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#62 WESER

EDITORIAL: Bremens längste Straße

Die Straßen, über die unser Magazin berichtet, suchen wir nach einem gewissen Schema aus: Es sollten sich dort genügend interessante Geschichten finden lassen; die Stadtviertel sollten dabei wechseln; es sollten jedes Jahr einige „prominente“ Straßen darunter sein; und ganz wichtig: der Name muss auf die Titelseite passen. Superlative spielen bei der Auswahl selten eine Rolle. Über Bremens längste Straße wollten wir aber immer schon mal ein Heft machen. Welche das ist? Die Stromer Landstraße? Die Senator-Apelt-Straße? Sie sind je 6,78 Kilometer lang und wären mögliche Kandidaten gewesen. Die A 27 aber ist länger (22,5 Kilometer auf Bremer Stadtgebiet). Leider, denn wer möchte ein ganzes Heft über eine Autobahn lesen?

Zum Glück gibt es die Weser. Sie fließt auf 42 Kilometern durch Bremen und ist so unangefochten Bremens längste (Bundeswasser-)Straße. Auch sonst passt sie in unser Raster – sie ist den meisten ein Begriff, hat einen knackig-kurzen Namen, ist fotogen und vor allem: An und auf ihr fanden wir jede Menge interessante Menschen und Dinge. Unser Illustrator Söntke Campen etwa begleitete die Weserlotsen und verarbeitete seine Erlebnisse zu einem Comic (Seite 12). Wir stellen einen Mann vor, der Dinge sammelt und verkauft, die andere nicht mehr brauchen (Seite 10). Wir sprachen mit einer Schriftstellerin, die einen Teil des Jahres auf einem Boot lebt (Seite 28), und portraitieren einen Binnenschiffer (Seite 18). In unserer Bildstrecke zeigen wir, was so alles am Weserufer angespült wird (Seite 22). Da unser Fotograf (leider) sehr viel mehr fand, als wir hier abdrucken können, gibt es eine ausführliche Version seiner Bilderserie auf unserer Website zeitschrift-der-strasse.de.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08    Im Wiener Walzer mit der Weser

Dietrich Schoon-Marques war als Binnenschiffer in ganz Europa unterwegs und ist als Fährmann glücklich geworden

10    Der Trödler

Er radelt durch Bremen und sammelt, was für manche Sperrmüll und für andere ein Schnäppchen ist

12    Full Steam Ahead

Unser Illustrator Söntke Campen im Alltag der Weserlotsen

18    Schwieriges Manöver

Manfred Deymann lebt für die Binnenschifffahrt, doch als Familienvater ist das nicht leicht

22    Treibgut

Fotostrecke

24    Der Bescheidene

Warum es besser ist, hier auf der Straße zu leben als in Rumänien. Ein Treffen mit Lica, der an der Weser wohnt

28    „Der Tiedenquatsch hat mich genervt“ (online lesen)

Ein Gespräch über Delfine, Wohnen an Bord und die Frage, warum es für Frauen schwer ist, Binnenschifferin zu werden

Beitragsbild: Dave Pattern/flickr.com

„Der ganze Tieden-Quatsch hat mich genervt“

#62 WESER – Ein Gespräch über Delfine, das Wohnen an Bord und die Frage, warum es so schwer ist, als Frau Binnenschifferin zu werden

 Der Museumshaven Vegesack sieht an diesem Tag leer aus: sieben größere Schiffe liegen an den Stegen. Im Schatten des verlassenen Einkaufszentrums Haven Höövt ziehen ein paar Jugendliche gelangweilt ihre Runden. Die „Noortje“ sieht man erst, wenn man direkt an der Hafenmauer steht. Ihre Besitzerin Rega Kerner richtet sich gerade für ein Wochenende auf dem Boot ein. Kerner, die sich selbst auch als „Berufesammlerin“ bezeichnet, verbindet ihre Leidenschaft für die Binnenschifffahrt mit der Schriftstellerei. In ihren beiden Romanen „Schiffschwein Spekje“ und „Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße“ erzählt sie von ihrem Schiff. Und davon, wie es ist, sein Leben an Bord mit einem Minischwein zu teilen.

Frau Kerner, heißt es Schiff oder Boot?

Gute Frage! Da scheiden sich die Geister. Für einen Berufsschiffer sind das hier Boote, genauso wie alles, was privat so rumtöppelt: Ein Schiff ist ein großes Fracht-, See- oder Binnenschiff. Das ist aber immer eine Frage des Blickwinkels. Es gibt Leute, die beleidigt sind, wenn man „Boot“ sagt, genauso wie manche Schiffer beleidigt sind, wenn man „Kahn“ sagt, weil das etwas Abwertendes hätte.

Wie alt ist die „Noortje“?

Sie hat zwei Baujahre. Eines weiß ich sicher: 1946 – da habe ich die Brandmarke gefunden und damit steht sie auch noch im Register in Rotterdam eingeschrieben. Die mündliche Überlieferung ist aber, dass sie 1928 als eine Art Krabbenkutter oder Fischerboot in Danzig gebaut wurde. Die Theorie dazu halte ich mittlerweile für sehr wahrscheinlich.

Und die wäre?

Nach dem Krieg wurden viele alte deutsche Rümpfe als Wiedergutmachung in die holländischen Seewerften gebracht und dort zu Arbeitsbooten umgebaut. Von denen waren im Krieg viele zerstört worden, und um den Seeschiffbau wieder aufnehmen zu können, brauchte man die alten Rümpfe. Ihre Vergangenheit als Arbeitsboot würde auch die ganzen Beulen erklären. Ende der Sechzigerjahre ist sie aber schon ein Wohnboot in Amsterdam geworden, 2002 habe ich sie dann gekauft. Ich sage immer, dass das Boot schon vor meiner Geburt in Rente gegangen ist und darauf gewartet hat, dass ich sie wieder in die Fahrt zurückhole.

Gibt einen Teil am Schiff, den Sie am liebsten mögen?

Erstmal liebe ich diese spezielle Bugform. Dann sitze ich natürlich gerne im Steuerhaus, mit offenen Fenstern ist das meine Raucherkammer, damit meine Tochter unten verschont bleibt. Vorne in der Koje kuscheln ist aber auch total schön. Früher, als ich noch allein war auf dem Boot, hatte ich einen Schaukelstuhl in der Küche. Dann habe ich im Herbst, wenn es stürmte und pfiff, unheimlich gerne den Dieselofen angemacht, die Füße auf den Tisch gelegt und im Schaukelstuhl gesessen. Durch die Luke konnte man dann auch oben in den Himmel gucken. Und ich liebe meine Badewanne hier!

