Neueste Artikel

#71 HOCHSCHULRING

EDITORIAL: Freiheit und Zwang

Einerseits ist es für ein Magazin wie das unsere ja naheliegend, mal ein Heft zu machen, das an der Universität spielt – schließlich sind wir ja nicht zuletzt ein Lernprojekt für Studierende. Andererseits, so ganz unter uns: Was gibt es eigentlich vom Hochschulring zu erzählen? Sind da nicht vor allem rechteckige Bürokästen mit Computerarbeitsplätzen drin?

Well: Ja, aber. Denn natürlich gibt es auch in solchen Büros interessante Geschichten zu entdecken, zum Beispiel, weil hier das Zuhause der Zukunft erforscht wird, aus dem Ihnen ab Seite 20 erzählen. Und manchmal ist an solchen Orten sogar Platz für die Liebe, zum Beispiel im Fallturm, in den man seit einiger Zeit auch heiraten kann (Seite 12). Abgesehen davon arbeiten hier natürlich nicht nur irgendwelche WissenschaftlerInnen, sondern auch ganz andere Menschen – ein paar von ihnen haben wir an ihrem Arbeitsplatz besucht, wie sie ab Seite 16 sehen können. Auch Lucina Wojtkowiak, die Sie jetzt schon vom Titelbild kennen, gehört zu ihnen, sie ist Tierpflegerin im Tierheim, wie sie sich vielleicht schon gedacht haben. Bisweilen entdeckt man beim Rundgang vor Ort aber auch plötzlich Sandkästen und Kinderspielzeug, was einen nahtlos zu Gabi Onesseit (Seite 8) führt, die für kleines Geld als Tagesmutter am Hochschulring die AkademikerInnenkinder betreut.

Auch unser Illustrator, Besitzer eines ehemaligen Feuerwehrautos, das seine Dienste schon von Transnistrien bis Spanien erfüllte, war hier unterwegs. Er war dann aber doch nicht campen, wie es sich vielleicht angeboten hätte. Stattdessen hat er sich den großen Fragen gewidmet – es geht um Freiheit und Zwang, um Idealismus und Realismus, aber auch ein bisschen um Prüderie und Provokation, ab Seite 24. Und zum Schluss: die Werbung, also: für uns selbst (Seite 30)!

Viel Spaß beim Lesen wünschen Tanja Krämer, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

.

Aus dem Inhalt:

08 Mehr als nur spielen

Gabi Onesseit arbeitet als Tagesmutter. Nebenbei kämpft sie für bessere Arbeitsbedingungen und gegen die Altersarmut

12 Ehe mit Aussicht

Im Fallturm kann man die Schwerelosigkeit erforschen – oder heiraten, so wie Martin und Jessica Engelke

16 Ein Besuch bei der Arbeit

Bildstrecke

20 Das Zuhause der Zukunft (online lesen)

WissenschaftlerInnen entwickeln in Bremen eine intelligente Wohnung, die kranken Menschen das Leben erleichtern soll. Doch die Technik holt sie ein

24 Hier guckt dir keiner was weg

Unser Illustrator Söntke Campen in Nacktion am FKK-Strand des Unisees

30 Etwas Süßes bricht das Eis

Wie ein ehrenamtliches Öffentlichkeitsteam über das Konzept der Zeitschrift der Straße informiert

Beitragsbild: dirk@bremen/flickr.com

Das Zuhause der Zukunft

#71 HOCHSCHULRING – WissenschaftlerInnen in Bremen entwickeln eine intelligente Wohnung. Sie soll alten oder kranken Menschen das Leben erleichtern. Doch die Technik holt die Forscher ein

Es ist die Pforte zu einer anderen Welt. Vom Flur aus reiht sich Büro an Büro. Aber geht man durch diese eine Tür, steht man auf einmal in einer hellen, gemütlichen Wohnung. Ein Kinderfoto an einer viel zu großen Pinnwand, ein paar Landschaftsbilder. Ein hübscher Wandteppich. Unverderbliche Nudeln und Müsli dekorieren die Küche. Das Bücherregal ist voll mit solchen Büchern, die man nur braucht, um Regale zu füllen. Gesetzbücher, wuchtige Lexika, ein Kochbuch. In dieser Wohnung lebt niemand. Doch das ist gar nicht das Besondere an ihr.

Diese Wohnung ist eigentlich ein Labor, genauer: das Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL). Hier werden Technologien getestet, die Menschen helfen sollen, ihren Alltag zu bewältigen – besonders wenn sie krank oder durch das Alter eingeschränkt sind. Wenn funktioniert, was hier entwickelt wird, betreten wir vielleicht gerade das Zuhause der Zukunft.

Auf dem Nachttisch liegen Plättchen, die auf den ersten Blick wie Visitenkarten aussehen. Darauf sind gut erkennbar die Logos der bekanntesten deutschen Fernsehsender abgebildet. „Fernbedienungen
sind mit ihren kleinen Tasten gerade für ältere Menschen oft schwierig zu bedienen“, sagt Forschungsleiter Serge Autexier. Er schiebt die ARD-Karte auf die linke Ecke des Nachttisches. Der große Bildschirm gegenüber vom Bett erwacht zum Leben. Es läuft ARD.

Was lustig wirken mag, könnte für einige Menschen einen echten Unterschied machen, glaubt Roland Arndt. Er leitet das Haus O’land, ein Wohnheim für Menschen mit Demenz.

„Es kostet die Pflegekräfte Zeit, wenn ein Anwohner eine bestimmte Sendung sehen will und erst mal jemand kommen muss, um die herauszusuchen und einzuschalten“, sagt er. „Wenn eine Anwendung so einfach wäre, dass die Anwohner das allein schaffen, dann wäre das schon eine Entlastung. Und das Pflegepersonal hätte mehr Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern.“

Plötzlich bewegt sich das Waschbecken. Im Spiegel ist eine Kamera eingebettet, die Gesichter erkennt und das Waschbecken auf die Größe der NutzerIn anpasst. Toilette und Küchenschränke sind ebenfalls beweglich. „Für so was gibt es durchaus Bedarf“, sagt Lisa Schumski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Public Health
und Pflegeforschung an der Uni Bremen: „Besonders in Pflegeheimen, in denen viele verschiedene Menschen in kurzen Abständen die Einrichtung
nutzen.“

Eine Lampe geht an, eine Tür zu, das Bett verstellt sich. All das bewirkt Serge Autexier mit einem kleinen Tablet. Darauf ist eine simple Darstellung der Wohnung mit verschiedenen Schaltflächen zu sehen. Das ist natürlich noch nicht alles. „Guten Tag, BAALL.“ Beim zweiten Versuch funktioniert es. „Mach die Schlafzimmertür zu.“ Eine Schiebetür, die vorher kaum sichtbar war, schält sich geräuschlos aus der Wand: Autexier hat eine Sprachsteuerung für die Wohnung aktiviert. Irgendwann soll diese auch durch Gesten gesteuert werden können. Mit dem Finger auf eine Lampe zu zeigen, könnte sie dann einschalten.

