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„WIR HABEN IHN ETWAS ZURECHTGESTUTZT“

#67 JUGENDKNAST – Steven ist das, was man gemeinhin einen Intensivtäter nennt. Niemand habe ihn in der Hand, sagt er. Trotzdem war das Gefängnis für ihn die „Rettung“

Ein Hof im Hof des Gefängnisses, mit Tieren, Nutzpflanzen und Kompost. Drumherum Stacheldraht, Kameras, vergitterte Türen. Junge Straftäter arbeiten hier für ihre Zeit nach der Haft. Auch an sich selbst. So wie der 17-jährige Steven.

Ich sitze hier in Bremen gerade meine letzten drei Monate ab. Zwei Jahre und acht Monate hatte ich bekommen.

Schwere Räuberische Erpressung – hauptsächlich.

Ich habe jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten, damit er uns seine Autoschlüssel gibt. Wir sind dann mit seinem Auto weggefahren. Stundenlang.

Gerade 15 geworden.

Nun ja, wir haben ihn zusätzlich auch noch etwas zurechtgestutzt. Ich mein, nur weil dir jemand sagt, dass du ihm sein Auto geben sollst, machst du das ja noch nicht gleich. So war das damals auch. Da ist das dann einfach passiert.

Kann man so sagen. Das war aber nicht mein Plan. Das ist uns quasi einfach so passiert.

Ja, ich hatte einen Mittäter. Ich muss zugeben, dass die Sache mit dem Auto meine Idee war, aber nicht, dass es so ausartet dann. Das war ganz sicher nicht geplant. Aber die Dynamik der Situation, der aggressive Kumpel und so…

Zwölf Stunden lang bin ich mit dem Wagen noch rumgefahren. Kreuz und quer. Irgendwann ist die Polizei dann auf uns aufmerksam geworden, als wir irgendwo hielten. Die haben mich dann zwar gleich mitgenommen. Weil ich aber alles geleugnet hatte und der Autoeigentümer eine schlechte Täterbeschreibung abgegeben hatte, ließen sie mich erst noch wieder gehen. Vier Tage später aber erfuhr ich, dass ein Haftbefehl gegen mich vorlag. Da bin ich abgehauen und habe mich in einem Flüchtlingsheim versteckt. Das war ein wirklich sehr schöner Abend da, die Flüchtlinge waren alle sehr nett zu mir, haben mich reich bekocht. Aber nachts um eins war die Polizei dann da. Ich habe noch versucht, mich zu wehren, aber die waren natürlich stärker.

Blick in den Gefängnishof

Stimmt. Ich hatte schon vorher vieles gemacht. Ich hatte auch schon mal eine Verurteilung, hatte Sozialstunden bekommen, die ich aber nie abgeleistet hatte. Letztlich nennt man sowas wie mich glaube ich Intensivtäter. Ein Ding nach dem anderen, aber anfangs ja noch gar nicht strafmündig. 

Früh. Mit elf vielleicht. Da war ich zu meinem Vater nach Schleswig gezogen. Eigentlich bin ich Bremer. Zumindest bis ich sechs Jahre alt war hatte ich bei meiner Mutter in Bremen gelebt. Dann kam ich in eine Pflegefamilie in Niedersachsen. Das funktionierte da aber auch nicht so super, deshalb kam ich schon bald in eine Kinder- und Jugendeinrichtung im Ammerland.

Ja, aber ich will zum Warum nichts weiter sagen. Nur so viel: Sie war damals jedenfalls noch sehr jung, sie hat mich ja schon mit 17 bekommen. Und als ich in die Pflege kam, war mein Vater auch schon lange von ihr getrennt. Und es gab dann noch den Stiefvater.

Ich weiß nicht. Ich hatte einfach Langeweile. Das ist immer alles aus Langeweile entstanden. Ich hatte zum Tatzeitpunkt ja auch gar nicht mehr bei meinem Vater gewohnt. Von dort war ich einige Monate vorher abgehauen. Habe mal hier mal da bei Leuten gepennt, die ich beim Rumhängen und Saufen auf der Straße kennengelernt hatte.

Ich habe mich hierher verlegen lassen. Das ging, weil meine Mutter hier lebt. Eigentlich wäre ich vielleicht sogar schon draußen gewesen da in Schleswig. Aber dann hatte ich dort doch noch Blödsinn gemacht.

Ich hatte schon Ausgang, aber einmal bin ich nicht rechtzeitig wieder zurück gewesen. Ich habe mich aber spät am selben Abend noch freiwillig gestellt.

Ich wollte denen und mir selbst einfach zeigen, dass nur ich mich selbst in der Hand habe und nicht sie.

Ja, schon. Ich demonstriere das aber nicht. Es ist so. Niemand hat mich in der Hand, nur ich selbst. Kann schon sein, dass viele Dinge die ich gemacht habe doof waren, aber da war ich ich selbst. Diesen Tag jedenfalls hatte ich super genossen, auch wenn das Ergebnis der Wegfall der vorzeitigen Entlassung und zwei Monate kompletter Einschluss waren.

Das Leben im Knast ist einfach – zumindest äußerlich

Bisher leider nicht. Sie muss wohl immer arbeiten, wenn Besuchszeit ist.

Schade ist es schon. Aber ein Weltuntergang ist es auch nicht. Ich habe sie ja eh schon jahrelang nicht gesehen.

22 bestimmt. Viel reifer und erfahrener halt.

Zunächst eine Ausbildung machen. Ich habe mir von hier drinnen aus einen Ausbildungsplatz gesucht. Meinen Hauptschulabschluss habe ich ja schon im Gefängnis nachgeholt. Werde erstmal Bauhelfer sein und dann eine Ausbildung zum Betonbauer machen. Dafür habe ich schon den Vertrag. Die Sache habe ich ganz allein hingekriegt, habe mir Adressen von Firmen aus der Zeitung und aus Teletext rausgesucht, und Bewerbungen hingeschickt. Der Personaler hat mich dann hier auch zweimal besucht und ja, der gibt mir ne Chance. 

