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#74 LANGEMARCKSTRASSE

EDITORIAL: Vom Heim- und Fernweh Das Erbe des Nationalsozialismus ist noch immer präsent in Bremen – zum Beispiel in der Straße, der wir uns diesmal gewidmet haben. Denn die Langemarckstraße erinnert mit ihrem Namen an eine Schlacht im Ersten Weltkrieg, die von den Nazis instrumentalisiert und in ihrem Sinne hochstilisiert wurde. Bis heute konnte man sich nicht darauf einigen, die Straße umzubenennen. Dabei passt dieser Name so gar nicht zu diesem Ort: Denn die Langemarckstraße kann viel davon erzählen, wie es ist, wenn verschiedene Kulturen friedlich zusammenleben. Alte und Junge, Alteingesessene und Zugezogene prägen ihn – Menschen, die angekommen sind oder noch nach einem Zuhause suchen. So wie Xander Abdul, ein junger Mann, der an der Universität BremenJura studiert. Und nebenbei im Restaurant seiner Mutter aushilft. Er sprach mit uns über Familie, Religion und Zusammenhalt in der afrikanischen Community (Seite 8). Ein Teil dieser Community findet sich auch in unserer Bildstrecke wieder. 13 Friseure säumen die Langemarckstraße – auf nicht mal einem Kilometer. Wir haben sie mal gefragt, warum sie ihren Beruf ergriffen haben (Seite …

#73 GERHARD ROHLFS STRASSE

EDITORIAL: Herr Weinert und eine WG vielleicht erinnern Sie sich noch, zumindest die ganz gründlichen unter unseren LeserInnen: In der Ausgabe „Hochschulring“ stand, dass man da „erst seit 2014“ heiraten kann. Das ist auch nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig, wie uns Matthias Weinert – übrigens „stolzer Besitzer aller Ausgaben der Zeitschrift der Straße“ – schreibt: „In der Spitze des Fallturms haben meine damalige Frau Evelin und ich bereits am 9.9.1999 standesamtlich geheiratet.“ Der Leiter des Standesamtes hatte sich zwar geweigert, weil er der Meinung war, dass dieser Ort nicht den erforderlichen Voraussetzungen genüge. Aber eine Standesbeamtin erklärte sich dann doch bereit, ebenda eine Eheschließung vorzunehmen. Deshalb waren die beiden wohl die Ersten! Damit kommen wir nahtlos zur neuen Ausgabe, die aber an einem ganz anderen Ende der Stadt spielt, in Vegesack, wo wie eher selten zu Gast sind. Die Fußgängerzone dort trägt den Namen eines bekannten Sohnes dieses Stadtteils, der eine eher schillernde Figur war (Seite 8). Und dann ist da noch ein anderer, noch nicht ebenso bekannter Sohn, Jens Peter …

#72 MAHNDORFER HEERSTRASSE

EDITORIAL: Hinter grauen Fassaden Es gibt sie überall, diese Straßen, die man in der Regel achtlos entlangfährt, im Auto, im Bus oder in der Straßenbahn. Ein flüchtiger Blick aus dem Fenster auf leer stehende Geschäfte, auf Fassaden, die ergraut sind von den Autoabgasen vieler Jahre – und schon haben wir unser Urteil über diesen Ort gefällt. Dabei tun wir solchen Orten in der Regel Unrecht. Denn hinter den Fassaden offenbaren sich – wieder einmal – überraschende Lebensläufe und spannende Geschichten. So ist es auch in dieser Ausgabe, die uns in die Mahndorfer Heerstraße führte, an die Stadtgrenze Bremens. Wir trafen Menschen, die sich mit Kraft gegen die Folgen des Kapitalismus stemmen, indem sie die Fahnen ihrer kleinen Einzelhandelsgeschäfte hochhalten, während nur wenig entfernt ein scheinbar übermächtiger Gegner die KundInnen abwirbt (Seite 8). Wir erfuhren, wie wichtig Disziplin und Tugend sein können, wenn man vorhatt, eine Kampfkunst zu erlernen (Seite 14), und wagten uns für unsere Bildstrecke in die eingestaubten Relikte längst vergangener, feuchtfröhlicher Zeiten (Seite 16). Beeindruckt haben uns auch die Männer und Frauen der …

