Alle Artikel in: Ausgabe

#103 BÖTTCHERSTRASSE

EDITORIAL: Aus der Zeit gefallen Liebe Leserinnen und Leser, wissen Sie noch, wann Sie zuletzt in der Böttcherstraße waren – und warum? In der Redaktion waren sich die meisten jedenfalls nicht sicher, als wir uns die berühmte Straße vorgenommen hatten. Wahrscheinlich war’s irgendein auswärtiger Besuch, dem man die Stadt zeigen wollte. Oder ein vermutlich vergeblicher Versuch, zwischen Innenstadt und Weser ganz kurz mal eben abzukürzen. Für viele von uns war es jedenfalls wie so oft mit Wahrzeichen: Man guckt sich doch eher die der anderen Städte an als jene vor der eigenen Haustür. Eine kleine Ausnahme sind freilich die kunstinteressierten BremerInnen, auf die neben der spannenden Architektur auch der Doppelpack aus Paula Modersohn-Becker Museum und dem Ludwig Roselius Museum in der Straße wartet. Für diese Ausgabe haben wir allerdings einen etwas weniger bekannten Kunstort besucht: das Haus der syrischen Kunst nämlich (Seite 20), das erst vor Kurzem eröffnet hatund seltene Einblick in die junge Kultur eines von Krieg und Despotie zerrütteten Landes bietet. Gesprochen haben wir außerdem mit Sönke Schöttler, der als Gästeführer regelmäßig dienstlich …

#102 HINDENBURGSTRASSE

EDITORIAL: Das andere Bremen Liebe Leserinnen und Leser, aus stadtbremischer Sicht fühlt es sich immer ein bisschen wie ein Ausflugaufs Land an, wenn es einen mal nach Bremen-Nord verschlägt.Den Menschen dort geht es umgekehrt genauso: „Ich fahr in die Stadt“,heißt es, wenn es doch mal nötig ist, sich in Richtung Innenstadt aufzumachen.Es ist schon ein kleiner Kosmos für sich, dieses Bremen-Nord,und sehr viele Anlässe, ihn zu verlassen, fallen einem gar nicht ein,wenn man so in der Lesumer Hindenburgstraße steht. Hier gibt es eigentlich alles: eine Schlachterei, ein Geschäft fürgebrauchte Brettspiele (Seite 8), eine Apotheke, Restaurants und – noch –ein stattliches Polizeirevier, dessen Umzug nach Vegesack allerdings beschlosseneSache ist. Das alte Gerichtsgebäude, in dem das Revier seit1940 untergebracht ist, und die Möglichkeiten seiner Nachnutzung hatsich unser Autor Justus Köhler angesehen (Seite 25). Er stammt übrigensselbst aus Bremen-Nord, weshalb er sich nicht nur aus journalistischemInteresse, sondern auch aus alter Verbundenheit für alles begeistert,was die paar Kilometer weserabwärts an der Lesum so passiert. Und hier passiert viel, vor allem sozial: Etwas versteckt und dochzentral hat der älteste Bremer …

#101 FLEETSTRASSE

EDITORIAL: Ein Tag im Grünen Liebe Leserinnen und Leser, von Katzenjammer kann bei uns in der Redaktion auch am Morgennach der 100. Ausgabe keine Rede sein. Weil wir aber trotzdem drin-gend mal an die frische Luft wollten, haben wir uns für dieses 101. Heftin Richtung Stadtrand aufgemacht: ins Waller Fleet nämlich, zu denKleingärten im Grünen. Mit tatkräftiger Unterstützung unseres Begleitseminars an der UniBremen haben wir hier für eine unserer am wenigsten urbanen Ausga-ben recherchiert – und dabei eine Menge gelernt. Im Fleetgarten zumBeispiel haben wir Menschen besucht, die hier unter fachkundiger Anlei-tung nachhaltiges Gärtnern ausprobieren (Seite 18). Gleich um die Eckesteht eine Kirche, die heute als Wohnhaus dient (Seite 22) – wenngleichals extravagantes. Außerdem haben wir ein waschechtes Kaisenhaus be-sucht (Seite 8), das heute als Museum dient und von der Wohnungsnotnach dem Zweiten Weltkrieg berichtet. Und zu guter Letzt waren wirauch noch etwas weiter draußen: beim „Metalhenge“ (Seite 12), das alsAussichtspunkt und Kunstwerk neue Perspektiven auf die Stadt eröffnet. Wir hoffen, Sie haben beim Lesen mindestens so viel Spaß wie wirbeim Schreiben. Und vielleicht lockt …

