Alle Artikel in: Leseprobe

Älterer Mann mit grauen Haaren und Hemd, sitzend vor einem Bücherregal mit mehreren Büchern.

„Ich bin auch für radikalere Maßnahmen offen“

#47 REIHERSIEDLUNG – Ein Gespräch über Schlichtwohnungen, Hausbesetzungen und die Ohnmacht der Bremer Politik – mit Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“ Zeitschrift der Straße: Brauchen wir mehr Schlichtwohnungen in Bremen? Joachim Barloschky: Gegenwärtig sieht es so aus, also ob wir bald gar keine mehr haben. Eben! Unser Aktionsbündnis tritt dafür ein, dass es mehr bezahlbaren Wohnraum in der Stadt gibt. Der muss natürlich einen ordentlichen Standard haben und gewisse ökologische Kriterien erfüllen. Dafür kämpfen wir. Die Menschen in den Schlichtbausiedlungen sind oft mit wenig zufrieden. Ich wurde neulich von einem Freund angegriffen: Barlo, bist du jetzt auch noch einer, der sich für die Scheiß-Wohnungen einsetzt? Nein. Aber im Gegensatz zur Vonovia haben wir mit den Bewohnern geredet, während die Politiker nur mit der Vonovia geredet haben. Die Bewohner:innen wollen bleiben, eine einfache Sanierung und Mitbestimmung. Was würde das konkret heißen? Es müsste dort zumindest Warmwasser und eine Heizung geben. Das kann man machen. Das haben ja die Bewohner:innen in der Holsteiner Straße in Walle alles selbst organisiert. Die haben richtige Investitionen getätigt! Das …

Straßenszene mit parkenden Autos, mehrstöckigen Wohnhäusern und einem Balkon mit Geländer.

Die Macht der Gewöhnung

#46 WACHMANNSTRASSE – Nach anfänglichen Protesten akzeptieren die Schwachhauser heute die Unterkunft für Geflüchtete Am Anfang war die Angst vor den Flüchtlingen groß. Rückblende: Wir schreiben das 2013 und der Bremer Senat sucht händeringend nach Wohnraum. In Schwachhausen wird eine zweite Flüchtlingsunterkunft geplant, über 1.000 Menschen flüchten allein in diesem Jahr nach Bremen. 2016 werden es sogar 3.185 sein. Doch so einfach ist das in Schwachhausen nicht. Die grüne Beiratssprecherin Barbara Schneider erinnert sich, dass einige Anwohner:innen vorschlugen, neue Flüchtlingsunterkünfte doch lieber in Tenever einzurichten. Weil dort die Nachbarn doch auch Arabisch sprächen. Als im Dezember 2013 die erste Einwohnerversammlung einberufen wird, stellen sich die Stadtteilpolitiker:innen schon auf die alten, vorurteilsdurchtränkten Argumente ein. Und die kommen auch: „Es ist oft nur eine Frage von Minuten, bis die ersten Ängste wegen Lärm, Dreck und Kriminalität durch die Flüchtlinge ausgesprochen werden“, sagt Schneider. Die entkräftet sie mit Fakten: Die Bremer Polizei verzeichnet rund um Flüchtlingsunterkünfte keinen Anstieg von Kriminalität. Ebenso wenig käme es vermehrt zu Ruhestörungen. Die Mehrheit der gut 60 Anwohner:innen scheint diese Sorgen nicht zu …

Person hält aufgeschlagene Bibel mit Text in persischer Schrift in den Händen.

