Titelfoto: Norbert Schmacke / Hintergrundfoto: Staatsarchiv Bremen
EDITORIAL: Holla di hi, holla di ho
Liebe Leser:innen und Leser,
die Hollerallee ist nicht unbedingt eine Straße für den Spaziergang, was aber nicht daran liegt, dass es dort nicht schön wäre. Ganz im Gegenteil: Sofern man nicht in den etwas unübersichtlich geführten Fahrradverkehr gerät, ist es da eigentlich ganz beschaulich und bietet neben stilvollen Altbauten und Natur auch immer wieder Raum für einen Blick in die Weite. Dass man trotzdem – wenn überhaupt – dann eher in Eile hier durchrauscht, hat zwei Gründe: Erstens ist die Hollerallee ein manchmal auch bedrängtes Nadelöhr, eine von wenigen Ost-West-Querungen zwischen Bürgerpark, Stadthalle, Bürgerweide und Bahnhof. Und wenn man es dann mal nicht eilig hat, ist der Park nebenan eben doch die noch schönere Strecke.
Für diese Ausgabe der Zeitschrift der Straße haben wir uns die Zeit trotzdem genommen, die Hollerallee auf der Suche nach Geschichten in Ruhe abzulaufen. Und natürlich sind wir auch fündig geworden. Da wäre etwa die Villa Müller-Schall, die zuerst ihren Namensgeber, dann die SA beherbergte, später die Kirche und nun in eine wieder ganz andere Zukunft schaut (Seite 12). In der St. Ansgarii Gemeinde haben wir Menschen getroffen, die jeden Dienstag kostenloses Frühstück ausgeben (Seite 14). Und TierschützerInnen haben wir kennengelernt, die hier Woche für Woche vor einem Restaurant gegen Stopfleber demonstrieren (Seite 8). Diese und andere Themen finden Sie in diesem Heft. Und wir hoffen, dass Sie daran mindestens so viel Freude haben, wie wir auf unserem Spaziergang neben dem Park. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!
Karolina Meyer-Schilf, Jan-Paul Koopmann
und das Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt (mit Leseproben):

GANS SCHÖN SCHLIMM
Protest mit Ausdauer: regelmäßige Mahnwache vor dem Restaurant
„Chapeau la Vache“.
Reportage
Text & Foto: Wolfgang Wodtke
Warum die Tierschutzorganisation PETA jeden Dienstag vor dem Restaurant „Chapeau la Vache“ demonstriert.
Auf der Speisekarte steht sie im April unter den warmen Vorspeisen: „Foie gras poêlé: Stopfleber, kurz gebraten, Trüffel, Apfel, Calvados, Brioche“ für 29,50 Euro. Was da so appetitanregend präsentiert wird, gestaltet sich in der Herstellung so: Sobald die Gans den Schnabel aufreißt, wird ihr ein Rohr in die Speiseröhre eingeführt. Durch diese Röhre drücken die ZüchterInnen eine große Menge Mais oder Maisbrei. Das passiert bei der Aufzucht von Gänsen für Stopfleber mehrfach am Tag. Umgerechnet auf den Menschen, sagen TierschützerInnen von der Organisation PETA, entspricht die zugeführte Menge etwa 15 Kilo Spaghetti. (…)

DIE INNEREN WERTE
Im Maritim Hotel setzt man auf Verlässlichkeit und Tradition
Reportage
Text: Nora Elbrechtz / Fotos: Norbert Schmacke
Im Maritim Hotel setzt man auf Verlässlichkeit und Tradition.
Es gibt Menschen, die bewusst kleine, familiengeführte Hotels oder Pensionen wählen, weil sie sich gern überraschen lassen und Individualität schätzen. Und es gibt jene, die Verlässlichkeit und Vertrautheit auch an Orten suchen, die sie noch nicht kennen. Letztere sind in einem Haus wie dem Maritim in der Hollerallee 99 vermutlich gut aufgehoben. 1992 eröffnet, gehört es inzwischen zu den 35 Standorten der Hotelgesellschaft. Die Kette ist heute weltweit vertreten, begonnen hat ihre Geschichte 1969 mit der Eröffnung eines 4-Sterne-Hotels am Timmendorfer Strand. Daher auch der Name und das Logo. (…)