Ne, ne, so läuft das nicht mehr. Ich habe hier einiges gelernt. Es gibt das sicherlich, dass einer rauskommt und gleich beim nächsten Anlass sofort wieder einem aufs Maul haut. So einer war ich früher sicher auch. Da habe ich jede Auseinandersetzung gesucht. Aber das ist vorbei. Ich bin auch keiner mehr, der schnell beleidigt ist. Wenn mich heute jemand beleidigt, sag ich nur Dankeschön und das war es dann. Das ist alles das Ergebnis der Sozialtherapie für Gewaltstraftäter in Schleswig. Das hat bei mir Klick gemacht. Das sehen die Beamten hier auch. Man vertraut mir mittlerweile soweit, dass ich nur noch über Nacht in der Zelle weggeschlossen werde. So kann man sich auf der Abteilung gegenseitig besuchen, klönen, zusammen eine rauchen oder auch zusammen essen.

Naja, WG ist schon noch deutlich selbstbestimmter, oder? Selbstbestimmt bist du im Knast ja kaum. Hier ist alles von außen vorgegeben. Sehr strukturiert. 

Nur die ersten Wochen, man gewöhnt sich schnell daran. Und eigentlich war es auch gut, dass ich rechtzeitig eingefahren bin. So verrückt im Kopf wie ich damals war, hätte ich womöglich noch jemanden umgebracht. Das Gefängnis war sozusagen meine Rettung.

In wörtlichen Sinn sogar. Ich bin nämlich eingeteilt für die Pflege der Tiere und Pflanzen auf dem kleinen Anstaltsbauernhof. Eine gute Arbeit ist das. Immer wieder mal was anderes. 

Die Mutter meines Kindes suchen.

Ja, ich bin Vater. In zwei Monaten wird sie drei.

Nein, es gibt leider gar keinen. Wenn ich demnächst entlassen werde, will ich mal vorbeifahren und sehen, ob sie da wohl noch wohnt. Auch wenn das die alte Gegend ist, mit der ich eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Aber ich möchte schon sehen, wie es den beiden geht. 

Ich war sogar bei der Geburt dabei und die ersten zwei Monate danach. Dann bin ich in Haft gekommen. Das aber hatte sie nicht mitbekommen. Wahrscheinlich hat sie gedacht, ich sei einfach abgehauen. Wieder mal. Aber das war ja nun ganz anders. Vielleicht verzeiht sie mir.

Bei der Bundeswehr, konkret bei den deutschen Blauhelmen. In welchem Land das sein wird, das weiß man jetzt ja noch nicht.

Alles genau geplant. Wenn ich mit der Ausbildung am Bau fertig bin, gehe ich zur Bundeswehr. Erstmal muss ich als Ex-Gefangener ja fünf Jahre warten, aber dann will ich da unbedingt hin. Und wenn ich da gute Arbeit leiste, dann werde ich irgendwann den Blauhelm tragen.

Weil sie Streit schlichten. Ganz einfach. Streit schlichten.

Text:
Volker Macke
Fotos:
Benjamin Eichler

#66 AM DOBBEN

EDITORIAL: Momente des Glücks

Die guten, anrührenden Geschichten sind ja eher selten, wenn es um Menschen geht, die auf der Straße leben. Aber es gibt diese Geschichten! Zum Beispiel diese hier, die in der Pappelstraße spielt, der wir vergangenes Jahr auch ein Heft gewidmet haben: Ein Verkäufer der Zeitschrift der Straße „hüpfte“ dort vor dem Supermarkt „fröhlich auf und ab und meinte, er freue sich so sehr“, erzählt uns eine Leserin. „Einen Tag zuvor habe ihn eine Frau angesprochen und nach seiner Schuhgröße gefragt. Gestern sei sie wieder vorbeigekommen und habe ihm einen Schuhkarton mit nagelneuen, warm gefütterten Winterstiefeln überreicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe er nun richtig warme Füße. Dabei lachte er über das ganze Gesicht.“ Sie sei „ganz beseelt“ gewesen „von dem Gefühl, dass es so viel Mitmenschlichkeit in unserer Stadt gibt“, sagt die Leserin. Wir auch!

Damit kommen wir fast nahtlos zu einer Religionsgemeinschaft, die wie diese Ausgabe am Dobben beheimatet ist – die „Christliche Wissenschaft“. Wer auch schon immer mal wissen wollte, wer und was sich dahinter eigentlich verbirgt: Wir haben uns das mal näher angeguckt (Seite 16). Außerdem waren wir in einem Pflegeheim, in dem Menschen alt werden dürfen, die aus besonderen Lebenslagen kommen und kein Geld für die Seniorenresidenzen dieser Welt haben (Seite 8). Und in einem Reisebüro, das nun eher ein Kulturzentrum geworden ist, nachdem das Internet ihm das Leben schwer gemacht hat (Seite 12). Auch für die Schwulenbar „Bronx“ hat die Netzkultur immense Folgen (Seite 26).

Damit sind wir nun wieder beim Wetter: Wie es ist, im Hagel als Radkurier zu arbeiten, im Winter? Wir haben es ausprobiert (Seite 22). Und: Auch da gibt es überraschende Momente des Glücks.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Jan Zier, Philipp Jarke
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08 Leben auf einem anderen Stern

Im „Haus am Dobben“ werden obdachlose und suchtkranke Menschen alt. Ein Besuch

12 Ein Geschäft für Freunde

Özer Yildiz führt am Dobben ein kleines Reisebüro mit angeschlossenem Kulturclub. Oder andersrum?

16 Das Gesetz der Heilung

„Christliche Wissenschaft“ nennt sich eine Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder meinen, dass ihr Glaube Krankheiten besiegen kann

22 Urinkatheter, Kündigungen und Zigaretten

Daniel und Tobi sind als Radkuriere schlecht bezahlt, bei jedem Wetter unterwegs und trotzdem zufrieden. Wir waren mit ihnen auf Tour

26 „Das Geld ist nicht mehr da“ (online lesen)

Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Ein Gespräch über alte Zeiten, neue Moden und den Darkroom

„DAS GELD IST NICHT MEHR DA“

#66 AM DOBBEN – Heinz Hug betreibt seit 25 Jahren die Schwulenbar „Bronx“. Zeit für ein Gespräch über gute alte Zeiten, neue Moden und darüber, was sein Darkroom mit Datenschutz zu tun hat

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Wenn sie noch rein schwul wäre: ja. Aber das Publikum ist seit zwei Jahren gemischt. Als ich anfing, kamen unter der Woche auch Frauen, aber am Wochenende war die Bar nur für Männer geöffnet. Das hat sich jetzt geändert.