Dann führt Autexier den Kleiderschrank vor. Auf einem Bildschirm erscheint ein Outfit – ein Ankleidungsvorschlag des Schrankes. In der Kleidung sind Computerchips verarbeitet. Der Kleiderschrank kann Hemden und Hosen dadurch zuordnen, außerdem weiß er über den Wetterbericht und den Terminplan der BewohnerInnen Bescheid – und kann so entsprechende Empfehlungen machen. Lisa Schumski hält das für „eine kleine IT-Spielerei“. Sie sagt: „Für die Pflege ist das eher nicht geeignet.“

Roland Arndt dagegen schließt einen Nutzen nicht ganz aus. „Ist ein Mensch erst einmal in einer betreuten Einrichtung, stelle ich mir die Praxis schwierig vor“, sagt er „Aber in der Anfangsphase einer Demenz könnte das zu Hause schon helfen.“ Am Anfang der Krankheit wollten demente Menschen häufig nicht zugeben, dass sie Schwierigkeiten hätten, so Arndt. „Der Kleiderschrank könnte ihnen vielleicht ersparen, nachmittags im Schlafanzug erwischt zu werden.“

Voraussetzung wäre natürlich, dass sie mit dem Schrank auch umgehen können. Die Systeme im BAALL sind für die einfache Nutzung entwickelt, aber es ist trotzdem schwer, Menschen mit Demenz an neue Technik zu gewöhnen. Autexier hofft, dass man früher ansetzen kann.

„Es geht nicht nur darum, Beeinträchtigungen zu kompensieren, sondern auch darum, zu schauen, wie kann man in Richtung Prävention arbeiten und verhindern, dass überhaupt Beeinträchtigungen entstehen.“ Wenn man also bereits als gesunde Person den Kleiderschrank nutze, sei es leichter, ihn auch später noch zu verwenden, wenn man tatsächlich Schwierigkeiten damit habe, zu entscheiden, was man anziehen solle.

Der Rollstuhl kann eigenständig Hindernisse umfahren. Die Frage ist, ob Krankenkassen für solche Modelle auch die Kosten übernehmen würden.

Im Wohnzimmer thront ein wuchtiger Rollstuhl. Er manövriert mithilfe von Laserscannern um alle Hindernisse herum und fährt auf Sprachbefehl durch die Wohnung. An einem Türrahmen ist ein Kratzer, seit ein Besucher dachte, er könne ohne die Automatik besser fahren. Ganz autonom ist das Gefährt noch nicht. Zwar umfährt es selbst kleine Hindernisse zuverlässig, doch zwischen Rad- und Fußweg oder Ampelphasen kann es bisher nicht unterscheiden.

„Der Bedarf ist definitiv da“, meint Lisa Schumski. „Aber es gibt große Hürden in der Umsetzung. Damit die Krankenkasse so etwas übernimmt, muss man einen deutlichen Nachweis der Notwendigkeit erbringen.“ In anderen Worten: Es muss eine Beeinträchtigung vorliegen, die eine Teilnahme am allgemeinen Leben ohne genau diesen Rollstuhl verhindert.

Zwar gibt es Menschen, für die ein intelligenter Rollstuhl sinnvoll wäre – etwa weil sie plötzlich die Körperkontrolle oder das Bewusstsein verlieren. Doch das Gefährt für solche Zwecke auch noch mit einem Navigationssystem auszurüsten, könnte es durch die entsprechenden Kosten aus dem Leistungskatalog der Krankenversicherung herauskatapultieren.

Die Geldfrage präsentiert sich natürlich nicht nur für den Rollstuhl. Wie teuer wird die bewegliche Toilette sein? Oder der intelligente Kleiderschrank? Erfindungen sind in der Entwicklung erst einmal teuer, meint Autexier. Ob die Projekte am Ende bezahlbar sind, sei letztlich eine Frage der Herstellungskosten.

Das BAALL gibt es nun seit zehn Jahren. Mehrere Projekte sind fortgeschritten, doch keines ist bisher auf dem Markt. Seit seiner Geburt hat die Technik das BAALL eingeholt. Sprachassistenten etwa gibt es inzwischen in vielen Wohnzimmern. Sie heißen Siri oder Alexa und können mit entsprechender Zusatztechnik nicht nur die Wohnung steuern, sondern auch Musik abspielen oder das Radio starten. Autexier hält von diesen virtuellen Assistenten allerdings wenig „Wenn ich aus der Forschung heraus Lösungen entwickeln will, die ethisch, rechtlich und sozial sauber
sind, für besonders schutzbedürftige Zielgruppen, dann kann ich denen nicht einfach Alexa hinstellen“, sagt er. „Dann habe ich das Thema Datenschutz ignoriert.“

Solche nach außen verbundenen Systeme könnten prinzipiell immer gehackt werden. Darüber hinaus werden ihre Aufzeichnungen natürlich auch von den Herstellern ausgewertet. Und bald vielleicht auch von deutschen Geheimdiensten zur Aufklärung von Kriminalfällen, sollte ein aktueller Gesetzesentwurf durchkommen.

„Die Anbieter von Systemen wie Alexa haben auch gar nicht den Auftrag, ein rechtlich und ethisch sozialverträgliches System zu entwickeln. Die müssen nur ein Produkt an den Markt bringen, das die Leute kaufen und verwenden“, sagt Autexier. Wenn es um Menschen mit besonderem Schutzbedürfnis gehe, seien die Anforderungen zu Recht besonders hoch – auch wenn im Alltag die meisten Leute freiwillig auf ihre Privatsphäre verzichteten, etwa wenn sie in sozialen Netzwerken aktiv seien.

Während Produkte wie Alexa immer populärer werden, gehen die Fortschritte im Bereich Assisted Living schleppender voran. Der selbst manövrierende elektrische Rollstuhl etwa muss erst einmal die bürokratischen Hürden des deutschen Gesundheitssystems umfahren. Doch langsam, aber sicher ist das sogenannte „Smart Home“ auf dem Vormarsch. Entsprechende Anwendungen werden auch in der Pflege kommen. Vielleicht ja solche, die im BAALL entwickelt werden.