LEBEN UND GEDENKEN
Mit uns im Gespräch über die Geschichte des Hauses:
Pastor Bernd Kuschnerus und Diakonin Christine Poppe.
Reportage
Text: Wolfgang Wodtke / Fotos: Hartmuth Bendig
Die Villa Müller-Schall an der Hollerallee springt nicht nur architektonisch ins Auge – sie hat auch eine bewegte Geschichte.
Am Abend des 9. November 1938 klingelte in der Villa Müller-Schall das Telefon. Seit 1934 war hier in der Hollerallee 75 die nationalsozialistische SA-Gruppe „Nordsee“ untergebracht. Am Apparat war der SA-Führer und Bremer Bürgermeister Heinrich Böhmcker, der sich auf einer Tagung in München befand. Sein Befehl an die NSDAP-Parteigenossen in Bremen und im Umland: „Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören (…)

IMMER WIEDER DIENSTAGS
Im Gemeindesaal von St. Ansgarii gibt es jeden Dienstag Frühstück.
Einfach so
Bildstrecke
Text: Christiane Mache / Foto: Wolfgang Everding
Ganz am Ende der Hollerallee, an der Ecke zur Schwachhauser Heerstraße, steht jeden Dienstag ab 9 Uhr die zweiflügelige blaue Tür zum Gemeindesaal der St.-Ansgarii-Kirche weit offen. Wie eine Einladung: Hier gibt es ein Frühstück, für das niemand bezahlen muss. Ein Frühstück ohne Wenn und Aber – alle sind willkommen.

KEIN HAUS AM SEE
Zwischen Hauptbahnhof und Bürgerpark liegt keine komische Baulücke,
sondern ein Retentionsbodenfilter.
Reportage
Text: Ulrike Plappert / Foto: Norbert Schmacke
Zwischen Hauptbahnhof und Bürgerpark liegt keine komische Baulücke, sondern ein Retentionsbodenfilter. Und wir wussten bis vor Kurzem auch nicht, was
das sein soll.
Ein leeres Grundstück in Zentrallage, traumhaft gelegen an der Hollerallee mit Blick aufs Parkhotel:
Nur ein paar Schritte in Richtung Bürgerpark liegt die imposante Gesamtanlage mit Hollersee und weißem Hotelensemble, eingerahmt von altem Lindenbestand, Rhododendren und Azaleen, Skulpturen und Bänken. Zur anderen Seite ragen hinter dem Bahnhof die beiden Domtürme auf. Sie ahnen es bereits: Das war kein Verkaufsangebot, und die sonderbar leere Fläche in Premiumlage wird auch bis auf Weiteres nicht auf dem Immobilienmarkt landen. (…)

„EIGENTLICH NUR EIN VERTRAG“
Ein Gespräch mit der Leiterin des Standesamtes Petra Konzok
Interview
Interview: Frieda Ahrens / Foto: Jakob Winter
In der Hollerallee steht das sehr imposante Standesamt Bremen-Mitte: Aber wie ist es, dort zu arbeiten, wo andere die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens treffen?
Zeitschrift der Straße: Sie sind Standesbeamtin — viele Menschen haben da ein bestimmtes Bild vor Augen. Was denken denn die Leute, was Sie machen? Und was tun Sie wirklich?
Petra Konzok: Eigentlich verbinden alle mit dem Standesamt erst mal die Eheschließungen. Viele Menschen denken: Der Job ist wie ein Sechser im Lotto – alles ist rosa. Natürlich macht es Spaß, aber eigentlich sieht die Arbeit ein wenig anders aus. Wir sind ein Großstadt-Standesamt und haben damit auch ganz viele andere Aufgaben: Wir begleiten den Menschen in verschiedensten Phasen des Lebens von der Geburt bis zum Tod. Es sind auch nicht nur Bremerinnen und Bremer, die mit dem Standesamt Bremen-Mitte zu tun haben. Viele Kinder, die in Bremen geboren werden, wohnen mit ihren Eltern zum Beispiel rund um Bremen in Niedersachsen. Wir bleiben unabhängig vom Wohnort für den Geburtseintrag eines in Bremen geborenen Menschen 110 Jahre zuständig. Wir sind quasi die Hüter des Geburtseintrages und passen gut auf ihn auf, egal ob dieser Mensch in Bremen bleibt oder nach Neuseeland auswandert. Alles, was mit den Aufgaben in einem Standesamt zu tun hat, das tragen wir auch in sein Geburtsregister ein. Falls dieser Mensch also etwa adoptiert wird, heiratet, selbst ein Kind bekommt, sich scheiden lässt oder verstirbt. Das Standesamt Bremen-Mitte erhält daher auch täglich Anfragen aus der ganzen Welt etwa mit der Bitte, eine Geburtsurkunde auszustellen und zu verschicken. (…)