Kürzlich haben Sie 25-jähriges Barjubiläum gefeiert …

Ja, ein bisschen. Es gab einen Kaffeeklatsch und wir haben ein paar Runden geschmissen, da war die Sache erledigt.

Wie lange ist das „Bronx“ eigentlich schon in dem Zustand, in dem es heute ist?

Schon 20 Jahre. Wir renovieren immer mal, aber der Stil ist gleich geblieben.

Hat sich die Szene verändert, seit Sie das „Bronx“ betreiben?

Ja. Alle sieben Jahre verändert sich das Publikum.

Wer sind Ihre Gäste? Kommen auch junge Leute?

Ich habe viele Stammgäste. Ab und zu kommen auch junge Leute, aber weniger. Die haben andere Lokale.

Wie sieht ein typischer Abend bei Ihnen aus?

Ganz ruhig. Es laufen Filme. (Er zeigt nach oben auf einen Bildschirm, auf dem Schwulenpornos laufen, ohne Ton.) Und wir trinken was, mehr nicht. Unter der Woche mache ich meistens bis ein, zwei Uhr nachts. Freitag und Samstag dann bis drei oder vier. Früher ging es länger, bis sechs oder sieben. Aber die Zeiten sind vorbei. Einmal im Monat haben wir am Sonntagnachmittag Kaffeeklatsch mit Kaffee und Kuchen. Da sind wir 30 bis 40 Leute, alles Stammgäste.

Es gibt hier auch einen Darkroom. Wird der gut frequentiert?

Das wird auch weniger. Älteres Publikum kommt noch, aber kaum Jüngere. Weil die Räumlichkeiten kleiner sind, ist es ein Privatclub.

Man muss Clubmitglied werden?

Naja, man kriegt eine Karte und dann werden die Daten aufgeschrieben. Die sind verschlüsselt beim Anwalt, wegen Datenschutz. Und der Ausweis gilt dann für den Club.

Wie entscheiden Sie, wer bei Ihnen Clubmitglied werden darf?

Es dürfen nur Männer in den Club. Sonst gibt es keine Bedingungen.

Wie halten Sie es mit der Aufklärung und der AIDS-Vorsorge?

Hier sind alle aufgeklärt. Das wird ja heute schon in der Schule gemacht. Aber viele halten sich nicht dran. Da können wir nicht viel machen. Letztlich ist jedem überlassen, was er macht.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Schwulenbar aufzumachen?

Das „Bronx“ gab es schon, bevor ich nach Bremen kam. Mein Freund und ich haben sie übernommen. Ich hatte Lust auf so ein Lokal, das kannte ich von Hamburg. Dort war ich mit meinem Freund mal in so einem Ecklokal. Das hat mir gefallen. Ich hab gesagt: So eins möchte ich. Das war der Wunschtraum, ein Ecklokal. Ich hatte damals beim Staat gearbeitet, als Hausmeister. Als ich aufgehört hatte, bin ich mit meinem Freund nach Bremen gezogen. Und habe das gemacht, was ich wollte.

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Ich komme gegen 19 Uhr in die Bar und mache alles fertig. Dann muss ich warten, bis die Gäste kommen. Mal kommen sie früher, mal ein bisschen später. Unter der Woche ist meistens um eins, halb zwei Feierabend. Der Januar ist aber auch ein ganz schlechter Monat. Es wird schon Alkohol getrunken, aber viele trinken auch nur Kaffee.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Keine, ich mach’s alleine. Fünf Tage in der Woche.

Und wenn Sie mal flach liegen, ist der Laden zu?

Das ist bis jetzt noch immer gut gegangen.

Gibt es Paare, die sich hier gefunden haben?

Sehr viele Paare, die heute noch zusammen sind. Einige kommen heute noch. Viele sind weggezogen, wohnen auf dem Land. Die kommen meist zum Tanz in den Mai oder zu Silvester. Da sieht man all die Leute, die das ganze Jahr nicht mehr weggehen.

Silvester gibt es eine große Party?

Ja, wir fangen um acht an. Ab zwölf sind ungefähr zwanzig Leute da und ab halb eins geht es dann richtig los. Dieses Jahr ging bis neun, halb zehn am Morgen. Früher haben wir gefeiert bis nachmittags. Die Zeiten sind aber vorbei.

Woran liegt es, dass heutzutage früher Schluss ist?

Die jungen Leute sind ganz anders drauf. Die 18-, 19-Jährigen gehen hauptsächlich in die Disco. Ihre Bar steht im Viertel.

Ist es Ihrer Meinung nach ein offener Stadtteil?

Es ist sehr offen hier. Ich bin sehr zufrieden. Ich bleib auch hier. Das auf jeden Fall, solange ich’s noch mach.

Einige ViertelbewohnerInnen beschweren sich über den Lärm der Kneipen und Bars. Haben Sie ähnliche Probleme?

Der Vorgänger hatte welche, weil es wohl zu laut war. Wir haben dann mit den Nachbarn gesprochen. Wenn es zu laut ist, sollen sie anrufen, dann machen wir leiser. Und so laut ist die Musik auch gar nicht. Manchmal feiert hier jemand Geburtstag, dann wird es etwas lauter. Aber da wissen die Nachbarn vorher Bescheid.

Ihre Eingangstür ist stets geschlossen. Rein kommt nur, wer klingelt.

Das ist schon immer so gewesen, das bleibt auch so. Ist einfach zu gefährlich mit den Überfällen.

Sie wurden überfallen?

