Alle Artikel in: Online-Artikel

FREMDKÖRPER MIT PARKVERBOT

#25 ZIEGENMARKT – Zu sauber, zu teuer, zu groß – der Neubau überm „Rewe“ ärgert viele. Hält nur Dreck Gentrifizierung auf? Die Geschichte von „Ziegenmarkt 21“   Das rie­si­ge rote X prangt wie ein Park­ver­bot vor dem Ein­gang des gro­ßen Wohn- und Ge­wer­be­blocks am Zie­gen­markt. Ein Park­ver­bot für Men­schen. Die­ser Fleck soll frei blei­ben, heißt das: Frei von ver­meint­lich bet­teln­den, ner­vi­gen Punks, frei von Jun­kies, Ob­dach­lo­sen und allen an­de­ren, die sich auf dem Platz gerne auf­hal­ten. Die Glas­tür hin­ter dem X und die Plat­te mit den Klin­geln ist sau­ber. Di­rekt da­ne­ben aber hängt alles vol­ler Pla­ka­te, wild an die Back­stein­fas­sa­de ge­kleis­tert. Vom strah­lend wei­ßen Putz der dar­über­lie­gen­den Eta­gen leuch­ten bunte Farb­bom­ben­kleck­se – Zei­chen des Wi­der­stands. Verglichen mit dem benachbarten Ostertor ist das Steintor noch weit weniger geleckt. Der Ziegenmarkt, dieser Platz im spitzen Winkel von Friesenstraße und Vor dem Steintor, ist das soziale Zentrum des Steintorviertels, direkt an dessen Pulsader gelegen. Dreimal die Woche ist das buckelige Kopfsteinpflaster vollgestellt mit Marktbuden. Abends treffen sich hier Alkoholiker und solche, die es werden wollen; in den umliegenden …

DIE LEICHTIGKEIT DES BUDDHA

#25 ZIEGENMARKT – Als Hip­pie such­te er das Neue. Ost­asi­en ließ ihn nicht mehr los. Eine Tee­ze­re­mo­nie mit Ha­rald Lührs in sei­ner „Bud­dha­welt“   Die Bud­dha­sta­tue ist schon von Wei­tem zu ent­de­cken. Un­über­seh­bar sitzt sie auf dem Bür­ger­steig, wei­ßer Stein, be­stimmt einen Meter groß. Ha­rald Lührs hat viele Bud­dha­sta­tu­en in sei­nem Laden, große und klei­ne, aus Stein, Holz und Bron­ze, die meis­ten aus China, aber auch aus Sri Lanka, In­do­ne­si­en und an­de­ren Län­dern. Es sind Hei­lig­tü­mer der un­ter­schied­lichs­ten bud­dhis­ti­schen Rich­tun­gen, im Tem­pel dürf­te man sie nicht ein­mal fo­to­gra­fie­ren. Hier aber kann man sie kau­fen, die kleins­ten für 20 Euro, die gro­ßen für ein paar Tau­sen­der. Die Bud­dhas haben es ihm an­ge­tan. Seine erste Sta­tue kauf­te er mit 17, in den 1960ern. „Hip­pie­zeit“, sagt Ha­rald Lührs, und dass er, wie alle in sei­nem Um­feld da­mals, auf der Suche nach einer neuen Sicht­wei­se auf die Welt und gegen be­ste­hen­de Sys­te­me und Hier­ar­chi­en war. „Wir woll­ten neue Dinge aus­pro­bie­ren.“ Asia­ti­sche Kul­tur fas­zi­nier­te ihn, be­son­ders der Bud­dhis­mus. „Aber dass ich ein­mal Tee­haus­be­sit­zer sein würde, das dach­te ich da­mals noch …