Ihre Karriere als Binnenschifferin scheiterte zuerst an der Toilette. Wie kam es dazu?

Als ich mit der Schule fertig war, bin ich bei vielen Reedereien persönlich aufmarschiert. Immer wieder wurde ich abgelehnt. Das häufigste Argument, das ich hörte, war: Man würde zwar sehr gerne Frauen ausbilden, man dürfe es aber nicht, weil es im Vorschiff nur ein Klo gebe. Und das müssten der Schiffsjunge und der Matrose sich teilen. Ich habe gebettelt! Ich wollte unterschreiben, dass ich damit kein Problem hätte – aber ich bekam keine Chance, weil ein eigenes Klo für mich vom Gesetz vorgeschrieben war. Oft wurde ich auch gefragt, auf welches Schiff ich denn dann heiraten wolle. Ich wollte einfach nur Matrose werden und den Beruf lernen.

Ihr Vater war Hochseeschiffer. Hat er Sie mal mitgenommen?

Als ich sechs und war kurz vor der Einschulung stand, sind wir einmal als Familie auf einem Tanker nach Amerika gefahren. Das war schön, aber ich habe gemerkt, dass auch fliegende Fische und Delfine nach zwei, drei Wochen stinklangweilig werden. Das hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass die Binnenschifffahrt, wo man jeden Abend woanders anlegt, mich so fasziniert hat.

„Noortje“ von innen (Foto: Jan Zier)

Werden Sie seekrank?

Einmal, als ich klein war, hatte mein Vater mal eine Segelyacht verholt. Wir waren im Sturm auf der Biskaya. Ich musste drinnen bleiben, die Tür hatte aber ein Fenster. Mein Vater stand hinten an der Pinne, die Wellenbrecher gingen über ihn rüber und er verschwand hinter den Wellen. Immer wenn das Wasser weg war, schaute ich nach, ob er noch da war. Bei dem ganzen Rumgeschleudere musste ich mich irgendwann übergeben.

Was ist das Besondere an der Weser?

Ich bin eine Rheinfanatikerin gewesen, obwohl ich an der Weser aufgewachsen bin. Dieser ganze Tieden-Quatsch hier hat mich am Anfang genervt. Es ist hier sehr viel ruhiger und gemütlicher als auf dem Rhein. Worüber ich mich allerdings kaputtlache, das  sind die Bremer mit ihrer Seeschifffahrtsstraße: Jenseits der Stephaniebrücke ist die Weser kein Binnengwässer mehr. Meinen Fährführerschein, den ich auf dem vielbefahrenen Rhein gemacht habe, kann ich zwar auf jede Fährstelle einer Bundeswasserstraßen umschreiben lassen. Aber nicht auf der Seeschifffahrtsstraße in Bremen – da muss man ein Patent machen.

Wo genau wollten Sie mit dem Schiff wohnen?

Meinen früheren Liegeplatz in Köln an der Rodenkirchener Brücke habe ich geliebt! Ich weiß noch gut, wie ich dort ankam, auf meinem rostigen Schiff an Deck saß und freie Aussicht auf den Rhein hatte. Da habe ich mir die  Balkone der teuren Villen am Ufer angeschaut und dachte: Ihr habt jetzt ein Vermögen für eure Aussicht ausgegeben und das erste worauf ihr guckt, ist mein altes Boot. Und meine Aussicht ist unverbaubar! Da hätte ich ewig bleiben können. Damals dachte ich, ich hätte meinen Platz in der Welt gefunden. Na ja, es kam dann aber anders.

Möchten Sie nun hier in Vegesack bleiben?

Das weiß ich noch nicht. Ich mag den Hafen und würde meine Heimat hier gerne behalten, aber das habe ich früher auch schon öfter gedacht. Es kommt auch darauf an, was meine Tochter später macht. Wenn die irgendwo in Übersee ist, kann ich ja auch sonstwohin töffeln. Eigentlich war Köln ja auch meine Wahlheimat, aber das ist als Alleinerziehende nicht zu bezahlen.

Warum leben Sie nicht dauerhaft auf der Noortje?

Bis vor kurzem war das nicht möglich, da man mit einem Kleinkind an Bord immer unter Strom ist. Und es gibt hier nur einen Raum, mir fehlt ein Kinderzimmer. Ich überlege immer mal wieder, ob ich jetzt, wo meine Tochter schwimmen kann, ein kleines altes Boot für sie neben Noortje lege.

Heute schreiben sie Kinderbücher und Romane. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das war schon immer mein Jugendtraum: Binnenschifffahrt und Bücher schreiben!

Wie sind Sie zu dem Schiffsschwein gekommen?

Spekje ist auf einem Schleusengelände geboren, der Schleusenmeister dort hatte ein Art kleinen Zoo. Aus moralischen Gründen hat er dann eine schwangere Sau vor der Schlachtung bewahrt und die Ferkel wurden als Spanferkel an die Schiffer verkauft. Ich bin aber, seit ich 16 bin, Vegetarierin und obwohl wir zu dem Schluss gekommen waren, dass das an Bord nicht geht, ist Spekje dann eben doch drei Jahre auf dem Tanker meines Ex-Mannes aufgewachsen, bis er auch für ein Minischwein zu groß geworden war. Das Ende der Geschichte steht in meinem Buch!

Teresa Wolny ist ebenfalls ein großer Schweinefan und immer noch hochgradig beeindruckt von Rega Kerners Geschichtenvorrat.Beate C. Köhler ist freie Fotografin. Sie erlebte Rega Kerner als eine vor Energie und Ideen sprühende Frau, die viele Geschichten zu erzählen hat.

 

#61 BAUMWOLLBÖRSE

EDITORIAL: Von Ballen und Brunnen

Irgendwas mit Baumwolle sollten wir machen, haben sie uns an der Uni gesagt, genauer: ein Heft, das zu ihrem Schwerpunkt „Global Cotton“ passt. Da ist die Auswahl an Orten, die in Bremen infrage kommen, nicht so groß. Zuerst denkt man vielleicht noch an die Wollkämmerei in Blumenthal – aber die ist ja schon mal mit einer Ausgabe gewürdigt worden; und außerdem ging es da ja vor allem um Schafwolle. Also waren wir mit den StudentInnen unseres Sommersemester-Seminars, meist angehende KulturwissenschaftlerInnen, an der Baumwollbörse.

