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EIN HAPPY END DANK LAIKA

#61 BAUMWOLLBÖRSE – Ein Treffen mit Pauli, einem unseren ersten Verkäufer

 

Nicht alle bei uns kennen Pauli, wohl aber seinen Hund: Laika. Die 14-jährige Mischlingshündin mit leicht angegrautem Fell um das Maul liegt friedlich auf einer Decke im Vertriebsbüro, als ich sie treffe, neben ihr Paulis Wanderrucksack. Auf ihr ruht während unseres Gesprächs sein Blick.

Er trägt ein Käppi des FC St. Pauli, sein Erkennungsmerkmal. Seine linke Hand sieht wie aufgeblasen aus. Eine Folge des Heroinkonsums, sagt er, „das ist der Dreck aus dem Stoff“. Die Streckmittel in dem Stoff haben sich in seinen Adern abgelagert und könnten sie verstopfen. Trotzdem ist Pauli optimistisch: Alles war schon viel schlimmer.

Es fing schon mit der Familie an: Sein Vater war ein gewalttätiger Zuhälter, der seine Mutter zur Sexarbeit zwang, bis sie sich mit ihrem eigenen Bremer Bordell selbstständig machte. Als Erstes von acht Kindern gebar sie Pauli, der viel Zeit im Bordell verbrachte. Trotzdem verurteilt er Prostitution: „Für mich ist das Menschenhandel.“

Sein Vater schlug auch ihn. Vielleicht hatte Pauli deshalb schon mit 13 ein Alkoholproblem. Die Schule verließ er frühzeitig. Doch dann gab es einen Hoffnungsschimmer: Seine Mutter zog mit ihm in die USA, um dort ihr Glück zu versuchen. Obwohl sie nach kurzer Zeit New Mexiko wieder verließ, blieb ihr 17-jähriger Sohn in Santa Fe, in einer Gastfamilie. Pauli trank keinen Alkohol mehr und absolvierte die Highschool. All das schaffte er mit Hilfe von Meditation, sagt Pauli rückblickend. „Über Meditation kann ich auch quasi high werden. Ich konzentriere mich dafür auf weiße, positive Energie und versuche alles Negative aus meinem Körper zu blasen.“ In diesem Zustand konnte er sogar über heiße Kohlen laufen.

Als Pauli dies am Werdersee seinen Freunden zeigen wollte, verbrannte er sich beide Füße schwer: „Lag vielleicht daran, dass ich besoffen war.“ Er war 19, Punk, Trinker und lebte in einem Bauwagen. Erst mit seiner Freundin sollte er vier Jahre später wieder trocken sein. Für immer.

Mit ihr und einem Kredit von seiner Mutter eröffnete Pauli das „Radieschen“, ein vegetarisches Restaurant am Hauptbahnhof. Der Laden lief gut, die Beziehung auch: Sie erwarteten 2000 ein Kind. Doch es verstarb plötzlich im Krankenhaus, die Beziehung zerbrach. Pauli gab das Restaurant auf, wurde obdachlos. Statt Alkohol nahm er Heroin. Dann tauchte er viele Jahre ab. Als einer der ersten Verkäufer verkaufte er ab und zu mal Hefte, am Ende jede Ausgabe. „Zeitschriften über die Parks kaufen die Leute besonders gern“, sagt er.

Bis zu Laika sollte Pauli noch vier Hunde haben. Doch erst Laika bewegte ihn 2014 endgültig zum Aufhören. Wenn er es nicht für sich bleiben lassen könne, dann wenigstens für seinen Hund, dachte er damals. Heute ist Pauli im Substitutionsprogramm, schläft manchmal am Güterbahnhof und manchmal in einem Zimmer. Unabhängigkeit ist ihm wichtig, besonders von seiner Mutter, die ihn meistens mit ihrer Hilfe unter Druck setzt.

Pauli möchte lieber selbst helfen. Obdachlosen rät er, in ihrem eigenen Tempo die nächsten Schritte zu machen, im Alltag Schnorr- und Verkaufsplätze zu teilen. Sein Platz ist in Findorff, wo besonders einsame, alte Leute mit ihm sprechen. „Die haben weniger als ich.“ Sein Rat: Wohngeld beantragen und zur Tafel gehen.

Laika wird nun unruhig, sie will raus. Ohne zu zögern, packt Pauli ihre Decke, schultert den Rucksack und folgt ihr.

 

Text & Foto: Eva Przybyla