Ausgabe

#135 Werder

Zeitschrift mit Titel "Die Zeitschrift der Straße" zeigt Mann mit Besen und Kehrblech auf Stadiontribüne neben Ordner mit signierten Fußballspielerkarten

Titelfoto: Tim Lachmann / Hintergrundfoto: Beate C. Koehler

EDITORIAL: Vom Feeling her ein gutes Gefühl

Liebe Leser:innen,

das wäre ja was geworden: Während wir fröhlich diese Ausgabe vor uns hinproduzierten, Interviews führten, Fotos machten, Illustrationen zeichneten – verlor Werder Spiel um Spiel und rutschte immer tiefer in den Tabellenkeller. Und so hielten nicht nur die zunehmend mürrischen Fans den Atem an, sondern irgendwann auch wir: Die werden ja wohl nicht absteigen, jetzt, wo wir so ein schönes Heft über sie machen?! Seit den Siegen gegen Heidenheim und Union sind zumindest wir wieder deutlich entspannter – na bitte, geht doch. Wir jedenfalls glauben an den Klassenerhalt. Und Sie vermutlich auch, sonst hätten Sie das Heft vielleicht gar nicht gekauft, das Sie jetzt in den Händen halten. Werder also. Mal keine Straße, sondern ein Heft über einen Verein, der diese Stadt prägt wie kein zweiter.

Der viel mehr ist als nur Fußball, auch wenn das die schönste Nebensache der Welt ist und bleibt. Ohne die Putzteams aber, die nach jedem Spiel das Stadion wieder blitzsauber machen, wäre alles nichts. Wir haben sie einen Vormittag begleitet (S. 8). Warum wir auf den Rängen brüllen, hat uns Soziologe Kristian Naglo erklärt (S. 28). Warum wir nicht nur brüllen, sondern auch singen, und was das mit uns macht, haben wir selbst ausprobiert und dann mit dem Werder-DJ besprochen – der hat’s übrigens auch nicht immer leicht (S. 12). Für unsere Bildstrecke haben uns Werder-Fans ihre Heiligtümer offenbart: Sie zeigten uns ihre Tattoos an Armen und Beinen, ihre beeindruckende Trikot- und Gartenzwergsammlung und Alben voller Autogramme. Zu sehen gibt’s das in unserer Bildstrecke (S. 14).

Nicht Grün-Weiß, sondern Rot-Weiß sind die Farben von Rapid Bukarest. Warum das wichtig ist? Weil unser Verkäufer Florin Radu einst selbst dort gespielt hat (S. 30). Ein Heft voller Leidenschaft und Expertise also – wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!

Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt (mit Leseproben):

NACHSPIELZEIT

Wenn die Party vorbei ist, kommt der Putztrupp. Wir haben ihn begleitet

Reportage


Text: Christiane Mache / Fotos: Tim Lachmann

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – hier passt die abgedroschene Formel endlich mal. Wie es nach dem Spiel im Stadion so aussieht und vor allem wer das alles wieder sauber macht, haben wir uns vor Ort angesehen

Es ist 9 Uhr an einem Montag im Februar. Zwei Tage nach dem Spiel Werder gegen Bayern – und eine Stunde nach der verabredeten Uhrzeit. Der Schnee hat alle morgendlichen Aktivitäten verlangsamt. Auch jetzt fällt noch ein unermüdlicher Schleier feiner Flocken. Der Räumdienst vor dem Stadion ist schon unterwegs, hat aber offensichtlich noch viel Arbeit vor sich. Am Fan-Shop wartet Herr Bayram. Die Kapuze seiner Jacke dicht um den Hals gezogen, auf dem Kopf eine warme Mütze. Die beste Arbeitsbekleidung für heute. Mit unserer Verspätung hat er ein Nachsehen – seine Kolleg:innen sind auch noch nicht lange da. Der Schnee. (…)

IN DEN HÖCHSTEN TÖNEN

Fankultur und Gesang gehören zusammen wie Fuß und Ball.
Woher kommt das?

Feature


Text: Ulrike Plappert

Fankultur und Gesang gehören zusammen wie Fuß und Ball. Um Schönheit und stimmliche Präzision geht es dabei allerdings höchstens am Rande

„Du wohnst in Peterswerder? Dann kriegst du ja viel vom Werder-Trubel mit“, höre ich manchmal mit mitleidigem Unterton. Dabei wohne ich gerne da. Störfaktoren wie Parkprobleme an Spieltagen, Wasserlassen in Vorgärten oder unangenehme Geräusche von alkoholisierten Fans bekommen Anwohnende nah am Werder-Pfad mit, der von Kneipen und Ständen mit Außenbewirtschaftung an Spieltagen gesäumt ist. „Olé-Olé-Oléee“, beseelt gesungen oder gegrölt, trägt der Wind auch weiter. (…)

LEBENSLANG GRÜN-WEIß

Bildstrecke


Fotos: Beate C. Koehler

Einmal so geliebt werden wie ein Fußballverein von seinen Fans: Das wär’s!

