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Die Begegnung mit der eigenen Angst

#70 STADTWERDER – Bei der Stadtführung „Perspektivwechsel“ erzählt ein ehemaliger Obdachloser vom Leben auf der Straße. Im Juli bereits zum 100. Mal Mit sechs, erzählt Stefan Gehring, hatte er das erste Mal eine Alkoholvergiftung. „Meine Eltern haben mir den Alkoholkonsum vorgelebt“, erzählt er in ruhigem Tonfall seinen ZuhörerInnen. 19 junge Erwachsene aus Ritterhude stehen um ihn herum, sie alle kommen aus gesicherten bürgerlichen Existenzen, machen jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr. Und gucken nun etwas ungläubig. „Echt?“, fragt schließlich eine von ihnen. „Ja“, sagt Stefan Gehring dann, und dass er mit 13 schon im Heim war, dann Ecstasy, LSD und Marihuana konsumierte. Um ihn herum lärmt der Bahnhofsplatz, im Hintergrund riecht es leicht nach Urin. Wir stehen in der Pinkelecke der Armut. Seit Mai 2017 gibt es die soziale Stadtführung „Perspektivwechsel“ bei der Zeitschrift der Straße, im Juli findet sie zum 100. Mal statt. Sie erklärt, wie das Überleben auf der Straße funktioniert und wo man Hilfe finden kann. Sie führt an die Orte jener Menschen, die in Bremen auf der Straße leben, drogenabhängig sind, ihr …

Suppe auf Rädern

#69 SÖGESTRASSE – Die Suppenengel sind in Bremen eine Institution. Weil aber der Bedarf steigt, wird die Küche langsam zu klein. Der Frust auf der Straße wächst Geld klirrt in der Spendendose. Zwei Menschen lächeln sich an. „Danke schön und einen schönen Tach noch!“, sagt Gerd Fechtner zu einer jungen Frau, die gerade Geld in die Spendendose geworfen hat. Er sammelt auf der Sögestraße für den Bremer Suppenengel e.V. Der gemeinnützige Verein versorgt obdachlose Menschen in Bremen mit warmen Mahlzeiten. Jeden Wochentag bereiten im Durchschnitt zwölf der insgesamt 44 Ehrenamtlichen in der Küche des St.-Jakobi-Gemeindehauses in der Neustadt das Essen vor. Auf vier Spezial-Lastfahrrädern wird es in die Innenstadt gefahren. Ein Fahrrad mit Heizvorrichtung transportiert 90 Liter warme Suppe. Ein weiteres mit Kühlung die Obst- und Gemüsesalate. Auf die anderen beiden werden der Kaffee, die belegten Brote und der Nachttisch verteilt. Alle vier Räder fahren nacheinander zu den zwei Essensausgabeplätzen in der Bremer Innenstadt – dem Hauptbahnhof und dem Wilhelm-Kaisen- Denkmal im Kastanienwäldchen am Wall, nahe der Sögestraße. In den Wintermonaten gibt es die Mahlzeiten …

„Man ist eher Fremdkörper“

ONLINE-ARTIKEL ZUR #69 SÖGESTRASSE – Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrugen sich für ihn nicht. Warum sind Sie in die Sögestraße gezogen? Als meine Lebenspartnerin und ich damals gesucht haben in Bremen, war es nicht so einfach, überhaupt etwas zu finden, das bezahlbar und auch akzeptabel von der Lage war. Die Sögestraße fanden wir erstmal sehr verrückt. Wir dachten dann aber: „Okay, cool, ist halt mitten im Zentrum.“ Wir haben uns da einfach drauf beworben und hatten Glück. Was die Kaltmiete anging, war es relativ bezahlbar. Wie war es, in einer Einkaufszone zu wohnen? Weil es der dritte Stock war, war der normale Trubel nicht so zu hören. Aber wir hatten die Musiker direkt unter dem Fenster. Wenn man so durch die Stadt schlendert, ist das schön. Aber wenn man irgendwann die Lieder – und es sind nicht so viele, die die drauf haben – zum 50. Mal hört, ist das eher störend. Nachts war es sehr ruhig. Hier ist eigentlich nichts los, was auch schade …