TRITT INS LEERE

#25 ZIEGENMARKT – Ein Zei­chen für den ers­ten Sex, für Mord und Tot­schlag oder ein­fach für nichts? Eine Suche nach der Wahr­heit über die Schu­he an der Leine   „Viel­leicht ist es ja auch ein­fach eine Fies­heit unter ver­fein­de­ten Schü­lern und so“, ver­mu­tet das Mäd­chen. „Also, man klaut einem die Schu­he und wirft sie hoch, dass sie hän­gen blei­ben, und sagt: ‚Hol sie dir!‘“ Neun sind es an der Zahl. Sport­li­che Ver­sio­nen, an den Schnür­sen­keln zu­sam­men­ge­bun­den, immer paar­wei­se. Man muss den Kopf schon ziem­lich in den Na­cken legen, um sie zu sehen. Sie hän­gen un­term Bre­mer Him­mel, ge­nau­er: über dem Draht­seil, an dem auch die Stra­ßen­la­ter­ne hoch über der Kreu­zung be­fes­tigt ist. Und nicht nur hier. „Shoefi­ti“, zu­sam­men­ge­setzt aus den eng­li­schen Wör­tern „shoe“ und „graf­fi­ti“. Wie auch Graf­fi­ti und „Urban Knit­ting“, das Um­hä­keln von Park­pol­lern, Mas­ten und an­de­rem, ist die Schuh­in­stal­la­ti­on eine Form, in den öf­fent­li­chen Raum ge­stal­tend ein­zu­grei­fen – Gue­ril­lakunst also. Unter In­si­dern gilt schon das Wer­fen an sich, im Fach­jar­gon „Shoetos­sing“ ge­nannt, als Per­for­mance. Dass Schu­he an Ka­beln, Bäu­men, Am­peln und La­ter­nen bau­meln, …

STOPP ELEND

#25 ZIEGENMARKT – Sie wollten die Verelendung aufhalten – die einen die der Junkies, die anderen die des Viertels. Ein Rückblick auf das Ende einer der größten Drogenszenen Deutschlands „Meine Damen und Her­ren, liebe Jun­kies, heute ver­tei­len wir sau­be­re Sprit­zen, wer tut es mor­gen?“, steht auf den gro­ßen Schil­dern, die sich die Stu­die­ren­den um­ge­hängt haben. Sie ste­hen auf dem Markt­platz und im Vier­tel, rund ums Siel­walleck. Sie haben Eimer dabei für die Sprit­zen. Vor allem aber in­for­mie­ren sie dar­über, wie man Dro­gen­ab­hän­gi­gen hel­fen kann. Es ist 1991 und die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne im Bre­mer Stein­tor­vier­tel gilt als eine der größ­ten in ganz Deutsch­land. Fast alle der Süch­ti­gen sind ob­dach­los und kon­su­mie­ren auf of­fe­ner Straße. Die Jun­kies und ihre Hin­ter­las­sen­schaf­ten sind über­all zu fin­den: in Vor­gär­ten, in Haus­ein­gän­gen, auf Spiel­plät­zen. Schul­hö­fe blei­ben wäh­rend der Pau­sen wegen her­um­lie­gen­den Sprit­zen oder be­nutz­ten Kon­do­men ge­schlos­sen. Dieb­stäh­le, Ein­brü­che, Dea­le­rei und Pro­sti­tu­ti­on sind an der Ta­ges­ord­nung – ir­gend­wo­her muss das Geld für die gan­zen Dro­gen kom­men. Bil­der von aus­ge­mer­gel­ten Ge­sich­tern und sprit­zen­über­sä­ten Vor­gär­ten schmü­cken die Zei­tungs­co­ver bun­des­weit. 23 Jahre spä­ter: Im Kon­takt-Café …