#99 ARSTER HEERSTRASSE

EDITORIAL: 100 METER VOR NIEDERSACHSEN Liebe Leserinnen und Leser, es ist schon irgendwie komisch, wie wenig man von Arsten so zu sehen bekommt. Vor allem, weil das gar nicht mal nur für (Innen-)Stadtmenschen gilt, deren Bremen sich auf Zentrum, Viertel, Neustadt und Schwachhausen beschränkt. Nein, auch die zigtausend PendlerInnen aus dem südlichen Umland bekommen von Arsten nicht viel mit, ob- wohl der Ortsteil an der südlichen Landesgrenze ja so was wie der Ein- gang zur Stadt sein sollte. Die Arster Heerstraße, mit der wir uns in dieser Ausgabe der Zeitschrift der Straße beschäftigen, sieht auch genau so aus: Immer ländlicher wirkt die lange Erschließungsstraße, bis erste Bauernhöfe am Wegesrand auftauchen – und man schließlich mitten zwischen Korn und Raps im Feld steht. Dort, von Niedersachsen aus betrachtet, wird dann auch schlag- artig klar, warum der alte Hauptzugangsweg heute so abgeschieden wirkt, fast wie eine Sackgasse. Denn wo hier einst die Ochtum die Gren- ze markierte, tut das heute faktisch die Autobahn. Und die alte Heerstra- ße ist kaum mehr als eine unscheinbare Abzweigung vor der …

#98 BISCHOFSNADEL

EDITORIAL: DIE MIT DEM TUNNEL Liebe Leserinnen und Leser, ein bisschen Angst hatten wir vor dieser Ausgabe ja ehrlich gesagt schon. Schon als die Straße in der Redaktionskonferenz zum ersten Mal auf dem Tisch lag, war die Stimmung nicht gerade euphorisch. „Ist das nicht dieser Tunnel unterm Wall?“, meinte die eine Kollegin. „Wie viele Häuser gibt’s da?“, der andere, „vier?“ Und auch wenn es natürlich doch ein paar mehr sind, ist diese Straße anders als viele andere, mit denen wir es bisher zu tun hatten. Die Bischofsnadel ist halb Park, halb Innenstadt. Sie hat diesen sonderbaren Tunnel, der auf seine Art eher Hindernis als Abkürzung zu sein scheint. Und für die allermeisten BremerInnen ist sie vor allem Durchgangsstation. Tausende Menschen kommen hier durch, kaum einer bleibt da. Und wahrscheinlich ahnen Sie es schon: Gerade weil die Bischofsnadel so sonderbar ist, haben wir ihr diese Ausgabe gewidmet. Hier im Tunnel haben wir die Kunstgalerie „Tunnelblick“ besucht, die von KünstlerInnen gegründet wurde, um ihre Arbeiten selbst und ohne profitorientierte HändlerInnen verkaufen zu können (Seite 20). Und wo …

#97 JÜDISCHE GEMEINDE

EDITORIAL: MEHR ALLTAG WAGEN Liebe Leserinnen und Leser, Sie haben natürlich recht: Wir haben ein bisschen gemogelt und die jüdische Gemeinde ist in Wirklichkeit gar keine Straße. Dass sie aber ein bisschen so funktioniert, haben wir spätestens bei der Recherche für diese Ausgabe gelernt: Sie ist Lebensraum für eine Gruppe von Menschen, die sie miteinander verbindet. Sie hat ihre Zentren wie etwa die Synagoge, in deren Inneres wir einen neugierigen Blick werfen durften (Seite 14). Sie hat natürlich auch ihre informelleren und alltäglicheren Treffpunkte wie das Bistro Hamitbach, dessen Eigentümerin wir kennengelernt haben (Seite 8). Die Gemeinde hat auch ihre eigenen Verkehrswege und -formen, ihre Regeln, für deren Einhaltung der Rabbiner zuständig ist. Wir wollten wissen, wie so eine „Koscherkontrolle“ abläuft, und haben uns des Nachts mit ihm auf den Weg gemacht (Seite 10). Und natürlich hat auch diese Straße, die keine ist, ihren Anteil an der Stadtgeschichte (Seite 22). Aber klar: Diese Ähnlichkeiten waren nicht der eigentliche Grund dafür, dass wir uns an eine Zeitschrift der Straße über die jüdische Gemeinde gesetzt haben. Es …

Teaserbild_Konsul-Smidt-Strasse

#96 KONSUL-SMIDT-STRASSE

EDITORIAL: SZENISCHE EINSTIEGE Liebe Leserinnen und Leser, „Es war eine dunkle und stürmische Nacht“, so beginnt der Roman „Paul Clifford“ von Edward Bulwer-Lytton: jenem zweifelhaften englischen Literaten, nach dem gar ein Festival benannt ist. Gekürt werden dort regelmäßig die schlechtesten ersten Sätze von Romanen. Auch Snoopy hat seinen ersten und einzigen Roman mit eben diesem Satz begonnen. Das konnten unsere Autorinnen und Autoren nicht wissen, als sie ihre Texte für diese Ausgabe schrieben, die zum Teil exakt in diesem Setting beginnen: dunkel, windig, Nieselregen. JournalistInnen lieben szenische Einstiege, und das ist auch oft genau richtig so: Denn wir wollen Sie, unsere Leserinnen und Leser, ja mitnehmen zu den Orten, die wir für Sie gesucht und gefunden haben. Wenn es allerdings – wie in der Überseestadt – allzu oft stürmisch ist (und abends natürlich dunkel), dann sagt das schon viel über einen Ort aus. Abweisend wirkt es dort, wenn der Wind durch die Häuserschluchten fegt. Das Quartier ist immer noch im Werden, das haben auch wir frierend erfahren und aufgeschrieben. Wir haben ein Paar besucht, das …

