Mit 15 Jahren Zeitschrift der Straße blicken wir auf die allererste Ausgabe zurück, und starten mit einem Artikel über einen Rückblick auf die Stadtentwicklung Bremen: „Eine Bürgerinitiative stoppte 1973 den Komplettabriss des Viertels. Um ein Haar wäre Bremen zur Großstadt geworden. (…)“
Foto: Marion Kliesch, Text: Kolja Burmester
Februar 2011
Neulich war mal wieder Besuch da. Aus Berlin. Ehemalige Bremer:innen. Das ist immer besonders schlimm.
Zusammen saß man – Samstagmittag – im Café an der Sielwallkreuzung, schaute durch die Fenster auf das Treiben. Fahrräder, Kinder, Omas mit Rollwägen. Einigermaßen rücksichtsvolle Autofahrer, die junge Familien, voll bepackt vom Ökomarkt zum Spielplatz strebend, geduldig über die Straße ziehen lassen. Viele kleine Gespräche auf dem Bürgersteig. Jeder scheint jeden zu kennen, und man selber fragt sich, warum man eigentlich noch immer auf dem Dorf wohnt. Diesem Dorf.
Die Berliner:innen schwärmen: „Mein Gott, ist das schön hier. Und so friedlich. Wann ziehst Du endlich nach Berlin? Oder zumindest New York? Das hält man ja nur ’n paar Tage hier aus. Das ist ja ’n Riesendorf. Und die Häuser so klein!“
Es ist schon wahr. Das Viertel ist ein Dorf. Ein riesengroßes zwar. Aber ein Dorf. Ein Dorf mit Straßenbahn. Immerhin.
Es hat nicht viel gefehlt, und das betuliche Bremer Viertel hätte sich mit der Frankfurter Skyline messen können. Bremen-Tenever stünde im Ostertor. Das Kottbusser Tor in Kreuzberg wäre nichts gegen den Sielwall.
Am Abend des 4. Dezember 1973, ein Dienstag, ist die Sache durch. In einer hitzigen Sitzung beschließt die SPD-Bürgerschaftsfraktion mit der knappen Mehrheit von 26:24 Stimmen, das Quartier niederzureißen und fast vollständig neu zu gestalten. Die SPD regiert allein. CDU und FDP sind eh dafür.
Multifunktionale Stadtgroßform
Die vierspurige „Mozarttrasse“ vom Rembertikreisel bis zum Flughafen ist dabei nur der kleinste Teil des ambitionierten Megaplans. Es geht um die neue Stadt, um Sachlichkeit, Rationalität, Moderne. Gleich mehrere Städteplaner sind auf das Projekt angesetzt. Sie wollen Leben und Freizeit und Arbeit im Stadtkonzept voneinander trennen und die einzelnen Bereiche durch Autotrassen miteinander verbinden. Vorbild sind, wie der damalige Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) herausstellt, die Ideen von Le Corbusier, Übervater des Städtebaus der 60er Jahre. Neubaupläne gibt es viele, besonders vorangetrieben von der „Bremer Treuhand“ und der „Neuen Heimat“ – zwei Wohnungsbaugesellschaften, die nach dem Krieg anfangen, das Viertel aufzukaufen und unter sich aufzuteilen. Alte Filmaufnahmen zeigen, wie Beamt:innen des Bonner Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städteplanung in Bussen wie Tourist:innen den Ostertorsteinweg entlangchauffiert werden. Ludwig Gregord, Chefplaner der Bremer Treuhand, gibt am Mikrofon den Fremdenführer: „Sie sehen hier links und rechts, das ist nicht mehr zu halten, das wird alles dem Erdboden gleichgemacht.“
Wir stapfen durch das Milchquartier. Die Berliner:innen lästern über die hohen Bremer Kaffeepreise und erfreuen sich an einem Kätzchen, das seelenruhig auf dem Pflaster [eines Fußgehwegs] zwischen Löwenzahn und Vergissmeinnicht döst. Hilde, die seit ein paar Jahren nicht mehr in Hastedt, sondern in einer Prenzelberger Atelierwohung lebt, schaut entzückt durch die Fenster des Wiener Hof Cafés. Drinnen hat sich seit 1973 nichts mehr verändert. Jedes Bild hängt noch an derselben Stelle. Wie Fische in einem Aquarium steuern die immergleichen Figuren durch den hell erleuchteten [Raum].