HALT UND HALTUNG

Die Fanbeauftragten im Interview

Interview


Text: Andrea Schweers / Foto: Norbert Schmacke

Dass Werder ein besonderer Verein ist, muss man in Bremen niemandem erzählen. Aber ein bisschen genauer wollten wir schon wissen, was hier anders läuft als bei anderen. Ein Gespräch mit den Fanbeauftragten Julia Düvelsdorf und Jermaine Greene

Zeitschrift der Straße: Vorab erst mal: Was machen eigentlich Fanbeauftragte?

Julia Düvelsdorf: Als Bindeglied zwischen Fans und Verein haben wir großen Anteil am fairen Verhältnis zwischen allen Interessengruppen. Wo Fans betroffen sind, fängt unsere Arbeit an. Wir bilden die Schnittstelle zwischen den Akteur:Innen. Am Spieltag und in der Woche stehen wir im Austausch mit verschiedenen Ansprechpersonen und Zielgruppen und sind dabei in unserer Funktion in einer besonderen Situation: Wir sind „Vermittler:innen, Anlaufstation und Expert:innen“ von eigenen und fremden Botschaften zwischen Fans, Verein, Sicherheitsorganen, Medienvertreter:innen zugleich und bilden somit einen Kommunikations-, Dreh- und Angelpunkt.

Jermaine Greene: Damit tragen wir auch Verantwortung dafür, dass die Spiele möglichst deeskalativ und sicher ablaufen, zufriedenstellend für alle Parteien. Das heißt, die Fans sollen ein schönes Erlebnis haben, aber die Sicherheitskräfte möchten auch nicht überlastet werden, die Polizei möchte über Jahre hinweg vielleicht weniger Einsatzkräfte im Stadion haben. Wir versuchen, zwischen allen Interessen zu vermitteln. Das ist nicht immer einfach. Unsere Rolle setzt ganz viel Vertrauen voraus. (…)


Illustration: Lucy Hollwedel

Tore zählen kann jeder. Hier kommen die wirklich wichtigen Daten und Fakten

„IM STADION SIND ES INSZENIERTE EMOTIONEN“

Soziologe Kristian Naglo über Gefühle und Fußballkultur

Interview


Interview: Frieda Ahrens

Warum flippen wir so schnell aus, brüllen auf den Rängen oder den Fernseher an? Ein Interview mit dem Soziologen Kristian Naglo über Emotionen und die Fußballkultur

Warum werden Menschen so emotional beim Fußballschauen?

Kristian Naglo: Ich denke, dass Emotionen beim Fußball mit der allgegenwärtigen Körperlichkeit des Spiels einhergehen. Je unkontrollierter die Körperlichkeit, desto größer die Emotionen – auch im Stadion. Im Stadion kann man jedoch von inszenierter Emotion ausgehen. Alles, was kollektiv auf den Rängen passiert, ist irgendwie geplant. Es folgt Mustern, zum Beispiel die Gesänge oder Choreos. Es gibt aber natürlich auch die Emotion, die uns kurzfristig mitreißt. Die springt auf bestimmte, unvorhergesehene Situationen an, die auf dem Platz stattfinden. Zum Beispiel, wenn das entscheidende Tor fällt, das das Weiterkommen der Mannschaft sichert, eine strittige Elfmeterentscheidung oder Ähnliches. (…)

„ABER EINE HALBE STUNDE TRAURIGSEIN IST GENUG“

Unser Verkäufer Florin Radu spielte einst selbst – bei Rapid Bukarest

Verkäuferporträt


Protokoll: Ulrike Plappert / Foto: Wolfgang Everding

Es kann sein, dass Ihnen unser Verkäufer Florin Radu aus Rumänien bekannt vorkommt, denn wir haben ihn hier schon einmal porträtiert. Aber in diesem Werder-Heft erfahren Sie vor allem etwas über sein Verhältnis zum Fußball

Ich verkaufe die Zeitschrift der Straße nun schon fast fünfzehn Jahre. Es gibt keine Arbeit in Rumänien, darum bin ich schon so lange hier. Meine beiden Verkaufsplätze sind in Schwachhausen nahe dem Kino Gondel und beim Rewe an der Wachmannstraße. Mich kennen sehr viele Leute. Meine Verkaufszeiten sind von morgens neun Uhr bis in den Nachmittag. Jetzt, wo wir gerade sprechen, schneit es seit Wochen und der Winter hört nicht auf. Aber ich habe dicke Sachen an und bin immer da. (…)

Ab dem 7. April 2026 bei unseren Verkaufspersonen auf Bremens und Bremer­havens Straßen erhältlich!

Die Verkaufspersonen der Zeitschrift der Straße haben fest zugewiesene Verkaufsplätze. An diesen Standorten können Sie unsere Verkaufenden antreffen:

Vollbildanzeige

Sollten Sie wider Erwarten keine Verkaufsperson antreffen, können Sie Ausgaben in Ausnahmefällen online per Einzelbestellung erwerben. Die aktuellste Ausgabe ist jedoch nur auf der Straße zu erwerben.

Für alle Auswärtigen sowie für Bremer Vereine, öffentliche Einrichtungen, Kneipen, Cafés, Hotels, Arztpraxen, Frisiersalons, Anwaltskanzleien etc. gibt es die Zeitschrift der Straße übrigens auch im Abo.