Text: Norbert Schmacke
Fotos: Paul Petsche

#70 STADTWERDER

EDITORIAL: Und ringsum ist Wasser

Diesmal nehmen wir Sie mit in die grüne Lunge der Innenstadt. Der Stadtwerder ist mit seinem Kleingartengebiet, dem Café Sand und seinen Sportanlagen aus dem Freizeitleben der BremerInnen nicht wegzudenken. Etwa 2.000 Parzellen gibt es auf der Halbinsel in der Weser – Rückzugsgebiet und duftendes Blumenparadies für die einen. Andere nutzen ihren Garten zur Selbstversorgung (Seite 15). So machte das einst auch der Großvater von Brunhilde Lachmann. 96 Jahre lang besaß ihre Familie eine Parzelle auf dem Stadtwerder. Hier wurde gefeiert, geplanscht, geerntet. Doch nun ist Schluss (Seite 12).

Deutlich stiller als im Parzellengebiet geht es im weithin sichtbaren Wahrzeichen des Stadtwerders zu: Die „Umgedrehte Kommode“ steht seit Jahren leer. Warum, klären wir auf Seite 8.

Als Halbinsel ist der Stadtwerder steter Gefahr ausgesetzt: Ein Großteil liegt in einem Überschwemmungsgebiet. Angesichts des Klimawandels stellt sich da die Frage: Wie verändert sich die Risikolage? Wir klären das in einem Interview mit dem Bremischen Deichverband am linken Weserufer (Seite 20). Eine Überschwemmung war übrigens die Geburtsstunde des heutigen Naturschutzgebietes Neue Weser am östlichen Ende des Stadtwerders. Wo früher Parzellen lagen, staksen heute Vögel über die Wiesen. Oft werden sie dabei von Tierfreunden beobachtet – etwa von Thomas Kuppel. Was ihn seit fast 40 Jahren jeden Tag dorthin treibt, erfahren Sie auf Seite 24.

Auf ein besonders Jubiläum weisen wir Sie mit unserem Schlussstück hin (Seite 28): Bei der Stadtführung „Perspektivwechsel“ berichtet ein Obdachloser vom Leben auf der Straße. Und das nun bereits zum 100. Mal. Zudem hat das Projekt der Uni der Straße eine Auszeichnung erhalten. Wir gratulieren!

Viel Spaß beim Lesen wünschen Tanja Krämer, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

.

Aus dem Inhalt:

08 Chronik eines Niedergangs

Die „Umgedrehte Kommode“ ist ein Wahrzeichen der Stadt und steht doch seit Langem leer. Die Eigentümer hüllen sich in Schweigen

12 Mit dem Puppenwagen auf die Fähre

Brunhilde Lachmann ist Besitzerin einer Parzelle, die schon seit 96 Jahren ihrer Familie gehört. Nun gibt sie den Garten ab

15 Grüne Heimat

Bildstrecke

20 „Hochwasser werden sich verschärfen“

Ein Gespräch mit Michael Dierks vom Bremischen Deichverband über Sturmfluten, den Klimawandel und den Schutz von Luxuswohnungen

24 Von Vögeln und Menschen

Seit fast 40 Jahren beobachtet Thomas Kuppel im Naturschutzgebiet Neue Weser seltene Vogelarten

28 Die Begegnung mit der eigenen Angst (online lesen)

Bei der Stadtführung „Perspektivwechsel“ erzählt ein ehemaliger Obdachloser vom Leben auf der Straße. Im Juli bereits zum 100. Mal

.

Beitragsbild: Ginkgo-Biloba/flickr.com

Die Begegnung mit der eigenen Angst

#70 STADTWERDER – Bei der Stadtführung „Perspektivwechsel“ erzählt ein ehemaliger Obdachloser vom Leben auf der Straße. Im Juli bereits zum 100. Mal

Mit sechs, erzählt Stefan Gehring, hatte er das erste Mal eine Alkoholvergiftung. „Meine Eltern haben mir den Alkoholkonsum vorgelebt“, erzählt er in ruhigem Tonfall seinen ZuhörerInnen. 19 junge Erwachsene aus Ritterhude stehen um ihn herum, sie alle kommen aus gesicherten bürgerlichen Existenzen, machen jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr. Und gucken nun etwas ungläubig. „Echt?“, fragt schließlich eine von ihnen. „Ja“, sagt Stefan Gehring dann, und dass er mit 13 schon im Heim war, dann Ecstasy, LSD und Marihuana konsumierte. Um ihn herum lärmt der Bahnhofsplatz, im Hintergrund riecht es leicht nach Urin. Wir stehen in der Pinkelecke der Armut.

Seit Mai 2017 gibt es die soziale Stadtführung „Perspektivwechsel“ bei der Zeitschrift der Straße, im Juli findet sie zum 100. Mal statt. Sie erklärt, wie das Überleben auf der Straße funktioniert und wo man Hilfe finden kann. Sie führt an die Orte jener Menschen, die in Bremen auf der Straße leben, drogenabhängig sind, ihr Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Stefan Gehring ist einer der TourbegleiterInnen, freimütig erzählt er vom Leben in der Obdachlosigkeit, im Knast und von seiner Drogenabhängigkeit. „Ihr dürft mich alles fragen“, sagt er, „keine Frage ist zu persönlich.“ Und es ist genauso gemeint. Heute wird er substituiert, arbeitet als Bildhauer und hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.

Wo kann man aufs Klo gehen, wenn man auf der Straße lebt, wo sich waschen, wie Post bekommen? Wie viel Geld verdient man als Flaschensammler oder auf dem Arbeiterstrich, was kostet das Leben auf der Straße, als Drogenabhängiger? Was ist einem das Wichtigste, wenn man in einer Notunterkunft lebt? Was ist der Unterschied zwischen „Stadtratten“ und „Berbern“ und ist es vielleicht besser, im Gefängnis zu sitzen als auf der Straße? All diese und noch viel mehr Fragen klärt die soziale Stadtführung. In anderen Städten gab es solche Touren schon früher: in Hamburg, Hannover und Nürnberg etwa, in Berlin oder Stuttgart.