Wir hatten zwei, drei Überfälle. Die sind reingekommen, mit Pistole, und haben einen Kollegen bedroht. Beim Kaffeeklatsch war das. Die wollten Geld. Aber die haben sie gleich gekriegt. Deswegen wollten wir eine Kamera draußen, die wurde auch genehmigt.

In den letzten Jahren haben einige Läden in der Schwulenszene aufgegeben. Warum?

Seit 2001 geht es bergab. Das Internet mit den Kontaktbörsen hat vieles kaputtgemacht. Die Jungen nutzen alle das Internet. Und es ist auch grundsätzlich freier geworden: Du kannst in jedem Lokal jemanden kennenlernen. Aber ich habe meine Stammgäste, die freuen sich, dass es das hier noch gibt.

Haben Ihre Einnahmen unter der Entwicklung gelitten?

Ja, ganz klar. Deshalb habe ich auch keinen Angestellten mehr. Der war 18 Jahre bei mir. Er springt immer mal ein, wenn ich frei habe. Aber sonst mach ich das allein.

Wie war das früher?

In Dreierreihen standen die hier, so voll war es. 1996 bis 1999, da war der Laden brechend voll. Aber das hat sich alles verändert. 2001 wurde der Euro eingeführt, da fing das an. Dazu kam das Internet. Jetzt gehen die Leute wieder mehr aus, aber sie trinken schon vorher daheim, glühen vor.
Das Geld ist nicht mehr da.

Für Ihren Laden ist es nicht gut, aber für die Schwulenszene ist es doch schön, dass alles freier wird.

Das ist klar. Eine reine Schwulenbar kannst du heute nicht mehr machen, das ist vorbei. Aber ich glaube, dass es im Trend ist, wieder mehr in die Lokale zu gehen.

Wenn Ihnen jemand die gleiche Bar an der Sielwall-Kreuzung anböte – würden Sie umziehen oder lieber hierbleiben?

Ich bleibe lieber hier, hier fühle ich mich wohl. Ein bisschen abseits, aber die Leute finden uns auch so. Sogar auswärtige Gäste, aus Amerika, Holland, von überall.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. An wen wollen Sie den Laden mal übergeben?

Es gibt zwei, drei jüngere Leute, die übernehmen würden. Vielleicht an meinen ehemaligen Angestellten.

Würden Sie an jemanden übergeben, der hier etwas ganz anderes machen will, sagen wir: einen Schuhladen?

Nein. Wenn möglich, will ich die Bar so abgeben, dass sie noch ein paar Jährchen bleibt.

Herr Hug, vielen Dank für das Gespräch.

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Fragen:
Mahé Crüsemann
Fotos:
Benjamin Eichler

#65 NIEDERSACHSENDAMM

EDITORIAL: Szenen einer Nachbarschaft

Die Frau lächelt mich freundlich an, ich spreche ihre Sprache nicht, und sie nicht die meine. Ihre Worte klingen freundlich, sie bedeutet mir, ein Foto zu machen; vermutlich wohnt sie hier in der Nachbarschaft, am Niedersachsendamm.

Sie heißt Suna, schreibt sie mir auf einen Zettel, aber viel mehr erfahre ich nicht, eh sie weiter geht, immer noch mit einem Lächeln. Nachbarschaft war auch das Thema eines Tanztheater-Projekts in der Schwankhalle, an dessen Entstehung die Zeitschrift der Straße ein wenig beteiligt war – mit einem Coaching der Nachwuchskünstler:innen, die für ihr Inszenierung unter anderem in Huckelriede recherchiert haben. Den Text dazu finden Sie ab Seite 20. Auch Wolfgang Fischer kann viel über den Niedersachsendamm erzählen – seinen Kiosk dort betreibt er schon seit 1988. Wir haben uns lange mit ihm unterhalten (Seite 8). Farhan Hebbo dagegen ist noch nicht so lange da – der Poet, der einst aus Syrien flüchten musste, zog 2015 in das Containerdorf am Ende der Straße. Und seine Gedichte liest er auch am Niedersachsendamm (Seite 24). Ein paar Häuser weiter werden seit Kurzem alten oder schwerkranken Menschen Wünsche erfüllt, die sie im Leben noch haben – wir haben diese Herzenswunschambulanz besucht (Seite 12).

Und natürlich kommt man um das Militär an diesem Ort nicht herum, die umzäunte Kaserne der Bundeswehr dominiert seit jeher die Straße. Normalerweise ist sie Außenstehenden ja eher verschlossen. Wir durften trotzdem rein, und auch fotografieren, wie Sie ab Seite 14 sehen.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

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Aus dem Inhalt:

08 „Dann mache ich eben weiter, bis ich tot bin“

Am Quarkbüddel wird der Kaffee nicht „to go“ verkauft, dafür sorgt der urige Besitzer. Ein Portrait

12 Spuren hinterlassen (online lesen)

Mit ihrem Verein erfüllen Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche

14 Gesichter einer Kaserne

Fotostrecke

20 Mehr als Haus an Haus

Für ihre Inszenierung haben Tänzer:innen am Niedersachsendamm recherchiert. Es geht um Nachbarschaft und darum, neue Orte zu entdecken

24 Der Poet

Farhan Hebbo ist Autor und Dichter. 2015 floh er aus Syrien, sein neues Leben begann am Niedersachsendamm

26 Zum Zuge kommen

Serie Perspektivwechsel: Die Bahnhofsmission

28 Zwischen Fußball und Alkohol

Ein Treffen mit unserem Verkäufer Ronny

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Hintergrundbild: koeb/flickr.com

SPUREN HINTERLASSEN

#65 NIEDERSACHSENDAMM – Mit ihrem Verein erfüllen Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert schwer kranken und alten Menschen Herzenswünsche

.Eva-Martina Koepsel und Christiane Hauert wohnen in einem der neuen Reihenhäuser am Niedersachsendamm. Hier, wo die Wände in warmen Farben gestrichen sind und es nach frisch aufgebrühtem Früchtetee duftet, hat ihr Verein Herzenswunschambulanz seinen Sitz – vorübergehend: „Das soll sich noch ändern, aber wir stehen ganz am Anfang“, sagt Hauert fast entschuldigend.

