Alle Artikel in: Aktuelle Leseprobe

Die Letzten ihrer Art

#72 MAHNDORFER HEERSTRASSE – Kaugummiautomaten sind in Vergessenheit geraten. In Mahndorf stehen noch einige. Doch das Geschäft ist nicht mehr das, was es mal war Klebrige Finger tasten in der Hosentasche nach dem ersten Taschengeld. Dann die Qual der Wahl. Drei kleine Schaufenster bieten Ausblick auf bezahlbare Kostbarkeiten. Gummi-Aliens in Plastiktüten für 50 Cent. Plastikringe für 30 Cent. Und da ist es. Ein Fach, vollgestopft mit buntem, überzuckerten Genuss. 20 Cent. Die Münze, dieser kleine Reichtum, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ein ungutes Gefühl kommt auf. Funktioniert das auch? Die Finger zittern leicht, als sie den Drehknauf betätigen. Klack. Das Bällebad hinter der Scheibe gerät in Bewegung. Ein Kaugummi purzelt heraus. Der Geschmack vergeht schnell. Doch die Erfahrung bleibt. Ganz ohne Hilfe haben wir von unserem eigenen Geld etwas erstanden. Wir haben unseren ersten Kauf gemeistert, den ersten vorsichtigen Tritt in die Pedale der Marktwirtschaft. „Zunächst machte Adolf den Krieg. Dann kamen die US-Panzer mit Schokolade und Kaugummi. Und als die Panzer weg waren, waren die Automaten da. Das war in den 50ern.“ So fasst Paul Brühl, …

Das Zuhause der Zukunft

#71 HOCHSCHULRING – WissenschaftlerInnen in Bremen entwickeln eine intelligente Wohnung. Sie soll alten oder kranken Menschen das Leben erleichtern. Doch die Technik holt die Forscher ein Es ist die Pforte zu einer anderen Welt. Vom Flur aus reiht sich Büro an Büro. Aber geht man durch diese eine Tür, steht man auf einmal in einer hellen, gemütlichen Wohnung. Ein Kinderfoto an einer viel zu großen Pinnwand, ein paar Landschaftsbilder. Ein hübscher Wandteppich. Unverderbliche Nudeln und Müsli dekorieren die Küche. Das Bücherregal ist voll mit solchen Büchern, die man nur braucht, um Regale zu füllen. Gesetzbücher, wuchtige Lexika, ein Kochbuch. In dieser Wohnung lebt niemand. Doch das ist gar nicht das Besondere an ihr. Diese Wohnung ist eigentlich ein Labor, genauer: das Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL). Hier werden Technologien getestet, die Menschen helfen sollen, ihren Alltag zu bewältigen – besonders wenn sie krank oder durch das Alter eingeschränkt sind. Wenn funktioniert, was hier entwickelt wird, betreten wir vielleicht gerade das Zuhause der Zukunft. Auf dem Nachttisch liegen Plättchen, die auf den ersten Blick wie …

Die Begegnung mit der eigenen Angst

#70 STADTWERDER – Bei der Stadtführung „Perspektivwechsel“ erzählt ein ehemaliger Obdachloser vom Leben auf der Straße. Im Juli bereits zum 100. Mal Mit sechs, erzählt Stefan Gehring, hatte er das erste Mal eine Alkoholvergiftung. „Meine Eltern haben mir den Alkoholkonsum vorgelebt“, erzählt er in ruhigem Tonfall seinen ZuhörerInnen. 19 junge Erwachsene aus Ritterhude stehen um ihn herum, sie alle kommen aus gesicherten bürgerlichen Existenzen, machen jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr. Und gucken nun etwas ungläubig. „Echt?“, fragt schließlich eine von ihnen. „Ja“, sagt Stefan Gehring dann, und dass er mit 13 schon im Heim war, dann Ecstasy, LSD und Marihuana konsumierte. Um ihn herum lärmt der Bahnhofsplatz, im Hintergrund riecht es leicht nach Urin. Wir stehen in der Pinkelecke der Armut. Seit Mai 2017 gibt es die soziale Stadtführung „Perspektivwechsel“ bei der Zeitschrift der Straße, im Juli findet sie zum 100. Mal statt. Sie erklärt, wie das Überleben auf der Straße funktioniert und wo man Hilfe finden kann. Sie führt an die Orte jener Menschen, die in Bremen auf der Straße leben, drogenabhängig sind, ihr …

Suppe auf Rädern

#69 SÖGESTRASSE – Die Suppenengel sind in Bremen eine Institution. Weil aber der Bedarf steigt, wird die Küche langsam zu klein. Der Frust auf der Straße wächst Geld klirrt in der Spendendose. Zwei Menschen lächeln sich an. „Danke schön und einen schönen Tach noch!“, sagt Gerd Fechtner zu einer jungen Frau, die gerade Geld in die Spendendose geworfen hat. Er sammelt auf der Sögestraße für den Bremer Suppenengel e.V. Der gemeinnützige Verein versorgt obdachlose Menschen in Bremen mit warmen Mahlzeiten. Jeden Wochentag bereiten im Durchschnitt zwölf der insgesamt 44 Ehrenamtlichen in der Küche des St.-Jakobi-Gemeindehauses in der Neustadt das Essen vor. Auf vier Spezial-Lastfahrrädern wird es in die Innenstadt gefahren. Ein Fahrrad mit Heizvorrichtung transportiert 90 Liter warme Suppe. Ein weiteres mit Kühlung die Obst- und Gemüsesalate. Auf die anderen beiden werden der Kaffee, die belegten Brote und der Nachttisch verteilt. Alle vier Räder fahren nacheinander zu den zwei Essensausgabeplätzen in der Bremer Innenstadt – dem Hauptbahnhof und dem Wilhelm-Kaisen- Denkmal im Kastanienwäldchen am Wall, nahe der Sögestraße. In den Wintermonaten gibt es die Mahlzeiten …

„Man ist eher Fremdkörper“

ONLINE-ARTIKEL ZUR #69 SÖGESTRASSE – Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrugen sich für ihn nicht. Warum sind Sie in die Sögestraße gezogen? Als meine Lebenspartnerin und ich damals gesucht haben in Bremen, war es nicht so einfach, überhaupt etwas zu finden, das bezahlbar und auch akzeptabel von der Lage war. Die Sögestraße fanden wir erstmal sehr verrückt. Wir dachten dann aber: „Okay, cool, ist halt mitten im Zentrum.“ Wir haben uns da einfach drauf beworben und hatten Glück. Was die Kaltmiete anging, war es relativ bezahlbar. Wie war es, in einer Einkaufszone zu wohnen? Weil es der dritte Stock war, war der normale Trubel nicht so zu hören. Aber wir hatten die Musiker direkt unter dem Fenster. Wenn man so durch die Stadt schlendert, ist das schön. Aber wenn man irgendwann die Lieder – und es sind nicht so viele, die die drauf haben – zum 50. Mal hört, ist das eher störend. Nachts war es sehr ruhig. Hier ist eigentlich nichts los, was auch schade …