Tourguide Stefan Gehring berichtet von seinem früheren Leben auf der Straße

Etwa 2.500 Menschen haben bisher in Bremen an einem solchen Rundgang teilgenommen, 60 Prozent der TeilnehmerInnen absolvierten ein Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst, 20 Prozent kamen aus Bremer Schulen, vor allem aus 8. und 9. Klassen. Unter den übrigen waren Nachbarschaften genauso wie AnwärterInnen im öffentlichen Dienst, selbst angehende PolizistInnen und JustizvollzugsbeamtInnen waren schon mal da – Menschen also, zu denen man ein gespaltenes Verhältnis hat, wenn man, wie Stefan Gehring, selbst schon zwei Jahre im Knast saß. Nur Anfragen von Einzelnen seien „schwer zu organisieren“, sagt Reinhard „Cäsar“ Spöring, der sich bei der Zeitschrift der Straße seit Anbeginn ehrenamtlich um den „Perspektivwechsel“ kümmert und die Touren begleitet. Vier bis sechs von ihnen finden jeden Monat statt, pro Gruppe kosten sie 60 Euro.

Mittlerweile gibt es ein zweites Team, bestehend aus Marie Adenrele und Karin Neumann, die zusammen mit Stefan Gehring die etwa zweistündigen Rundgänge führen. Vom Elefanten hinter dem Hauptbahnhof geht es zur Bahnhofsmission, zur Fachstelle Wohnen, zur Drogenberatungsstelle und zur Straffälligenbetreuung. Es geht vorbei an der Notunterkunft für Männer und der Discomeile – wo es viel um Gewalt gegen Obdachlose geht, aber auch um ihre Verdrängung – bis hin zum Café Papagei, dem Tagestreff, wo man für 2,50 Euro Mittagessen kann. Um sich das leisten zu können, muss man zwei Ausgaben der Zeitschrift der Straße verkaufen.

Menschen, die selbst schon mal auf der Straße gelebt haben, seien aber schwer zu motivieren, als TourbegleiterInnen mitzumachen, sagt Cäsar. Dabei erwarten die Leute natürlich genau das: einen Obdachlosen zum Anfassen. Für den bringt diese Arbeit zwar viel positives Feedback, aber sie bedeutet auch viel Verbindlichkeit, eine feste Struktur und ein stetes Outing. „Außerdem ist man auch emotional immer dabei“, sagt Cäsar. Doch in der Szene seien die „Perspektivwechsel“-Rundgänge gut angenommen worden – „wir achten da aber auch unheimlich drauf.“ Auch deshalb führt die Tour zwar an vielen Hilfsinstitutionen vorbei, aber nicht in sie hinein. Es geht zwar um Sichtbarkeit – aber genauso um Wertschätzung und Respekt. Voyeurismus wird hier nicht bedient.

Und wie kommt die Tour bei den TeilnehmerInnen an? „Ich habe viele Dinge dazugelernt und weiß jetzt auch, wie ich mich verhalten soll“, schrieb einer, dass sie nun „weniger Berührungsängste“ habe, eine andere. „Ich bin auf Dinge aufmerksam geworden, über die ich vorher noch nicht nachgedacht habe“, sagte einer, oder dass es „super“ gewesen sei, dass Stefan dabei war. Ob es nun zu einer Veränderung komme? „Auf leisen Sohlen, vielleicht …“, antwortete einer. Es gab aber auch schon Schulen, die nach so einer Führung Klamotten gesammelt haben, ihr Lehrer kam dann mit einem vollgepackten Auto vorgefahren.

Soeben wurden die Perspektivwechsel-Touren von der Sparkassen-Initiative „Gemeinsam gut“ ausgezeichnet und mit 1.250 Euro gefördert. Mit der Stadtteilinitiative wird seit 2014 herausragendes Engagement in den Stadtteilen unterstützt, rund 500 Projekte wurden bisher gefördert. Die Initiativen werden mit insgesamt 18.250 Euro pro Stadtteil bedacht, ein Projekt kann bis zu 2.500 Euro erhalten. Mit dem Geld werden nun neue Headsets und Mikrofone beschafft, mit Taschenempfängern und Kopfhörern für die TeilnehmerInnen. Denn das Leben auf der Straße, rund um den Bahnhof, ist auch sehr laut.

Wie viele Obdachlose schaffen es eigentlich zurück in ein geregeltes Leben, mit einer Wohnung und alledem? Auch das ist eine Frage, die bei jedem Besuch aufkommt. Der frühere Leiter der Bremer Bahnhofsmission, die heute 55.000 Kontakte im Jahr zählen, erinnert sich an etwa zwei Handvoll
– in 20 Jahren. Immerhin: Stefan Gehring könnte einer von ihnen sein. Dass er heute einen Ein-Euro- Job hat, „ist eigentlich eher ein kleiner Schritt“, sagt er, „aber es ist ein großer Schritt zurück in die Selbstständigkeit.“

Text und Fotos: Jan Zier

Suppe auf Rädern

#69 SÖGESTRASSE – Die Suppenengel sind in Bremen eine Institution. Weil aber der Bedarf steigt, wird die Küche langsam zu klein. Der Frust auf der Straße wächst

Geld klirrt in der Spendendose. Zwei Menschen lächeln sich an. „Danke schön und einen schönen Tach noch!“, sagt Gerd Fechtner zu einer jungen Frau, die gerade Geld in die Spendendose geworfen hat. Er sammelt auf der Sögestraße für den Bremer Suppenengel e.V. Der gemeinnützige Verein versorgt obdachlose Menschen in Bremen mit warmen Mahlzeiten. Jeden Wochentag bereiten im Durchschnitt zwölf der insgesamt 44 Ehrenamtlichen in der Küche des St.-Jakobi-Gemeindehauses in der Neustadt das Essen vor. Auf vier Spezial-Lastfahrrädern wird es in die Innenstadt gefahren. Ein Fahrrad mit Heizvorrichtung transportiert 90 Liter warme Suppe. Ein weiteres mit Kühlung die Obst- und Gemüsesalate. Auf die anderen beiden werden der Kaffee, die belegten Brote und der Nachttisch verteilt.

Alle vier Räder fahren nacheinander zu den zwei Essensausgabeplätzen in der Bremer Innenstadt – dem Hauptbahnhof und dem Wilhelm-Kaisen- Denkmal im Kastanienwäldchen am Wall, nahe der Sögestraße. In den Wintermonaten gibt es die Mahlzeiten in der Senatskantine des Lloydhofs. Dort können sich dann sowohl die Suppenengel als auch ihre KundInnen aufwärmen. „Durch den Verkauf des Lloydhofs suchen wir nun aber nach einem neuen Winterquartier für die kalten Monate“, sagt Peter Valtink, der Geschäftsführer des Vereins.