Dort wollten die einen erst mal Paternoster fahren und mit dem netten Portier quatschen (Seite 8), während andere schon an dem Brunnen vor dem Hause stehen blieben (Seite 10), bei dem es zwar Kunst, aber wieder mal kein Trinkwasser für Obdachlose gibt. Und während sich die Männer für einen echten Detektiv (Seite 22) oder einen durch Burnout geläuterten Manager interessierten (Seite 18), beschäftigten sich die Frauen lieber mit anderen Frauen, beispielsweise mit denen der feministischen Rechten, die sich im Sommer vor der Baumwollbörse regelmäßig zusammenfand (Seite 14). Oder sie machten sich auf die Suche nach der seltenen Spezies der Baumwollhändlerin. Wir haben schließlich doch noch eine gefunden (Seite 26) und ihr auch gleich das Titelbild gewidmet. Soll ja keiner sagen, es ginge nicht auch um „Global Cotton“, in unserem Heft.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    „Das ist nicht ganz ungefährlich“

Ein Interview mit Adolf Schlösser, dem Portier der Baumwollbörse

10    Die Wasserwölfe vom Börsenhof

Vor der Baumwollbörse steht ein Brunnen. Trinkwasser gibt es hier nicht. Dabei fehlt es in Bremen genau daran

14    Feminismus von rechts

Wie der Versuch einer Frau scheiterte, mithilfe der AfD einen Aufmarsch für Frauenrechte zu etablieren

18    „Das ändert den Blick auf das Leben“

Ein Gespräch mit Kai Freter, der früher Manager war und heute Burnout-Coach ist

22    Wenn die Paranoia zur Realität wird

Peter Hennemann ist Privatdetektiv. Porträt eines Lebens zwischen Untreue, Verfolungsjagden und Warten

26    Die Frau an seiner Seite

Der Baumwollhandel ist noch immer eine Männerdomäne. Wir haben mal nach Frauen gesucht

29    Ein Happy End, dank Laika (online lesen)

Ein Treffen mit Pauli, einem unserer ersten Verkäufer

 

Hintergrundfoto: quimby/flickr.com

EIN HAPPY END DANK LAIKA

#61 BAUMWOLLBÖRSE – Ein Treffen mit Pauli, einem unserer ersten Verkäufer

Nicht alle bei uns kennen Pauli, wohl aber seinen Hund: Laika. Die 14-jährige Mischlingshündin mit leicht angegrautem Fell um das Maul liegt friedlich auf einer Decke im Vertriebsbüro, als ich sie treffe, neben ihr Paulis Wanderrucksack. Auf ihr ruht während unseres Gesprächs sein Blick.

Er trägt ein Käppi des FC St. Pauli, sein Erkennungsmerkmal. Seine linke Hand sieht wie aufgeblasen aus. Eine Folge des Heroinkonsums, sagt er, „das ist der Dreck aus dem Stoff“. Die Streckmittel in dem Stoff haben sich in seinen Adern abgelagert und könnten sie verstopfen. Trotzdem ist Pauli optimistisch: Alles war schon viel schlimmer.

Vom gewalttätigen Elternhaus zur Selbstfindung durch Meditation

Es fing schon mit der Familie an: Sein Vater war ein gewalttätiger Zuhälter, der seine Mutter zur Sexarbeit zwang, bis sie sich mit ihrem eigenen Bremer Bordell selbstständig machte. Als Erstes von acht Kindern gebar sie Pauli, der viel Zeit im Bordell verbrachte. Trotzdem verurteilt er Prostitution: „Für mich ist das Menschenhandel.“

Sein Vater schlug auch ihn. Vielleicht hatte Pauli deshalb schon mit 13 ein Alkoholproblem. Die Schule verließ er frühzeitig. Doch dann gab es einen Hoffnungsschimmer: Seine Mutter zog mit ihm in die USA, um dort ihr Glück zu versuchen. Obwohl sie nach kurzer Zeit New Mexiko wieder verließ, blieb ihr 17-jähriger Sohn in Santa Fe, in einer Gastfamilie. Pauli trank keinen Alkohol mehr und absolvierte die Highschool. All das schaffte er mit Hilfe von Meditation, sagt Pauli rückblickend. „Über Meditation kann ich auch quasi high werden. Ich konzentriere mich dafür auf weiße, positive Energie und versuche alles Negative aus meinem Körper zu blasen.“ In diesem Zustand konnte er sogar über heiße Kohlen laufen.

Pauli’s Kampf gegen Drogen und die Zerbrechlichkeit des Lebens

Als Pauli dies am Werdersee seinen Freunden zeigen wollte, verbrannte er sich beide Füße schwer: „Lag vielleicht daran, dass ich besoffen war.“ Er war 19, Punk, Trinker und lebte in einem Bauwagen. Erst mit seiner Freundin sollte er vier Jahre später wieder trocken sein. Für immer.

Mit ihr und einem Kredit von seiner Mutter eröffnete Pauli das „Radieschen“, ein vegetarisches Restaurant am Hauptbahnhof. Der Laden lief gut, die Beziehung auch: Sie erwarteten 2000 ein Kind. Doch es verstarb plötzlich im Krankenhaus, die Beziehung zerbrach. Pauli gab das Restaurant auf, wurde obdachlos. Statt Alkohol nahm er Heroin. Dann tauchte er viele Jahre ab. Als einer der ersten Verkäufer verkaufte er ab und zu mal Hefte, am Ende jede Ausgabe. „Zeitschriften über die Parks kaufen die Leute besonders gern“, sagt er.

Pauli und Laika – der Weg aus der Obdachlosigkeit

Bis zu Laika sollte Pauli noch vier Hunde haben. Doch erst Laika bewegte ihn 2014 endgültig zum Aufhören. Wenn er es nicht für sich bleiben lassen könne, dann wenigstens für seinen Hund, dachte er damals. Heute ist Pauli im Substitutionsprogramm, schläft manchmal am Güterbahnhof und manchmal in einem Zimmer. Unabhängigkeit ist ihm wichtig, besonders von seiner Mutter, die ihn meistens mit ihrer Hilfe unter Druck setzt.

Pauli möchte lieber selbst helfen. Obdachlosen rät er, in ihrem eigenen Tempo die nächsten Schritte zu machen, im Alltag Schnorr- und Verkaufsplätze zu teilen. Sein Platz ist in Findorff, wo besonders einsame, alte Leute mit ihm sprechen. „Die haben weniger als ich.“ Sein Rat: Wohngeld beantragen und zur Tafel gehen.

