Autor: Michael Vogel

„DER GANZE TIEDEN-QUATSCH HAT MICH GENERVT“

#62 WESER – Ein Gespräch über Delfine, das Wohnen an Bord und die Frage, warum es so schwer ist, als Frau Binnenschifferin zu werden   Der Museumshaven Vegesack sieht an diesem Tag leer aus: sieben größere Schiffe liegen an den Stegen. Im Schatten des verlassenen Einkaufszentrums Haven Höövt ziehen ein paar Jugendliche gelangweilt ihre Runden. Die „Noortje“ sieht man erst, wenn man direkt an der Hafenmauer steht. Ihre Besitzerin Rega Kerner richtet sich gerade für ein Wochenende auf dem Boot ein. Kerner, die sich selbst auch als „Berufesammlerin“ bezeichnet, verbindet ihre Leidenschaft für die Binnenschifffahrt mit der Schriftstellerei. In ihren beiden Romanen „Schiffschwein Spekje“ und „Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße“ erzählt sie von ihrem Schiff. Und davon, wie es ist, sein Leben an Bord mit einem Minischwein zu teilen. Frau Kerner, heißt es Schiff oder Boot? Gute Frage! Da scheiden sich die Geister. Für einen Berufsschiffer sind das hier Boote, genauso wie alles, was privat so rumtöppelt: Ein Schiff ist ein großes Fracht-, See- oder Binnenschiff. Das ist aber immer eine Frage des Blickwinkels. …

#61 BAUMWOLLBÖRSE

EDITORIAL: Von Ballen und Brunnen Irgendwas mit Baumwolle sollten wir machen, haben sie uns an der Uni gesagt, genauer: ein Heft, das zu ihrem Schwerpunkt „Global Cotton“ passt. Da ist die Auswahl an Orten, die in Bremen infrage kommen, nicht so groß. Zuerst denkt man vielleicht noch an die Wollkämmerei in Blumenthal – aber die ist ja schon mal mit einer Ausgabe gewürdigt worden; und außerdem ging es da ja vor allem um Schafwolle. Also waren wir mit den StudentInnen unseres Sommersemester-Seminars, meist angehende KulturwissenschaftlerInnen, an der Baumwollbörse. Dort wollten die einen erst mal Paternoster fahren und mit dem netten Portier quatschen (Seite 8), während andere schon an dem Brunnen vor dem Hause stehen blieben (Seite 10), bei dem es zwar Kunst, aber wieder mal kein Trinkwasser für Obdachlose gibt. Und während sich die Männer für einen echten Detektiv (Seite 22) oder einen durch Burnout geläuterten Manager interessierten (Seite 18), beschäftigten sich die Frauen lieber mit anderen Frauen, beispielsweise mit denen der feministischen Rechten, die sich im Sommer vor der Baumwollbörse regelmäßig zusammenfand (Seite 14). …

EIN HAPPY END DANK LAIKA

#61 BAUMWOLLBÖRSE – Ein Treffen mit Pauli, einem unseren ersten Verkäufer   Nicht alle bei uns kennen Pauli, wohl aber seinen Hund: Laika. Die 14-jährige Mischlingshündin mit leicht angegrautem Fell um das Maul liegt friedlich auf einer Decke im Vertriebsbüro, als ich sie treffe, neben ihr Paulis Wanderrucksack. Auf ihr ruht während unseres Gesprächs sein Blick. Er trägt ein Käppi des FC St. Pauli, sein Erkennungsmerkmal. Seine linke Hand sieht wie aufgeblasen aus. Eine Folge des Heroinkonsums, sagt er, „das ist der Dreck aus dem Stoff“. Die Streckmittel in dem Stoff haben sich in seinen Adern abgelagert und könnten sie verstopfen. Trotzdem ist Pauli optimistisch: Alles war schon viel schlimmer. Es fing schon mit der Familie an: Sein Vater war ein gewalttätiger Zuhälter, der seine Mutter zur Sexarbeit zwang, bis sie sich mit ihrem eigenen Bremer Bordell selbstständig machte. Als Erstes von acht Kindern gebar sie Pauli, der viel Zeit im Bordell verbrachte. Trotzdem verurteilt er Prostitution: „Für mich ist das Menschenhandel.“ Sein Vater schlug auch ihn. Vielleicht hatte Pauli deshalb schon mit 13 ein …