Angefangen hat alles vor 21 Jahren. 1997 fuhr Zia Gabriele Hüttinger mit dem Fahrrad in die Stadt. Im Fernsehen hatte sie gesehen, dass Obdachlose erfroren waren, weil sie in Deutschland nicht mehr in die Bahnhöfe gelassen wurden, um sich aufzuwärmen. Sie sprach einen Wohnungslosen an – und fragte, was sie für ihn tun könne. Er antwortete: „Eine Suppe wäre ganz gut.“ Hüttinger ging nach Hause, kochte Suppe und verteilte sie auf der Straße. Später gründete sie den Verein Suppenengel e.V. 2013 wurde sie für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Neben der Essensspende organisiert der Verein inzwischen auch eine Kleiderkammer und medizinische Nothilfen. Bei der Suche nach Wohnungen unterstützen die MitarbeiterInnen ebenfalls. „Wir versuchen auch etwas gegen die soziale Kälte zu tun“, sagt Peter Valtink. Deshalb organisiert der Verein inzwischen auch Sommerfeste oder den Neujahrsempfang für Obdachlose“.

Diese erzählen, dass es bisweilen zu Rangeleien bei der Essensausgabe komme. Schnell fallen Vorwürfe und unüberprüfbare Schuldzuweisungen. Es herrsche ein Konkurrenzkampf unter den Bedürftigen, erklärt Valtink. Neben die obdachlosen Menschen, die schon früher zum Essen gekommen seien, reihten sich nun auch mittellose RentnerInnen und OsteuropäerInnen ein, die hier in Bremen gestrandet seien. Aktuell kämen etwa 250 Menschen zu den Mahlzeiten. Die Küche der Bremer Suppenengel werde deshalb langsam zu klein. „Wir kochen mit nur einer Kochplatte“, sagt Valtink. Der Verein suche deswegen nach einer eigenen Immobilie mit größerer Küche.

„Lass mich in Deinen
Suppentopf gucken und
ich sage Dir, wer Du bist!“

(Sprichwort aus Russland)

Die Spendendose in der Hand von Gerd Fechtner rasselt wieder. Bereits seit 13 Jahren engagiert er sich bei den Bremer Suppenengeln. Er kann sich gut hineinfühlen in die Bedürfnisse der Menschen, die bei ihnen zum Essen kommen. Er war selbst einmal obdachlos. „Durch den Kontakt mit den Suppenengeln konnte ich in meinem Leben viel verändern“, erzählt er. „Das, was ich bekommen habe, möchte ich nun zurückgeben!“ Angefangen habe er mit dem Schmieren der Brote. Dann gab er Essen aus. Nun ist er hauptamtlicher Spendensammler. Als eine Frau an die Spendendose tritt, sagt sie: „Es ist einfach ein gutes Werk, das die Menschen in diesem Verein umsetzen.“

Bei den Bremer Suppenengeln mangelt es nicht an HelferInnen: RentnerInnen, Menschen, die arbeitslos sind oder Sozialhilfe beziehen, aber auch Berufstätige. Seit 2014 kann man zudem seinen Bundesfreiwilligendienst im Verein verrichten. Fechtner erzählt, dass auch viele Unternehmen Essen spenden: „Jetzt gibt’s sogar Torten!“ An sechs Wochentagen holen die HelferInnen bei den Unternehmen Spenden ab und sortieren sie für die Küche vor.

Jeden Samstag wird auf der Sögestraße für besondere Anlässe gesammelt. Heute für die Schokoladentütchen, die jedes Jahr an Ostern verteilt werden. Begeistert erzählt Fechtner, wie er vor einiger Zeit selbst einmal beschenkt wurde: Obdachlose hatten ihm zur Weihnachtszeit kleine Aufmerksamkeiten mitgebracht. „Das war mein schönstes Erlebnis hier bislang“, sagt Fechtner, „Die Leute nehmen nicht nur, sondern geben auch.“

Text: Samira Ghozzi
Foto: Norbert Schmacke

„Man ist eher Fremdkörper“

ONLINE-ARTIKEL ZUR #69 SÖGESTRASSE – Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrugen sich für ihn nicht.

Warum sind Sie in die Sögestraße gezogen?

Als meine Lebenspartnerin und ich damals gesucht haben in Bremen, war es nicht so einfach, überhaupt etwas zu finden, das bezahlbar und auch akzeptabel von der Lage war. Die Sögestraße fanden wir erstmal sehr verrückt. Wir dachten dann aber: „Okay, cool, ist halt mitten im Zentrum.“ Wir haben uns da einfach drauf beworben und hatten Glück. Was die Kaltmiete anging, war es relativ bezahlbar.

Wie war es, in einer Einkaufszone zu wohnen?

Weil es der dritte Stock war, war der normale Trubel nicht so zu hören. Aber wir hatten die Musiker direkt unter dem Fenster. Wenn man so durch die Stadt schlendert, ist das schön. Aber wenn man irgendwann die Lieder – und es sind nicht so viele, die die drauf haben – zum 50. Mal hört, ist das eher störend. Nachts war es sehr ruhig. Hier ist eigentlich nichts los, was auch schade ist. Bis auf die pöbelnden Party-Leute, die aus den Clubs kamen. Die haben wenig Rücksicht genommen, weil es eben auch so wirkt, als würden hier keine Menschen wohnen.  Hier sind wenige Wohnungen, dafür super viele Büros über den ganzen Geschäften. Das war durchgängiges Gefühl: Man ist eher Fremdkörper hier.

Und an den Wochenenden?

Sehr ausgestorben. Wobei Sonntags dann auch eben viele Touristen unterwegs sind. Was ja auch total schön ist an sich. Aber es kein schönes Gefühl nach Hause zu kommen, sich erstmal durch die Menge schlagen, um dann an der Haustür irgendwelche Leute zu bitten, zur Seite zu gehen. Das war irgendwann nervig und anstrengend.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Konsum durch das Wohnen in der Sögestraße geändert?

Ich bin ein totaler Konsum-Kritiker. Für mich war es eine Bestärkung, noch weniger und noch bewusster zu konsumieren. Es hat mich noch mehr abgeschreckt.

Warum sind Sie wieder weggezogen?

Letztendlich, weil es viel zu wenig Grün gab.  Hier ist keine Möglichkeit, in irgendeinen Hintergarten zu gucken. Wir haben hinten auf die die Klimaanlagen geguckt und auf Dächer. Es ist einfach nur eine Betonwüste. Keine Natur. Irgendwann hat man das Gefühl, man ist hier so alleine.  Nach vier oder fünf Monaten haben wir gemerkt: Das ist es nicht. Und haben dann angefangen zu suchen. Letztendlich haben wir nur ein Jahr dort gewohnt.