Laika wird nun unruhig, sie will raus. Ohne zu zögern, packt Pauli ihre Decke, schultert den Rucksack und folgt ihr.

Text & Foto: Eva Przybyla

#60 SCHLOSSPARK

EDITORIAL: Frau Oetgen und Herr Jaß

Wir sind stolz. Und etwas traurig! Denn wir erinnern uns an viele wunderbare Texte von Jördis Früchtenicht, Eva Przybyla und Björn Struß. Aber irgendwann ist so ein Studium eben zu Ende. Und die Zeitschrift der Straße ist ein Lernprojekt, da muss man seine Leute eben ziehen lassen. Also freuen wir uns sehr, dass sie nun Karriere machen und sich in der großen Konkurrenz um ein Volontariat beim Weser-Kurier beziehungsweise den Kieler Nachrichten durchgesetzt haben. Wir hätten sie auch eingestellt!

Wir gewöhnen uns bereits an die Zeit danach: In diesem Heft sind sie nicht dabei, alle drei nicht. Dafür waren wir mit anderen hoffnungsvollen AutorInnen in Sebaldsbrück unterwegs, rund um den Schlosspark. Wir haben gleich zwei leer stehende Schulen besucht (Seite 24) und eine der ältesten Bewohnerinnen des Stadtteils: Die heute 93-jährige Frau Oetgen kam einst als junge Braut hierher, in eine Genossenschaftssiedlung (Seite 8). Wir waren in einer Villa für besondere Menschen (Seite 12), in einem Hundesalon (Seite 16) und bei Leuten, die Angst haben, dass bei ihnen eingebrochen wird (Seite 26). Zwischendrin haben wir uns mit Marco Jaß getroffen, den Sie schon vom Titelbild kennen – um mit ihm darüber zu reden, wie es so ist, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten.

Und dann gibt es noch einen gravierenden Grund zur Trauer: Michael Schweppe alias Zippo ist tot! Er war 2011 unser erster offizieller Verkäufer, nun mussten wir ihm einen Nachruf widmen (Seite 30).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Leben in der Schreberstraße

Am Schlosspark bauten GenossInnen einst gemeinsam ihre Häuser. Noch heute herrscht hier großer Zusammenhalt

12    Seelisch erschüttert (online lesen)

Wie die Villa Wisch Menschen mit psychischen Erkrankungen Struktur, neue Chancen und viel Selbstbewusstsein gibt

16    Waschen, scheren, legen, bitte!

Bildstrecke

20    „Offenheit kann entwaffnen“

Wie es ist, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten

24    Im Dornröschenschlaf

In der Nähe des Schlossparks stehen seit vielen Jahren zwei Schulen leer

26    Hinter Schloss und Riegel

Am Schlosspark wurde häufig eingebrochen. Doch die AnwohnerInnen haben aufgerüstet

30    Michael Schweppe

Ein Nachruf

Hintergrundbild: PamelaB/flickr.com

SEELISCH ERSCHÜTTERT

#60 SCHLOSSPARK – Wie die Villa Wisch Menschen mit psychischen Erkrankungen Struktur, neue Chancen und viel Selbstbewusstsein gibt: ein Hausbesuch

 „Natürlich“, sagt Stephan Jürgens, „kann man auch ohne ärztliches Attest in die Villa Wisch kommen.“ Das Anwesen liegt ein paar Meter hinter den anderen Hausfassaden in der Sebaldsbrücker Heerstraße, mit einem kleinen Garten und hohen Bäumen vor dem Haus und einer schweren hölzernen Eingangstür. Von außen deutet nur das Schild darauf hin, dass hier eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Jürgens ist ihr Leiter. „Es ist ein Begegnungsort“, sagt er. 60 bis 70 BesucherInnen kommen und gehen jeden Tag. Es gibt eine Küche, ein großes Esszimmer für alle, ein Café, in dem Zeitungen ausliegen oder Bilder ausgestellt werden, und ein Arbeitszimmer mit Computern. Im ersten Stock sind der Büroservice und eine Textilwerkstatt angesiedelt – hier arbeiten nicht nur die Festangestellten, sondern auch allerlei Injobber; auch im Garten gibt es verschiedene Arbeitsplätze zu vergeben, oder Hausmeistertätigkeiten. „Der Grundgedanke ist, dem Tag eine Struktur zu geben“, sagt Stephan Jürgens.

Niedrigschwellige Beschäftigung in der Villa Wisch

Menschen, die dauerhaft psychisch erkrankt sind und deshalb nicht mehr so gut in der Gesellschaft zurechtkommen, können hier eine niedrigschwellige Beschäftigung aufnehmen. Sie haben einen Ansporn aufzustehen, wenn sie wissen, wohin sie können. Die Arbeitszeit reicht von einer halben Stunde bis zu 15 Stunden in der Woche. Bei den Injobbern, die vom Jobcenter vermittelt werden sind es mehr, bis zu 30 Stunden in der Woche. Das ist Menschen vorbehalten, die das haben, was das die Behörde ein „Vermittlungshemmnis“ nennt.

Seit dem Ende der Achtzigerjahre gibt es die Villa Wisch, betrieben wird sie vom Arbeiter-Samariter-Bund, der im Bremer Osten für Menschen mit psychischen Erkrankungen zuständig ist. Früher wurden sie „eher weggeschlossen“, sagt Stephan Jürgens. Seine Einrichtung arbeitet mit dem Ameos Klinikum und dem Klinikum Bremen-Ost zusammen – „um Klinikbesuche gar nicht erst notwendig werden zu lassen“.

Gemütliches Beisammensein und vielfältige Angebote

Im Café unterhalten sich die BesucherInnen, scherzen mit den Arbeitenden oder lesen. Im Garten gibt es unter einer großen, ausladenden Rotbuche verschiedene Sitzgelegenheiten und eine Tischtennisplatte. Viele essen bei gutem Wetter in dem Garten, auch Frühstück oder Kaffee und Kuchen gibt es hier. Wer Hilfe braucht, kann sich an die MitarbeiterInnen wenden. Auch „der Stammtisch“, wie Stephan Jürgens ihn nennt, trifft sich hier. Für viele ist es eine Erleichterung, sich mit anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterhalten oder darüber zu sprechen, wo die jeweiligen Stärken der Menschen liegen. „Das ist besonders wichtig, weil es ja auch oft darum geht, was eben nicht mehr möglich ist“, sagt Jürgens. Oder man  entscheidet sich, an dem Programm der Villa teilzunehmen: Das reicht von der offenen Textilwerkstatt über Qigong und Mandala malen bis hin zu Doppelkopf spielen. Manchmal werden Filme gezeigt, oder die Leute machen zusammen einen Ausflug, etwa ins Teufelsmoor.