Seit Anfang 2016 ist die Herzenswunschambulanz ein eingetragener Verein, der schwer kranken und alten Menschen ihre Herzenswünsche erfüllen möchte. Koepsel, die in einem Bioladen im Beginenhof arbeitet, trug die Idee zehn Jahre mit sich herum: „Ich habe früher ehrenamtlich im Hospiz Brücke gearbeitet“, erzählt die 60-Jährige im Berliner Dialekt. „Ein Bewohner, ein ehemaliger Gärtner, wollte unbedingt noch einmal in den Rhododendronpark.“ Koepsel beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer Hospizbewohner – ebenfalls ehemaliger Gärtner – und eine Praktikantin kamen auch mit, und so stiegen sie zu viert in Koepsels Kombi. „Wie die zwei sich mit lateinischen Blumennamen hochgeschaukelt haben, das hat uns wirklich berührt“, erinnert sich Koepsel.

Dieses Erlebnis ließ sie nicht los: „Mir wurde klar, wie wichtig ein Verein wäre, der sich Herzenswünschen annimmt. Leider war die damalige Leitung des Hospizes nicht offen dafür“, sagt sie. Die Idee verschwand in der Schublade: „Als ich Jahre später meiner Nachbarin davon erzählte, sagte sie sofort ihre Unterstützung zu. Und ein Bekannter wollte direkt den Kassenwart machen“, erzählt Koepsel. Der Startschuss für die Herzenswunschambulanz war gefallen.

Herzenswünsche für ältere Menschen erfüllen

Der Gedanke, Menschen ihre lang ersehnten Wünsche zu erfüllen, ist nicht neu. Im Syker Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz beispielsweise sind Wunscherfüllungen Bestandteil des Konzepts. Eines macht die Herzenswunschambulanz aber besonders: „Die alten Menschen rutschen immer durch. Viele von ihnen sind chronisch krank und nicht mehr mobil. Sie haben aber genauso Herzenswünsche. Deshalb wollen wir uns auch besonders um diese Menschen kümmern“, sagt Koepsel. Besonders wichtig ist ihr, dass es nicht um letzte, sondern eben um Herzenswünsche geht. Doch was wünschen sich die Menschen? „Gar nicht so spektakuläre Dinge, wie man denken würde“, sagt Koepsel.

Eine alte Dame, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wollte so gern die Taufe ihres Enkels miterleben. „Wir sprachen mit den Angehörigen, organisierten ein Liegendtaxi mit Pflegekraft als Begleitung und erfüllten so ihren Wunsch.“ Einen Ausflug in den Waller Park – in Begleitung eines starken Mannes – wünschte sich eine Hospizbewohnerin, nachdem sie sich zunächst gar nicht getraut hatte, ihren Wunsch zu äußern. „Stephan aus unserem Verein hat den Spaziergang mit ihr unternommen“, erzählt Christiane Hauert, die hauptberuflich auf einer Palliativstation arbeitet. Für eine demente Frau, die früher eine Zeitlang in Griechenland gelebt hatte, organisierte die Herzensambulanz einen griechischen Nachmittag „mit Live-Musik und allem Drum und Dran“. Auch den Wunsch, seiner Lebenspartnerin das Ja-Wort zu geben, ermöglichte der Verein einem Wünschenden.

Vielfältige Herzenswünsche und ihre Erfüllung

Bei Herzenswünschen geht es nicht immer um freudige Erlebnisse: „Manche möchten noch einen Konflikt lösen, ihre Lebensgeschichte aufschreiben, oder sie wünschen sich ein gezeichnetes Portrait von sich“, sagt Hauert. Manche Menschen hingegen wissen überhaupt nicht, was sie sich wünschen sollen: „Wir haben auf unserer Website eine Art Katalog – oder nennen wir es besser eine Liste – mit möglichen Wünschen angelegt“, sagt Hauert und lacht. Darunter sind Vorschläge wie ein Konzert- oder Stadionbesuch, ein Ausflug in die Heimat, Kraniche beobachten, Kutsche fahren oder sogar eine Höhle bauen.

Derzeit engagieren sich acht Mitglieder aktiv im Verein. Dieser „bunte Haufen zwischen 19 und 71“, wie ihn Hauert beschreibt, präsentiert die Herzenswunschambulanz auf Veranstaltungen, legt Flyer in sozialen Einrichtungen und Krankenhäusern aus und stellt den Verein bei Stiftungen vor, wo sie um finanzielle Unterstützung für kostspieligere Wünsche werben. Zudem gibt es einige Unterstützer, die Wunscherfüllungen ehrenamtlich begleiten, darunter zwei Ärzte, eine Krankenschwester, eine Friseurin und eine Musikerin. Derzeit sucht der Verein noch einen Koch, ein Restaurant oder jemanden, der einen Veranstaltungsraum besitzt: „Das würde es wesentlich einfacher machen, Wünsche zu erfüllen“, sagt Eva-Martina Koepsel.

Als die 64-jährige Christiane Hauert nach ihrem eigenen Herzenswunsch gefragt wird, überlegt sie kurz und sagt dann: „Hier und jetzt, im gesunden Zustand, würde ich mir sicher etwas anderes wünschen als im Alter. Vielleicht eine Reise. Oder leckere Würstchen am Lagerfeuer grillen. Aber Lebenssituationen und Blickwinkel ändern sich. Vielleicht wünscht man sich irgendwann einfach nur jemanden, der da ist und einem die Hand hält.“

Text:
Sonja Gersonde
Bild:
Lena Möhler

#64 UNTER DER STRASSE

EDITORIAL: Unten ist das neue Oben

Es ist nun schon das dritte Jahr in Folge, dass sich die Dezemberausgabe von ihren neun Vorgängerinnen des Jahres unterscheidet: 2016 und 2017 gab es vor Weihnachten je eine Fotoausgabe: die #44 BÜRGERWEIDE und die #54 LINIE 1. In diesem Heft finden Sie zwar wie gewohnt eine Mischung aus Texten und Bildern. Aber unsere Geschichten haben wir nicht auf der Straße gesucht, sondern darunter. So ein Perspektivwechsel soll ja ganz gut tun.

