Autor: Michael Vogel

„DAS GELD IST NICHT MEHR DA“

#66 AM DOBBEN – Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Zeit für ein Gespräch über gute alte Zeiten, neue Moden und darüber, was sein Darkroom mit Datenschutz zu tun hat . Herr Hug, ist das „Bronx“ ein Relikt aus einer vergangenen Zeit? Wenn sie noch rein schwul wäre: ja. Aber das Publikum ist seit zwei Jahren gemischt. Als ich anfing, kamen unter der Woche auch Frauen, aber am Wochenende war die Bar nur für Männer geöffnet. Das hat sich jetzt geändert. Kürzlich haben Sie 25-jähriges Barjubiläum gefeiert … Ja, ein bisschen. Es gab einen Kaffeeklatsch und wir haben ein paar Runden geschmissen, da war die Sache erledigt. Wie lange ist das „Bronx“ eigentlich schon in dem Zustand, in dem es heute ist? Schon 20 Jahre. Wir renovieren immer mal, aber der Stil ist gleich geblieben. Hat sich die Szene verändert, seit Sie das „Bronx“ betreiben? Ja. Alle sieben Jahre verändert sich das Publikum. Wer sind Ihre Gäste? Kommen auch junge Leute? Ich habe viele Stammgäste. Ab und zu kommen auch junge Leute, …

GEHT DURCH BREMEN MIT OFFENEN AUGEN!

Auf der Straße zu leben ist hart. Aber zu Beginn des Winters wird es für viele Obdachlose noch härter – im schlimmsten Fall lebensgefährlich.   Im Idealfall werden Menschen gar nicht erst obdachlos. Aber es passiert, und zwar Tausenden, in Deutschland. Als Vertriebskoordinator der Zeitschrift der Straße werde ich häufig von Freunden und Bekannten gefragt: Was kann ich tun in der kalten, nassen Jahreszeit? Wie kann ich helfen, wenn ich Obdachlosen auf der Straße begegne? Ganz klar, eine Tasse heißen Kaffee oder etwas Geld können nicht schaden. Wenn es sich um einen Verkäufer der Zeitschrift der Straße handelt, kauft ihm ein oder zwei Hefte ab. Ihr könnt die Person auch fragen, ob sie Hilfe benötigt; menschenfreundliche Ansprache ist immer gut. Aber ich möchte davor warnen, zu meinen, das wäre genug. Man sollte immer gucken, ob man mehr tun kann. Wer einen Obdachlosen im Winter auf der Straße schlafen sieht, kann den Rettungsdienst (112) alarmieren. Lieber einmal zu viel angerufen haben, als einen möglicherweise erfrierenden Menschen auf der Straße allein zu lassen. Auch der Verein für …

#65 NIEDERSACHSENDAMM

EDITORIAL: Szenen einer Nachbarschaft Die Frau lächelt mich freundlich an, ich spreche ihre Sprache nicht, und sie nicht die meine. Ihre Worte klingen freundlich, sie bedeutet mir, ein Foto zu machen; vermutlich wohnt sie hier in der Nachbarschaft, am Niedersachsendamm. Sie heißt Suna, schreibt sie mir auf einen Zettel, aber viel mehr erfahre ich nicht, eh sie weiter geht, immer noch mit einem Lächeln. Nachbarschaft war auch das Thema eines Tanztheater-Projekts in der Schwankhalle, an dessen Entstehung die Zeitschrift der Straße ein wenig beteiligt war – mit einem Coaching der NachwuchskünstlerInnen, die für ihr Inszenierung unter anderem in Huckelriede recherchiert haben. Den Text dazu finden Sie ab Seite 20. Auch Wolfgang Fischer kann viel über den Niedersachsendamm erzählen – seinen Kiosk dort betreibt er schon seit 1988. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten (Seite 8). Farhan Hebbo dagegen ist noch nicht so lange da – der Poet, der einst aus Syrien flüchten musste, zog 2015 in das Containerdorf am Ende der Straße. Und seine Gedichte liest er auch am Niedersachsendamm (Seite 24). Ein paar …