Anna Fabry: Ein Neuanfang durch Arbeit und Kreativität

„Ich erprobe mich hier mit drei Stunden pro Tag“, sagt Anna Fabry, die in der Textilwerkstatt beschäftigt ist. Sie trägt ein Schlüsselband um den Hals und hat einen gelben Igelball vor sich auf dem Tisch liegen. Insgesamt arbeitet sie jetzt 15 Stunden in der Woche in der Villa Wisch. Anfangs sei sie daran gescheitert, eine halbe Stunde durchzuhalten, erzählt sie. Obwohl sie sehr aufgeschlossen wirkt, leidet sie unter Angst- und Panikzuständen. Deshalb konnte sie ihr Leben irgendwann nicht mehr alleine bewältigen, auch die Erziehung ihrer Kinder musste sie an Pflegefamilien abgeben. Sie zog in das Haus Hastedt, ein Wohnheim für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. „Zurzeit sticke ich eine Hummel“, sagt sie, angefangen hat sie mit einer Elster. Dann folgten in den letzten Jahren andere Motive, zwei Möpse etwa, die als Auftragsarbeit hergestellt wurden. Dank ihrer Arbeit hat Anna Fabry es geschafft, in eine Wohngemeinschaft umzuziehen: Sie lebt nun mit einer Frau und drei Männern zusammen und fühlt sich dort sehr wohl.

Villa Wisch, ein geschützter Raum für seelisch erschütterte Menschen

Ein neues Leben durch Theater und Kreativität

Bevor sie in das Haus Hastedt kam, litt sie unter ihrem damaligen Lebensgefährten: „Ich konnte ihn nicht rauswerfen“, sagt sie, ohne dass eine Emotion in ihrem Gesicht zu erkennen wäre. Er war drogenabhängig und riet ihr davon ab, sich Hilfe zu holen. Als Fabry in das Wohnheim ziehen wollte, setzte er sie unter Druck. Heute hat Fabry keinen Kontakt mehr zu ihm. „Die Begegnungsstätte tut mir supergut“, sagt sie. Auch in der Theatergruppe der Villa Wisch spielt sie mit. „Durch die Tagesstruktur hier und das Theaterspielen habe ich ein gutes Selbstbewusstsein bekommen – das hatte ich vorher nicht“, sagt Fabry. Auch ihre älteste Tochter kann sie nun wieder treffen.

Insgesamt 18 Leute arbeiten in der Textilwerkstatt, manche 20 Stunden in der Woche, andere nur zwei. Ursprünglich entstand sie aus dem Projekt „Urban Knitting“ mit damals drei Strickerinnen. Jetzt wird hier gestickt oder genäht, und die dabei entstehenden Produkte – Schmuckteile oder Taschen – kann man in der Villa, im Sozialkaufhaus oder in einem Laden im Viertel kaufen. „Es ist ganz unterschiedlich, was die Menschen so an Arbeitskraft mitbringen“, sagt Ilka Hövermann, die zusammen mit der Ergotherapeutin Beate von Schwarzkopf die Werkstatt leitet. „Wir versuchen, sie da abzuholen, wo sie mit ihren Fähigkeiten stehen. Sich an Neues heranzuwagen ist für manche eine echte Herausforderung, während andere da ganz forsch und mutig sind.“ Alle hier sollen in einem geschützten Raum arbeiten können, sagt Beate von Schwarzkopf. Das Ziel: die Stabilisation für den ersten Arbeitsmarkt. Zwar sind die heute Injob genannten Ein-Euro-Jobs umstritten. Beate von Schwarzkopf findet sie aber gut – als Möglichkeit der Integration für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wobei sie lieber von Menschen spricht, die „seelisch erschüttert“ sind.

Die Zeitschrift als Stimme für seelische Gesundheit

„Früher war man davon ausgegangen, dass wenig Belastung gut ist“, sagt Beate von Schwarzkopf – aber auch Menschen, die erkrankt sind, brauchen kleine Reize. In der Ergotherapie nennt man diesen Ansatz „Heilen durch handeln“. Die Struktur des Alltages und die Aufgaben lenken ab und steigern das Selbstwertgefühl der Betroffenen. „Das kennt ja jeder, der schon mal eine Krise hatte“, sagt Ilka Hövermann.

Im Keller der Villa sitzt die Redaktion der Zeitschrift „Zwielicht“, die sich vor allem Themen der seelischen Gesundheit widmet. Sie erscheint seit 2012 etwa alle sechs Monate, demnächst auch online. In dem Magazin werden Stadtteilberichte aus Hemelingen veröffentlicht, aber auch Geschichten über Menschen, die Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht haben, Texte von Leuten, die eine Krise hatten und davon berichten, wie sie diese überstanden haben. Rassismus oder Beleidigungen sind tabu: „Hasstiraden wollen wir nicht haben, das ist nicht unser Ansatz“, sagt Christian Kaschkow (oberes Foto, rechts). Er schreibt Artikel über die Verhältnisse in der Psychiatrie und wie diese verbessert werden können. Auch Irmgard Gummig (oberes Foto, links) schreibt für „Zwielicht“: „Ich habe schon immer ganz viel geschrieben“, sagt sie. Es ist eine „Bewältigungsstrategie, um die schrecklichen Dinge, die ich in der Kindheit erlebt habe, zu verarbeiten.“

„Mutig, das Schlimme zu benennen“

Früher konnte sie über vieles nicht sprechen – und begann so, zu schreiben. Vor etwa drei Jahren veröffentlichte sie hier ihre ersten Texte. „Das war schon eine Art Krisenbewältigung“, sagt Gummig. Danach ging sie immer öfter zu den Redaktionssitzungen – aber in die Gruppe zu kommen, in der Gruppe zu bleiben, das ist immer noch eine Herausforderung für sie. Mittlerweile hat sie eine Stelle mit 15 Stunden in der Woche angenommen und schreibt nun nicht mehr alleine an ihrem Schreibtisch, sondern in einer Gruppe. Dafür bekommt sie auch Post von Lesern, die ihr schreiben, dass es ihnen Mut mache, wie mutig sie sei. „Der Mut, es zu benennen, ist ein großer Akt“, sagt Irmgard Gummig. „Aber es hilft mir, das Schlimme aus der Vergangenheit zu bewältigen und auch zu sehen, dass es Schönes gibt.“

