Autor: Michael Vogel

Zeitschriftcover mit dem Titel 'Die Zeitschrift der Straße', Thema 'Sonnenplatz', Foto eines Schaufensters mit Spiegelungen und Textblöcken in Schwarz und Weiß.

#39 Sonnenplatz

Hintergrundfoto: IamNotUnique/flickr.com EDITORIAL: Neues wagen Kattenturm ist einer der jüngsten Ortsteile Bremens. In den 1960er-Jahren entstanden hier, wo bislang Wiesen und Felder waren, etliche mehrgeschossige Wohnblöcke für Tausende Bewohner. In den Wirtschaftswunderjahren herrschte Wohnungsnot und Aufbruchstimmung zugleich, doch so recht wollte der Traum vom gemeinschaftlichen Leben in der Großwohnsiedlung auch hier nicht funktionieren. Mit den Jahren häuften sich die Probleme: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Perspektivlosigkeit – Kattenturm wurde als sozialer Brennpunkt bekannt, und der Sonnenplatz bildete trotz seines schönen Namens keine Ausnahme. Nicht dass mit einem Mal alles anders wäre, aber in letzter Zeit lässt sich ein klarer Aufwärtstrend erkennen. Der neu gestaltete Sonnenplatz, der im April offiziell wiedereröffnet wurde, ist ein Sinnbild dafür. Wie die angrenzenden Hochhäuser zu ihren freundlichen Graffitis gekommen sind, lesen Sie ab Seite 20. Viele Menschen rund um den Sonnenplatz arbeiten dafür, dass es wieder oder weiter voran geht. Indem sie Neues wagen, wie der ehemalige Seemann Husseni Compaore, der als Sprach- und Kulturlotse Neuankömmlingen in Kattenturm bei der Integration hilft (Seite 8) und dafür mit seinen Kolleginnen und Kollegen den Hilde-Adolf-Preis …

Ein Mann mit Brille trägt eine gesteppte Jacke und zieht den Reißverschluss hoch, vor einem unscharfen Hintergrund.

Der Botschafter

#39 SONNENPLATZ – Vor über dreißig Jahren kam er aus Ghana nach Kattenturm. Heute liebt Husseni Compaore seine zweite Heimat – und hilft, wo er kann Hoch schießen die 1960er-Jahre-Bauten in den Himmel. Mehr als jeder fünfte Kattenturmer hat keinen Arbeitsplatz. Und fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV. Eine sorgenfreie Kindheit sieht anders aus. Auch Husseni Baba Compaore kann keine Jobs aus dem Boden stampfen, doch der 58-Jährige hilft, wo er nur kann. Die Quartiersmanagerin Sandra Ahlers nennt ihn liebevoll „Baba, den Botschafter von Kattenturm“. Weil er nicht nur von den Schattenseiten Kattenturms erzähle. Oft schon wurde sie auf ihn angesprochen: Baba habe wieder einmal irgendwo von Kattenturm geschwärmt. Geboren in Takoradi im Westen Ghanas, spricht er Twi und Hausa, natürlich auch Englisch und Deutsch. Seine Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zu vielen Menschen in Kattenturm. Denn fast jeder Zweite hier hat einen Migrationshintergrund. Einige stammen aus dem westafrikanischen Ghana. Um sie sorgt sich Compaore besonders: „Vielen Menschen ist das System in Deutschland fremd. Und die schweren Wörter auf den Ämtern …

Titelblatt der Zeitschrift der Straße mit dem Schriftzug 'Horner Kirche' und einem unscharfen Bild einer Kirche im Hintergrund.