#71 HOCHSCHULRING

EDITORIAL: Freiheit und Zwang Einerseits ist es für ein Magazin wie das unsere ja naheliegend, mal ein Heft zu machen, das an der Universität spielt – schließlich sind wir ja nicht zuletzt ein Lernprojekt für Studierende. Andererseits, so ganz unter uns: Was gibt es eigentlich vom Hochschulring zu erzählen? Sind da nicht vor allem rechteckige Bürokästen mit Computerarbeitsplätzen drin? Well: Ja, aber. Denn natürlich gibt es auch in solchen Büros interessante Geschichten zu entdecken, zum Beispiel, weil hier das Zuhause der Zukunft erforscht wird, aus dem Ihnen ab Seite 20 erzählen. Und manchmal ist an solchen Orten sogar Platz für die Liebe, zum Beispiel im Fallturm, in den man seit einiger Zeit auch heiraten kann (Seite 12). Abgesehen davon arbeiten hier natürlich nicht nur irgendwelche WissenschaftlerInnen, sondern auch ganz andere Menschen – ein paar von ihnen haben wir an ihrem Arbeitsplatz besucht, wie sie ab Seite 16 sehen können. Auch Lucina Wojtkowiak, die Sie jetzt schon vom Titelbild kennen, gehört zu ihnen, sie ist Tierpflegerin im Tierheim, wie sie sich vielleicht schon gedacht haben. Bisweilen …

„WIR HABEN IHN ETWAS ZURECHTGESTUTZT“

#67 JUGENDKNAST – Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“ . Ein Hof im Hof des Gefängnisses, mit Tieren, Nutzpflanzen und Kompost. Drumherum Stacheldraht, Kameras, vergitterte Türen. Junge Straftäter arbeiten hier für ihre Zeit nach der Haft. Auch an sich selbst. So wie der 17-jährige Steven. Hallo Steven, warum bist du hier im Gefängnis? Ich sitze hier in Bremen gerade meine letzten drei Monate ab. Zwei Jahre und acht Monate hatte ich bekommen. Oh, das ist vergleichsweise viel für einen Jugendlichen. Was hast du angestellt? Schwere Räuberische Erpressung – hauptsächlich. Das heißt konkret? Ich habe jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten, damit er uns seine Autoschlüssel gibt. Wir sind dann mit seinem Auto weggefahren. Stundenlang. Du bist 17 jetzt, warst also zur Tatzeit 14 Jahre alt? Gerade 15 geworden. Und dafür bekommt man mehr als zweieinhalb Jahre Jugendhaft? Nun ja, wir haben ihn zusätzlich auch noch etwas zurechtgestutzt. Ich mein, nur weil dir jemand sagt, dass du …

#66 AM DOBBEN

EDITORIAL: Momente des Glücks Die guten, anrührenden Geschichten sind ja eher selten, wenn es um Menschen geht, die auf der Straße leben. Aber es gibt diese Geschichten! Zum Beispiel diese hier, die in der Pappelstraße spielt, der wir vergangenes Jahr auch ein Heft gewidmet haben: Ein Verkäufer der Zeitschrift der Straße „hüpfte“ dort vor dem Supermarkt „fröhlich auf und ab und meinte, er freue sich so sehr“, erzählt uns eine Leserin. „Einen Tag zuvor habe ihn eine Frau angesprochen und nach seiner Schuhgröße gefragt. Gestern sei sie wieder vorbeigekommen und habe ihm einen Schuhkarton mit nagelneuen, warm gefütterten Winterstiefeln überreicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe er nun richtig warme Füße. Dabei lachte er über das ganze Gesicht.“ Sie sei „ganz beseelt“ gewesen „von dem Gefühl, dass es so viel Mitmenschlichkeit in unserer Stadt gibt“, sagt die Leserin. Wir auch! Damit kommen wir fast nahtlos zu einer Religionsgemeinschaft, die wie diese Ausgabe am Dobben beheimatet ist – die „Christliche Wissenschaft“. Wer auch schon immer mal wissen wollte, wer und was sich dahinter eigentlich verbirgt: …

#65 NIEDERSACHSENDAMM

EDITORIAL: Szenen einer Nachbarschaft Die Frau lächelt mich freundlich an, ich spreche ihre Sprache nicht, und sie nicht die meine. Ihre Worte klingen freundlich, sie bedeutet mir, ein Foto zu machen; vermutlich wohnt sie hier in der Nachbarschaft, am Niedersachsendamm. Sie heißt Suna, schreibt sie mir auf einen Zettel, aber viel mehr erfahre ich nicht, eh sie weiter geht, immer noch mit einem Lächeln. Nachbarschaft war auch das Thema eines Tanztheater-Projekts in der Schwankhalle, an dessen Entstehung die Zeitschrift der Straße ein wenig beteiligt war – mit einem Coaching der NachwuchskünstlerInnen, die für ihr Inszenierung unter anderem in Huckelriede recherchiert haben. Den Text dazu finden Sie ab Seite 20. Auch Wolfgang Fischer kann viel über den Niedersachsendamm erzählen – seinen Kiosk dort betreibt er schon seit 1988. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten (Seite 8). Farhan Hebbo dagegen ist noch nicht so lange da – der Poet, der einst aus Syrien flüchten musste, zog 2015 in das Containerdorf am Ende der Straße. Und seine Gedichte liest er auch am Niedersachsendamm (Seite 24). Ein paar …