#95 BULTHAUPTSTRASSE

EDITORIAL: SCHÖNHEIT BESTEHT Liebe Leserinnen und Leser, so richtig en vogue ist es ja eigentlich nicht mehr, derartig hemmungs- los im Jugendstil zu schwelgen. Man kommt so leicht in den Ruch des Bourgeoisen. Dabei ist der Jugendstil eigentlich eine konsumkritische Reformbewegung gewesen, die sich mit ihren verspielten Dekoren gerade gegen die prekär hergestellte Massenware wandte. Nun war Schönheit noch nie eine billige Angelegenheit, das ist der Haken daran. Aber lassen Sie uns unseren Spaß – und haben Sie selbst welchen, während Sie diese Ausgabe durchblättern. Kommen Sie mit in ein liebevoll saniertes Altbremer Haus und erfahren Sie mehr darüber, was eigentlich Denkmalschutz bedeutet: Nämlich nicht nur Lust, sondern durchaus auch Last (S. 8). Eine der schönsten Pointen der Bremer Baugeschichte ist im Übrigen diese: Die Firma J. H. Fuhrken hat nicht nur der Bulthauptstraße einst ihren Stempel aufgedrückt. Die Firma gibt es immer noch: heute spezialisiert auf Altbausanierung. Wir haben die Geschäftsführerin besucht und dabei viel über das Bauhandwerk vergangener Tage gelernt, das es tatsächlich in sich hatte (S. 22). Wer genug hat von Erkern …

#94 BISMARCKSTRASSE

EDITORIAL: STRASSE IN ARBEIT Liebe Leserinnen und Leser, dieses Heft ist eine Premiere, oder um noch kurz in der Sprache des Theaters zu bleiben: eine Wiederaufnahme. Denn zum ersten Mal nach langer Corona-Pause und dem Wechsel unserer Chefredaktion ist diese Ausgabe mal wieder an der Uni Bremen entstanden. Recherchiert und geschrieben haben es Studierende am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung. Wie viel Sie beim Lesen davon merken? Keine Ahnung. Aber wir haben uns so intensiv wie lange nicht mit unseren Produktionsbedingungen auseinandergesetzt, mussten vieles wieder neu erlernen – vermeintliche und echte Selbstverständlichkeit neu aufrollen. Und das kann bekanntlich nie schaden. Tatsächlich eher ein Zufall ist, dass sich auch fast alle unserer Geschichten von der Bismarckstraße ums Arbeiten drehen: im Wortsinn Hand- und Lohnarbeit, aber stets in besonderer Form. Torsten Bauer betreibt etwa eine der letzten Neonglasbläsereien Deutschlands und gehört zu den vielleicht letzten VertreterInnen eines aussterbenden Traditionshandwerks. Ihn haben wir in seiner Werkstatt besucht (Seite 16). Mit dem Blick in die Zukunft waren wir hingegen im „Creative Hub“, wo fast 150 Start-ups gemeinsam ihre …

#93 BAHNHOFSVORPLATZ

EDITORIAL: DIE RUHE AM BRENNPUNKT Liebe Leserinnen und Leser, die Plätze vor Bahnhöfen sind immer geschäftige Orte. Die meisten Menschen dort haben es eilig: Schnell noch den Zug erwischen, hastig zur Straßenbahn laufen, noch einmal an der Zigarette ziehen und einen Kaffee „to go“ kaufen, bei dem nur der schwere Milchschaum verhindert, dass er in der Eile überschwappt. Alles ist immer in Bewegung. Oder? So ganz stimmt das nicht. Denn Plätze vor Bahnhöfen sind immer auch Orte, wo jene sesshaft werden, die es sonst nirgendwo mehr sind. Sie bitt en um eine kleine Spende, sie trinken ihr Bier, sie schlafen, sie streiten sich. Wer sich in diesen Tagen länger dort aufhält, merkt: Das Klima am Bremer Bahnhofsvorplatz ist rauer geworden. Der Ordnungsdienst patrouilliert, die Polizei ist mit einem Mannschaftswagen vor Ort, videoüberwacht ist der Platz ohnehin. Vielleicht haben wir deshalb ausgerechnet hier nach Orten der Ruhe gesucht – von denen es überraschenderweise einige gibt. Da wäre zum Beispiel das Übersee-Museum, das sein Schaumagazin im Großkino nebenan präsentiert. Hier sind nicht nur Dinge versammelt, die in …