#38 Horner Kirche

Hintergrundfoto: James/flickr.com EDITORIAL: Geduld ist eine Tugend Alle Themen dieser Ausgabe haben einen gemeinsamen roten Faden: die Langmut, oder, moderner gesprochen, die Geduld. Geduld etwa hatten die Gründer der Horner Kirche, als sie im Nichts ein Gotteshaus planten. Geduldig ertrug auch die Linde, die hier einst gepflanzt wurde, alle Zeitläufte –und mauserte sich zu Bremens ältestem lebenden Baum. Womöglich haben ihre drei Stämme etwas dazu beigetragen. Über Geduld verfügen aber auch die Menschen in unseren Geschichten: Die ehemalige Ärztin Barbara Janssen-Frank etwa, die heute im Gemeindesaal der Horner Kirche Menschen in die japanische Kunst des Origami einweist – eine Leidenschaft, die sie vor 15 Jahren ausgerechnet in Italien entdeckte (Seite 24). Oder der Chinese Ping Fan, der nur wenige hundert Meter entfernt einen Asia-Laden betreibt. Einst wollte er in Deutschland als Chemiker Fuß fassen. Doch es kam anders, als gedacht (Seite 12). Gleich zwei Themen in dieser Ausgabe drehen sich um die Sorgen und Nöte von Jugendlichen: In einem Gespräch geben zwei junge Männer Einblick in ihre Zeit im betreuten Jugendwohnen in der Sozialeinrichtung Alten …

Mann in gestreiftem Hemd und Pullover ordnet Gläser mit Lebensmitteln in einem Regal in einem Lagerraum.

Herr Fan hatte einen Plan

#38 HORNER KIRCHE – Er kam aus China, machte in Bremen seinen Doktor und träumte von einer Karriere in der Chemieindustrie. Heute verkauft er asiatische Lebensmittel in Horn Ping Fan (Foto) sitzt auf einer kleinen Bank an der Tür und wartet. Er beugt sich vor zu seinem Laptop, der der neben ihm auf einem Hocker steht, und tippt etwas hinein. Und wartet weiter. Ein älterer Herr betritt den Laden, geht an Fan vorbei und steuert auf einen Raum zu, indem dutzende Säcke Reis in den verschiedensten Größen liegen. Er nimmt einen und geht damit zur Kasse. Er hat einen Jutebeutel dabei und versucht, den Reissack hinein zu stecken. „Das sieht ganz schön klein aus“, sagt Fan zu seinem Kunden. „Meine Frau meinte, das passt.“ – „Na, dann wird das wohl stimmen, Frauen haben ja immer Recht“, antwortet Fan. Die Männer lachen, als der Reis schließlich tatsächlich in den Beutel passt. Seine Kunden zu beraten und mit ihnen zu scherzen, das ist für Fan das Schönste an seiner Arbeit. Im Sommer vor bald drei Jahren hat …

Zwei Origami-Figuren, eine links mit ausgebreiteten Flügeln, die andere rechts mit komplex gefalteten Details, auf einer Oberfläche.

Origami falten: Video-Anleitung

#38 HORNER KIRCHE – Origami sind die günstigen China-Nudeln aus dem Bremer Hauptbahnhof? Nicht ganz: Origami ist die japanische Kunst des Papierfaltens. Die Zeitschrift der Strasse stellt in ihrer aktuellen Ausgabe Barbara Janssen-Frank vor. Sie ist ein Urgestein in der Bremer Faltszene. In diesem Video erklärt sie, wie der klassische Kranich gefaltet wird. Ihre Geschichte ist in der aktuellen Zeitschrift der Straße zu lesen. Nachfalten: erwünscht!   Video:André Beinke Foto:Wolfgang Everding  

Schwarz-weiße Straßenaufnahme mit parkenden Autos entlang des Bürgersteigs und zwei Personen, eine steht an einer Laterne, die andere sitzt auf einer Bank.