Würdest Sie noch mal ähnlich wohnen wollen?

Auf gar keinen Fall. Die Sögestraße und die Obernstraße sind voll mit Büros und mit Einkaufsläden, aber für Anwohner ist es im Grunde überhaupt nicht annehmbar. Übrigens, die Stadt riecht gerne mal nach Kanalisation. Das hat auch damit zu tun, wer hier wie lebt. Wenn man wenig Anwohner hat, wird wenig gespült. Und Kanalisationen müssen durchgespült werden. Wenn man irgendwann dann Kanalisation in der Wohnung riecht, das ist nicht geil. Da will man nicht wohnen.

Gehen Sie heute noch gerne in die Sögestraße?

Nein. Vielleicht hat sich das sogar verstärkt, vielleicht hat sich die Bereitschaft in der Innenstadt zu sein, noch mehr abgeschwächt. Ich hab weniger Lust auf den Trubel in der Innenstadt und die Massen, die konsumieren. Oder aber eben zur Arbeit gehen in die Büros.

In der Sögstraße leben auch einige Wohnungs- und Obdachlose. Gab es Kontakt?

Man kennt sich irgendwann und es war eher ein normales Grüßen. Es ist dann vielleicht die einzige Konstante, die irgendwann bleibt. Wie Nachbarn, die man kennen lernt. Aber wir hatten dann nicht viel Kontakt. Ich weiß auch nicht, wie sie uns überhaupt wahrgenommen haben als Anwohner. Vielleicht hätte das noch ein paar Jahre gebraucht. Die Vormieter haben erzählt, dass sie sowohl mit den Obdachlosen als auch mit den Security-Leuten viel Kontakt hatten.

Text: Lisa Böcking
Foto: Norbert Schmacke

#69 SÖGESTRASSE

EDITORIAL: Jenseits der Spiegel

Selten war mehr Gegensatz in einem unserer Hefte als in diesem. Passend zur Straße, in der unsere Geschichten spielen: Auch sie ist ein Ort der Widersprüche. Wer in die Sögestraße kommt, der will flanieren. Ein wenig durch die Geschäfte streifen, ein wenig den Glanz und Glitzer in den Schaufenstern bewundern. Und wankt am Ende seines Bummels meist erschöpft, mit Einkaufstaschen beladen, dafür aber um einige Euro leichter, gen Heimat. Wendet man seinen Blick jedoch einmal ab von den Schaufenstern, kann man die Kehrseite all dieses Konsums sehen. Jene, die nicht dazu gehören, weil sie kein Geld haben für die Waren, die neben ihnen feilgeboten werden. Oder die sich bewusst für einen anderen Weg als den des Konsums entschieden haben. Die Bettler, die Obdachlosen etwa. Oder die StraßenkünstlerInnen, die sich in festgelegter Folge von Ort zu Ort bewegen, ihre Instrumente oder Utensilien weitertragen, um einige Meter weiter wieder von vorn zu beginnen.

Wir haben sie begleitet, ihre Geschichten erfragt. Etwa die von Michael, den 1989 die Wende packte, ihn ein paar Mal schüttelte und mit nichts zurückließ. Und der heute, wenn seine Gesundheit es zulässt, die Zeitschrift der Straße verkauft (Seite 26). Oder die von Straßenmaler Werner Kunze, der eigentlich anders heißt, aber das wäre noch mal eine ganz andere Geschichte (Seite 8). Wir sprachen mit Menschen, die in der Sögestraße regelmäßig Spenden sammeln (Seite 24), einem Bettler, der auf ihre Gaben nicht angewiesen sein will (Seite 12) – und einem Aussteiger, der mit seinen Händen für kurze Zeit vergessen macht, dass es so etwas wie Schwerkraft auf dieser Erde gibt (Seite 20). Auf unserer Internetseite finden Sie zudem noch ein Interview mit jemandem, der kurzzeitig die Sögestraße zu seinem Zuhause machte – und schildert, warum er dort nicht richtig heimisch wurde.

Viel Spaß beim Lesen wünschen Tanja Krämer, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße.

.

Aus dem Inhalt:

08 „Das ist ein Glücksspiel“

Werner Kunze malt seit 18 Jahren fast jeden Samstag in der Sögestraße. Mit Kitsch kämpft er gegen die Altersarmut

10 Die Euromünze

Eine Kurzgeschichte

12 „Die Leute hier sind mir egal“

Michael Oyher lebt seit zweieinhalb Jahren auf der Straße – und in der Fußgängerzone. Ein Gespräch über Drogen, die Ostsee und Menschen, die auf einen herabschauen

14 Bildstrecke

20 Eins werden mit der Kugel

Chris Ipanaque jongliert als Straßenkünstler in der Fußgängerzone. Er möchte, dass die Menschen für einen Moment ihren Alltag vergesse

24 Suppe auf Rädern (online lesen)

Die Suppenengel sind in Bremen eine Institution. Weil aber der Bedarf steigt, wird die Küche langsam zu klein. Der Frust auf der Straße wächst

26 „Dann kam die Wende“

Ein Porträt unseres Verkäufers Michael Bleibel

Demnächst online: „Man ist eher Fremdkörper“

Till Rümenapp hat ein Jahr in der Sögestraße gewohnt. Doch Konsum, Arbeiten und Wohnen vertrug sich für ihn nicht.

.

Hintergrundfoto: Seppo Uusitupa/flickr.com


#68 MÜNCHENER STRASSE

EDITORIAL: Rückkehr und Hoffnung

Ob die Veränderung im Heft schon zu merken ist? Puh, schwer zu sagen, das müssen Sie wohl selbst entscheiden. Jedenfalls ist in unserer kleinen Redaktion eine neue gestaltende Kraft am Werke: unsere wieder zu uns zurückgekehrte Chefredakteurin Tanja Krämer. Sie übernimmt den Part von Philipp Jarke, den Beruf und Familie nun woanders hinführen.

Zusammen sind wir nach Findorff aufgebrochen, wo wir, zugegeben, schon länger nicht für eine Ausgabe zu Gast waren. Hier haben wir manches über Konsum gelernt, etwa da, wo es gar nicht ums Kaufen geht: im fairen Tauschladen (Seite 12). Oder beim Versuch, zwei kaputte Staubsauger in der Leuchtturmfabrik zu reparieren (Seite 22). Mit dem Schneider Ercin Abdülkadir, den Sie jetzt schon vom Titelbild kennen (Seite 8), sprachen wir nicht nur über Konsum und seine KundInnen, sondern auch über die Heimat. Denn Heimat ist ein schwieriger Begriff, auch wenn man bereits 25 Jahre hier lebt. Unser Fotograf Dennis Green hingegen wohnte nur kurz in dieser Straße – und kommt trotzdem immer gerne wieder. Auf seinem Rundgang (Seite 14) geht er diesem Gefühl nach.

