Aktuelle Leseprobe

„Man ist eher Fremdkörper“

ONLINE-ARTIKEL ZUR #69 SÖGESTRASSE – Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrugen sich für ihn nicht.

Warum sind Sie in die Sögestraße gezogen?

Als meine Lebenspartnerin und ich damals gesucht haben in Bremen, war es nicht so einfach, überhaupt etwas zu finden, das bezahlbar und auch akzeptabel von der Lage war. Die Sögestraße fanden wir erstmal sehr verrückt. Wir dachten dann aber: „Okay, cool, ist halt mitten im Zentrum.“ Wir haben uns da einfach drauf beworben und hatten Glück. Was die Kaltmiete anging, war es relativ bezahlbar.

Wie war es, in einer Einkaufszone zu wohnen?

Weil es der dritte Stock war, war der normale Trubel nicht so zu hören. Aber wir hatten die Musiker direkt unter dem Fenster. Wenn man so durch die Stadt schlendert, ist das schön. Aber wenn man irgendwann die Lieder – und es sind nicht so viele, die die drauf haben – zum 50. Mal hört, ist das eher störend. Nachts war es sehr ruhig. Hier ist eigentlich nichts los, was auch schade ist. Bis auf die pöbelnden Party-Leute, die aus den Clubs kamen. Die haben wenig Rücksicht genommen, weil es eben auch so wirkt, als würden hier keine Menschen wohnen.  Hier sind wenige Wohnungen, dafür super viele Büros über den ganzen Geschäften. Das war durchgängiges Gefühl: Man ist eher Fremdkörper hier.

Und an den Wochenenden?

Sehr ausgestorben. Wobei Sonntags dann auch eben viele Touristen unterwegs sind. Was ja auch total schön ist an sich. Aber es kein schönes Gefühl nach Hause zu kommen, sich erstmal durch die Menge schlagen, um dann an der Haustür irgendwelche Leute zu bitten, zur Seite zu gehen. Das war irgendwann nervig und anstrengend.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Konsum durch das Wohnen in der Sögestraße geändert?

Ich bin ein totaler Konsum-Kritiker. Für mich war es eine Bestärkung, noch weniger und noch bewusster zu konsumieren. Es hat mich noch mehr abgeschreckt.

Warum sind Sie wieder weggezogen?

Letztendlich, weil es viel zu wenig Grün gab.  Hier ist keine Möglichkeit, in irgendeinen Hintergarten zu gucken. Wir haben hinten auf die die Klimaanlagen geguckt und auf Dächer. Es ist einfach nur eine Betonwüste. Keine Natur. Irgendwann hat man das Gefühl, man ist hier so alleine.  Nach vier oder fünf Monaten haben wir gemerkt: Das ist es nicht. Und haben dann angefangen zu suchen. Letztendlich haben wir nur ein Jahr dort gewohnt.

Würdest Sie noch mal ähnlich wohnen wollen?

Auf gar keinen Fall. Die Sögestraße und die Obernstraße sind voll mit Büros und mit Einkaufsläden, aber für Anwohner ist es im Grunde überhaupt nicht annehmbar. Übrigens, die Stadt riecht gerne mal nach Kanalisation. Das hat auch damit zu tun, wer hier wie lebt. Wenn man wenig Anwohner hat, wird wenig gespült. Und Kanalisationen müssen durchgespült werden. Wenn man irgendwann dann Kanalisation in der Wohnung riecht, das ist nicht geil. Da will man nicht wohnen.

Gehen Sie heute noch gerne in die Sögestraße?

Nein. Vielleicht hat sich das sogar verstärkt, vielleicht hat sich die Bereitschaft in der Innenstadt zu sein, noch mehr abgeschwächt. Ich hab weniger Lust auf den Trubel in der Innenstadt und die Massen, die konsumieren. Oder aber eben zur Arbeit gehen in die Büros.

In der Sögstraße leben auch einige Wohnungs- und Obdachlose. Gab es Kontakt?

Man kennt sich irgendwann und es war eher ein normales Grüßen. Es ist dann vielleicht die einzige Konstante, die irgendwann bleibt. Wie Nachbarn, die man kennen lernt. Aber wir hatten dann nicht viel Kontakt. Ich weiß auch nicht, wie sie uns überhaupt wahrgenommen haben als Anwohner. Vielleicht hätte das noch ein paar Jahre gebraucht. Die Vormieter haben erzählt, dass sie sowohl mit den Obdachlosen als auch mit den Security-Leuten viel Kontakt hatten.

Text: Lisa Böcking
Foto: Norbert Schmacke