„Es ist ein Teufelskreis“

Neben deutschen Obdachlosen und von Armut Betroffenen verkaufen auch einige Rumänen und Bulgaren die Zeitschrift der Straße. Bernd Buhrdorf, Migrationsberater der AWO, kennt ihre Situation Herr Buhrdorf, wie ist die rechtliche Lage von Rumänen und Bulgaren in Deutschland? Wir sind ja eigentlich ein vereinigtes Europa. Und in der EU haben alle Bürger das Recht, in einem anderen EU-Land nach Arbeit zu suchen und zu diesem Zweck auch dort zu wohnen. Das nennt sich Freizügigkeit. Bis Ende 2013 galt für Rumänien und Bulgarien aber eine eingeschränkte Freizügigkeit – für Kroatien sogar bis Juli 2015. Personen aus diesen Ländern mussten eine gesonderte Arbeitserlaubnis beantragen, Deutsche wurden in den meisten Fällen vorrangig eingestellt. Diese Einschränkungen lockern sich jedoch allmählich. Das klingt aufwendig. In der Zeit bis 2014 habe ich persönlich kaum Rumänen oder Bulgaren getroffen, die die Chance hatten, mit Arbeitserlaubnis in Arbeit zu kommen. Heute, wo sie keiner Arbeitserlaubnis mehr bedürfen, ist der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt etwas erleichtert worden. Welche Schwierigkeiten haben diese Menschen auf dem Arbeitsmarkt? Zum einen natürlich die fehlenden Sprachkenntnisse. Dann haben viele …

Zeitschriftcover der 'Zeitschrift der Straße' mit dem Titel 'Oster Feuerberg' und mehreren Artikelnamen auf weißem Hintergrund neben einer rauen Betonwand.

#37 Osterfeuerberg

Hintergrundfoto: Morten Wulff/flickr.com EDITORIAL: Es tut sich was Eingekeilt zwischen Autobahnzubringer und Bahngleisen ist das Osterfeuerberg-Viertel trotz seiner Nähe zum beliebten Stadtteil Findorff lange ein Underdog geblieben. Dabei war das Wohngebiet schon immer lebendig. In den Straßen begegnet man den unterschiedlichsten Menschen, viele Vorgärten der schmalen Altbremer Häuser sind – nun, man darf es wohl so ausdrücken – kreativ dekoriert. In Osterfeuerberg, so scheint es, darf man sein, wie man ist. In den Seitenstraßen findet sich eine erstaunliche Dichte an kleinen Handwerkerläden und Eckkneipen. Eine davon ist der „Druide“. Hier sorgten Stammgäste dafür, dass der Betrieb nach dem Tod des Besitzers weiterghing – und ganz nebenbei der Blues nach Walle kam (Seite 13). Ungewöhnlich ist auch die Initiative des Bestattungsunternehmens Schomaker, das in Osterfeuerberg sein Büro hat. Es bietet Kabarettveranstaltungen zum Thema Tod an – und geht so auf Kundenakquise im Seniorenheim (Seite 8). Seit einigen Jahren kommt im Stadtteil übrigens Bewegung auf: Der breite Osterfeuerbergring, der längst nicht mehr so viel befahren wird wie früher, soll zurückgebaut und begrünt werden. Neue Wohnungen sind in …

Mehrere historische Backsteingebäude mit Rundbogenfenstern und Ziergiebeln unter bewölktem Himmel.

Lummerland

#37 OSTERFEUERBERG – Osterfeuerberg hat sich gewandelt. Doch nicht jede Veränderung gefällt den Bewohnern des Viertels Eine Insel ohne Berge, ohne Strandund ohne Meer, mit viel Tunnels, vielen Straßenund dem Eisenbahnverkehr … So könnte es klingen, das Liebeslied der Bewohner:innen Osterfeuerbergs über ihr Lummerland. Das urbane Meeresrauschen kommt vom Autobahnzubringer Überseestadt und den Eisenbahngleisen nach Hamburg, Bremerhaven, Bremen-Nord. Jede Nacht bringt der Güterverkehr die Brandung in die Schlafzimmer der Menschen hier. Für Nicht-Waller ist Osterfeuerberg noch immer der Underdog des Angesagtseins. Auch für viele Bremer Zugezogene hat sich der Charme des einstigen Nachtjackenviertels noch nicht erschlossen. Für sie schreibt das Stadtteilmagazin „Echt Walle“. Gleich in der ersten Ausgabe ist von „steigender Attraktivität für Familien“ die Rede. Beispiele hierfür: Das Kulturhaus Brodelpott, die Ganztagsschule am Pulverberg, die Kita Löwenzahn und darüber hinaus die Eröffnung der „Freien Brau Union Bremen“. Auch Jörg Tapking, Waller LINKEN-Fraktionssprecher, sieht besonders in der Brauerei und neueren, exklusiven Eigenheimen eine Aufwertung des Quartiers, die sich langfristig auswirken wird. Was macht die Osterfeuerberger Zukunftswerkstatt so besonders für die Nachbarschaft? Ähnlich empfinden es auch …

