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„DAS GELD IST NICHT MEHR DA“

#66 AM DOBBEN – Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Zeit für ein Gespräch über gute alte Zeiten, neue Moden und darüber, was sein Darkroom mit Datenschutz zu tun hat

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Herr Hug, ist das „Bronx“ ein Relikt aus einer vergangenen Zeit?

Wenn sie noch rein schwul wäre: ja. Aber das Publikum ist seit zwei Jahren gemischt. Als ich anfing, kamen unter der Woche auch Frauen, aber am Wochenende war die Bar nur für Männer geöffnet. Das hat sich jetzt geändert.

Kürzlich haben Sie 25-jähriges Barjubiläum gefeiert …

Ja, ein bisschen. Es gab einen Kaffeeklatsch und wir haben ein paar Runden geschmissen, da war die Sache erledigt.

Wie lange ist das „Bronx“ eigentlich schon in dem Zustand, in dem es heute ist?

Schon 20 Jahre. Wir renovieren immer mal, aber der Stil ist gleich geblieben.

Hat sich die Szene verändert, seit Sie das „Bronx“ betreiben?

Ja. Alle sieben Jahre verändert sich das Publikum.

Wer sind Ihre Gäste? Kommen auch junge Leute?

Ich habe viele Stammgäste. Ab und zu kommen auch junge Leute, aber weniger. Die haben andere Lokale.

Wie sieht ein typischer Abend bei Ihnen aus?

Ganz ruhig. Es laufen Filme. (Er zeigt nach oben auf einen Bildschirm, auf dem Schwulenpornos laufen, ohne Ton.) Und wir trinken was, mehr nicht. Unter der Woche mache ich meistens bis ein, zwei Uhr nachts. Freitag und Samstag dann bis drei oder vier. Früher ging es länger, bis sechs oder sieben. Aber die Zeiten sind vorbei. Einmal im Monat haben wir am Sonntagnachmittag Kaffeeklatsch mit Kaffee und Kuchen. Da sind wir 30 bis 40 Leute, alles Stammgäste.

Es gibt hier auch einen Darkroom. Wird der gut frequentiert?

Das wird auch weniger. Älteres Publikum kommt noch, aber kaum Jüngere. Weil die Räumlichkeiten kleiner sind, ist es ein Privatclub.

Man muss Clubmitglied werden?

Naja, man kriegt eine Karte und dann werden die Daten aufgeschrieben. Die sind verschlüsselt beim Anwalt, wegen Datenschutz. Und der Ausweis gilt dann für den Club.

Wie entscheiden Sie, wer bei Ihnen Clubmitglied werden darf?

Es dürfen nur Männer in den Club. Sonst gibt es keine Bedingungen.

Wie halten Sie es mit der Aufklärung und der AIDS-Vorsorge?

Hier sind alle aufgeklärt. Das wird ja heute schon in der Schule gemacht. Aber viele halten sich nicht dran. Da können wir nicht viel machen. Letztlich ist jedem überlassen, was er macht.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Schwulenbar aufzumachen?

Das „Bronx“ gab es schon, bevor ich nach Bremen kam. Mein Freund und ich haben sie übernommen. Ich hatte Lust auf so ein Lokal, das kannte ich von Hamburg. Dort war ich mit meinem Freund mal in so einem Ecklokal. Das hat mir gefallen. Ich hab gesagt: So eins möchte ich. Das war der Wunschtraum, ein Ecklokal. Ich hatte damals beim Staat gearbeitet, als Hausmeister. Als ich aufgehört hatte, bin ich mit meinem Freund nach Bremen gezogen. Und habe das gemacht, was ich wollte.

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Ich komme gegen 19 Uhr in die Bar und mache alles fertig. Dann muss ich warten, bis die Gäste kommen. Mal kommen sie früher, mal ein bisschen später. Unter der Woche ist meistens um eins, halb zwei Feierabend. Der Januar ist aber auch ein ganz schlechter Monat. Es wird schon Alkohol getrunken, aber viele trinken auch nur Kaffee.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Keine, ich mach’s alleine. Fünf Tage in der Woche.

Und wenn Sie mal flach liegen, ist der Laden zu?

Das ist bis jetzt noch immer gut gegangen.

Gibt es Paare, die sich hier gefunden haben?

