Leseprobe

ZWISCHEN ZWEI WELTEN

#80 AM WINTERHAFEN – Er wohnt in der Überseestadt, verkauft die Zeitschrift der Straße aber im Ostertor-Viertel. Warum sich Sascha Reul mit „moderner Stadtentwicklung“ schwertut

Für die BewohnerInnen des Ostertor-Viertels ist er vermutlich eine Institution: Sascha Reul verkauft dort seit über acht Jahren die Zeitschrift der Straße. Jeden Morgen ist er vor der Sparkasse am Ostertorsteinweg. „Die Leute aus den umliegenden Geschäften und Cafés fragen sogar nach mir, wenn ich mal zwei bis drei Tage nicht da bin“, erzählt Reul. Im besonders guten Kontakt stehe er mit den MitarbeiterInnen der Sparkasse, von der Filiale habe er sogar eine schriftliche Genehmigung erhalten, dass er an dem Platz sitzen darf.

Reul erzählt, er habe viele StammkundInnen, die extra zu ihm kämen. Doch nicht immer laufe der Kontakt so gut: „Dann sitze ich hier und sehe die Menschen jeden Morgen in den Cafés ihre Kaffees trinken, aber wenn ich auf sie zukomme, behaupten sie, dass sie gar kein Geld hätten“, sagt er. „Und am nächsten Tag sehe ich sie wieder ihren Kaffee für drei Euro trinken.“

Häufig werde er einfach nur angeguckt. Mit seinem Rollstuhl und der Sauerstoffzufuhr, die er seit einer Lungenentzündung hat, fällt Sascha Reul zwar auf, unangenehm ist es ihm trotzdem. Er bleibt aber schlagfertig: „Hast du ein Problem oder willst du ein Foto haben?“, sagt er in solchen Momenten etwa.

Seit seiner Geburt vor 48 Jahren lebt er in Bremen. Mit Ende dreißig hatte er einen Schlaganfall, seitdem sitzt er größtenteils im Rollstuhl. Die erste Zeit danach sei besonders schlimm gewesen, berichtet er. Es habe eine ganze Weile gedauert, bis er wieder fit wurde. Die ersten vier Jahre nach dem Schlaganfall lebte er im „Haus am Dobben“, einem Pflegeheim im Bremer Viertel. „Woandershin als in ein Pflegeheim hätte ich nicht gekonnt“, sagt er. „Aber dann heißt es ja immer: ‚Nicht aufgeben!‘, und da bin ich auch nicht der Typ für.“ Als er fitter wurde, suchte er ein neues Zuhause. Und fand es gemeinsam mit einem Pfleger aus dem „Haus am Dobben“, der ebenfalls eine neue Unterkunft brauchte – am Winterhafen in der Überseestadt.

„Zieht da nicht hin“, sagt er. Für die Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss müssen sie 1.300 Euro zahlen. „Mit Blick auf das Wasser wäre die Wohnung gleich 400 oder 500 Euro teurer“, meint Sascha Reul. Die Miete muss das Amt bezahlen, so viel verdient er beim Verkauf der Zeitschrift der Straße nicht.

Nach Hause kommt er mit dem Bus, mit der 26. Regelmäßig gebe es bei der Fahrt Probleme. Die vielen Baustellen in der Überseestadt seien so verwirrend, dass sich selbst die BusfahrerInnen verfahren. „Ich habe zu dem Busfahrer gesagt: ‚Da musst du doch links abbiegen!‘, aber dann war es schon zu spät und wir mussten wenden“, sagt Sascha Reul und lacht.

Gebaut wird in der Überseestadt tatsächlich viel. Als eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas beschreibt sich der Stadtteil selbst gerne mit dem Slogan „Standort der Möglichkeiten“. Doch genau diese Möglichkeiten fehlen Sascha Reul. Bei gutem Wetter sei der Park neben seiner Wohnung zwar immer brechend voll mit Kindern und Jugendlichen, die Skaten und Basketball spielen, „aber das war es dann auch schon“. Ansonsten könne man höchstens noch bei Aldi einkaufen gehen.

Leben sei hier „Am Winterhafen“ keines – besonders wenn er es mit seinem Verkaufsplatz am Sielwall vergleicht. „Da ist immer Halligalli. Aber hier ist so wenig los, da kannst du auch gleich auf den Friedhof gehen und erlebst trotzdem mehr.“ Als er sich vor vier Jahren mit seinem früheren Pfleger eine Wohnung suchte, kam auch die Überlegung auf, im Viertel zu bleiben. Eigentlich würde Sascha Reul immer noch gerne dorthin ziehen. „Aber das kannst du vergessen, mit meinem Rollstuhl komme ich in keins der Häuser rein“, sagt er. „Wir haben damals einfach nichts anderes gefunden.“ Trotzdem hält er die Augen offen, vielleicht ergibt sich ja noch mal die Chance, in einen belebteren Stadtteil zu ziehen.

Und sonst? „Ich hatte mal einen Kiosk in Walle, das ist fast 30 Jahre her“, sagt er. Sein Laden war direkt am Waller Ring. Als das Walle-Center kam, habe sich der Standort nicht mehr gerechnet. Er hätte mit dem Kiosk zwar in das Walle-Center ziehen können, aber Reul winkt ab: „Die Miete war viel zu hoch. Und dann hätte ich noch Angestellte gebraucht. Das war nichts.“ Jetzt würde er es sich wieder zutrauen, einen Kiosk aufzumachen, gerne auch zu zweit. Nur behindertengerecht müsste er sein, damit er mit seinem Rollstuhl den Laden führen kann. „Aber das wäre doch was!“, sagt Reul und grinst verträumt.

Text: Gunnar Bantz
Fotos: Benjamin Eichler