Was haben wir also gefunden? Zunächst ist da eine Stadt unter der Stadt: Auf 2.300 Kilometern – was einer Strecke von Bremen bis nach Palermo entspricht – durchziehen die Abwasserkanäle das gesamte Stadtgebiet und transportieren unsere Hinterlassenschaften in die Klärwerke. Eine Errungenschaft, der wir mehr Jahre an durchschnittlicher Lebenserwartung verdanken als dem medizinischen Fortschritt (Seite 8).

In der Bischofsnadel, der kleinen Einkaufspassage unter der Prachtstraße Am Wall, sitzt tagtäglich Kenny. Er lebt von dem, was ihm die Passanten in seine Schale werfen, und er lebt für seine Träume. Die meisten davon schreibt und zeichnet er in Notizbücher. Ein paar andere möchte er zur Realität machen (Seite 12).

Unter unserem Vertriebsbüro auf der Brake verläuft eine ziemlich geheime Straße, die Unterpflasterstraße. Sie ist sogar berüchtigt, seit die Täter der Diskoschießerei sie als Fluchtweg genutzt haben. Wir haben uns diesem Ort mit der Fotokamera genähert (Seite 14). Keine Bilder haben wir von den Wachsleichen gemacht, die immer mal wieder auf dem Riensberger Friedhof gefunden werden. Selbst nach 30 Jahren sind die Körper mancher Verstorbener kaum verwest. Warum das so ist, haben wir uns erklären lassen (Seite 20). Und schließlich geht es um Nutrias, die es sich unter unseren Deichen bequem machen und so zu einem Problem für den Hochwasserschutz geworden sind (Seite 24).

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08    Die Stadt unter der Stadt

Ein Besuch an verborgenen Orten, an denen man sich vor Ratten und Gestank fürchtet: den Abwasserkanälen

12    Der Straßenkünstler

Kennys Platz ist seit 15 Jahren dort, wo Menschen auf ihn heruntergucken. Weil er nicht mehr so arm und klein wirken wollte, zeichnet er

14    Fürs Finanzamt und die Unterwelt

Bildstrecke

20    Wachsleichen und Sondermüll

Bremer Friedhöfe haben damit zu kämpfen, dass nicht alle bestatteten Körper vollständig verwesen.

24    Invasion der Riesennager

Deiche schützen Bremen vor Hochwasser. Jetzt brauchen sie selbst Schutz: Nutrias haben es sich unter ihrer Oberfläche gemütlich gemacht

26    Wir können weiter studieren

Die Uni der Straße, die Bildung für alle bietet, wird zwei weitere Jahre gefördert: das neue Semesterprogramm ist da

28    Ab heute nicht mehr unsichtbar (online lesen)

Student:innen aus Bremerhaven haben einen Kurzfilm für die Zeitschrift der Straße gedreht, der die Nöte obdachloser Menschen zeigt

Hintergrundbild: killbox/flickr.com

AB HEUTE NICHT MEHR UNSICHTBAR

#64 UNTER DER STRASSE – Student:innen der Hochschule Bremerhaven haben einen Kurzfilm für die Zeitschrift der Straße gedreht, der auf besondere Weise die Nöte obdachloser Menschen zeigt.

Ein einsamer Held zieht durch eine zerstörte Stadt, ohne klares Ziel vor Augen, konfrontiert mit Brutalität und menschlicher Kälte, die diese Dystopie mit sich bringt. So beginnt der erste Kurzfilm der Zeitschrift der Straße. Im Mittelpunkt ein Mann, der alles, was er vor einiger Zeit noch als selbstverständlich ansah, verloren hat und nun um das bloße Überleben kämpft. Dabei steht er vor Fragen, die das Leben auf der Straße ihm Tag für Tag aus Neue stellt: Woher bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Wem kann ich überhaupt noch vertrauen?

In einer Welt, in der alles zerstört wurde, ist der Mann im Film auf sich allein gestellt. Er streift umher, besorgt sich Nahrung und beobachtet die Kämpfe der anderen. Doch wer dieser einsame Held, gespielt von Michael Meyer, denn eigentlich ist, bleibt zunächst ungeklärt. Ist er tatsächlich ein Held? „Wie weit würdest du gehen?“, fragt eine Stimme aus dem Off am Ende des ersten Filmabschnitts und lässt das Publikum aufhorchen, bevor die Perspektive wechselt und der Held sein wahres Ich offenbart.

Kurzfilm über die Unsichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen

Den Film können Sie auf www.zeitschrift-der-strasse.de sehen. Um ihn zu teilen, verwenden Sie am besten die Adresse https://vimeo.com/303867602, wo der Film ebenfalls zu sehen ist. Zur Produktion dieses Kurzfilms hat sich die Zeitschrift der Straße mit dem Studiengang Digitale Medienproduktion (DMP) der Hochschule Bremerhaven zusammengetan. Fünf Studentinnen und Studenten (Darlien Schürmann, Sebastian Mannchen, Leroy Bentley, Felix Schulke und Lennard Schmidt) haben sich unter der Aufsicht von Professor Holger Rada über ein halbes Jahr mit dem Storytelling, der Produktion, dem Schnitt und der 3D-Animation beschäftigt. Gedreht wurde in Bremen, Bremerhaven und Cuxhaven. Mit einem Budget in vierstelliger Höhe konnte das Team nicht nur einen professionellen Schauspieler als Protagonisten engagieren, sondern auch hochwertiges Equipment und Requisiten leihen.

