Aktuelle Leseprobe

IN DEN HÄNDEN DES APO

#59 LINDENHOF – Ein Besuch beim Frisör Abdullah Bozkir, der einst auf der Suche nach einem besseren Leben nach Gröpelingen kam

 

Ich spüre die Klinge an meinem Kehlkopf. Sie schabt Rasierschaum und Bartstoppeln von meiner Haut, wandert Strich für Strich den Hals entlang. Ich möchte etwas sagen. Traue mich aber nicht. Bloß keine falsche Bewegung riskieren. Mein Kopf liegt im Nacken. Statt in den Spiegel blicke ich an die Decke. Angestrengt bewegen sich meine Augen abwärts, um doch mein Spiegelbild zu sehen, um doch irgendwie die Arbeit an meiner Pulsader zu beaufsichtigen. Doch ohne Brille ist das zwecklos.

„Keine Sorge, ich pass’ auf“, sagt der Mann, der die Klinge führt. Es gelingt ihm, mir einen Teil meiner Anspannung zu nehmen. Seine Handbewegungen sind schnell, sicher, routiniert. Unzählig viele Männer haben sich schon Apos Klinge anvertraut. Der 44-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Friseur, seinen Herrensalon „Apo’s Haircut“ an der Lindenhofstraße eröffnete er vor neun Jahren. Hier, zwischen Moschee und Gemüsehändler, treffen sich Männer jeden Alters. Von millimeterlanger Stoppeloptik bis hin zum voluminösen Vollbart ist hier fast jede Form der Gesichtsbehaarung vertreten. Nur die Variante „Glatt wie ein Babypopo“ sucht man vergebens. Viele Kunden schwören auf die wöchentliche Rasur bei Abdullah Bozkir, den alle nur „Apo“ nennen.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich mich rasieren lasse. Der warme Schaum riecht angenehm nach den feuchten Tüchern, die auf Flügen der „Turkish Airlines“ gereicht werden. Eine Mischung aus Lavendel und Zitrone. Apo dirigiert meinen Kopf zum Waschbecken. Ich bin verunsichert. Soll ich mir die Schaumreste selbst vom Gesicht spülen? Wohl nicht. Apo macht das. Ein kurzer unangenehmer Moment. Irgendwie haben diese fremden großen Hände nichts in meinem Gesicht verloren. Dann holt er eine Spule hervor, die man sonst für Nähmaschinen verwendet. Was hat er damit vor?

Apo selbst ist fast glattrasiert. Auch auf dem Kopf finden sich nicht mehr allzu viele Haare. Seine Augen sind kugelrund und stets aufmerksam geöffnet. Er trägt ein blaues Jeanshemd, die kurzen Ärmel sind für die Oberarme etwas zu eng. Der Small Talk während der Rasur gelingt in brüchigem Deutsch, dann hilft der 27-jährige Abdullah Duman mit der Übersetzung zwischen Deutsch und Türkisch. Es gibt heißen Tee aus kleinen Gläschen ohne Henkel. Die Begründer dieser türkischen Tradition müssen hitzeresistente Finger gehabt haben.

Schon im Alter von zwölf Jahren verdient sich Apo ein kleines Taschengeld im Friseursalon seines Onkels. Er lebt damals nahe der Stadt Bingöl im östlichen Teil der Türkei, in einer Familie mit acht Geschwistern. Der Vater kann nicht arbeiten, die finanzielle Situation ist schlecht. Der junge Abdullah – selbst noch ein Kind – muss Verantwortung übernehmen, seinen Beitrag leisten, um die Familie durchzubringen. Die Schule beendet er nach der siebten Klasse, weil die Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen können. Mit vierzehn Jahren beginnt er, Vollzeit im Geschäft seines Onkels zu arbeiten.

„Meine größte Sorge war es, die Familie zu ernähren. Das Spielen mit den Freunden musste warten“, erinnert sich Apo. Doch auch als er sich voll auf das Friseurhandwerk einstellt, bleibt der Verdienst in der Türkei gering. Anders erleben es Freunde und Bekannte, deren Familien in den 1960er Jahren als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland auswanderten. Ihre Geschichten werden auch in Bingöl erzählt. Sie wecken Sehnsüchte nach einem besseren Leben. „Irgendwann habe ich mir gesagt, ich will es selbst versuchen, meine Chance ergreifen“, sagt Apo.

Gemeinsam mit seinem Bruder eröffnet er 2009 den Friseursalon in Gröpelingen – sieben Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland. Einen Gedanken an das wirtschaftliche Scheitern habe er nie verschwendet, beteuert Apo. Das Geschäft läuft gut. Absoluter Hochbetrieb herrscht am Freitag und Samstag, wenn sich die jungen Männer für das Nachtleben aufhübschen lassen. Aber auch an den anderen Tagen muss man bisweilen Wartezeit mitbringen, gerade wenn unbedingt der Chef selbst Hand anlegen soll. Demnächst wollen die Gebrüder Bozkir sogar einen neuen Friseursalon an der Gröpelinger Heerstraße eröffnen – für Männer und Frauen.

Den jetzigen Herrensalon betreten Frauen nur sehr selten, sagt Abdullah Duman – und wenn, dann in Begleitung ihrer Männer. Türkische Frauen, die ein Kopftuch tragen, würden sich ohnehin nur von Frauen die Haare frisieren lassen, erklärt er. „Viele haben gar nicht das große Bedürfnis, oft einen Friseur zu besuchen.“ Seien die Haare in der Öffentlichkeit unter dem Tuch verborgen, entstünden nicht so viele Sorgen um die Frisur.

Duman selbst lässt sich jede Woche von Apo rasieren und das seit etwa zehn Jahren. „Mein Bart ist mir wichtiger als meine Haare“, sagt Duman. „Die einzelne Rasierklinge ist viel präziser, als so eine mit drei Klingen.“ Und überhaupt, Rasieren, das könne auch nicht jeder. Er vertraut seinen Bart nur Apo an. Unter Jugendlichen mit türkischen Wurzeln sei es ganz normal, den Bart wachsen zu lassen. „Das hat mir das Gefühl gegeben, ich werd’ ein Mann“, erinnert sich Duman. Heute macht er an der Universität Bremen seinen Master im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen. Seine Eltern kamen beide im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland, er selbst ist hier geboren.

Zurück zur Spule für Nähmaschinen, die Apo nach meiner Rasur irgendwo hergezaubert hat. Er entrollt den Faden und formt eine kleine Schlaufe. Langsam verstehe ich – es geht um meine Augenbrauen. Damit habe ich nicht gerechnet. Mein Kopf liegt wieder im Sessel, ich schließe meine Augen. Meine Brauen werden, so kommt es mir vor, von unendlich vielen kleinen Nadelstichen traktiert. Tatsächlich arbeitet Apo aber nur mit seinem Faden. Durch das Lockern und Spannen der kleinen Schlaufe zupft er die Härchen einzeln von der Augenpartie. Gezupfte Augenbrauen kannte ich bislang nur von Frauen.

Den Abschluss macht ein Wässerchen, eine Art Aftershave, aber ohne Geruchsbombe. Apo verteilt es mit seinen Händen in Windeseile über Bart und Augenbrauen. Es brennt. „Das ist zum desinfizieren“, sagt er. Dann setze ich wieder meine Brille auf und begutachte das Ergebnis. Es sieht gut aus, wie aus einem Guss.

 

Text: Björn Struß
Foto: Wolfgang Everding