Test:
Frauke Kuffel
Fotos:
Jasmin Bojahr

#59 LINDENHOF

EDITORIAL: Von Bärten und Büchern

Nein, sagt die Studentin, in Walle sei sie noch nie gewesen. Dabei komme sie ja aus Bremen! Aber was ist dann erst mit Gröpelingen? Das ist ja noch viel weiter draußen, schon fast Bremen-Nord, und kurz vor diesem Bremerhaven. Für viele BremerInnen ist das eben immer noch sehr weit weg, in jeder Hinsicht. Und anderswo ist der Stadtteil noch als das bekannt, was man früher einen „sozialen Brennpunkt“ nannte. Weil das aber zu sehr nach Drogen und Gewalt klingt, heißt das heutzutage „Quartier mit besonderem Entwicklungsbedarf“.

Um jener Welt einmal näherzukommen, waren wir jetzt also in der Lindenhofstraße, da, von wo aus man früher zu „Use Akschen“ ging. Dort fanden wir eine innovative Bibliothek, die immer weniger mit Büchern zu tun hat und gerade darum so gut ist (Seite 8). Wir haben uns den Bart stutzen lassen, um bei der Gelegenheit mit den Menschen ins Gespräch zu kommen (Seite 20), und einen alten Stuhl in die Recycling-Börse gebracht, um die Wegwerfgesellschaft mal aus einer anderen Warte zu betrachten (Seite 12). Und wir haben mit vielen Menschen geredet, die hier wohnen, um dem Lebensgefühl des Quartiers etwas näher zu kommen (Seite 24). Wir haben sie nach ihrem ganz eigenen Blick auf den Lindenhof gefragt (Seite 28) und sie sogar schon morgens früh um fünf Uhr beim Bäcker getroffen, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit mal eben frühstücken (Seite 14).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

 

Aus dem Inhalt:

08    Vielleicht sogar Heimat

Die Stadtbibliothek West ist ihrer Zeit voraus – weil es hier immer weniger um Bücher geht

12    Hauptsache, nicht altdeutsch

In der Recyclingbörse ist „Eiche rustikal“ ein Ladenhüter

14    Morgens um fünf in Gröpelingen

Bildstrecke

20    In den Händen des Apo (online lesen)

Ein Besuch beim Frisör Abdullah Bozkir, der auf der Suche nach einem besseren Leben nach Gröpelingen kam

24    Bitterarm und glücklich

Im Lindenhof konzentrieren sich die Probleme der Stadt, aber die Menschen scheint das kaum zu stören

28    Mag ich, mag ich nicht

Was denken Gröpelinger über Gröpelingen? Ein Experiment auf Instagram

 

Beitragsbild: Thomas Hawk/flickr.com

IN DEN HÄNDEN DES APO

#59 LINDENHOF – Ein Besuch beim Frisör Abdullah Bozkir, der einst auf der Suche nach einem besseren Leben nach Gröpelingen kam

 Ich spüre die Klinge an meinem Kehlkopf. Sie schabt Rasierschaum und Bartstoppeln von meiner Haut, wandert Strich für Strich den Hals entlang. Ich möchte etwas sagen. Traue mich aber nicht. Bloß keine falsche Bewegung riskieren. Mein Kopf liegt im Nacken. Statt in den Spiegel blicke ich an die Decke. Angestrengt bewegen sich meine Augen abwärts, um doch mein Spiegelbild zu sehen, um doch irgendwie die Arbeit an meiner Pulsader zu beaufsichtigen. Doch ohne Brille ist das zwecklos.

„Keine Sorge, ich pass’ auf“, sagt der Mann, der die Klinge führt. Es gelingt ihm, mir einen Teil meiner Anspannung zu nehmen. Seine Handbewegungen sind schnell, sicher, routiniert. Unzählig viele Männer haben sich schon Apos Klinge anvertraut. Der 44-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Friseur, seinen Herrensalon „Apo’s Haircut“ an der Lindenhofstraße eröffnete er vor neun Jahren. Hier, zwischen Moschee und Gemüsehändler, treffen sich Männer jeden Alters. Von millimeterlanger Stoppeloptik bis hin zum voluminösen Vollbart ist hier fast jede Form der Gesichtsbehaarung vertreten. Nur die Variante „Glatt wie ein Babypopo“ sucht man vergebens. Viele Kunden schwören auf die wöchentliche Rasur bei Abdullah Bozkir, den alle nur „Apo“ nennen.

Eine erste Rasur – Ein ungewohnter Moment mit Apo

Für mich ist es das erste Mal, dass ich mich rasieren lasse. Der warme Schaum riecht angenehm nach den feuchten Tüchern, die auf Flügen der „Turkish Airlines“ gereicht werden. Eine Mischung aus Lavendel und Zitrone. Apo dirigiert meinen Kopf zum Waschbecken. Ich bin verunsichert. Soll ich mir die Schaumreste selbst vom Gesicht spülen? Wohl nicht. Apo macht das. Ein kurzer unangenehmer Moment. Irgendwie haben diese fremden großen Hände nichts in meinem Gesicht verloren. Dann holt er eine Spule hervor, die man sonst für Nähmaschinen verwendet. Was hat er damit vor?

Apo selbst ist fast glattrasiert. Auch auf dem Kopf finden sich nicht mehr allzu viele Haare. Seine Augen sind kugelrund und stets aufmerksam geöffnet. Er trägt ein blaues Jeanshemd, die kurzen Ärmel sind für die Oberarme etwas zu eng. Der Small Talk während der Rasur gelingt in brüchigem Deutsch, dann hilft der 27-jährige Abdullah Duman mit der Übersetzung zwischen Deutsch und Türkisch. Es gibt heißen Tee aus kleinen Gläschen ohne Henkel. Die Begründer dieser türkischen Tradition müssen hitzeresistente Finger gehabt haben.