Sehr viele Paare, die heute noch zusammen sind. Einige kommen heute noch. Viele sind weggezogen, wohnen auf dem Land. Die kommen meist zum Tanz in den Mai oder zu Silvester. Da sieht man all die Leute, die das ganze Jahr nicht mehr weggehen.

Silvester gibt es eine große Party?

Ja, wir fangen um acht an. Ab zwölf sind ungefähr zwanzig Leute da und ab halb eins geht es dann richtig los. Dieses Jahr ging bis neun, halb zehn am Morgen. Früher haben wir gefeiert bis nachmittags. Die Zeiten sind aber vorbei.

Woran liegt es, dass heutzutage früher Schluss ist?

Die jungen Leute sind ganz anders drauf. Die 18-, 19-Jährigen gehen hauptsächlich in die Disco. Ihre Bar steht im Viertel.

Ist es Ihrer Meinung nach ein offener Stadtteil?

Es ist sehr offen hier. Ich bin sehr zufrieden. Ich bleib auch hier. Das auf jeden Fall, solange ich’s noch mach.

Einige ViertelbewohnerInnen beschweren sich über den Lärm der Kneipen und Bars. Haben Sie ähnliche Probleme?

Der Vorgänger hatte welche, weil es wohl zu laut war. Wir haben dann mit den Nachbarn gesprochen. Wenn es zu laut ist, sollen sie anrufen, dann machen wir leiser. Und so laut ist die Musik auch gar nicht. Manchmal feiert hier jemand Geburtstag, dann wird es etwas lauter. Aber da wissen die Nachbarn vorher Bescheid.

Ihre Eingangstür ist stets geschlossen. Rein kommt nur, wer klingelt.

Das ist schon immer so gewesen, das bleibt auch so. Ist einfach zu gefährlich mit den Überfällen.

Sie wurden überfallen?

Wir hatten zwei, drei Überfälle. Die sind reingekommen, mit Pistole, und haben einen Kollegen bedroht. Beim Kaffeeklatsch war das. Die wollten Geld. Aber die haben sie gleich gekriegt. Deswegen wollten wir eine Kamera draußen, die wurde auch genehmigt.

In den letzten Jahren haben einige Läden in der Schwulenszene aufgegeben. Warum?

Seit 2001 geht es bergab. Das Internet mit den Kontaktbörsen hat vieles kaputtgemacht. Die Jungen nutzen alle das Internet. Und es ist auch grundsätzlich freier geworden: Du kannst in jedem Lokal jemanden kennenlernen. Aber ich habe meine Stammgäste, die freuen sich, dass es das hier noch gibt.

Haben Ihre Einnahmen unter der Entwicklung gelitten?

Ja, ganz klar. Deshalb habe ich auch keinen Angestellten mehr. Der war 18 Jahre bei mir. Er springt immer mal ein, wenn ich frei habe. Aber sonst mach ich das allein.

Wie war das früher?

In Dreierreihen standen die hier, so voll war es. 1996 bis 1999, da war der Laden brechend voll. Aber das hat sich alles verändert. 2001 wurde der Euro eingeführt, da fing das an. Dazu kam das Internet. Jetzt gehen die Leute wieder mehr aus, aber sie trinken schon vorher daheim, glühen vor.
Das Geld ist nicht mehr da.

Für Ihren Laden ist es nicht gut, aber für die Schwulenszene ist es doch schön, dass alles freier wird.

Das ist klar. Eine reine Schwulenbar kannst du heute nicht mehr machen, das ist vorbei. Aber ich glaube, dass es im Trend ist, wieder mehr in die Lokale zu gehen.

Wenn Ihnen jemand die gleiche Bar an der Sielwall-Kreuzung anböte – würden Sie umziehen oder lieber hierbleiben?

Ich bleibe lieber hier, hier fühle ich mich wohl. Ein bisschen abseits, aber die Leute finden uns auch so. Sogar auswärtige Gäste, aus Amerika, Holland, von überall.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. An wen wollen Sie den Laden mal übergeben?

Es gibt zwei, drei jüngere Leute, die übernehmen würden. Vielleicht an meinen ehemaligen Angestellten.

Würden Sie an jemanden übergeben, der hier etwas ganz anderes machen will, sagen wir: einen Schuhladen?

Nein. Wenn möglich, will ich die Bar so abgeben, dass sie noch ein paar Jährchen bleibt.

Herr Hug, vielen Dank für das Gespräch.

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Fragen: Mahé Crüsemann
Fotos: Benjamin Eichler