Die Treuhand hätte damit Schluss gemacht. Weg mit den holperigen Gässchen, den handtuchbreiten Häuschen, den feuchten Hinterhöfen. Stattdessen: eine Asphaltpiste vom Rembertikreisel stracks nach Süden, vierspurig über die Weser, links und rechts davon bis zu 30-geschossige Türme, eine Hochhauslandschaft von der Schleifmühle bis zum Osterdeich, von den Wallanlagen bis zur Lüneburger Straße. „Multifunktionale Stadtgroßform“ betitelt das Städtebauinstitut Nürnberg sein Konzept, hinter der – „nur für den Dienstgebrauch“ – skizzierten imposanten Silhouette ragen gerade noch die Domtürme empor. Als Ost-West-Verbindung, zur Entlastung des Osterdeichs, schlagen die Planer eine weitere Straße durch das dicht bebaute Quartier, die sich über den Körnerwall bis zur Lüneburger Straße zieht. Was dafür alles weichen muss, hat das Stadtplanungsamt im Zuge einer Ortsbegehung bereits penibel kartiert.
Es wird kein Zufall gewesen sein, dass die Grundlage für das große Abräumen aus Hannover kommt, der Stadt, die bis heute als Musterbeispiel für städtebaulichen Kahlschlag gilt. Professor Wilhelm Wortmann, dort ansässiger Stadtplaner, liefert im Auftrag der Treuhand ein „Gesamtkonzept“ fürs Bremer Viertel. Ergebnis: Große Teile des Ostertors und Steintors seien nicht mehr zu halten und müssten komplett erneuert werden. Wer heute von der Kreuzung Dobbenweg/Bismarckstraße zum Rembertikreisel geht, kann die ersten Umsetzungen dieser Pläne bewundern.
Das Bremen der 60er Jahre ist eine aufstrebende Stadt. Die Werften pumpen Geld in die Kassen. Die Einwohner:innenzahl könnte sich verdoppeln, glaubt man, Bremen sich zur norddeutschen Metropole entwickeln, mit Platz für mindestens 800.000 Menschen. Hierfür braucht es Wohnraum, am besten innenstadtnah, modern und hochgeschossig – zumal die Kriegsschäden noch immer für Wohnungsnot sorgen. Schon in den 30ern gilt das von Einzelhandel und engen Gassen geprägte Viertel als überplanbarer Bereich, als Spielwiese für [Stadtplanung]. Kurz nach Kriegsende verhängt der Senat einen Sanierungsstopp für das gesamte Ostertor/Steintor und gibt das Quartier damit bewusst dem Verfall preis. Die Alteingesessenen finden sich mehr oder weniger mit dem bevorstehenden Abriss ab.
Das wird alles dem Erdboden gleichgemacht
Filmaufnahmen zeigen traurige Bilder von alten Bewohner:innen, die sich für wenig Geld haben enteignen lassen, etwas wehmütig in die Umzugswagen steigen und zum Abschied in die Kamera winken. Der Wert ihrer ehemaligen Häuser, am Rande bemerkt, vervielfacht sich in den Folgejahren. Faktisch sind die Immobilien damals für ’n Appel und ’n Ei zu haben. Manche ihrer heutigen Besitzer:innen sind erstaunlich hellsichtig gewesen.
Die Berliner:innen und ich stehen an der trüben Weser. Wer hier, mitten in der Stadt, mit dem Rücken zum Viertel auf den Stadtwerder guckt, könnte ebenso gut irgendwo in der niedersächsischen Provinz auf das andere Flussufer schauen. „Das da drüben ist die wahre Bremer City“, stichelt Markus, der schon Anfang der 90er nach Berlin geflüchtet ist: „Eine Kleingartensiedlung mit Holzhäusern und Vereinsheimen.“
Ich bin zu müde, um dem seltsamen Impuls nachzugeben, die Kleingartenanlage, in der eine befreundete Studi-WG neuerdings auch eine Parzelle mietet, zu verteidigen. Hilde springt mir bei. „Im Sommer ist es dort sehr schön“, sagt sie: „Und außerdem leben da angeblich seltene Vogelarten.“ Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin! Wir trotten flussaufwärts zurück zum Sielwall.