BITTE DRAUSSEN BLEIBEN

#24 FUCHSBERG – Sie kommen rein, damit sie nicht rein kommen: Ein Projekt führt straffällig gewordene Jugendliche mit Gefangenen zusammen, die erzählen, wie es ist im Knast. Eine Lehrstunde der Abschreckung   Alle paar Meter trennen Sicherheitstüren die schmalen, mit blauem PVC-Boden ausgelegten Gänge der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen. Alle paar Meter schiebt sich die Handvoll Jungen zu einem kleinen Menschenhaufen zusammen, bevor der Mechanismus der stählernen Pforten den nächsten Gang freigibt. Und noch einer. Und noch einer. Dann der Hof. An dessen anderen Ende geht es, begleitet von zahllosen, neugierigen Blicken der Gefängnisinsassen, geradewegs in das backsteinerne Schulgebäude der JVA. In der sommerlich heißen Luft liegt nicht nur die penetrant-explosive Mischung diverser Aftershaves und pubertärer Ausdünstungen, sondern vor allem eins: Anspannung. Wer hier landet, steht mit einem Bein im Knast. Buchstäblich. Was beruhigt, ist allein die Gewissheit, die JVA am Ende des Tages wieder unversehrt und als freier Mensch verlassen zu können. Diesmal jedenfalls noch. In einem altmodischen Klassenraum warten Ben* und Riadh* in einem Stuhlkreis bereits auf die Gruppe, jede einzelnen begrüßen sie mit Handschlag. …

SIE NENNEN IHN HODDEL

#22 SODENMATT – Er will mehr Miteinander und weniger Gegeneinander im Quartier. Und selbst immer was zu tun haben. Ein Besuch bei Horst Dressel   „Würde man mir sagen, die nächsten Tage hätte ich nichts zu tun, dann würde ich durchdrehen.“ Er reißt die Hände in die Luft, das soll dem Gesagten noch mehr Ausdruck verleihen. „Ich würde mir das Telefon schnappen und mir eine Beschäftigung suchen. Egal welche. Ich brauche doch den Ausgleich.“ Horst Dressel, 64, hat nicht vor, sich so schnell zur Ruhe zu setzen. Er sprudelt vor Energie, sein Tonfall ist energisch, sein kurzes weißes Haar der einzige Indikator seines fortgeschrittenen Alters. Horst Dressel macht. Eben noch wild in der Luft herumfuchtelnd, umfassen seine Hände nun den prall gefüllten, schwarzen Aktenordner vor ihm. Zeitungsausschnitte, Danksagungen, Fotos, alles fein säuberlich in Klarsichtfolien verpackt und abgeheftet. Sein Finger tippt auf die Artikel und Fotos: Überall geht es um Huchting, um den Sodenmatt, um Aktionen und Beschwerden, um Sitzungen und Initiativen, um Projekte und das Leben hier, und überall wird er erwähnt. Der Ordner ist …

PROST, IHR HELDEN

#22 SODENMATT – Sie fühlen sich ein bisschen rausgefallen aus der Zeit. „Filippos“ aber hat geöffnet, so lange sie bleiben. Ein Kneipenvormittag   Nur zwei Kneipen sind übriggeblieben. „Als wir hier anfingen, gab’s sieben in der Ecke. ‚Ach, der Grieche, der macht in zwei Wochen wieder zu!‘, ham se gesagt. Aber wir sind geblieben, alle anderen sind weg.“ Der Grieche, dessen schwarzes Haar sich lichtet, heißt Paul. Mit seiner Frau Regina führt er „Filippos“, seit 1982, an jedem Tag der Woche. Die beiden 3-D-Bilder an den vertäfelten Wänden müssen auch aus der Zeit sein. Ein roter Sportwagen flitzt durch die Nacht, um ihn herum ein Glitzerrelief. Nebendran rauscht romantisch ein Wasserfall mit Glitter durch das nachtblaue Bild. Draußen an der Tür steht „Geöffnet von 11 Uhr bis 23 Uhr“, aber, winkt Regina ab, „wir schließen, wenn der Letzte geht“. Meistens ist das gegen eins, manchmal auch erst um drei. Für Paul war diese Art von Kundenorientierung „der Trick“, sich gegen die anderen Kneipen durchzusetzen: niemanden rausschmeißen. Paul und Reginas Wohnung ist oben, die Grenze zwischen …