#64 UNTER DER STRASSE

EDITORIAL: Unten ist das neue Oben Es ist nun schon das dritte Jahr in Folge, dass sich die Dezemberausgabe von ihren neun Vorgängerinnen des Jahres unterscheidet: 2016 und 2017 gab es vor Weihnachten je eine Fotoausgabe: die #44 BÜRGERWEIDE und die #54 LINIE 1. In diesem Heft finden Sie zwar wie gewohnt eine Mischung aus Texten und Bildern. Aber unsere Geschichten haben wir nicht auf der Straße gesucht, sondern darunter. So ein Perspektivwechsel soll ja ganz gut tun. Was haben wir also gefunden? Zunächst ist da eine Stadt unter der Stadt: Auf 2.300 Kilometern – was einer Strecke von Bremen bis nach Palermo entspricht – durchziehen die Abwasserkanäle das gesamte Stadtgebiet und transportieren unsere Hinterlassenschaften in die Klärwerke. Eine Errungenschaft, der wir mehr Jahre an durchschnittlicher Lebenserwartung verdanken als dem medizinischen Fortschritt (Seite 8). In der Bischofsnadel, der kleinen Einkaufspassage unter der Prachtstraße Am Wall, sitzt tagtäglich Kenny. Er lebt von dem, was ihm die Passanten in seine Schale werfen, und er lebt für seine Träume. Die meisten davon schreibt und zeichnet er in Notizbücher. …

#63 WARTBURGPLATZ

EDITORIAL: Der Platz am Turm Sollten Sie nicht wissen, wo der Wartburgplatz liegt, dann stellen Sie sich vor, der 235 Meter hohe Waller Funkturm legte sich für ein Nickerchen ziemlich genau in südwestliche Richtung auf den Boden. Wäre der „Waller Spargel“ 23 Meter länger, kletterte er dadurch nicht nur in die Top Ten der höchsten deutschen Fernsehtürme, seine Spitze reichte auch genau bis zum Wartburgplatz. Dort, im Zentrum des Waller Westends, haben sich die AutorInnen dieser Ausgabe (allesamt TeilnehmerInnen an einem Schreibseminar der Zeitschrift der Straße an der Uni Bremen) auf die Suche nach Geschichten gemacht. Die Suche war nicht allzu schwer, der Wartburgplatz hätte auch für ein zweites Heft genügend Stoff geboten. In diesem Heft stellen wir Ihnen einen Autor namens Krakenmann vor, der quasi von Berufs wegen die Waller Kneipenszene erkundet (Seite 24). Bei Som, die in ihrer Eckkneipe die Traditionen des Bremer Arbeiterviertels mit der ihrer thailändischen Heimat verbindet (Seite 8), war er vermutlich auch schon zu Gast. An den meisten Tagen ist in der Kirche der Wilhadi-Gemeinde weniger los als an …

#62 WESER

EDITORIAL: Bremens längste Straße Die Straßen, über die unser Magazin berichtet, suchen wir nach einem gewissen Schema aus: Es sollten sich dort genügend interessante Geschichten finden lassen; die Stadtviertel sollten dabei wechseln; es sollten jedes Jahr einige „prominente“ Straßen darunter sein; und ganz wichtig: der Name muss auf die Titelseite passen. Superlative spielen bei der Auswahl selten eine Rolle. Über Bremens längste Straße wollten wir aber immer schon mal ein Heft machen. Welche das ist? Die Stromer Landstraße? Die Senator-Apelt-Straße? Sie sind je 6,78 Kilometer lang und wären mögliche Kandidaten gewesen. Die A 27 aber ist länger (22,5 Kilometer auf Bremer Stadtgebiet). Leider, denn wer möchte ein ganzes Heft über eine Autobahn lesen? Zum Glück gibt es die Weser. Sie fließt auf 42 Kilometern durch Bremen und ist so unangefochten Bremens längste (Bundeswasser-)Straße. Auch sonst passt sie in unser Raster – sie ist den meisten ein Begriff, hat einen knackig-kurzen Namen, ist fotogen und vor allem: An und auf ihr fanden wir jede Menge interessante Menschen und Dinge. Unser Illustrator Söntke Campen etwa begleitete die …