#60 SCHLOSSPARK

EDITORIAL: Frau Oetgen und Herr Jaß Wir sind stolz. Und etwas traurig! Denn wir erinnern uns an viele wunderbare Texte von Jördis Früchtenicht, Eva Przybyla und Björn Struß. Aber irgendwann ist so ein Studium eben zu Ende. Und die Zeitschrift der Straße ist ein Lernprojekt, da muss man seine Leute eben ziehen lassen. Also freuen wir uns sehr, dass sie nun Karriere machen und sich in der großen Konkurrenz um ein Volontariat beim Weser-Kurier beziehungsweise den Kieler Nachrichten durchgesetzt haben. Wir hätten sie auch eingestellt! Wir gewöhnen uns bereits an die Zeit danach: In diesem Heft sind sie nicht dabei, alle drei nicht. Dafür waren wir mit anderen hoffnungsvollen AutorInnen in Sebaldsbrück unterwegs, rund um den Schlosspark. Wir haben gleich zwei leer stehende Schulen besucht (Seite 24) und eine der ältesten Bewohnerinnen des Stadtteils: Die heute 93-jährige Frau Oetgen kam einst als junge Braut hierher, in eine Genossenschaftssiedlung (Seite 8). Wir waren in einer Villa für besondere Menschen (Seite 12), in einem Hundesalon (Seite 16) und bei Leuten, die Angst haben, dass bei ihnen eingebrochen …

SEELISCH ERSCHÜTTERT

#60 SCHLOSSPARK – Wie die Villa Wisch Menschen mit psychischen Erkrankungen Struktur, neue Chancen und viel Selbstbewusstsein gibt: ein Hausbesuch   „Natürlich“, sagt Stephan Jürgens, „kann man auch ohne ärztliches Attest in die Villa Wisch kommen.“ Das Anwesen liegt ein paar Meter hinter den anderen Hausfassaden in der Sebaldsbrücker Heerstraße, mit einem kleinen Garten und hohen Bäumen vor dem Haus und einer schweren hölzernen Eingangstür. Von außen deutet nur das Schild darauf hin, dass hier eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Jürgens ist ihr Leiter. „Es ist ein Begegnungsort“, sagt er. 60 bis 70 BesucherInnen kommen und gehen jeden Tag. Es gibt eine Küche, ein großes Esszimmer für alle, ein Café, in dem Zeitungen ausliegen oder Bilder ausgestellt werden, und ein Arbeitszimmer mit Computern. Im ersten Stock sind der Büroservice und eine Textilwerkstatt angesiedelt – hier arbeiten nicht nur die Festangestellten, sondern auch allerlei Injobber; auch im Garten gibt es verschiedene Arbeitsplätze zu vergeben, oder Hausmeistertätigkeiten. „Der Grundgedanke ist, dem Tag eine Struktur zu geben“, sagt Stephan Jürgens. Menschen, die dauerhaft psychisch erkrankt …

#59 LINDENHOF

EDITORIAL: Von Bärten und Büchern Nein, sagt die Studentin, in Walle sei sie noch nie gewesen. Dabei komme sie ja aus Bremen! Aber was ist dann erst mit Gröpelingen? Das ist ja noch viel weiter draußen, schon fast Bremen-Nord, und kurz vor diesem Bremerhaven. Für viele BremerInnen ist das eben immer noch sehr weit weg, in jeder Hinsicht. Und anderswo ist der Stadtteil noch als das bekannt, was man früher einen „sozialen Brennpunkt“ nannte. Weil das aber zu sehr nach Drogen und Gewalt klingt, heißt das heutzutage „Quartier mit besonderem Entwicklungsbedarf“. Um jener Welt einmal näherzukommen, waren wir jetzt also in der Lindenhofstraße, da, von wo aus man früher zu „Use Akschen“ ging. Dort fanden wir eine innovative Bibliothek, die immer weniger mit Büchern zu tun hat und gerade darum so gut ist (Seite 8). Wir haben uns den Bart stutzen lassen, um bei der Gelegenheit mit den Menschen ins Gespräch zu kommen (Seite 20), und einen alten Stuhl in die Recycling-Börse gebracht, um die Wegwerfgesellschaft mal aus einer anderen Warte zu betrachten (Seite 12). …