Ansonsten bewegen wir uns dieses Mal in einem großen Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft: Da ist das KZ Mißler, das unweit der Münchener Straße stand – der Nachwelt zeugt davon nur noch ein dezentes Schild (Seite 24). Doch auch mit etwas praktischer Politik im Kleinen lässt sich Künftiges gestalten. Was man in einer einzigen Straße beispielsweise für den Klimaschutz tun kann, lesen Sie auf Seite 20.

Richtig positiv wird es auch am Schluss unseres Heftes. Wir berichten von einem unserer Verkäufer, Stefan Gehring, den Sie vielleicht schon aus einem früheren Heft kennen (Seite 28). Von solchen Entwicklungen möchten wir gerne viel öfter erzählen!

Viel Spaß beim Lesen wünschen Jan Zier, Tanja Krämer
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

.

Aus dem Inhalt:

08 Das geschneiderte Schicksal

Seit 25 Jahren schnurrt seine Nähmaschine in Findorff: Wir sprachen mit Ercin Abdülkadir über Politik, Heimat und seinen Beruf

12 Tauschen statt kaufen

Salatschüssel gegen Musikstunde: Klima-Aktive testen eine andere Art des Konsums

14 Auf der Suche nach der gewonnenen Zeit

Dennis Green wohnte nur kurz in der Münchener Straße. Aber sie hat ihn geprägt

20 Vergissmeinnicht am Straßenrand

Blumen pflanzen für ein besseres Klima: Eine Initiative will im Kleinen das
Große verändern

22 Mein Kampf mit dem Staubsauger

Im Repair-Café kann man kaputten Dingen neues Leben einhauchen – auch mit zwei linken Händen

24 Als sie die Linken holten

Mitten in Findorff entstand 1933 Bremens erstes Konzentrationslager

28 „Ich bin innerlich ausgeglichener“ (online lesen)

Stefan Gehring hat es von der Straße zurück in den geregelten Alltag geschafft. Wie ist ihm das gelungen?

.

Hintergrundfoto: Florian K./flickr.com

„Ich bin innerlich ausgeglichener“

#68 MÜNCHENER STRASSE – Stefan Gehring hat es von der Straße zurück in einen geregelten Alltag geschafft. Wie ist ihm das gelungen?

Seit mehr als vier Jahren verkauft Stefan Gehring die Zeitschrift der Straße. Bei den Perspektivwechsel-Stadtführungen erzählt er als Tourbegleiter SchülerInnen und Studierenden vom Leben auf der Straße und zeigt ihnen Orte im Bahnhofsviertel, die für Wohnungslose wichtig sind. So auch im März dieses Jahres: Er ist mit einer Schulklasse einer Oberschule unterwegs. Stefan wirkt offen. Keine Frage ist ihm zu persönlich.

Die Tour führt an Orten vorbei, die Wohnungslosen als Toilette dienen. Stellen, an denen sie an Spritzenautomaten neue Spritzen bekommen. Obwohl die SchülerInnen teilweise abgeschreckt sind und entsprechende Kommentare fallen lassen, bleibt Stefan Gehring ruhig und gelassen. Er möchte das Leben der Wohnungslosen so realistisch wie möglich nahebringen. Auch Gewalt gegenüber der Wohnungslosen spricht er offen an. Auf Fragen über seine eigene Zeit als Wohnungsloser antwortet er in aller Ausführlichkeit. „Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Menschen, die wohnungslos sind, sich das nicht ausgesucht haben“, sagt er.

Stefan, vor etwa einem Jahr erschien schon einmal ein Artikel über Dich in der Zeitschrift der Straße. Zu dem Zeitpunkt warst Du wohnungslos und viel am Hauptbahnhof unterwegs. Was hat sich seitdem verändert?

Also momentan ist das so, dass ich als Ein Euro-Jobber arbeite. Durch einen alten Kollegen und Freund bin ich an eine Bildhauerwerkstatt gekommen. Ich arbeite in der Außenwerkstatt , die sie dort haben. Für mich ist das eigentlich eher ein kleiner Schritt – aber es ist ein großer Schritt wieder in die Selbstständigkeit zurück.

Was hat dir dabei geholfen?

Das fing eigentlich damit an, dass ich angefangen hab die Zeitung zu verkaufen. Dadurch hab ich gelernt, wieder regelmäßig etwas zu machen und mir kontinuierlich einen strukturierten Tagesablauf aufzubauen.

Wo wohnst du im Moment?

In Walle in einer WG. Das ist ein Reihenhaus, in dem vor allem Leute wohnen, die früher auch wohnungslos waren. Da bin ich auch durch einen Kumpel rangekommen. Jeder hat sein Zimmer. Küche und Bad teilen wir uns mit sechs Leuten. Gott sei Dank bin ich nicht mehr auf der Straße.

Wie findest du das Leben in einer WG?

Ich war ja schon zu Hause immer mit meiner Schwester zusammen. Später bin ich im Heim gewesen, mit mehreren Leuten gemeinsam zu wohnen finde ich sogar besser als allein zu leben. Du hast jemanden zum Reden, wenn dich was bedrückt. Oder man kann selber ein Ohr leihen, wenn man sieht, dass der Nachbar ein Problem hat.

Wie sieht so ein normaler Tag bei dir aus?

Also ich steh morgens auf und mach mir meine Pfeife fertig. Außerdem brauche ich einen Kaffee oder Tee. Danach fahre ich zu meinem Arzt und hole mir mein Substitut ab. Wenn eine Tour anliegt, so wie heute, fahre ich hierher und bleibe erstmal hier im Café Papagei. Oder ich fahre halt direkt zur Werkstatt und arbeite als Bildhauer.  Wir, der Verein “MAUERN öffnen”, machen auch verschiedene Ausstellungen. Von den Exponaten, die verkauft werden, können wir neue Materialen kaufen.

Das klingt nach einer sehr positiven Entwicklung!