Verantwortung in jungen Jahren

Schon im Alter von zwölf Jahren verdient sich Apo ein kleines Taschengeld im Friseursalon seines Onkels. Er lebt damals nahe der Stadt Bingöl im östlichen Teil der Türkei, in einer Familie mit acht Geschwistern. Der Vater kann nicht arbeiten, die finanzielle Situation ist schlecht. Der junge Abdullah – selbst noch ein Kind – muss Verantwortung übernehmen, seinen Beitrag leisten, um die Familie durchzubringen. Die Schule beendet er nach der siebten Klasse, weil die Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen können. Mit vierzehn Jahren beginnt er, Vollzeit im Geschäft seines Onkels zu arbeiten.

„Meine größte Sorge war es, die Familie zu ernähren. Das Spielen mit den Freunden musste warten“, erinnert sich Apo. Doch auch als er sich voll auf das Friseurhandwerk einstellt, bleibt der Verdienst in der Türkei gering. Anders erleben es Freunde und Bekannte, deren Familien in den 1960er Jahren als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland auswanderten. Ihre Geschichten werden auch in Bingöl erzählt. Sie wecken Sehnsüchte nach einem besseren Leben. „Irgendwann habe ich mir gesagt, ich will es selbst versuchen, meine Chance ergreifen“, sagt Apo.

Erfolg in Gröpelingen

Gemeinsam mit seinem Bruder eröffnet er 2009 den Friseursalon in Gröpelingen – sieben Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland. Einen Gedanken an das wirtschaftliche Scheitern habe er nie verschwendet, beteuert Apo. Das Geschäft läuft gut. Absoluter Hochbetrieb herrscht am Freitag und Samstag, wenn sich die jungen Männer für das Nachtleben aufhübschen lassen. Aber auch an den anderen Tagen muss man bisweilen Wartezeit mitbringen, gerade wenn unbedingt der Chef selbst Hand anlegen soll. Demnächst wollen die Gebrüder Bozkir sogar einen neuen Friseursalon an der Gröpelinger Heerstraße eröffnen – für Männer und Frauen.

Den jetzigen Herrensalon betreten Frauen nur sehr selten, sagt Abdullah Duman – und wenn, dann in Begleitung ihrer Männer. Türkische Frauen, die ein Kopftuch tragen, würden sich ohnehin nur von Frauen die Haare frisieren lassen, erklärt er. „Viele haben gar nicht das große Bedürfnis, oft einen Friseur zu besuchen.“ Seien die Haare in der Öffentlichkeit unter dem Tuch verborgen, entstünden nicht so viele Sorgen um die Frisur.

Traditionelle Rasur und Augenbrauenpflege

Duman selbst lässt sich jede Woche von Apo rasieren und das seit etwa zehn Jahren. „Mein Bart ist mir wichtiger als meine Haare“, sagt Duman. „Die einzelne Rasierklinge ist viel präziser, als so eine mit drei Klingen.“ Und überhaupt, Rasieren, das könne auch nicht jeder. Er vertraut seinen Bart nur Apo an. Unter Jugendlichen mit türkischen Wurzeln sei es ganz normal, den Bart wachsen zu lassen. „Das hat mir das Gefühl gegeben, ich werd’ ein Mann“, erinnert sich Duman. Heute macht er an der Universität Bremen seinen Master im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen. Seine Eltern kamen beide im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland, er selbst ist hier geboren.

Zurück zur Spule für Nähmaschinen, die Apo nach meiner Rasur irgendwo hergezaubert hat. Er entrollt den Faden und formt eine kleine Schlaufe. Langsam verstehe ich – es geht um meine Augenbrauen. Damit habe ich nicht gerechnet. Mein Kopf liegt wieder im Sessel, ich schließe meine Augen. Meine Brauen werden, so kommt es mir vor, von unendlich vielen kleinen Nadelstichen traktiert. Tatsächlich arbeitet Apo aber nur mit seinem Faden. Durch das Lockern und Spannen der kleinen Schlaufe zupft er die Härchen einzeln von der Augenpartie. Gezupfte Augenbrauen kannte ich bislang nur von Frauen.

Den Abschluss macht ein Wässerchen, eine Art Aftershave, aber ohne Geruchsbombe. Apo verteilt es mit seinen Händen in Windeseile über Bart und Augenbrauen. Es brennt. „Das ist zum desinfizieren“, sagt er. Dann setze ich wieder meine Brille auf und begutachte das Ergebnis. Es sieht gut aus, wie aus einem Guss.

Text:
Björn Struß
Foto:
Wolfgang Everding

#58 FEDELHÖREN

EDITORIAL: Zwei Teile, eine Straße

Was die Weser für Bremen, ist der Rembertiring für den Fedelhören: Er teilt die unaufdringlich schöne Straße in zwei Hälften – wir haben sie beide besucht. In der südwestlichen geht es recht mondän zu, hier findet man einen Hotspot des Antiquitäten- und Kunsthandels. Unser Autor Björn Struß hat bei der Gelegenheit probiert, etwas Geld zu verdienen (Seite 8). „Klaviere Backhaus“ hatten wir einen letzten Besuch abgestattet, bevor das Traditionshaus nach fast vier Jahrzehnten dicht gemacht hat (Seite 14).

Im nordöstlichen Teil des Fedelhören, wo es ruhiger zugeht, kommen auch Menschen mit ganz wenig Geld auf ihre Kosten: in der Teestube Hoppenbank (Seite 26). Wer will, kann sich aber auch mit Leib und Seele nach Italien entführen lassen (Seite 12).

Und dann möchten wir noch kurz Werbung in eigener Sache machen: Seit vier Wochen läuft das Sommersemester der Uni der Straße. Das Schwerpunktthema ist dieses Mal Wasser, mit Vorträgen zu Trinkwasser und Küstenschutz sowie einer Exkursion zum Weserkraftwerk. Das gesamte Programm finden Sie im Netz unter http://uni-der-strasse.de/programm.

Einige werden es bemerkt haben: Die Zeitschrift der Straße hat nun auch einen Instagram-Account. In diesem sozialen Netzwerk veröffentlichen wir regelmäßig die besten Bilder unserer Fotografinnen und Fotografen, die es aus Platzmangel nicht ins Heft geschafft haben. Und wem soziale Netzwerke suspekt sind: Man muss keinen Account anlegen, um die Bilder zu sehen. Besuchen Sie uns einfach unter www.instagram.com/zeitschriftderstrasse.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße.