Mann mit kurzem Haar und Bart sitzt in einem Raum mit großen Fenstern im Hintergrund, trägt einen Pullover mit V-Ausschnitt.

Im Turmzimmer

#36 KORNSTRASSE – Die Zionsgemeinde gewährt Flüchtlingen Kirchenasyl und bewahrt sie vor der Abschiebung. Pastor Thomas Lieberum (Foto) erklärt, wie und warum das geht Nehmen wir an, vor der Tür stehen eine Frau, ein Mann, zwei Kinder, die sagen: „Sie sind unsere letzte Hoffnung.“ Was tun Sie? Eine Familie aus dem Kosovo stand genau so vor der Tür. Für eine Nacht können wir immer eine Matratze hinlegen und ein paar Lebensmittel kaufen. Dann versuchen wir, die Situation der Menschen zu klären. Die meisten sind tatsächlich von Abschiebung bedroht, vor allem in Erstaufnahmeländer wie Italien, Ungarn, Griechenland. Was nicht sinnvoll ist, weil sie dort niemanden kennen und schon länger in Deutschland leben. Daher helfen wir. Wo bringen Sie die Menschen unter? Wir haben Büros und ein Musikzimmer umfunktioniert. Unser Gemeindehaus hat zwei Küchen und – ein großes Glück! – sogar eine Dusche. Essen, das in unseren Kindergärten übrig bleibt, können sich die Leute aufwärmen und aus unserem Umsonstladen Kleidung und andere Dinge nehmen. Können Sie den weiteren Ablauf am Beispiel der Familie aus dem Kosovo schildern? …

Zeitschriftcover mit dem Titel 'Kornstrasse' zeigt verschwommenen Fußgänger vor Waschmaschinen. Daneben Mauer mit Kaffeetasse und Beck's-Bierflasche auf Stein.

#36 Kornstraße

Hintergrundfoto: Stefan Bauckmeier/flickr.com EDITORIAL: Langer Mikrokosmos Wer denkt, der Buntentorsteinweg sei lang, der sollte sich die Kornstraße anschauen, die sich von der Südervorstadt bis zur Neuenlander Straße erstreckt: 2,7 Kilometer, drei Ortsteile, 648 Hausnummern. Wer bietet mehr? Und das Schöne ist: Trotz ihrer immensen Länge hat die Kornstraße kleinstädtisches Flair, sie ist recht schmal, von Bäumen gesäumt und Heimat vieler Fachgeschäfte und Handwerksbetriebe. In diesem Kosmos hätten wir leicht Geschichten für drei Hefte aufschreiben können. Was natürlich nicht geht, daher haben wir uns auf den neustadtnahen Teil der Straße beschränkt. Aber wer weiß, vielleicht machen wir ja mal eine Ausgabe zur Kornstraße-Ost? In diesem Heft lesen Sie, wie westafrikanische Migranten, die meist selbst wenig Geld haben, ihre Familien in der alten Heimat finanziell unterstützen. Diese moralische Pflicht setzt die westafrikanischen Bremer ganz schön unter Druck (S. 8). Der Friedhof Buntentor ist der älteste öffentliche Friedhof Bremens und ob seiner speziellen Lage zum Improvisieren gezwungen (S. 10). Zum Entspannen könnte man in der Kornstraße in ein Restaurant gehen, zum Konditor oder einem der vielen Friseursalons – …