Borgward geht bald nach dem Krieg pleite. Der Motorisierung tut das keinen Abbruch. Bremens Antwort darauf ist die Trassentangente: eine Autobahn rings um die Innenstadt. Anfang der 70er steht die Hochstraße am Hauptbahnhof vor ihrer Vollendung. Im Westen schließt sie mit dem monströsen Nordwestknoten an die neubetonierte Weserquerung an. Im Süden sorgt die mehrspurige Neuenlander Straße für freie Fahrt. Was fehlt, ist die Spange im Osten. Da ist das Viertel im Weg.
Immerhin: Mit dem Rembertikreisel sind auch hier die ersten Schritte getan. Wo heute Autos ebenso lustig wie sinnlos um eine riesige Wiese im Kreis fahren, leben in den 60er Jahren noch Menschen. Dann rollen die Bagger an, fressen sich durch die Häuser. Ganze Straßenzüge fallen ihnen, wie die Wilhelmstraße, vollständig zum Opfer, andere, wie die Bohnenstraße, in Teilen. Von der Sonnenstraße stehen bloß noch Reste. An der Meinkenstraße reißen die Planer im hinteren Teil die komplette westliche Häuserfront weg. Den Bewohnern der östlichen Straßenseite, heute Eduard-Grunow-Straße, asphaltieren sie eine Autobahn vor die Wohnzimmerfenster. Diese Fakten zeigen jedem, was im Viertel nun folgen soll.
Niedrige Mieten und die Nähe zur Innenstadt machen das Ostertor zunehmend interessant für junge Leute. Ein Vergnügungsviertel entwickelt sich. Die Stadt schaut skeptisch auf ein sich langsam etablierendes Rotlichtmilieu und auf ein aufkeimendes Lebensgefühl, das später einmal die 68er-Bewegung genannt werden wird und das hier anfängt, sich eine neue Heimat aufzubauen. Rudi Dutschke spricht in der Lila Eule, die Fahrpreiserhöhung der Straßenbahn eskaliert zum Straßenkampf und macht bundesweit Schlagzeilen. Junge Bremer Genoss:innen um Olaf Dinné fangen an, die Kommunalpolitik für sich zu entdecken. „Sollten wir weiterhin Demos gegen die Amis in Vietnam, die Russen in der CSSR oder die Notstandsgesetze machen?“, fragt Dinné im Rückblick: „Es zeigte sich, dass wir uns im eigenen Viertel mal genauer umsehen sollten!“
Vom Vietnam-Krieg zum Trassenkampf
Und sie sehen sich um. Als erstes unterwandern sie den für das Viertel zuständigen SPD-Ortsverein Altstadt und machen Front gegen das Stadtumbauprojekt. Zwar sitzt kein Heiner Geißler mit am Küchentisch der Mozartstraße 5 – hier hat der Ortsverein seinen Sitz –, es gibt weder Wasserwerfereinsatz noch Großdemonstrationen. Die Parallelen zu Stuttgart 21 sind dennoch offenkundig. Hier wie dort weisen die Befürworter auf die demokratische Legitimation der seit langem verfolgten Planungen hin. Sie führen infrastrukturelle Notwendigkeiten ins Feld. Nicht zuletzt wird offenbar, wie viel Geld schon geflossen ist und wer welche Gewinne einberechnet hat. Wie beim Konflikt um Stuttgart 21 sind große Teile der Bevölkerung gegen das Projekt. Ludwig Gregor von der Treuhand bringt dies in einer Fernsehdebatte auf den Punkt, als er die Unwilligkeit der Eigentümer:innen beklagt: „Das Grundproblem im Ostertor ist doch zweifellos: Wir müssen in den Besitz der Grundstücke kommen.“
Die Stimmung im Viertel kippt. Mehr und mehr gehen die Anwohner:innen auf Konfrontationskurs. Nach einer Umfrage des Arbeitskreises Ostertor sind 95 Prozent von ihnen gegen das Projekt. Ein Umbau-Plan folgt auf den nächsten, begleitet jeweils von Widerstandsaktionen seitens der Gegenseite. Jahrelang geht das so. Legendär eine Bürger:innenversammlung im Chorprobensaal des Goethe-Theaters im Juli 1973 mit über 800 Teilnehmende: Spätestens jetzt ist klar, dass die Bewohner:innen des Viertels keines der Großbauvorhaben akzeptieren. Dessen ungeachtet bestätigt die SPD-Fraktion das Projekt – an ebenjenem Dienstagabend, dem 4. Dezember 1973.