 

Aus dem Inhalt:

8    Die Bilder des Harro Franke

Ein Versuch, im Zentrum des Kunsthandels Geld zu verdienen

12    Die Kulturbotschafterin

Für Sara Gasparri ist Italienisch eine fast schon universelle Ausdrucksform

14    Bis zum letzten Ton

Bildstrecke

20    „Das ist wie bei den Lachsen“

Im Staatsarchiv suchen Familienforscher leidenschaftlich ihren Ursprung

24    „Glückliche Fügung“

Ein Gespräch mit Phillipp Kalle, der das „Zocken“ zu seinem Beruf gemacht hat

26    Viel mehr als nur Tee (online lesen)

Ein sozialer Stadtrundgang: die Hoppenbank

28    Diese Obdachlosen

In einer Kampagne der Diakonie kommen Personen zu Wort, denen kaum jemand zuhört

 

Hintergrundfoto: Wikimedia

 

VIEL MEHR ALS NUR TEE

#58 FEDELHÖREN – In einer neuen Serie stellen wir Einrichtungen vor, die unser sozialer Stadtrundgang „Perspektivwechsel“ besucht. Heute: das Haus Fedelhören.

Unscheinbar wirkt der Eingang der Teestube, zwischen all den großen, stattlichen Häusern im Fedelhören, grau und niedrig. Es ist ein Ort, an dem eilige PassantInnen schnell vorbeihasten. Aber die gehören ja auch nicht zum typischen Klientel der Teestube. Gegründet wurde sie einst für ehemalige Strafgefangene – auch als tagesstrukturierende Maßnahme –, inzwischen kommen aber auch Hartz-IV-EmpfängerInnen und RentnerInnen, die wenig Geld haben. Sie kommen zum Essen, zum Reden, zum Schachspielen oder um die Lokalzeitung zu lesen.

Seit einiger Zeit dürfen allerdings nur noch nachweislich bedürftige Personen hier essen: „Wir beschäftigen auch Ein-Euro-Jobber, und die dürfen nur für Bedürftige arbeiten“, sagt Hermann Smidt, der Leiter der Teestube. „Das hat auch was mit Wettbewerbsverzerrung zu tun, weil wir das Essen ja viel billiger herstellen können.“ Gleich nebenan ist „Das schwarze Schaf“, ein kleines Restaurant mit mediterraner Küche. „Das wir dem Konkurrenz machen, glaube ich aber nicht“, sagt Smidt, und lächelt. Ein Mittagessen in der Teestube kostet in der Regel 2,80 Euro, Frühstück und Abendessen sind etwas billiger.

Heute gibt es Schweineschnitzel. Um den BesucherInnen entgegenzukommen, die zum Teil nicht nur zu wenig Geld, sondern auch Probleme mit dessen Einteilung haben, kann man ein Guthaben anlegen – oder bis sechs Euro Kredit aufnehmen. Öffnet man gegen Mittag die Tür der Teestube, kommt einem Stimmengewirr entgegen, ein heimeliger Essensgeruch zieht durch die niedrigen Räume. Ein kleiner Flur führt zur Essensausgabe und zu einem zweiten, größeren Zimmer. Von dort aus gelangt man zu einem großen Außenbereich mit Gartenhäuschen, Pflanzen und mehreren Tischen unter Pavillons.

Unter einem dieser Pavillons sitzt Lenny, ein regelmäßiger Gast der Teestube. Er kommt schon seit 20 Jahren, sagt er, und lebt heute in einer eigenen kleinen Wohnung im Viertel. Er kenne aber auch Leute, die sich mehrmals in der Woche aus Gröpelingen oder der Vahr auf den Weg in den Fedelhören machen. „Das Mittagessen in der Teestube ist für viele der Tageshöhepunkt“, sagt er. Lenny sieht die neue Regelung, bei der jeder seine Bedürftigkeit nachweisen muss, kritisch – weil nicht nur diejenigen mit „zu viel“ Geld aussortiert würden, sondern auch jene, die sich aus verschiedenen Gründen nicht um die Formulare für einen solchen Antrag kümmern könnten oder wollten. Smidt bestätigt, dass Behördengänge zu den schwierigsten Aufgaben in der Zeit nach der Haft gehören. Die Teestube ist deswegen nicht nur für gutes Essen da, sondern fungiert auch als Beratungs- und Vermittlungsstelle. Außerdem kann man hier auch seine Strafe abarbeiten.

Direkt über der Teestube befindet sich das Wohnprojekt „Haus Fedelhören“, das ebenfalls zum Angebot der Hoppenbank gehört. Dort können sich Männer für maximal zwei Jahre in Wohngemeinschaften auf ein selbstständiges Leben nach der Haft vorbereiten. Aus diesem Projekt ist die Teestube ursprünglich entstanden – als die Bewohner immer häufiger ihre Zeit mit Kumpels, die von außerhalb kamen, im Gemeinschaftsraum verbrachten.

Einer der heutigen Bewohner der Wohngemeinschaft ist Christoph, der in seinem knallgrünen Kapuzenpullover und den leicht grünlichen Haaren nicht gerade wie ein klassischer 47-Jähriger aussieht. Das mag auch an seinem Beruf als Frisör liegen, der ihm in der Haft oft eine Arbeit gesichert hat. In ein paar Wochen wird er das Haus im Fedelhören verlassen, um in einer Klinik seine Drogenabhängigkeit, die ihn mehrfach ins Gefängnis gebracht hat, unter Kontrolle zu bekommen. Christoph hat sich ein klares Ziel gesetzt: „Wenn ich 50 bin, will ich, dass das alles vorbei ist, will vom Stoff wegkommen und ein stressfreieres Leben haben.“

Auch Ingolf sehnt sich nach einem ruhigeren Leben. Und vor allem nach einer eigenen Wohnung. Die sind für einen wie ihn in Bremen allerdings gerade sehr schwer zu finden. „Zum Heulen ist das“, sagt er. „Ich bin einfach zur falschen Zeit wohnungslos geworden.“ Am liebsten würde er ja im Haus Fedelhören wohnen bleiben. Aber seine Zwei-Jahres-Frist läuft in ein paar Monaten ab. Ingolf, der ebenfalls mit Drogen zu kämpfen hat, schätzt die Unterstützung im Wohnprojekt sehr. „Wenn ich die nicht bekommen hätte, wäre ich echt untergegangen. Die haben mich hier langsam wieder zum Leben erweckt.“

Auch Christoph geht manchmal in die Teestube. „Die machen echt gutes Essen!“ Dieses Essen gibt es 365 Tage im Jahr. Dass Feiertag ist, merkt man in der Teestube trotzdem, am Speiseplan: Ostersonntag gab es Kaninchenkeule.

Text:
Teresa Wolny
Bild:
Hartmut Bendig