teurer geworden, um 30 Cent, um genau zu sein. Das heißt: In diesem Jahr bekommen unsere VerkäuferInnen eine Gehaltserhöhung! Denn wir teilen uns das Geld brüderlich. 1,40 Euro gehen pro Ausgabe an die Menschen, die sie verkaufen. Und 1,40 Euro gehen an uns, die wir dieses Heft (und noch ein paar andere Sachen) für die Wohnungslosen machen. Der Grund für die Preiserhöhung ist simpel: Das Leben ist teurer geworden. Auf der Straße sowieso. Aber auch die Produktion dieser Zeitschrift kostet mehr als früher – etwa das Papier, auf dem diese Zeilen stehen. Da wir knapp kalkulieren, um dieses Sozialprojekt überhaupt realisieren zu können, müssen wir diese Kosten an Sie weitergeben. Wir hoffen, Sie bleiben uns dennoch gewogen! Im neuen Jahr sind wir zunächst mal nach Peterswerder gezogen, wo wir mit einem Stadtplaner darüber geredet haben, wie der Gründerzeitplatz zu dem wurde, was er heute ist (Seite 12). Außerdem haben wir einen Mann getroffen, der zwar blind ist, aber findet, dass es ja noch Schlimmeres gibt im …