Der Traum des Pastors

#45 HUMBOLDTSTRASSE – Wer in den Bibelkreis in der Friedensgemeinde kommt, dem droht zu Hause im Iran der Tod. Reza Yazdi zum Beispiel Reza Yazdi (Name von der Redaktion geändert) kommt aus dem Iran und ist überzeugter Christ. Zurückkehren kann er nicht. Denn er hat sich taufen lassen. Wer Muslim war und zum Christentum konvertiert ist, dem droht im Iran die Todesstrafe. Seit über einem Jahr lebt Yazdi nun in Deutschland. Er hofft, dass er seine Familie nachholen kann. Und darauf, dass ihn im Iran niemand mit christlichen Aktivitäten in Zusammenhang bringt. Ansonsten würden seine Verwandten und Freunde verfolgt, sagt Yazdi. Deshalb redet er auch nicht über sein Engagement im Iran. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er erwähnt nur kurz, dass er an einer iranischen Universität mit anderen christlichen Studierenden entdeckt wurde. Mehr könne er nicht sagen. Es ist das erste Mal überhaupt mit der Presse spricht. „Es gab schon viele Anfragen von Journalisten“, sagt Pastor Bernd Klingbeil-Jahr von der Friedensgemeinde, aber Reza Yazdi wollte nie mit ihnen reden, …

Schwarz-weiß-Foto mit zwei Personen in einem Innenraum, eine liest eine Zeitung, die andere steht im Vordergrund mit langem Haar und Bart.

Das lässt uns nicht kalt!

#44 BÜRGERWEIDE – Mehrere Hundert Menschen in Bremen sind obdachlos, das heißt, sie leben permanent auf der Straße. Daneben gibt es sehr viele Menschen ohne festen Wohnsitz, die in Notunterkünften oder Wohnheimen leben. Die Gründe für Obdachlosigkeit sind vielfältig, aber häufig sind es Schicksalsschläge wie Trennung, Gewalterfahrungen oder Jobverlust, in deren Folge Menschen auf der Straße landen. Dieses gravierende soziale Problem muss mehr Aufmerksamkeit in Politik und Gesellschaft erfahren. Viele unserer Straßenverkäufer:innen wissen aus eigener Erfahrung, an welchen Orten in der Stadt sich Menschen aufhalten, die kein Dach über dem Kopf haben. Nicht jeder und jedem sieht man es auf den ersten Blick an. Es ist tatsächlich nicht ungewöhnlich, dass jemand im Sommer auf einer Bank im Bürgerpark oder den Wallanlagen übernachtet. Aber im Winter? Bereits bei Temperaturen, die deutlich über null liegen, birgt die Nacht unter freiem Himmel die Gefahr des Auskühlens und Krankwerdens. Was also wird mit denen, die keinen geschützten Platz zum Schlafen haben? Oft bieten ein heißer Kaffee, eine Suppe und ein Schlafsack Erste Hilfe in der größten Not. Streetworker:innen sind …

Rückansicht einer Person mit Hut vor einem Gebäude mit der Aufschrift 'Café Papagei Treffpunkt für Wohn'.

Selbst wenn dir blaue Tentakel wachsen

#43 AUF DER BRAKE – Im Café Papagei treffen sich Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier sind alle willkommen. Nur bei einem Thema kennt das Team keine Toleranz „Junger Mann, Sie wollten duschen“, sagt Karin zu dem schlaksigen Mittzwanziger. „Stimmt, Sie haben recht. Wollte ich nicht, aber ich sollte“, antwortet er. Und trägt sich in die Liste für die Duschen ein. „Kann ich einen Rasierer haben? Ist ja Montag“, fragt der junge Mann. „Es ist Dienstag“, entgegnet Cory und überreicht ihm Handtuch und Rasierer. Karin und Cory, Angestellte der Inneren Mission, arbeiten im Café Papagei, einem Treffpunkt für Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld. Hier gibt es günstigen Kaffee, belegte Brötchen, Bockwurst und auch ein warmes Mittagsessen. Die Gäste können hier duschen, ihre Wäsche waschen oder sich eine Postadresse einrichten. Das Café Papagei als Ort der Begegnung und Unterstützung für Wohnungslose Etwa ein Drittel der Besucher ist ohne Wohnung, ansonsten mischen sich die Szenen. Das liegt vor allem an der Lage – früher, als die Wohnungslosenhilfe noch im Jakobushaus am Breitenweg war, kamen überwiegend …

Blick durch ein Fenster mit zerrissenem Netz und Wollresten auf ein verlassenes Fabrikgebäude und eine Straße mit wenigen Autos.

