Aktuelle Leseprobe

„WIR HABEN IHN ETWAS ZURECHTGESTUTZT“

#67 JUGENDKNAST – Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“

.

Ein Hof im Hof des Gefängnisses, mit Tieren, Nutzpflanzen und Kompost. Drumherum Stacheldraht, Kameras, vergitterte Türen. Junge Straftäter arbeiten hier für ihre Zeit nach der Haft. Auch an sich selbst. So wie der 17-jährige Steven.

Hallo Steven, warum bist du hier im Gefängnis?

Ich sitze hier in Bremen gerade meine letzten drei Monate ab. Zwei Jahre und acht Monate hatte ich bekommen.

Oh, das ist vergleichsweise viel für einen Jugendlichen. Was hast du angestellt?

Schwere Räuberische Erpressung – hauptsächlich.

Das heißt konkret?

Ich habe jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten, damit er uns seine Autoschlüssel gibt. Wir sind dann mit seinem Auto weggefahren. Stundenlang.

Du bist 17 jetzt, warst also zur Tatzeit 14 Jahre alt?

Gerade 15 geworden.

Und dafür bekommt man mehr als zweieinhalb Jahre Jugendhaft?

Nun ja, wir haben ihn zusätzlich auch noch etwas zurechtgestutzt. Ich mein, nur weil dir jemand sagt, dass du ihm sein Auto geben sollst, machst du das ja noch nicht gleich. So war das damals auch. Da ist das dann einfach passiert.

Zurechtgestutzt? Also verprügelt.

Kann man so sagen. Das war aber nicht mein Plan. Das ist uns quasi einfach so passiert.

Uns?

Ja, ich hatte einen Mittäter. Ich muss zugeben, dass die Sache mit dem Auto meine Idee war, aber nicht, dass es so ausartet dann. Das war ganz sicher nicht geplant. Aber die Dynamik der Situation, der aggressive Kumpel und so…

Ihr habt den Eigentümer misshandelt und seid dann mit dem Auto abgehauen.  Hat dich die Polizei mit dem Auto auf frischer Tat geschnappt? Ein 15-Jähriger am Steuer fällt ja auf.

Zwölf Stunden lang bin ich mit dem Wagen noch rumgefahren. Kreuz und quer. Irgendwann ist die Polizei dann auf uns aufmerksam geworden, als wir irgendwo hielten. Die haben mich dann zwar gleich mitgenommen. Weil ich aber alles geleugnet hatte und der Autoeigentümer eine schlechte Täterbeschreibung abgegeben hatte, ließen sie mich erst noch wieder gehen. Vier Tage später aber erfuhr ich, dass ein Haftbefehl gegen mich vorlag. Da bin ich abgehauen und habe mich in einem Flüchtlingsheim versteckt. Das war ein wirklich sehr schöner Abend da, die Flüchtlinge waren alle sehr nett zu mir, haben mich reich bekocht. Aber nachts um eins war die Polizei dann da. Ich habe noch versucht, mich zu wehren, aber die waren natürlich stärker.

Blick in den Gefängnishof

Bei gut zweieinhalb Jahren Haft nehme ich mal an, dass du da nicht das erste Mal straffällig warst.

Stimmt. Ich hatte schon vorher vieles gemacht. Ich hatte auch schon mal eine Verurteilung, hatte Sozialstunden bekommen, die ich aber nie abgeleistet hatte. Letztlich nennt man sowas wie mich glaube ich Intensivtäter. Ein Ding nach dem anderen, aber anfangs ja noch gar nicht strafmündig. 

Wann fing das denn an?

Früh. Mit elf vielleicht. Da war ich zu meinem Vater nach Schleswig gezogen. Eigentlich bin ich Bremer. Zumindest bis ich sechs Jahre alt war hatte ich bei meiner Mutter in Bremen gelebt. Dann kam ich in eine Pflegefamilie in Niedersachsen. Das funktionierte da aber auch nicht so super, deshalb kam ich schon bald in eine Kinder- und Jugendeinrichtung im Ammerland.

Der Staat hat dich also deiner Mutter weggenommen?

Ja, aber ich will zum Warum nichts weiter sagen. Nur so viel: Sie war damals jedenfalls noch sehr jung, sie hat mich ja schon mit 17 bekommen. Und als ich in die Pflege kam, war mein Vater auch schon lange von ihr getrennt. Und es gab dann noch den Stiefvater.

Hat dein Vater sich deiner Meinung nach nicht gut um dich gekümmert, dass du so viele Straftaten begangen hast?

Ich weiß nicht. Ich hatte einfach Langeweile. Das ist immer alles aus Langeweile entstanden. Ich hatte zum Tatzeitpunkt ja auch gar nicht mehr bei meinem Vater gewohnt. Von dort war ich einige Monate vorher abgehauen. Habe mal hier mal da bei Leuten gepennt, die ich beim Rumhängen und Saufen auf der Straße kennengelernt hatte.

In Schleswig-Holstein kamst du dann auch vor Gericht. Warum bist du jetzt hier in der JVA in Bremen?

Ich habe mich hierher verlegen lassen. Das ging, weil meine Mutter hier lebt. Eigentlich wäre ich vielleicht sogar schon draußen gewesen da in Schleswig. Aber dann hatte ich dort doch noch Blödsinn gemacht.

In der Haft?

Ich hatte schon Ausgang, aber einmal bin ich nicht rechtzeitig wieder zurück gewesen. Ich habe mich aber spät am selben Abend noch freiwillig gestellt.

Warum hast du das gemacht, wenn deine vorzeitige Entlassung doch kurz bevorstand?

Ich wollte denen und mir selbst einfach zeigen, dass nur ich mich selbst in der Hand habe und nicht sie.