Das Viertel ist geschockt. Es gibt viele Theorien darüber, was in der Nacht nach diesem Beschluss geschieht. Die populärste besagt, dass der damalige Fraktionsvorsitzende Walter Franke zuhause beim Abendbrot von seiner Frau dermaßen zusammengefaltet wird, dass er am nächsten Tag seine Fraktion ein weiteres Mal einberuft und zur Umkehr zwingt. Die wahrscheinlichere ist, dass die Abgeordneten und der Senat noch in der Nacht realisieren, dass sie diesen Beschluss gegen die Bevölkerung nicht durchhalten können, und kalte Füße bekommen. Wie auch immer: Jedenfalls tagt die Fraktion am Mittwoch erneut. Um 15 Uhr hat sie das erst am Vorabend beschlossene Projekt wieder vollständig gekippt – einstimmig, bei elf Enthaltungen.
Offiziell behaupten die Abgeordneten, die Kosten hätten sich über Nacht verdoppelt, womit sich eine neue Beschlussgrundlage ergeben habe. Den Wohnungsbaugesellschaften stellt der Senat unbürokratisch die Wiesen in Tenever zur Verfügung – wo diese sich umgehend an die Umsetzung ihrer Ideen machen.
Die Party in dieser Nacht im Ortsverein in der Mozartstraße 5 endet in einem grandiosen Besäufnis. Das Viertel ist gerettet.
Nicht so die SPD. 1979 zieht Dinné mit der Grünen Liste in die Bürgerschaft ein – das erste Landesparlament der Grünen –, macht der SPD die Macht streitig und fällt mit zum Teil überraschend konservativer Politik auf – bestrebt, das Viertel zu dem Hort der Ruhe und des Friedens zu machen, das es schlussendlich geworden ist: ganz ohne Hochhäuser, mit kleinen Läden, verkehrsberuhigten Spielstraßen, schicken Geschäften, Einkaufsgenossenschaften und Biosupermärkten. Aneinander geraten die Viertel-Schützer immer wieder mit Punks, McDonalds, Autonomen, Junkies und anderen, die nun ihrerseits versuchen, sich das Ostertor zu eigen zu machen.
Seit jeher gibt es im Viertel unterschiedliche Meinungen über die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Ende 2010 startet eine neue Initiative mit dem richtungsweisenden Namen „Business Improvement District“. Initiatoren sind Geschäftsinhaber, die das Quartier in ihrem Sinne aufwerten wollen. Unter anderem ziehen sie gegen Graffiti zu Feld, wollen das Viertel sauber und attraktiv für auswärtige Kundschaft machen: Das Dorf soll sich rausputzen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Mieten steigen. Wer sie nicht zahlen kann, flüchtet nach Walle oder in die Neustadt. Mit dem „Planet Boy“ schließt im Sommer 2009 das letzte alternative Café. Das subkulturelle Image des Viertels ist endgültig nur noch Legende.
Einzig der Gründungsmythos lebt weiter: Der Widerstand gegen die Mozarttrasse ist nach wie vor identitätsstiftend. Das Viertel versteht sich noch heute als gallisches Dorf gegen ein übermächtiges Rom. Wo sonst in Bremen kippen Bürger einen Drive-In und spielen nachts auf einer Straßenkreuzung Fußball?
Wir sitzen wieder im selben Lokal und trinken den zweiten Kaffee. Draußen laufen immer noch alte Bekannte vorüber. Es fängt an zu regnen. Die Lichter der Geschäfte spiegeln sich in den schmutzigen Pfützen. Der Sielwall leert sich. Wir reden über Werder und das Wetter und darüber, dass ein paar 30-stöckige Hochhäuser vielleicht doch so schlecht nicht wären. Denn vielleicht wäre Bremen dann eine richtige Großstadt geworden. Und nicht ein großes Dorf mit Straßenbahn.