Obdachlosigkeit sichtbar machen

Das Thema Obdachlosigkeit auf überraschende Weise und ohne erhobenen Zeigefinger darzustellen, war der Knackpunkt im Produktionsprozess. „Sich in die Situation eines Obdachlosen hineinzuversetzen, das war schon eine Herausforderung bei der Entstehung des Films“, sagt Lennard Schmidt. „Wir wollen, dass Straßenverkäufer und Obdachlose als Menschen wahrgenommen werden – sie aus ihrer Unsichtbarkeit holen.“

Das studentische Marketingteam der Zeitschrift der Straße hat gemeinsam mit der Grafikdesignerin Ann-Kristin Hitzemann Flyer, Postkarten und Sticker entwickelt, die die Botschaft des Films auch außerhalb des Internets sichtbar machen sollen: „Ab heute nicht mehr unsichtbar.“ Sie werden nun bald in Bremen und Bremerhaven zu finden sein. Also, halten Sie die Augen offen!

Text:
Corinne Kleber
Foto:
Studiengang Digitale Medienproduktion (Hochschule Bremerhaven)

AUF EIN BIER MIT DEM KRAKENMANN

#63 WARTBURGPLATZ – Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Büchern mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist

Direkt am Wartburgplatz in einer WG wohnt er, der Krakenmann. Ein Autor aus Walle, „eher ein kleiner Fisch“, wie er selbst sagt, aber sein autobiografisches Buch „Schlaflos in Walle“ hat sich in der Gegend rumgesprochen.

Der Krakenmann ist 35 Jahre alt, Sozialarbeiter und behält seinen echten Namen gern für sich. Selbst in seinem Buch findet man keinen Hinweis darauf. Er trägt eine kleine Kette mit einer Krake um den Hals und seine langen Haare in einen Pferdeschwanz zurückgebunden, als wir uns im „Hart Backboard“ treffen. Eine der vielen kleinen und zwanglosen Kneipen, die er an Walle so schätzt.

Vom Punkrock zur Prosa

Auch in seinem Buch streift er durch die Bremer Kneipenszene, schreibt über seine Freunde, eskalierende Nächte und die Liebe. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, ist anstößig und provokativ. Seine Ausdrucksweise und detaillierten Beschreibungen sind nichts für Leser, die literarischen Anspruch oder politische Korrektheit schätzen. „Ich komme aus der Punkecke. Wenn ich dezent schreiben würde, wäre ich nicht ich“, sagt der Krakenmann. Angefangen mit Schreiben hat er als Sänger von Punkbands mit Namen wie „Die Hämorrhoiden“ oder „Tolerante Tanten“. Dass sein Buch nicht für jeden etwas ist, stört ihn nicht: „Es gibt sicher viele Leute, die es nicht lesen würden. Aber Leute, die so ein bisschen Spinner sind, ein bisschen Außenseiter – die können damit was anfangen, weil sie sich drin wiederfinden.“

Es geht ihm aber nicht nur um Spaß an der Provokation. Er möchte zeigen, dass das Leben auch harte Phasen hat, die man überbrücken kann. „Wenn man die Extra-Meile geht“ – was in etwa bedeutet, dass man es drauf ankommen lassen muss. Ein Spruch, der auch im Buch immer wieder auftaucht und mit anderen Ausdrücken seinen speziellen Jargon ausmacht. Speziell ist auch die Musikauswahl, die dazu gedacht ist, sie beim Lesen zu hören: Von Elton John über Ton Steine Scherben bis Marteria haben der Krakenmann und Herr Frei, sein Vermieter und Freund, eine Doppel-CD erstellt – quasi als Soundtrack.

Vom Getränkemarkt zur Casa: Der Krakenmann und sein Buch

Herr Frei, ein etwas älterer Mann, der ebenfalls einen langen Zopf trägt und sich mit einem Glas Wein zu uns gesellt, hatte schon bei der Wohnungsbesichtigung Gemeinsamkeiten mit dem zukünftigen Mieter entdeckt: „Wir sahen uns an und dachten: ,Der sieht ja aus wie ich.‘ Seine Frau wollte, dass er sich zurechtmacht, einen Anzug anzieht. Zum Glück hat er das gelassen.“ Aus dem Mietverhältnis entwickelte sich bald eine Freundschaft: Herr Frei ist ein gern gesehener Gast in der „Casa“, wie der Krakenmann seine Wohnung nennt. „Das war übrigens vorher ein Getränkemarkt, das passt ja auch“, erzählt Herr Frei und lacht.

Der Vermieter war nicht der einzige, der ihn bei seinem Buchprojekt unterstützt hat, sagt der Krakenmann: „Einer war in Grammatik fit, und ’ne Freundin von mir kann gut illustrieren.“ Geschrieben hat er gern mit Bier und Zigaretten, während er nicht schlafen konnte, den Großteil in drei Wochen: „Ich hab das runtergerotzt und dann ein halbes Jahr liegen lassen“, erzählt er, „das war wie eine Therapie oder eine Katharsis.“ Das Ganze folgte nach der Trennung von seiner Frau, wodurch für ihn eine harte Zeit anbrach – eine schlaflose Zeit. Im Buch, wie im realen Leben auch, lernte er dann eine neue Frau kennen, die ihn inspiriert habe und der er das Buch gewidmet hat.

Schreibende Sozialarbeiter und die Schlaflosigkeit

Das Schreiben ist bestenfalls ein lohnendes Hobby: Von „Schlaflos in Walle“ hat der Krakenmann bislang einige Hundert Exemplare verkauft. Hauptberuflich möchte er das sowieso nicht machen: „Dann muss man alle drei Monate was Neues schreiben und dann passiert plötzlich nichts, worüber man schreiben kann.“ Er ist lieber mit Leidenschaft Sozialarbeiter und betreut einige jugendliche Härtefälle. Auch mit Flüchtlingen hat er zusammengearbeitet, insbesondere in der Zeit, in der er das Buch geschrieben hat. „Ich hatte ja richtig Schlafmangel und solche Salzwasserauge – die gleichen Augen hab ich auch bei den Jugendlichen in den Sammelunterkünften gesehen. Die konnten auch nicht schlafen, weil sie ein Trauma hatten und sich mit fünf anderen ein Zimmer teilen mussten.“ Die Schlaflosigkeit habe ihn und die Jugendlichen zusammengebracht und sie inspirierte ihn auch für den Buchtitel, der auch eine Anspielung auf den Film „Schlaflos in Seattle“ ist.