SPUREN HINTERLASSEN

#65 NIEDERSACHSENDAMM – Mit ihrem Verein erfüllen Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche . Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert wohnen in einem der neuen Reihenhäuser am Niedersachsendamm. Hier, wo die Wände in warmen Farben gestrichen sind und es nach frisch aufgebrühtem Früchtetee duftet, hat ihr Verein Herzenswunschambulanz seinen Sitz – vorübergehend: „Das soll sich noch ändern, aber wir stehen ganz am Anfang“, sagt Hauert fast entschuldigend. Seit Anfang 2016 ist die Herzenswunschambulanz ein eingetragener Verein, der schwer kranken und alten Menschen ihre Herzenswünsche erfüllen möchte. Koepsel, die in einem Bioladen im Beginenhof arbeitet, trug die Idee zehn Jahre mit sich herum: „Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz Brücke gearbeitet“, erzählt die 60-Jährige im Berliner Dialekt. „Ein Bewohner, ein ehemaliger Gärtner, wollte unbedingt noch einmal in den Rhododendronpark.“ Koepsel beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer Hospizbewohner – ebenfalls ehemaliger Gärtner – und eine Praktikantin kamen auch mit, und so stiegen sie zu viert in Koepsels Kombi. „Wie die zwei sich mit lateinischen Blumennamen hochgeschaukelt haben, das hat uns wirklich …

FROHE FESTTAGE UND EIN GUTES NEUES JAHR

Am Jahresende blicken wir immer zurück und fragen uns, ob es ein gutes Jahr für die Zeitschrift der Straße war, wodurch sich das Jahr ausgezeichnet hat und mit welchem Wort es sich zusammenfassen ließe. „Unauffällig“ wäre eine oberflächlich treffende Bezeichnung für 2018, denn Verkäuferzahl, Absatz, Erlöse und Spendenaufkommen bewegen sich etwa auf dem Niveau von 2017 und 2016. Wir haben kein neues Produkt lanciert, kein neues Büro bezogen und keine wesentlichen Veränderungen vorgenommen an der Art und Weise, wie die Zeitschrift der Straße funktioniert. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das „unauffällige“ Jahr 2018 jedoch als ganz positiv, gelang es doch, die Finanzierung der Uni der Straße zwei weitere Jahre lang zu sichern, Aktion Mensch sei Dank. Wir konnten einen tollen Kampagnen-Videospot veröffentlichen, den Bremerhavener Studierenden der Digitalen Medienproduktion sei Dank. Und wir konnten uns in einem schwierigen Umfeld behaupten. Schwieriges Umfeld? Ja, und zwar vor allem aus zwei Gründen. Erstens beanspruchten die AfD, rechte Gruppierungen und rechte Umtriebe so viel Aufmerksamkeit, dass Armut und Wohnungslosigkeit leicht aus dem politischen und medialen Blick geraten konnten. Zweitens …

#64 UNTER DER STRASSE

EDITORIAL: Unten ist das neue Oben Es ist nun schon das dritte Jahr in Folge, dass sich die Dezemberausgabe von ihren neun Vorgängerinnen des Jahres unterscheidet: 2016 und 2017 gab es vor Weihnachten je eine Fotoausgabe: die #44 BÜRGERWEIDE und die #54 LINIE 1. In diesem Heft finden Sie zwar wie gewohnt eine Mischung aus Texten und Bildern. Aber unsere Geschichten haben wir nicht auf der Straße gesucht, sondern darunter. So ein Perspektivwechsel soll ja ganz gut tun. Was haben wir also gefunden? Zunächst ist da eine Stadt unter der Stadt: Auf 2.300 Kilometern – was einer Strecke von Bremen bis nach Palermo entspricht – durchziehen die Abwasserkanäle das gesamte Stadtgebiet und transportieren unsere Hinterlassenschaften in die Klärwerke. Eine Errungenschaft, der wir mehr Jahre an durchschnittlicher Lebenserwartung verdanken als dem medizinischen Fortschritt (Seite 8). In der Bischofsnadel, der kleinen Einkaufspassage unter der Prachtstraße Am Wall, sitzt tagtäglich Kenny. Er lebt von dem, was ihm die Passanten in seine Schale werfen, und er lebt für seine Träume. Die meisten davon schreibt und zeichnet er in Notizbücher. …