IN DEN HÄNDEN DES APO

#59 LINDENHOF – Ein Besuch beim Frisör Abdullah Bozkir, der einst auf der Suche nach einem besseren Leben nach Gröpelingen kam   Ich spüre die Klinge an meinem Kehlkopf. Sie schabt Rasierschaum und Bartstoppeln von meiner Haut, wandert Strich für Strich den Hals entlang. Ich möchte etwas sagen. Traue mich aber nicht. Bloß keine falsche Bewegung riskieren. Mein Kopf liegt im Nacken. Statt in den Spiegel blicke ich an die Decke. Angestrengt bewegen sich meine Augen abwärts, um doch mein Spiegelbild zu sehen, um doch irgendwie die Arbeit an meiner Pulsader zu beaufsichtigen. Doch ohne Brille ist das zwecklos. „Keine Sorge, ich pass’ auf“, sagt der Mann, der die Klinge führt. Es gelingt ihm, mir einen Teil meiner Anspannung zu nehmen. Seine Handbewegungen sind schnell, sicher, routiniert. Unzählig viele Männer haben sich schon Apos Klinge anvertraut. Der 44-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Friseur, seinen Herrensalon „Apo’s Haircut“ an der Lindenhofstraße eröffnete er vor neun Jahren. Hier, zwischen Moschee und Gemüsehändler, treffen sich Männer jeden Alters. Von millimeterlanger Stoppeloptik bis hin zum voluminösen Vollbart ist …

DIE UNI DER STRASSE

Liebe Besucherin. lieber Besucher, wir haben die reguläre Website der Uni der Straße vom Netz genommen, bis sie den neuen europäischen Datenschutzregeln entspricht. Bis dahin bieten wir Ihnen auf dieser provisorischen Seite die wichtigsten Informationen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Download: das aktuelle Semesterprogramm als PDF Wenn Sie an Veranstaltungen teilnehmen möchten, bitten wir um eine Anmeldung, entweder telefonisch (0421 17540580) oder per E-Mail an Cory Patterson (patterson@imhb.de). Schauen Sie bald wieder vorbei. Unser „Provisorium der Straße“ ist nur von kurzer Dauer.   Hintergrundfoto: Per Gosche/flickr.com

#58 FEDELHÖREN

EDITORIAL: Zwei Teile, eine Straße Was die Weser für Bremen, ist der Rembertiring für den Fedelhören: Er teilt die unaufdringlich schöne Straße in zwei Hälften – wir haben sie beide besucht. In der südwestlichen geht es recht mondän zu, hier findet man einen Hotspot des Antiquitäten- und Kunsthandels. Unser Autor Björn Struß hat bei der Gelegenheit probiert, etwas Geld zu verdienen (Seite 8). „Klaviere Backhaus“ hatten wir einen letzten Besuch abgestattet, bevor das Traditionshaus nach fast vier Jahrzehnten dicht gemacht hat (Seite 14). Im nordöstlichen Teil des Fedelhören, wo es ruhiger zugeht, kommen auch Menschen mit ganz wenig Geld auf ihre Kosten: in der Teestube Hoppenbank (Seite 26). Wer will, kann sich aber auch mit Leib und Seele nach Italien entführen lassen (Seite 12). Und dann möchten wir noch kurz Werbung in eigener Sache machen: Seit vier Wochen läuft das Sommersemester der Uni der Straße. Das Schwerpunktthema ist dieses Mal Wasser, mit Vorträgen zu Trinkwasser und Küstenschutz sowie einer Exkursion zum Weserkraftwerk. Das gesamte Programm finden Sie im Netz unter http://uni-der-strasse.de/programm. Einige werden es bemerkt …

VIEL MEHR ALS NUR TEE

#58 FEDELHÖREN – In einer neuen Serie stellen wir Einrichtungen vor, die unser sozialer Stadtrundgang „Perspektivwechsel“ besucht. Heute: das Haus Fedelhören.   Unscheinbar wirkt der Eingang der Teestube, zwischen all den großen, stattlichen Häusern im Fedelhören, grau und niedrig. Es ist ein Ort, an dem eilige PassantInnen schnell vorbeihasten. Aber die gehören ja auch nicht zum typischen Klientel der Teestube. Gegründet wurde sie einst für ehemalige Strafgefangene – auch als tagesstrukturierende Maßnahme –, inzwischen kommen aber auch Hartz-IV-EmpfängerInnen und RentnerInnen, die wenig Geld haben. Sie kommen zum Essen, zum Reden, zum Schachspielen oder um die Lokalzeitung zu lesen. Seit einiger Zeit dürfen allerdings nur noch nachweislich bedürftige Personen hier essen: „Wir beschäftigen auch Ein-Euro-Jobber, und die dürfen nur für Bedürftige arbeiten“, sagt Hermann Smidt, der Leiter der Teestube. „Das hat auch was mit Wettbewerbsverzerrung zu tun, weil wir das Essen ja viel billiger herstellen können.“ Gleich nebenan ist „Das schwarze Schaf“, ein kleines Restaurant mit mediterraner Küche. „Das wir dem Konkurrenz machen, glaube ich aber nicht“, sagt Smidt, und lächelt. Ein Mittagessen in der Teestube …