Leseprobe

SPUREN HINTERLASSEN

#65 NIEDERSACHSENDAMM – Mit ihrem Verein erfüllen Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche

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Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert wohnen in einem der neuen Reihenhäuser am Niedersachsendamm. Hier, wo die Wände in warmen Farben gestrichen sind und es nach frisch aufgebrühtem Früchtetee duftet, hat ihr Verein Herzenswunschambulanz seinen Sitz – vorübergehend: „Das soll sich noch ändern, aber wir stehen ganz am Anfang“, sagt Hauert fast entschuldigend.

Seit Anfang 2016 ist die Herzenswunschambulanz ein eingetragener Verein, der schwer kranken und alten Menschen ihre Herzenswünsche erfüllen möchte. Koepsel, die in einem Bioladen im Beginenhof arbeitet, trug die Idee zehn Jahre mit sich herum: „Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz Brücke gearbeitet“, erzählt die 60-Jährige im Berliner Dialekt. „Ein Bewohner, ein ehemaliger Gärtner, wollte unbedingt noch einmal in den Rhododendronpark.“ Koepsel beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer Hospizbewohner – ebenfalls ehemaliger Gärtner – und eine Praktikantin kamen auch mit, und so stiegen sie zu viert in Koepsels Kombi. „Wie die zwei sich mit lateinischen Blumennamen hochgeschaukelt haben, das hat uns wirklich berührt“, erinnert sich Koepsel.

Dieses Erlebnis ließ sie nicht los: „Mir wurde klar, wie wichtig ein Verein wäre, der sich Herzenswünschen annimmt. Leider war die damalige Leitung des Hospizes nicht offen dafür“, sagt sie. Die Idee verschwand in der Schublade: „Als ich Jahre später meiner Nachbarin davon erzählte, sagte sie sofort ihre Unterstützung zu. Und ein Bekannter wollte direkt den Kassenwart machen“, erzählt Koepsel. Der Startschuss für die Herzenswunschambulanz war gefallen.

Der Gedanke, Menschen ihre lang ersehnten Wünsche zu erfüllen, ist nicht neu. Im Syker Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz beispielsweise sind Wunscherfüllungen Bestandteil des Konzepts. Eines macht die Herzenswunschambulanz aber besonders: „Die alten Menschen rutschen immer durch. Viele von ihnen sind chronisch krank und nicht mehr mobil. Sie haben aber genauso Herzenswünsche. Deshalb wollen wir uns auch besonders um diese Menschen kümmern“, sagt Koepsel. Besonders wichtig ist ihr, dass es nicht um letzte, sondern eben um Herzenswünsche geht. Doch was wünschen sich die Menschen? „Gar nicht so spektakuläre Dinge, wie man denken würde“, sagt Koepsel. Eine alte Dame, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wollte so gern die Taufe ihres Enkels miterleben. „Wir sprachen mit den Angehörigen, organisierten ein Liegendtaxi mit Pflegekraft als Begleitung und erfüllten so ihren Wunsch.“ Einen Ausflug in den Waller Park – in Begleitung eines starken Mannes – wünschte sich eine Hospizbewohnerin, nachdem sie sich zunächst gar nicht getraut hatte, ihren Wunsch zu äußern. „Stephan aus unserem Verein hat den Spaziergang mit ihr unternommen“, erzählt Christiane Hauert, die hauptberuflich auf einer Palliativstation arbeitet. Für eine demente Frau, die früher eine Zeitlang in Griechenland gelebt hatte, organisierte die Herzensambulanz einen griechischen Nachmittag „mit Live-Musik und allem Drum und Dran“. Auch den Wunsch, seiner Lebenspartnerin das Ja-Wort zu geben, ermöglichte der Verein einem Wünschenden.

Bei Herzenswünschen geht es nicht immer um freudige Erlebnisse: „Manche möchten noch einen Konflikt lösen, ihre Lebensgeschichte aufschreiben, oder sie wünschen sich ein gezeichnetes Portrait von sich“, sagt Hauert. Manche Menschen hingegen wissen überhaupt nicht, was sie sich wünschen sollen: „Wir haben auf unserer Website eine Art Katalog – oder nennen wir es besser eine Liste – mit möglichen Wünschen angelegt“, sagt Hauert und lacht. Darunter sind Vorschläge wie ein Konzert- oder Stadionbesuch, ein Ausflug in die Heimat, Kraniche beobachten, Kutsche fahren oder sogar eine Höhle bauen.

Derzeit engagieren sich acht Mitglieder aktiv im Verein. Dieser „bunte Haufen zwischen 19 und 71“, wie ihn Hauert beschreibt, präsentiert die Herzenswunschambulanz auf Veranstaltungen, legt Flyer in sozialen Einrichtungen und Krankenhäusern aus und stellt den Verein bei Stiftungen vor, wo sie um finanzielle Unterstützung für kostspieligere Wünsche werben. Zudem gibt es einige Unterstützer, die Wunscherfüllungen ehrenamtlich begleiten, darunter zwei Ärzte, eine Krankenschwester, eine Friseurin und eine Musikerin. Derzeit sucht der Verein noch einen Koch, ein Restaurant oder jemanden, der einen Veranstaltungsraum besitzt: „Das würde es wesentlich einfacher machen, Wünsche zu erfüllen“, sagt Eva-Martina Koepsel.

Als die 64-jährige Christiane Hauert nach ihrem eigenen Herzenswunsch gefragt wird, überlegt sie kurz und sagt dann: „Hier und jetzt, im gesunden Zustand, würde ich mir sicher etwas anderes wünschen als im Alter. Vielleicht eine Reise. Oder leckere Würstchen am Lagerfeuer grillen. Aber Lebenssituationen und Blickwinkel ändern sich. Vielleicht wünscht man sich irgendwann einfach nur jemanden, der da ist und einem die Hand hält.“

Text: Sonja Gersonde
Bild: Lena Möhler