Vom Spitznamen zur Hommage an den Stadtteil

Von seiner Arbeit stammt auch sein Spitzname: Krakenmann. Als er in einer Behinderteneinrichtung arbeitete, freundete er sich mit einem Bewohner mit Downsyndrom an: „Wir hatten einen Running Gag“, erzählt der Krakenmann: „Er sagte, wenn er mal groß ist, will er auf ’nem Rummel an einer Krake arbeiten und ich soll dann als sein Krakenmann dabei sein.“ Zu dem Bewohner hat er keinen Kontakt mehr, aber der Spitzname blieb.

Nach Walle zog er mit seiner Frau, blieb nach der Trennung in der Wohnung am Wartburgplatz und machte eine WG daraus. „Es ist maritim hier, altes Arbeiterviertel. Hier gibt’s noch so richtige Kneipen. Alles ein bisschen oldschool, nicht so gentrifiziert wie anderswo. Man kann sich hier verlaufen und entdeckt immer was Neues.“ Sein Buch „Schlaflos in Walle“ ist so gesehen eine Hommage an den Stadtteil. Ähnliches verspricht auch der Nachfolgeband, den er gerade fertiggestellt hat: „Es geht wieder um Walle und darum, wie es mit dem Krakenmann weitergeht.“ Heißen wird das Buch „Walle Fidelity“ – wieder eine Anspielung, dieses Mal auf einen verfilmten Bestseller des Briten Nick Hornby.

Text:
Laura Lippert
Foto:
Ann-Kathrin Just

#63 WARTBURGPLATZ

EDITORIAL: Der Platz am Turm

Sollten Sie nicht wissen, wo der Wartburgplatz liegt, dann stellen Sie sich vor, der 235 Meter hohe Waller Funkturm legte sich für ein Nickerchen ziemlich genau in südwestliche Richtung auf den Boden. Wäre der „Waller Spargel“ 23 Meter länger, kletterte er dadurch nicht nur in die Top Ten der höchsten deutschen Fernsehtürme, seine Spitze reichte auch genau bis zum Wartburgplatz. Dort, im Zentrum des Waller Westends, haben sich die Autor:innen dieser Ausgabe (allesamt Teilnehmer:innen an einem Schreibseminar der Zeitschrift der Straße an der Uni Bremen) auf die Suche nach Geschichten gemacht.

Die Suche war nicht allzu schwer, der Wartburgplatz hätte auch für ein zweites Heft genügend Stoff geboten. In diesem Heft stellen wir Ihnen einen Autor namens Krakenmann vor, der quasi von Berufs wegen die Waller Kneipenszene erkundet (Seite 24). Bei Som, die in ihrer Eckkneipe die Traditionen des Bremer Arbeiterviertels mit der ihrer thailändischen Heimat verbindet (Seite 8), war er vermutlich auch schon zu Gast. An den meisten Tagen ist in der Kirche der Wilhadi-Gemeinde weniger los als an Soms Tresen. Wir haben den Pastor Hartmut Strudthoff besucht, der um jeden Kirchgänger kämpft (Seite 16). 37 Jahre, nachdem er die Bronzestatuen der „Waller Gespräche“ auf den Wartburgplatz gestellt hat, trafen wir den Bildhauer Bernd Altenstein und sprachen über politische Kunst (Seite 20). Nur einen Steinwurf entfernt führt Sabine Stiehler mit wachsendem Erfolg einen Buchladen. Wie das in Zeiten von Amazon, Smartphone und Netflix funktioniert, lesen Sie ab Seite 26.

Zu guter Letzt möchten wir einen alten Journalistentrick anwenden und am Ende des Textes den Bogen zurück zum Anfang schlagen: Ab Seite 12 können Sie lesen, wie sich die Wanderfalken um den Brutplatz hoch oben auf dem Funkturm prügeln. Ein Mann beobachtet sie dabei aus nächster Nähe mit der Kamera.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen Philipp Jarke, Jan Zier
und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Aus dem Inhalt:

08    Hafen für Heimatlose

Zwischen Haake-Beck, Buddha und dem König an der Wand fühlen sich alle zu Hause

12    Dem stärksten Paar den Funkturm

Das Wahrzeichen Walles ist unter Wanderfalken hart umkämpft. Sven Eppler beobachtet die Tiere seit Jahren aus nächster Nähe

16    Diese Kirche ist noch nicht tot

Ein Besuch bei Pastor Hartmut Strudthoff, der um jeden Kirchgänger kämpft

20    „Es geht doch um den Widerstand“

Ein Gespräch mit dem Bildhauer Bernd Altenstein über unrealisierte Pläne, beschmierte Kunst und Bildhauerei als politischen Akt

24    Auf ein Bier mit dem Krakenmann (online lesen)

Seinen Namen behält der Autor für sich, dafür erzählt er in seinen autobiografischen Romanen mehr von sich und seinen Sauftouren durch Walle, als manchen lieb ist

26    Lebendig in der Nische

Wer führt in Zeiten von Amazon, Smartphone und Netflix eigentlich den Logbuchladen in Walle?

Hintergrundbild: Geerd-Olaf Freyer/flickr.com

TREIBGUT

#62 WESER – Auf Fahrradtouren entlang der Weser entdeckte der Fotograf Jakob Weber Objekte, die hier abgebildet sind. Wo sonst niemand hinschaut, sammelte Weber Dinge auf, die angeschwemmt oder liegengelassen wurden. Ob Krimi, Romanze oder Erotik-Thriller – die Geschichten hinter den Bildern müssen von jedem selbst erfunden werden.

Erste Fundstücke hatte er sich nach Berlin geschickt, wo er als Bildredakteur und Künstler lebt und arbeitet. Leider erreichte ihn das Paket nie und lagert seither in der Zentralen Paketermittlung der Post in Wuppertal. Sollte es eines Tages ankommen, hofft er, dass es Anlass für einen spannenden Roman ist.

 

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Jakob Weber hat an der Hochschule für Künste Bremen studiert und lebt als Bildredakteur und Künstler in Berlin. Mehr unter: jakobweber.de