AB HEUTE NICHT MEHR UNSICHTBAR

#64 UNTER DER STRASSE – StudentInnen der Hochschule Bremerhaven haben einen Kurzfilm für die Zeitschrift der Straße gedreht, der auf besondere Weise die Nöte obdachloser Menschen zeigt   Ein einsamer Held zieht durch eine zerstörte Stadt, ohne klares Ziel vor Augen, konfrontiert mit Brutalität und menschlicher Kälte, die diese Dystopie mit sich bringt. So beginnt der erste Kurzfilm der Zeitschrift der Straße. Im Mittelpunkt ein Mann, der alles, was er vor einiger Zeit noch als selbstverständlich ansah, verloren hat und nun um das bloße Überleben kämpft. Dabei steht er vor Fragen, die das Leben auf der Straße ihm Tag für Tag aus Neue stellt: Woher bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Wem kann ich überhaupt noch vertrauen? In einer Welt, in der alles zerstört wurde, ist der Mann im Film auf sich allein gestellt. Er streift umher, besorgt sich Nahrung und beobachtet die Kämpfe der anderen. Doch wer dieser einsame Held, gespielt von Michael Meyer, denn eigentlich ist, bleibt zunächst ungeklärt. Ist er tatsächlich ein Held? „Wie weit würdest du gehen?“, fragt …

AUF EIN BIER MIT DEM KRAKENMANN

#63 WARTBURGPLATZ – Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Büchern mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist   Direkt am Wartburgplatz in einer WG wohnt er, der Krakenmann. Ein Autor aus Walle, „eher ein kleiner Fisch“, wie er selbst sagt, aber sein autobiografisches Buch „Schlaflos in Walle“ hat sich in der Gegend rumgesprochen. Der Krakenmann ist 35 Jahre alt, Sozialarbeiter und behält seinen echten Namen gern für sich. Selbst in seinem Buch findet man keinen Hinweis darauf. Er trägt eine kleine Kette mit einer Krake um den Hals und seine langen Haare in einen Pferdeschwanz zurückgebunden, als wir uns im „Hart Backboard“ treffen. Eine der vielen kleinen und zwanglosen Kneipen, die er an Walle so schätzt. Auch in seinem Buch streift er durch die Bremer Kneipenszene, schreibt über seine Freunde, eskalierende Nächte und die Liebe. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, ist anstößig und provokativ. Seine Ausdrucksweise und detaillierten Beschreibungen sind nichts für Leser, die literarischen Anspruch oder politische Korrektheit schätzen. …

#63 WARTBURGPLATZ

EDITORIAL: Der Platz am Turm Sollten Sie nicht wissen, wo der Wartburgplatz liegt, dann stellen Sie sich vor, der 235 Meter hohe Waller Funkturm legte sich für ein Nickerchen ziemlich genau in südwestliche Richtung auf den Boden. Wäre der „Waller Spargel“ 23 Meter länger, kletterte er dadurch nicht nur in die Top Ten der höchsten deutschen Fernsehtürme, seine Spitze reichte auch genau bis zum Wartburgplatz. Dort, im Zentrum des Waller Westends, haben sich die AutorInnen dieser Ausgabe (allesamt TeilnehmerInnen an einem Schreibseminar der Zeitschrift der Straße an der Uni Bremen) auf die Suche nach Geschichten gemacht. Die Suche war nicht allzu schwer, der Wartburgplatz hätte auch für ein zweites Heft genügend Stoff geboten. In diesem Heft stellen wir Ihnen einen Autor namens Krakenmann vor, der quasi von Berufs wegen die Waller Kneipenszene erkundet (Seite 24). Bei Som, die in ihrer Eckkneipe die Traditionen des Bremer Arbeiterviertels mit der ihrer thailändischen Heimat verbindet (Seite 8), war er vermutlich auch schon zu Gast. An den meisten Tagen ist in der Kirche der Wilhadi-Gemeinde weniger los als an …

TREIBGUT

#62 WESER – Auf Fahrradtouren entlang der Weser entdeckte der Fotograf Jakob Weber Objekte, die hier abgebildet sind. Wo sonst niemand hinschaut, sammelte Weber Dinge auf, die angeschwemmt oder liegengelassen wurden. Ob Krimi, Romanze oder Erotik-Thriller – die Geschichten hinter den Bildern müssen von jedem selbst erfunden werden. Erste Fundstücke hatte er sich nach Berlin geschickt, wo er als Bildredakteur und Künstler lebt und arbeitet. Leider erreichte ihn das Paket nie und lagert seither in der Zentralen Paketermittlung der Post in Wuppertal. Sollte es eines Tages ankommen, hofft er, dass es Anlass für einen spannenden Roman ist.     Jakob Weber hat an der Hochschule für Künste Bremen studiert und lebt als Bildredakteur und Künstler in Berlin. Mehr unter: jakobweber.de