Gesucht wird: Eine Vision

#42 WOLLKÄMMEREI – Was soll eigentlich aus der Wollkämmerei werden? Wir haben ein paar Leute gefragt, die sich mit so was auskennen Das ganze Gelände ist größer als der Vatikan. Aber eine Brache, mehr oder weniger. Und das schon seit vielen Jahren: 2009 machte die Bremer Wollkämmerei endgültig dicht. Was geblieben ist? Eine „Perle der Industriekultur“, wie die Bremer Wirtschaftsförderer schreiben, und zwar eine mit „hohem Entwicklungspotenzial“. Aber was genau soll das heißen? Anfrage bei Klaus Hübotter: Der Alt-Kommunist und Ehrenbürger hat als Kaufmann und Bauherr schon zahllose historische Gebäude in Bremen gerettet. Den Schlachthof und den Speicher XI, das Bamberger Haus, die Villa Ichon, den alten Sendesaal von Radio Bremen. Und so weiter! Wenn also irgendjemand eine gute Idee für die Wollkämmerei haben könnte, dann ist es Klaus Hübotter. Doch er sei „ohne Zeit und Ideen“, schreibt uns der Mittachtziger, mit besten Grüßen. Vom Ghetto zur zentralen Vision Mit seiner Architektur der Gründerzeit sei das Gelände „ideal als Bürofläche für Künstler, Designer, Ingenieure und Architekten, für Gastronomie oder als Veranstaltungsraum“, behaupten die Wirtschaftsförderer. „Das …

Tür mit Milchglasscheiben, darauf ein Plakat mit einer sitzenden Frau und der Überschrift 'Wo die Verdrängten heute wohnen', darunter zwei Augenbilder und eine Bildleiste mit mehreren kleinen Fotos.

Fluch der guten Tat

#41 OSTERSTRASSE – In einem Altbau in der Rückertstraße sollen Wohnungslose untergebracht werden – die Mieter mussten deshalb weichen Die Feuerschutztür liegt schon im Treppenhaus bereit. Für die Bewohner der letzten Wohn­gemeinschaft in der Rückertstraße 2 wirkt sie wie eine Drohung. Seit Monaten tauschen Handwerker alle Holztüren des Altbaus gegen graue Metalltüren aus. Das Treppenhaus ist nun halbhoch gefliest, das Geländer an manchen Stellen bereits grau gestrichen. Überall liegt feiner Staub. „Das war eine wandernde Baustelle“, sagt Ariane im Frühsommer 2016. Sie ist eine der letzten festen Mieterinnen des Hauses. Alle anderen haben es bereits verlassen – darunter eine Wohn­gemeinschaft mit zwei kleinen Kindern, der Lärm und Staub zu viel wurden. In dem Haus an der Ecke zur Osterstraße soll eine private Herberge für Obdachlose entstehen. Seit Juli 2015 mietet das Land Bremen hier bereits eine der Vierzimmer­wohnungen als temporäre Unterkunft für Menschen, die sonst auf der Straße leben müssten. Jetzt sollen im gesamten Haus weitere wohnungslose Menschen einziehen. Die bisherigen Mieter fühlen sich mutwillig verdrängt, und das nicht nur durch den Baulärm. Was bisher …

Nahaufnahme eines Blumentopfes mit Margeriten auf einem Gartenweg, im Hintergrund Bäume und ein Gartenhaus.