Ist dir das wichtig? Autonomie zu demonstrieren?

Ja, schon. Ich demonstriere das aber nicht. Es ist so. Niemand hat mich in der Hand, nur ich selbst. Kann schon sein, dass viele Dinge die ich gemacht habe doof waren, aber da war ich ich selbst. Diesen Tag jedenfalls hatte ich super genossen, auch wenn das Ergebnis der Wegfall der vorzeitigen Entlassung und zwei Monate kompletter Einschluss waren.

Das Leben im Knast ist einfach – zumindest äußerlich

Nun hast du dich vor einigen Monaten hierher verlegen lassen, weil deine Mutter hier wohnt. Besucht sie dich?

Bisher leider nicht. Sie muss wohl immer arbeiten, wenn Besuchszeit ist.

Was macht das mit dir?

Schade ist es schon. Aber ein Weltuntergang ist es auch nicht. Ich habe sie ja eh schon jahrelang nicht gesehen.

Du bist jetzt 17 Jahre alt. Wie alt würdest du dich selbst im Vergleich zu anderen in deinem Alter einschätzen?

22 bestimmt. Viel reifer und erfahrener halt.

Hast du einen Plan für die Zeit nach der Haft?

Zunächst eine Ausbildung machen. Ich habe mir von hier drinnen aus einen Ausbildungsplatz gesucht. Meinen Hauptschulabschluss habe ich ja schon im Gefängnis nachgeholt. Werde erstmal Bauhelfer sein und dann eine Ausbildung zum Betonbauer machen. Dafür habe ich schon den Vertrag. Die Sache habe ich ganz allein hingekriegt, habe mir Adressen von Firmen aus der Zeitung und aus Teletext rausgesucht, und Bewerbungen hingeschickt. Der Personaler hat mich dann hier auch zweimal besucht und ja, der gibt mir ne Chance. 

Und wenn es schwierig wird da draußen? Wenn man mal ein Auto braucht?

Ne, ne, so läuft das nicht mehr. Ich habe hier einiges gelernt. Es gibt das sicherlich, dass einer rauskommt und gleich beim nächsten Anlass sofort wieder einem aufs Maul haut. So einer war ich früher sicher auch. Da habe ich jede Auseinandersetzung gesucht. Aber das ist vorbei. Ich bin auch keiner mehr, der schnell beleidigt ist. Wenn mich heute jemand beleidigt, sag ich nur Dankeschön und das war es dann. Das ist alles das Ergebnis der Sozialtherapie für Gewaltstraftäter in Schleswig. Das hat bei mir Klick gemacht. Das sehen die Beamten hier auch. Man vertraut mir mittlerweile soweit, dass ich nur noch über Nacht in der Zelle weggeschlossen werde. So kann man sich auf der Abteilung gegenseitig besuchen, klönen, zusammen eine rauchen oder auch zusammen essen.

Ein bisschen wie eine WG?

Naja, WG ist schon noch deutlich selbstbestimmter, oder? Selbstbestimmt bist du im Knast ja kaum. Hier ist alles von außen vorgegeben. Sehr strukturiert. 

Ist das dauerhaft furchtbar, so unfrei zu sein? Kein Kino, keine Feiern, keine Freundin, kein Sportverein? 

Nur die ersten Wochen, man gewöhnt sich schnell daran. Und eigentlich war es auch gut, dass ich rechtzeitig eingefahren bin. So verrückt im Kopf wie ich damals war, hätte ich womöglich noch jemanden umgebracht. Das Gefängnis war sozusagen meine Rettung.

Weil es dich erdet?

In wörtlichen Sinn sogar. Ich bin nämlich eingeteilt für die Pflege der Tiere und Pflanzen auf dem kleinen Anstaltsbauernhof. Eine gute Arbeit ist das. Immer wieder mal was anderes. 

Was machst du als Allererstes, wenn du rauskommst?

Die Mutter meines Kindes suchen.

Deines Kindes?

Ja, ich bin Vater. In zwei Monaten wird sie drei.

Hast du mit der Mutter während der Haft Kontakt gehalten?

Nein, es gibt leider gar keinen. Wenn ich demnächst entlassen werde, will ich mal vorbeifahren und sehen, ob sie da wohl noch wohnt. Auch wenn das die alte Gegend ist, mit der ich eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Aber ich möchte schon sehen, wie es den beiden geht. 

Hattest du dein Kind überhaupt jemals gesehen?

Ich war sogar bei der Geburt dabei und die ersten zwei Monate danach. Dann bin ich in Haft gekommen. Das aber hatte sie nicht mitbekommen. Wahrscheinlich hat sie gedacht, ich sei einfach abgehauen. Wieder mal. Aber das war ja nun ganz anders. Vielleicht verzeiht sie mir.

Wenn ich dich in zehn Jahren nochmal treffen möchte, um nachzuhaken wie es dir geht, wo suche ich dich dann? Auf der Baustelle, beim Autorennen, bei Frau und Kind oder doch wieder im Knast?

Bei der Bundeswehr, konkret bei den deutschen Blauhelmen. In welchem Land das sein wird, das weiß man jetzt ja noch nicht.

Blauhelme?

Alles genau geplant. Wenn ich mit der Ausbildung am Bau fertig bin, gehe ich zur Bundeswehr. Erstmal muss ich als Ex-Gefangener ja fünf Jahre warten, aber dann will ich da unbedingt hin. Und wenn ich da gute Arbeit leiste, dann werde ich irgendwann den Blauhelm tragen.

Warum ist dir das so wichtig?

Weil sie Streit schlichten. Ganz einfach. Streit schlichten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Text: Volker Macke
Fotos: Benjamin Eichler