EIN RECHT AUFS RUTSCHEN
Der Platz der Kinderrechte ist ein Symbol für langwierige politische Bestrebungen – auf dem man aber auch sehr gut
schaukeln kann
Reportage
Text: Lisa Schwarzien / Foto: Wolfgang Everding
Der Platz der Kinderrechte ist ein Symbol für langwierige politische Bestrebungen – auf dem man aber auch sehr gut schaukeln kann
Ein bewölkter Nachmittag im Bürgerpark, aber auf dem kleinen Spielplatz neben dem Hollersee am Parkhotel wird trotzdem geschaukelt, gerutscht und geklettert. In der Mitte ragt ein etwa fünf Meter hoher, rot-weiß gestreifter Leuchtturm mit Rutsche auf – das hier ist Bremens erster „Platz der Kinderrechte“! Ob sie schon mal von „Kinderrechten“ gehört haben, frage ich zwei Kinder beim Schaukeln. Die Ältere hält kurz inne: „Ja“, sagt sie knapp. Der Jüngere schüttelt den Kopf: „Nö, aber guck mal, wie hoch ich schaukeln kann!“ Eine Mutter aus Schwachhausen, die selbst als Kind schon hier geklettert ist, vermutet: „Ich denke, es handelt sich um eine Erweiterung der Grundrechte auf Kinder als Schutzbefohlene.“ Fast. (…)

„MAN VERSUCHT IMMER, STARK ZU SEIN“
Elke Weinberger engagiert sich seit zwei Jahren als Tourguide bei der sozialen Stadtführung Perspektivwechsel.
Verkäuferporträt
Protokoll: Andrea Schweers / Foto: Jasper Wessel
Elke berichtet von ihren eigenen Erfahrungen mit Obdachlosigkeit und führt die Gäste an Orte, die für das Überleben auf der Straße wichtig sind.
Mein Name ist Elke Weinberger. Für mich ist der Sinn der Perspektivwechsel-Touren, den Respekt gegenüber Obdachlosen zu wecken. Viele Menschen haben so eine vorgefertigte Meinung, aber sie kennen mich ja gar nicht. Dadurch, dass ich meine Geschichte erzähle, wird das Ganze viel greifbarer. Ich bin in München aufgewachsen, habe dort eine Ausbildung im Reisebüro gemacht, habe Betriebswirtschaft studiert und dann einige Jahre gearbeitet. Dann bin ich nach Wien gegangen – wegen der Liebe. Nach 13 Jahren, 2021, wollte ich wieder zurück nach Deutschland und habe mich für Bremen entschieden. (…)
Ab dem 01. Juni 2026 bei unseren Verkaufspersonen auf Bremens und Bremerhavens Straßen erhältlich!
Die Verkaufspersonen der Zeitschrift der Straße haben fest zugewiesene Verkaufsplätze. An diesen Standorten können Sie unsere Verkaufenden antreffen:
Sollten Sie wider Erwarten keine Verkaufsperson antreffen, können Sie Ausgaben in Ausnahmefällen online per Einzelbestellung erwerben. Die aktuellste Ausgabe ist jedoch nur auf der Straße zu erwerben.
Für alle Auswärtigen sowie für Bremer Vereine, öffentliche Einrichtungen, Kneipen, Cafés, Hotels, Arztpraxen, Frisiersalons, Anwaltskanzleien etc. gibt es die Zeitschrift der Straße übrigens auch im Abo.

