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„Mit Menschen zu reden, ist mir sehr wichtig“

Mann mit kariertem Mütze, Jacke und Pullover steht vor einem geparkten Auto in einer urbanen Umgebung

#134 Auf der Muggenburg: Heinz Franz trifft man meist hinter dem Bahnhof. Hier verkauft er die Zeitschrift der Straße und beobachtet, wie sich die Stimmung in der Stadt verändert

Protokoll: Ulrike Plappert
Fotos: Norbert Schmacke

Ich lebe hinterm Bahnhof, Ausgang Bürgerweide, und schlafe an verschiedenen Orten. Einfach frei. Bei Regen stelle ich mich unter. Man kann auch von nachts um zwölf bis morgens um sechs im Bahnhof schlafen. Dann wird man aber deutlich aufgefordert, zu gehen. Auch bei der Winterkälte: Raus! Der Wärmeraum im Bahnhof geht nicht, wir sind keine Fahrgäst[:innen] – also raus. Aufwärmen kann man sich bis Mittag im Tivoli. Es gibt noch einen Raum in der Nähe, der vormittags aufmacht. Da gibt’s zu essen, du kannst dich unterhalten, schlafen gehen.

Eigentlich bin ich bei der Oma groß geworden, weil meine Mutter arbeiten musste. Ich war im Grundschulinternat und ein superguter Schüler. Nach der sechsten Klasse hatte ich mich auf zu Hause gefreut. Dann haben meine Mutter und ihr Mann gebaut und ich kam wieder ins Internat. Sie hatten ja keine Zeit. Zu meiner Geschichte gehört auch, dass ich nur kurz mit meinem Vater aufgewachsen bin. Ich habe ihn später mal aufgesucht und viel Hoffnung da reingesetzt. Aber das war zu viel erwartet.

Nach Bremen gezogen bin ich vor ein paar Jahren wegen einer Drogentherapie, war in Loxstedt auf einem Hof und in Vegesack in der Klinik. Ich hatte Arbeit als Dachdecker. Leider bin ich dann weit weg in die falsche Richtung gezogen und kam durch die Baustelle in Vegesack nicht mehr pünktlich zur Arbeit. Das ging dann zu Ende und die Beziehung mit der Freundin auch. Dann hat das Jobcenter Briefe wegen der Miete an die falsche Adresse geschickt. Ich hab nachgefragt, aber ich sollte warten, das würde in Bremen immer ein bisschen dauern, hieß es. Die Miete kam also nicht und Arbeit war auch nicht mehr. Der Vermieter hat mich dann einfach rausgeworfen: Kalträumung. Das wurde zwar vom Gericht aufgehoben, aber so kam eins zum andern und nichts hat funktioniert. Die Zahlungen vom Jobcenter kamen nicht, dafür der Gerichtsvollzieher und ich musste raus. Es war Januar.

„Wenn erst das Schlechte zum Guten wird, dann kommt das Chaos“

Dann bin ich nach Bremen zum Bahnhof, wo man Essen kriegt. Da hab ich die Leute vom Café Papagei kennengelernt, die mich unterstützt haben. So bin ich auch andie Zeitschrift der Straße gekommen. Ich bin ja nicht der Faule oder Schnorrer oder Bettler, wie Leute draußen öfter sagen. Sie wissen ja gar nicht, was da los ist. Zum Beispiel: Ohne Arbeit keinen festen Wohnsitz und ohne Wohnung keine feste Arbeit. Das ist ein Teufelskreis. Hier in Bremen ist das mit Notunterkünften zwar alles gut organisiert.

Aber sie helfen einem nicht weiter, wenn man dann Arbeit hat. Dass man eine WG oder ein Zimmer bekommt, wo man sich anmelden kann, dass sie gucken, wie man zurechtkommt. Es ist ja so: Wenn man so lange kein Geld hatte und auf einmal eine Nachzahlung vom Jobcenter über dreizehnhundert Euro auf einen Schlag kommt oder Geld von einer Arbeit – Rauschzustand! Damit ist man voll überfordert und verballert das ganz schnell. Weg. Bamm! Da wird man nicht rausgeholt – dabei bräuchte man Betreuung.

Mann mit Mütze und Jacke hält eine Zeitung mit dem Titel 'DIE ZEITSCHRIFT DER STRASSE' vor einem geparkten Auto hoch
Ein Experte des Alltags: unser Verkäufer Heinz Franz.

Von der Notunterkunft bin ich wieder auf die Straße. Zur Familie gibt es keinen Kontakt mehr. Freundschaften sind schwierig. Mit Menschen zu reden und in Kontakt zu bleiben, ist mir aber sehr wichtig. Das verlernt man nicht nur auf der Straße: Wenn man zwei Jahre in der Bude vor dem Fernseher sitzt, verändert man sich ja, geht immer mehr in sich rein, kann irgendwann gar nicht mehr mit Menschen reden.

Es gibt schon Leute, denen ich gelegentlich begegne, zum Beispiel Sozialarbeiter[:innen] vom Papagei oder vom Bus. Es gibt auch andere, die ich nicht immer einordnen kann. Aber das sind oberflächliche Kontakte. Wenn ich morgen weg bin, dann bin ich weg. Vielleicht denkt höchstens noch mal jemand: „Wo ist denn der Heinz? Den haben wir ja lange nicht mehr gesehen.“

Die Zeitschrift der Straße verkaufe ich, weil man da einen anderen Blickwinkel auf die Menschen hat und die auch auf einen. Die meisten finden das toll. Feste Kundschaft ist am Bahnhof schwierig, weil es jeden Tag so viele, viele Gesichter gibt. Aber mit dem Geld ist es immer noch okay hier. Aber die allgemeine Stimmung ist getrübter, es gibt weniger gut Gelaunte als früher. Und das wirkt sich natürlich auch auf einen selbst aus. Es mischt sich auch keiner ein, wenn was schiefläuft. Und wenn erst das Schlechte zum Guten wird, dann kommt das Chaos. Aber das wollen wir nicht hoffen.

Ich würde schon gern noch mal in die Welt: mit dem Bus oder mit dem Rucksack. Dahin, wo man weniger Klamotten braucht. Erst mal nach Spanien, das kenne ich noch nicht, aber ich habe einen Kollegen da. Ich könnte mir auch vorstellen, mich hier ins System reinzuarbeiten, vielleicht eine kleine Führung zu machen und was bewirken. Die Unterstützung muss sich ändern – nicht die Sozialarbeiter[:innen], sondern das Ganze. Das wäre auf jeden Fall eine schöne Sache für meine Nachwelt.

Schwarz-weiße Panoramaaufnahme einer Stadtlandschaft mit Fluss und Brücken im Hintergrund und einem Magazincover mit der Überschrift 'Auf der Muggenburg' im Vordergrund