Ja, das ist super. Ich bin innerlich ausgeglichener und ruhiger vor allen Dingen. Viele sagen auch, ich seh gesünder aus, was ich eher nicht sagen kann. Aber doch, es ist in allen Bereichen eigentlich nur vorwärts gegangen. Vorher war ich nur den ganzen Tag am Bahnhof und hab meine Zeitung verkauft. Ich habe auch viel getrunken. Ich trinke immer noch, aber definitiv weniger. Allerdings gibt es ein Nachteil: Ich hab weniger Geld zur Verfügung. Früher hab ich mehr Geld gemacht mit Zeitung verkaufen und so. Aber wie gesagt, innerlich bin ich ausgeglichener als vorher. Da ist das Geld dann auch nicht so wichtig, ehrlich gesagt.

Was macht dich glücklich?

Das Zeichnen und die Bildhauerei (lacht).

Was gibt dir das Zeichnen?

Zeichnen tu ich immer. Jeden Tag. Ich hab das eigentlich schon von vor Ewigkeiten von meiner Familie her mitgekriegt. Mein Vater und mein Onkel haben früher auf Holz und Glas graviert. Ich hab ADHS und ich muss eigentlich immer was in den Fingern haben, zum Spielen oder sonst was. Früher hab ich gezeichnet, einfach nur gezeichnet. Immer. In der Schule und sonst wo hab ich immer gezeichnet. Es hat mich immer beruhigt.

Hast du noch Kontakt zu den Leuten aus der Zeit, als du selber wohnungslos warst?

Ich bin noch mit den Leuten zusammen. Aber nicht mehr ganz so oft und exzessiv in der Szene unterwegs. Am Wochenende bin ich eigentlich kontinuierlich am Hauptbahnhof und verkauf noch meine Zeitung. Aber ehrlich gesagt, will ich das auch nicht mehr ganz so. Früher hab ich mit zwei Kumpels in einer abgebrannten Kneipe gehaust. Da war es so, dass man keine anderen Verpflichtungen hatte und lange schlafen konnte und ruhig mal ein Bierchen mehr getrunken hat. Irgendwann ging es mir aber selber gegen den Strich.  Du kommst nicht vorwärts. Im Gegenteil, selbstreflektierend siehst du, wie du weiter absackst. Um dem entgegen zu wirken, hab ich mir erstmal einen selbststrukturierten Tagesablauf geschaffen und nach und nach dann auch wieder mit dem Arbeiten angefangen.

Was macht dich wütend?

Die Ignoranz von vielen Leuten, wenn man sie anspricht. Ein höfliches „Nein, Danke“ ist mir lieber, als wenn Leute so tun, als wenn man gar nicht da wäre. Die Ignoranz für mich ist ganz schlimm.

Wovor hast du Angst?

Anfangs, also früher, hatte ich mal Verlustängste. Aber mittlerweile nicht mehr. Das hat mir die Straße genommen. Ich hab schon in meinem Leben so viel gehabt und so viel verloren. Auf der Straße war auch Gewalt ein Thema. Die Gewalt nimmt wirklich dermaßen zu, so dass wir uns zu Dritt zusammen getan haben. Also, viele wirst du wohl auf der Straße nicht mehr alleine sehen, wegen der Gewalt eben. Heute hab ich nur Angst davor, wieder alles zu verlieren, was ich jetzt in letzter Zeit so geschaffen hab. Durch meine eigene Blödheit wieder alles zu verlieren, sei es nun ein Rückfall oder irgendein Scheiß, der mich aus der Vergangenheit einholt oder sonst irgendwas. Das ist meine größte Angst.

Was wünschst du dir für jetzt oder auch für die Zukunft?

Ich wünsche mir wieder ein vernünftiges Liebesleben. Momentan habe ich nämlich keine Partnerin.

Hättest du auch gern Kinder?

Ja, natürlich. Zwei. Ein Mädchen und einen Jungen. Ganz typisch. Ich bin ja auch in einer Familie groß geworden.

Text:
Lisa Böckling
Foto:
Dennis Green

#67 JUGENDKNAST

EDITORIAL: Abschied und Reintegration

Ein wenig Wehmut und ein Neuanfang liegen über diesem Heft. Denn der geschätzte Kollege Philipp Jarke scheidet – schnüff! – aus der Chefredaktion aus. Dafür kommt – tatatata! – nun die ebenso geschätzte Tanja Krämer zurück, die diese wunderbare Aufgabe ja früher schon mal übernommen hatte.

Dies also ist das letzte Heft in der alten Besetzung und doch ist es ganz anders entstanden als die anderen. Es entspringt einer Kooperation mit zwei anderen Straßenzeitungen, dem „Jerusalëmmer“ aus Neumünster und dem „Asphalt“ aus Hannover. Deshalb lesen Sie hier auch lauter Interviews. Zusammen mit den Kollegen durften wir in den letzten Monaten mehrmals in den Jugendknast in Oslebshausen einfahren. Dort konnten wir uns lange mit zwei Insassen unterhalten, Asouad (Seite 8) und Steven (Seite 22), die uns ihre Geschichten erzählten und ihre Sicht auf das Gefängnis. Und auch sonst haben wir ein paar Bewohner in ihren Einzelzimmern besucht (Seite 12). Außerdem sprachen wir mit Karena Bruns (Seite 18), die als Justizvollzugsbeamtin genau dort arbeitet, wo sonst keiner hinwill und wo sie von ihren Klienten nicht immer freundlich empfangen wird. Sie ist diesmal die einzige Frau in dieser notgedrungen etwas männerlastigen Ausgabe.

Es gibt natürlich auch Leute, die der Idee anhängen, die Welt könnte ohne solche Gefängnisse für junge Menschen auskommen. Einer von ihnen ist der emeritierte Bremer Jura-Professor Johannes Feest (Seite 26), den wir in seiner Studierstube trafen, um genau darüber mir ihm zu debattieren.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 „Da war reine Leere“

Asouad, der wegen Brandstiftung einsitzt, spricht über seine Flucht aus Syrien und den Versuch, ein besserer Mensch zu werden

12 Zehn Quadratmeter Einsamkeit

Das Leben hinter Gittern ist vor allem eins: einsam. Wie fühlt es sich an, seine Zeit, mit wenigen Ausnahmen, allein in der Zelle zu verbringen?

18 „Ich habe ein dickes Fell“

Karena Bruns arbeitet seit Langem im Jugendvollzug. Ein Gespräch über Leidenschaft, Vertrauen, Erziehung und Erfolg

22 „Wir haben ihn etwas zurechtgestutzt“ (online lesen)

Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“

26 „Eine einzige Peinlichkeit“

Der Kriminologe Johannes Feest möchte Gefängnisse am liebsten abschaffen. Ein Gespräch über Erziehung durch Zwang, Strafmündigkeit und die Illusion der Resozialisierung

Hintergrundbild: Sascha Olitzka/flickr.com