Die Kaisenauswohnerin

#40 ERDBEERBRÜCKE – Schon seit Langem wohnt sie in ihrem Kleingarten direkt unter der Erdbeerbrücke. Ein Hausbesuch bei Hannelore Mönch Sie ist hier geboren, kurz nach Kriegsende, in einem Jahrhundertwinter mit Temperaturen bis zu 30 Grad unter null. Sie ist hierher zurückgekehrt. Sie wohnt auf ihrer Parzelle – und sie darf das: Hannelore Mönch ist das, was man in Bremen eine Kaisenauswohnerin nennt. „Der erhebliche Ausfall von Wohnungen durch den Krieg zwingt dazu, Bedenken gegen das Wohnen in Kleingärten zeitweise zurückzustellen“, schrieb SPD-Bürgermeister Wilhelm Kaisen 1945. Vier Jahre später wurde dieser „Kaisenerlass“ wieder zurückgenommen. Die Menschen blieben. Und wer bis 1974 schon hier wohnte, darf sein Häuschen auch noch „auswohnen“, also lebenslänglich bleiben. Heute leben noch einige Hundert Menschen offiziell in Bremens Schrebergärten. Hannelore Mönch wohnte früher mit ihrer ganzen Familie in diesem „Behelfsheim“; über die Jahre hinweg hat sich aus dem niedrigen, lang gestreckten Häuschen eine Zweiraumwohnung mit großer Wohnküche, Wannenbad, WLAN, Spülmaschine und Gasheizung entwickelt. Es ist alles da. Was fehlt, ist die Kanalisation. Und ein Schutz gegen Hochwasser: Das Kaisenhaus an der …

Ein Mann mit Brille trägt eine gesteppte Jacke und zieht den Reißverschluss hoch, vor einem unscharfen Hintergrund.

Der Botschafter

#39 SONNENPLATZ – Vor über dreißig Jahren kam er aus Ghana nach Kattenturm. Heute liebt Husseni Compaore seine zweite Heimat – und hilft, wo er kann Hoch schießen die 1960er-Jahre-Bauten in den Himmel. Mehr als jeder fünfte Kattenturmer hat keinen Arbeitsplatz. Und fast jedes zweite Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV. Eine sorgenfreie Kindheit sieht anders aus. Auch Husseni Baba Compaore kann keine Jobs aus dem Boden stampfen, doch der 58-Jährige hilft, wo er nur kann. Die Quartiersmanagerin Sandra Ahlers nennt ihn liebevoll „Baba, den Botschafter von Kattenturm“. Weil er nicht nur von den Schattenseiten Kattenturms erzähle. Oft schon wurde sie auf ihn angesprochen: Baba habe wieder einmal irgendwo von Kattenturm geschwärmt. Geboren in Takoradi im Westen Ghanas, spricht er Twi und Hausa, natürlich auch Englisch und Deutsch. Seine Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zu vielen Menschen in Kattenturm. Denn fast jeder Zweite hier hat einen Migrationshintergrund. Einige stammen aus dem westafrikanischen Ghana. Um sie sorgt sich Compaore besonders: „Vielen Menschen ist das System in Deutschland fremd. Und die schweren Wörter auf den Ämtern …

Mann in gestreiftem Hemd und Pullover ordnet Gläser mit Lebensmitteln in einem Regal in einem Lagerraum.

Herr Fan hatte einen Plan

#38 HORNER KIRCHE – Er kam aus China, machte in Bremen seinen Doktor und träumte von einer Karriere in der Chemieindustrie. Heute verkauft er asiatische Lebensmittel in Horn Ping Fan (Foto) sitzt auf einer kleinen Bank an der Tür und wartet. Er beugt sich vor zu seinem Laptop, der der neben ihm auf einem Hocker steht, und tippt etwas hinein. Und wartet weiter. Ein älterer Herr betritt den Laden, geht an Fan vorbei und steuert auf einen Raum zu, indem dutzende Säcke Reis in den verschiedensten Größen liegen. Er nimmt einen und geht damit zur Kasse. Er hat einen Jutebeutel dabei und versucht, den Reissack hinein zu stecken. „Das sieht ganz schön klein aus“, sagt Fan zu seinem Kunden. „Meine Frau meinte, das passt.“ – „Na, dann wird das wohl stimmen, Frauen haben ja immer Recht“, antwortet Fan. Die Männer lachen, als der Reis schließlich tatsächlich in den Beutel passt. Seine Kunden zu beraten und mit ihnen zu scherzen, das ist für Fan das Schönste an seiner Arbeit. Im Sommer vor bald drei Jahren hat …